Liebeswerbung, Heirat und Leid im Palindrom – eine scheußliche Moritat

RENATE BITTET TIBETANER:
„BEI LIESE SEI LIEB!“
Doch ein Tibetaner namens Detlef bringt zur Einladung noch Kumpanen mit, so auch den wüsten Knut. Noch in der Diele mahnt Lieses Freundin Ella:
„TUNK NIE EIN KNIE EIN, KNUT!“
Die Männer jedoch können und wollen sich nicht benehmen, fragen Liese dummes Zeug:
„LEBEN SIE MIT IM EISNEBEL?“, raten ihr Unsinn wie:
„LEG IN EINE SO HELLE HOSE NIE’N IGEL!“ und
„DREH MAL AM HERD!“
Ella zürnt, weiß jedoch:
EINE HORDE BEDROHE NIE
und greift sich deshalb nur Detlef.
ELLA RÜFFELTE DETLEF FÜR ALLE.
Da ruft Detlef frech:
„GNUDUNG!“
Zur Rede gestellt, behauptet er,
„NUR DU, GUDRUN!“ gerufen zu haben.
EGALE LAGE.
Am Ende kriegen sie sich doch, die zartbesaitete Liese und Schwerenöter Knut. Sie wispert:
„TUNK EIN KNIE, KNUT!“

DIE LIEBE IST SIEGER.
Sie SPART RAPS, er SPART STRAPS.

Und bald verschwindet der treulose Knut. Liese, traurig und ohne Trost
SAGT GAS.
Aus dem fernen Tibet kabelt der Schurke:
DIE LIEBE TOTE, BEILEID!“

Mehr zum Thema Palindrom lies hier.

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Einiges über Buchstabenmagie

Als der Skalde Egil, ein berühmter isländischer Heldendichter des frühen Mittelalters, einst auf den Hof des Bauern Thorfinn kam, fand er dessen schöne Tochter Helga todkrank auf der Querbank liegen. Sie konnte keine Nacht mehr schlafen und war wie wahnsinnig. Egil fragte Thorfinn, ob irgendwelche Mittel angewandt worden seien, und Thorfinn sagte, ein Bauernsohn aus der Nachbarschaft habe heilende Runen geritzt. Danach habe sich Helgas Zustand aber noch verschlimmert.

Nachdem Egil gegessen hatte, untersuchte er Helgas Krankenlager und fand ein Fischbein, auf dem Runen geritzt waren. Er las die Runen, schabte sie ab und ließ das Abgeschabte sofort ins Feuer fallen. Dann verbrannte er den Fischknochen und ließ alles an die Luft tragen, was mit den Runen in Berührung gekommen war. Darauf erklärte er, nur der wahre Runenkundige solle sich am Ritzen versuchen („Runen ritze nur, wer rät sie…“); der verliebte Bauer habe falsche Runen geritzt. Sein Schreibfehler habe dem Mädchen Schaden gebracht. Egil ritzte die richtigen Runen und legte sie unter Helgas Kopfkissen. Da glaubte sie, aus einem Schlaf zu erwachen, und sie fühlte sich wieder gesund.

Die Kraft des Textes wird hier seiner materiellen Erscheinungsform zugeschrieben. Die Zauberkraft steckt im Material der Buchstaben. Man muss die Buchstaben vernichten, um ihre schädliche Wirkung zu lösen.
pferd
Das Bild zeigt die Runeninschrift SUEUS, die sich geritzt auf dem Kylverstein fand, einem der ältesten Zeugnisse der Runenschrift. Ich habe die Inschrift vom Originalfoto  abgepaust und fototechnisch auf den von mir fotografierten Kieselstein übertragen. SUEUS ist ein achsengespiegeltes Palindrom, enthält von der Mitte aus gelesen zweimal das altsächsische Wort EUS für Pferd. Das mittlere Runenzeichen hat den Lautwert e und heißt ebenfalls Pferd. Der diese Runen ritzte, hat also dreimal ein Pferd gebannt, denn nach alter Vorstellung lässt sich ein Bannspruch nur durch Rückwärtslesen wieder lösen. Deshalb ist ein Palindrom der nicht mehr zu lösende Bann, da man ihn durch Rückwärtslesen erneut bekräftigt.

Weiter im Text
Das Abschaben von Schrift ist demnach eine alte magische Praxis. Eine anderes Beispiel gibt der von den Nationalsozialisten geächtete Runenforscher Helmut Arntz: “Runen, auf Holz geritzt, dann abgeschabt, die Späne mit Bier gemischt und solcher Trank getrunken: damit nimmt der Held die kultische Kraft der Runen in sich auf.” Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens beschreibt Bächtold-Stäubli Vergleichbares bei der Verwendung der Alphabetschrift: “Die badische Mutter verhackt die Buchstaben des großen und kleinen Alphabets ganz fein mit einem Karfreitagsei und gibt es vor dem ersten Schulgang (beim Beginn des neuen Schuljahrs an Ostern) dem Knaben zu essen, damit er lernkräftig werde.” Ähnliches wurde auch mit Bibeltexten getan, damit das Kind fromm werde.

