Entstehung aus dem Fragment (2)

Rückblick auf die Ära Jeremias Coster

Bekanntlich hat Jeremias Coster 15 Jahre den Lehrstuhl für Pataphysik innegehabt. In den letzten Jahren vor seinem Freitod hatte er allerdings die Institutsgeschäfte sträflich vernachlässigt. Schon als man ihm seitens der RWTH die Wohnung im Dachgeschoss des Kerstenschen Pavillon zuwies, hatte sich Coster zunehmend den Genüssen des Lebens zugewandt, hatte die Schlieren in seiner leeren Espressotasse fotografiert und seine Zukunft daraus gelesen, hatte kugelförmige Objekte gesammelt, diverse Liebschaften gepflegt, hatte sich mit mir herumgetrieben und sich höchst selten im alten Gebäude des Pataphysischen Instituts sehen lassen. Durch das quasi führungslose Institut war die Wissenschaft der Pataphysik immer mehr an den Rand gerückt und hatte enorm an Bedeutung eingebüßt. Immer häufiger war in Senatskreisen die Ansicht zu hören gewesen, es handele sich bei der Pataphysik mitnichten um eine ernst zu nehmende Wissenschaft. Sie sei vielmehr ein literarisches Konzept, das sich aber seit seiner Formulierung durch Alfred Jarry nicht nennenswert weiterentwickelt hätte, und erst recht nicht durch Professor Jeremias Coster. Man lästerte über Costers Tomatenphilosophie, bei der er Tomaten nach der Anzahl ihrer Kammern gruppierte.


„Wenn Sie eine Dreikammertomate aufschneiden, sehen Sie einen Mercedesstern“, hatte Coster in seiner letzten Vorlesung gesagt. Dabei hatte er eine Schautafel an die Wand des Hörsaals projiziert, wo er auf einzelnen Zeichnungen die Tomaten selbst und die Schnitte durch die verschiedenen Tomaten zeigte. Mit einer kleinen, gezielten Handschrift war dabei die gesamte Costersche Tomatenphilosophie erklärt. Etwas Ähnliches hatte er mit Sektkorken gemacht. Er zeigte auch eine Bildserie mit den kleinen Kaffeemilch-Plastikdöschen, deren Aludeckel man auf- oder abreißen muss. Coster hatte untersucht und gezeichnet, wie es am besten geht.

„Also hören Sie mal, Plastikdöschen mit Aludeckel, ganz abgesehen vom Umweltaspekt“, sagte der Kanzler der RWTH in die Runde der Senatoren, „das ist doch keine Wissenschaft!“ Schon wurde die Frage erörtert, wie es Jeremias Coster überhaupt möglich gewesen war, an der RWTH Aachen das Institut für Pataphysik zu etablieren und dem Institut für Nachrichtengeräte im alten Institutsgebäude am Königshügel Räumlichkeiten abzutrotzen. Da fühlte sich Professorin Dr. Renate Klippenhagen, die den Lehrstuhl für Komparatistik inne hatte, zu einem schwachen Widerspruch genötigt. Schließlich war sie in ihrer frühen Jugend wie „jede, aber wirklich jede Frau ein bisschen in Jeremias Coster verliebt“ gewesen, damals in den 1960-er Jahren, als der junge Coster als Student der Architektur charmanter „Hausmeister“ in der legendären Galerie Gegenverkehr gewesen war. Coster bewohnte nämlich eine kleine unbeheizte Wohnung im Dachgeschoss des Gebäudes im Hinterhaus der Aachener Theaterstraße, Hausnummer 50, zahlte fast keine Miete, weil er die Aufgabe übernommen hatte, die Galerie auf- und abzuschließen. Auf diese Weise hatte er Zugang zu avantgardistischen künstlerischen Kreisen gefunden, denn im Gegenverkehr verkehrten nicht nur die aufstrebenden Maler Gerhard Richter und Mel Ramos, sondern die wichtigsten Vertreter der neodadaistischen Fluxusbewegung wie Joseph Beuys, Wolf Vostell, Nam June Paik, die barbusige Cellistin Charlotte Moorman und der selbsternannte Kunst- und Ästhetikschwätzer Bazon Brock.

Ende der 1990-er Jahre hatte Coster in der Villa eines befreundeten Künstlers nahe Verviers anlässlicher einer Feier mit 100 Gästen die beiden letzten lebenden Vertreter der ersten Generation der Pataphysiker getroffen, das Ehepaar Odette und André Blavier. Freilich, was heißt „getroffen?“ Er hatte nur Augen für die schöne italienische Künstlerin Liana Zanfrisco gehabt, deren 40. Geburtstag gefeiert wurde und die ihn bezauberte, weil sie sich mit ausgewählten männlichen Gästen fotografieren ließ, indem sie sich halb auf deren Schoß setzte und sie mit einem Arm locker umhalste. Coster war unter ihrer Umarmung dahingeschmolzen und hütete diese Fotografie wie einen Schatz. Möglicher Weise waren ihm die Blaviers vorgestellt worden, aber so richtig elektrisiert hatte ihn die Pataphysik erst, nachdem zuerst André, dann Odette Blavier gestorben waren und Liana Zanfrisco das Werk Odettes in einer Art Retrospektive in einem Lütticher Museum vorstellte. Er war mit dieser Liana im Auto von Aachen zur Ausstellungseröffnung gefahren und noch Tage wie verzaubert herumgelaufen.

In der Fortsetzung wird erzählt werden, unter welch dubiosen Bedingungen das Aachener Institut für Pataphysik entstand.

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