Die Dämonen der Selbstinszenierung

Etwa drei Jahre redigierte und gestaltete ich wöchentlich eine Seite zu Umweltthemen mit Texten von Schülerinnen und Schülern für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Es war mühsam. Von den betreuenden Deutschlehrern hatte es kaum einer geschafft, den Schülerinnen und Schülern die Ichform auszutreiben. Demgemäß musste ich viele Reportagen umschreiben. Die Person des Reporters soll die Aufmerksamkeit nicht beanspruchen und den Blick auf das Geschehen nicht verstellen. Diese stilistische Vorgabe des Printmediums wird bei Fernsehreportagen oft missachtet.

Es ist die moderne Pest des TV-Reportage-Entertainments, dass ständig Blödmänner und natürlich auch Blödfrauen mit Mikrophon in der Hand im Bild sein wollen. Sie dürften eigentlich nicht bezahlt werden, sondern müssten für die Befriedigung ihrer Eitelkeit Vergnügungssteuer entrichten.

Wir machen was mit Medien – Foto: JvdL

Augenfällig ist das wieder bei den derzeitigen Berichten aus Überflutungsgebieten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, besonders der Landesprogramme. Statt Betroffene oder Helfer ins Bild zu setzen und anzuhören, stehen und standen Reporter*innen im Weg, und gaben klägliche Beispiele ihrer sprachlichen Unfähigkeit ab, die Verheerungen durch die Wassermassen, das Entsetzen über Verlust, Leid und Tod in Worte zu fassen. Rasch hatte man zu den üblichen Floskeln gefunden, sprach von oben herab über „die Menschen“, denen das Wasser Hab und Gut, Existenzgrundlagen und sogar das Leben genommen hatte.

Natürlich befriedigte man nicht nur die Eitelkeit eigener Reporter, sondern setzte beflissen Politiker ins Bild, die in Gummistiefeln in Katastrophengebieten auftauchten, um Sprechblasen abzusondern. Was sonst? Das politische Personal, weil verantwortlich für Infrastruktur und Katastrophenschutz, muss natürlich Anteilnahme darstellen. Eher versehentlich zeigten die Fernsehbilder, wie es wirklich darum gestellt ist, als während einer salbungsvollen Rede des Bundespräsidenten Franz-Walter Steinmeier in Erftstadt im Hintergrund NRW-Ministerpräsident Armin Laschet mit einem Landrat feixte und lachte.[vom Kollegen noemix kongenial bedichtet]

Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer wollte dabei gezeigt werden, wie er im Katastrophengebiet unbürokratische Hilfen versprach, ohne aufwändige Angaben zum Vermögensstand zu verlangen, worüber sich gewiss jene gefreut haben, die über Vermögen in der Hinterhand verfügen. Darüber hinaus sind derlei flott daher kommenden Versprechungen immer mit Vorsicht zu genießen, zumal sowohl Bayern wie NRW erst 2019 die Soforthilferichtlinie verändert hatten. Da heißt es in NRW laut Frankfurter Rundschau: „Schäden, die wirtschaftlich vertretbar versichert werden können, sind grundsätzlich nicht soforthilfefähig.“ Dazu gehören: „Schäden, verursacht beispielsweise durch Überschwemmungen, Rückstau, Erdbeben, Erdfall, Eisregen, Starkfrost, Schneedruck et cetera.“ Man streicht Rechtsansprüche, damit Politiker sie medienwirksam gewähren können. So geht „schlanker Staat.“ Bürger verlieren Rechtsansprüche und werden zu Almosenempfängern.

Zurück zu den Dämonen der journalistischen Selbstinszenierung. Die ganze Absurdität zeigte sich bei den ARD-Tagesthemen vom 22.07.2021. Aufgrund einer Bildstörung präsentierte man Reporterin Iris Völlnagel als Standbild – mit Ton aus dem Off. [Im Video ab 4:57]

Ulkiges am Rande: „Um einen Beitrag über die Hochwasserkatastrophe authentischer wirken zu lassen, beschmierte sich RTL-Reporterin Susanna Ohlen heimlich mit Schlamm.“ [t-online]

Der Hinterweltler und seine Märchen – über Fake News und die öffentlich-rechtlichen Büttel von Facebook

„Dem Hinterweltler schrumpft die Welt ein. Er findet in allem und jedem Ding nur noch die Bestätigung seiner eigenen Meinung.“ (Carl Christian Bry, Verkappte Religionen – Kritik des kollektiven Wahns, 1924)

Kategorie MedienDie Haltung des Hinterweltlers, die der Schriftsteller Carl Christian Bry hier schon im Jahr 1924 benennt, ist demnach keine neue Erscheinung. Neu ist nur der modische Begriff, der die Haltung bezeichnet, „postfaktisch“, inzwischen von der dubiosen Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum „Wort des Jahres 2016“ gekürt. Seine englische Entsprechung „post-truth“ war zuvor vom Verlag der „Oxford Dictionaries“ sogar zum „Internationalen Wort des Jahres 2016“ erhoben worden. Das Pressegetöse, das darob erschallte, mit dem sich die Journalistenzunft über die Weltsicht der Hinterweltler mokierte und erhob, zeigt vor allem eins, dass unter den Lohnschreibern die wahnhafte Vorstellung herrscht, man habe das eigene Weltbild auf der Grundlage überprüfbarer und überprüfter Fakten gebildet, eine philosophisch völlig unhaltbare naive Idee und Ausdruck einer beängstigenden Hybris. Weiterlesen