Palimpsest (griech.) Das ist: wieder (palin) abgeschabt (psestos)
Das magische Denken der Runenmeister wurde bereits in den Anfängen der Christianisierung auf die Alphabetschrift übertragen. Es heißt, aus Sparsamkeit oder Materialnot hätten die christlichen Mönche in den Skriptorien des Mittelalters die überlieferten heidnischen Texte vom Pergament abgeschabt, um es neu zu beschriften. Dass aber allein ökonomische Zwänge wirksam waren, erscheint mir sehr fragwürdig. Wenn die frühen christlichen Mönche die heidnischen Texte abschabten, so wurden auch sie auf diese Weise unschädlich gemacht.

Das erneute Beschreiben des abgeschabten Pergaments entspringt dem Überwindungsgedanken. Wie man die Heidentempel niederlegte und Kirchen oder wenigstens Kapellen darauf errichtete, wie man auf jedem Kultplatz ein Kreuz oder ein Bilderstöckchen aufstellte, so wurde das heidnische Denken durch die Kraft der überschriebenen heiligen Texte endgültig gebannt.

Volksglaube und Zauberbücher

Seit dem Mittelalter kursieren in Europa Zauberbücher. Das 7. Buch Mosis ist eines davon. Mit seiner Hilfe kann man angeblich Magie betreiben. Wie Zauberbücher in die Welt gekommen sind, erzählt eine alte Frau aus der Westeifel in dem Dokumentarfilm zur Oral History “Ein blindes Pferd darf man nicht belügen” von Dietrich Schubert:

“Da hat mal ein Papst, früher, als die Christenverfolgung war, Bücher ausgegeben, damit konnten die sich unsichtbar machen. Haben Sie davon schon mal was gehört? Ja, das gab’s! Und als die Christenverfolgung vorbei war, da hat der Papst die wieder eingesammelt. Aber da sind nicht alle wieder zurückgekommen.”

Wenn die Zauberkraft im Material der Buchstaben steckt, kann man ein solches Buch nicht so einfach vervielfältigen. Denn eine Abschrift hat keine Zauberkraft. Zauberbücher unterliegen daher einem Abschreibverbot, denn keine Abschrift ist wie das Original, jede Abschrift ist selbst ein Original. Demnach kann ihr nicht die einmalige Kraft der Vorlage innewohnen. Diese Vorstellung erklärt, warum ein abgeschriebenes oder gedrucktes Buch zunächst überhaupt keine Zauberkraft besitzt. Es muss erst durch eine rituelle Handlung aufgeladen werden.

Wie man ein abgeschriebenes oder nachgedrucktes 7. Buch Mosis mit magischer Kraft auflädt, erzählt im selben Film ein alter Bauer. Es müsse ein Priester die Messe darüber lesen. Dazu schmuggelt man es ihm unter das Altartuch. “Deshalb muss der Pastor vor jeder Messe mit den Händen, ich weiß nicht wie oft, über das Altartuch streichen, damit da kein 7. Buch Mosis drunterliegt.”

Buchstabenmagie in unserer Zeit

Ein alter Wochenschaufilm von 1945 zeigt den Andruck der ersten Nummer der Süddeutschen Zeitung. Man sieht einen amerikanischen Presseoffizier, wie er die Blei-Stereotypien (die Druckplatten) von Hitlers “Mein Kampf” in den Schmelztiegel einer Linotype-Setzmaschine wirft, damit daraus die ersten Texte der Süddeutschen Zeitung gesetzt werden können. Das war eine eindeutig rituelle Handlung, egal ob sich der Presseoffizier dessen bewusst war oder nicht.

Nachbemerkung

In meinem Text von gestern, „Die Botschaft der Glasmurmel“, habe ich derlei Vorstellungen nicht gemeint, auch nicht aufwerten wollen. Klar ist, dass menschliches Handeln oft von magischen Ideen begleitet ist. Sie bewusst zu machen, heißt sie zu entkräften. Erst dann stehen sie uns zum freien intellektuellen Spiel zur Verfügung. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob das geht, ohne dass sich Ideen wieder verselbständigen. Der Mensch benötigt offenbar das Spirituelle, Magische, und wenn es ihm seine Religion nicht mehr bietet, wendet er sich der Esoterik zu, liefert sich also wieder unwägbaren Mächten aus. Dagegen hilft nur Aufklärung. Das habe ich hiermit in einem begrenzten Bereich versucht.