TV-Kritik: Lauter Löcher und destroyed Jeans

Vorgestern Abend habe ich aus lauter Verzweiflung einige Minuten der Sendung mit Markus Lanz angesehen. Da saß nämlich Helge Schneider, und ich wollte wissen, ob er etwas Subversives sagen würde. Doch Lanz fragte ihn die sattsam bekannten Dinge, und brav erzählte Schneider das Wiedergekäute, wie unbändig er in seiner Kindheit gewesen war bis hin zur Pubertät, als er sich die Haare hat wachsen lassen und der Vater sich nachts mit der Schere angeschlichen habe, um die Matte abzuschneiden. Was für eine saublöde Geschichte, aber Lanz wäre nicht Lanz, wenn ihm nicht noch was Blöderes einfallen würde. Er gab kund, dass er seine Mutter dabei erwischt habe, als sie seine löchrigen Jeans in kleine Stücke schnitt. Ja, geht’s noch? Was interessieren denn dem Lanz seine pubertären Löcherjeans und seine verwirrte Mutter? Das ist doch unerträglich! Sitzt da wie ein geschniegelter Affe und schwafelt was von uralten Löchern, dass alle denken sollen: Was für ein toller Hecht, der Lanz, da überweise ich demnächst freiwillig doppelte Zwangsgebühren. Über diese Löcher will man mehr wissen! Erst recht über die Lanz-Mutter, die aus lauter Verzweiflung Löcher zerschnitten hat.

Ich wusste gar nicht, dass es in Lanzens Jugend schon modisch war, mit löchrigen Hosen rumzulaufen. Wie blöd muss man eigentlich sein, mit Löchern in den Jeans anzugeben? Wer schon früh so bescheuert war, braucht dringend eine Therapie, ersatzweise eine abendliche Quasselshow im ZDF, wo man sich im Folgenden darüber ausließ, wie man es denn bei den eigenen Kindern halte, wenn sie etwa auf Bäume klettern. Sagt der Lanz, in seiner Sendung sei mal ein skandinavischer Pädagoge gewesen. Der habe geraten, man solle sich nicht aufregen, sondern fragen: „Was siehst du denn von da oben?“ Aua! Das tat weh und mich rettete der Ausschaltknopf. Derlei Rezeptepädagogik findet einer wie Lanz gut. Mir fällt dazu ein Witz ein:

Ein Finne, ein Schwede und ein Däne sollen hingerichtet werden und haben einen letzten Wunsch frei. Der Finne will sich noch einmal besinnungslos besaufen. Der Schwede erklärt: „Ich habe im Gefängnis Erziehungswissenschaft studiert, und möchte vor meinem Tod einen Vortrag halten über die sittliche Verbesserung des Menschen durch Pädagogik.“ Da sagt der Däne: „Und ich will hingerichtet werden, bevor der Schwede seinen Vortrag hält.“

Wer nicht genug im Kopf hat, seinen Kindern gegenüber aus eigener Einsicht vernünftig zu handeln, dem helfen auch keine Rezepte. Denn da kommen oft genug Situationen, für die kein Fernsehpädagoge schon Rezepte verkündet hat. Wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen derartige Verblödung zelebriert wird, muss man sich da wundern, dass Jugendliche für ihren Protest nicht mehr selbst Hand anlegen, sondern Jeans mit fabrikmäßig vorfabrizierten Löchern an den Knien kaufen, um damit bei Nässe und Kälte herumzulaufen – im Zirkus des schlechten Geschmacks?

Werbeanzeigen

Herr Trittenheim sagt ab

ichAls ich Mitte der 1970-er Jahre zu studieren begann und ungefähr aussah wie auf dem Automatenbild, war an der Aachener Hochschule zu meinem Bedauern das Fach Psychologie völlig in Händen der Behavioristen. Diesen Reiz-Reaktions-Adepten war der menschliche Geist eine Blackbox. Sie bildeten mit den Verhaltensmodifizierern vom Fachbereich Pädagogik einen üblen Haufen, mit dem ich instinktiv nichts zu tun haben wollte. Denn wenn man das Verhalten von Schülern gezielt modifizieren will, muss man die Skrupellosigkeit haben, junge Menschen ohne ihr Wissen zu manipulieren. Das entsprach aber überhaupt nicht meinen Vorstellungen von einer emanzipatorischen Erziehung. Zur Verhaltensmodifikation ist die sogenannte Unterrichtsmitschau fast unerlässlich. Um Schüler im Unterricht beobachten zu können, hatte der Fachbereich Pädagogik ein komplett eingerichtetes Fernsehstudio mit Regie- und Schnittraum. Neben den festen Kameras im Studio gab es auch transportable Videokameras, zu einer Zeit, als die Videotechnik kaum verbreitet war. Etwa im Jahr 1977 fassten einige Kunststudenten, eine -studentin und ich den Entschluss, das Fernsehstudio und seine Geräte für etwas Anständiges zu nutzen, nämlich ein künstlerisches Video zu drehen. Es wurde daraus ein satirisches TV-Magazin. In einem Beitrag spiele ich mit, für zwei andere habe ich das Skript geschrieben.

Dieser Video ist kürzlich digitalisiert worden und soll zusammen mit anderen historischen Aufnahmen am 26. November in der Aachener Kultureinrichtung „Raststätte“ gezeigt werden. Natürlich hatte ich geplant, dabei zu sein. Denn wenn das Video wirklich 1977 entstanden ist, habe ich es 39 Jahre nicht gesehen, und von den Akteuren habe ich nur noch mit meinem Freund Nebenmann Kontakt, die anderen ebenso über 30 Jahre nicht getroffen. Ich war gespannt, was da noch an Wiedererkennen sein würde.

handschriftlicher Skriptentwurf (Auszug)

handschriftlicher Skriptentwurf (Auszug)

Textentwurf JvdL- zum Lesen bitte klicken

Textentwurf JvdL- zum Lesen bitte klicken

Zu meinem großen Bedauern musste ich meine Aachenfahrt absagen, denn wie bereits mitgeteilt, habe ich Rückenprobleme und wage die Fahrt nicht, vor allem nicht, mit Gepäck zu hantieren, weil ich noch recht unbeweglich bin und einen Rückfall befürchte. Eventuell gibt es das Video demnächst bei YouTube zu sehen, also nicht das vom Rückfall, sondern „Kurzschluss“ mit dem schrägen Humor der 1970er Jahre. Die beiden im Bild zu sehenden Manuskripte habe ich eben im Papierarchiv gefunden. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir den absurden Text im TV-Studio aufgenommen, und einer, den ich so gerne wiedergetroffen hätte, hat es gesprochen. Schadeschade – ich weine.