Forschungsreise zu den Franken (7) – Grau fahren

Anna bringt mich noch zur U-Bahn. Ob ich wieder mit einer fahrerlosen U-Bahn davon rausche, beachte ich nicht. Es wird jedenfalls keine Bahn gewesen sein, die die Nürnberger von der Münchener Verkehrsgesellschaft (MVG) ausgeliehen haben. Denn bevor die abfährt, ruft ein U-Bahn-Kapitän: „Zurückbleiben!“ Man kann in Münchens U-Bahn kaum verhindern, einmal auf der Schwelle von diesem Befehl erwischt zu werden. Dorfbewohnern und Deppen sagt man ja nach, sie wären ein bisschen zurückgeblieben. Doch muss die MVG die Münchner ständig zum Zurückbleiben auffordern? Das grenzt an Gehirnwäsche, ist aber offenbar nötig, denn einmal am Tag muss jeder Münchner, jede Münchnerin sich zum Marienplatz begeben und sinnlos am prächtigen Rathaus vorbeilaufen, weshalb da ein unfassbares Gerenne ist. So habe ich es jedenfalls vor fünf Jahren und mehr erlebt, als es noch eine Frau an meiner Seite gab, die mich sicher durch die Fährnisse einer fremden Großstadt geleitet hat. Heute könnte ich höchstens eine sterile Smartphone-App haben. Von der fahrerlosen Nürnberger U-Bahn, ihren Vorzügen und Nachteilen hatte ich jedenfalls schon durch Matthias Egersdörfer gehört:

An der Hotelrezeption knubbelt sich eine vielköpfige Reisegruppe. Ich muss warten, bevor ich bitten kann, meinen Koffer herauszugeben. Eine genervte und überforderte Angestellte verlangt meinen Rückgabe-Beleg zu sehen. „Den habe ich von Ihrer Kollegin nicht bekommen“, behaupte ich. „Dann kann ich Ihnen doch nicht einfach einen Koffer geben!“ Inzwischen hat sie den Raum aufgeschlossen und ich sehe meinen Koffer. „Da ist er, ich kann Ihnen sogar sagen, was drin ist!“ „O nein,“, sagt sie, „Ich werde nicht einfach einen fremden Koffer aufmachen.“ Die kleine Angestellte von heute früh kommt dazu und erinnert sich an mich. Sie hätte mir doch einen Beleg gegeben. Da zücke ich meinen vermeintlichen Fahrschein, alle atmen erleichtert auf, und ich bekomme meinen Koffer noch rechtzeitig.

Am Abend kickt die Frau ihre unbequemen Pumps von ihren müden Füßen, lässt sich aufstöhnend aufs Sofa fallen und erzählt ihrem Liebsten, was wieder los war im Hotel. „Und im schlimmsten Trubel wollte einer seinen Koffer ohne Legitimation abholen. Behauptete, man hätte ihm keine gegeben, fand das Kärtchen dann aber doch in seiner Brusttasche. Und was soll ich dir sagen, der Depp hatte den Kofferbeleg zweimal in der U-Bahn vom Automaten abstempeln lassen!“

Schon um 6 Uhr in der Früh war ich im Bahnhof gewesen und hatte gefrühstückt. Während ich meine Lebensgeister mit einem Kaffee weckte, beobachtete ich die Angestellten bei der Bäckerei und angrenzenden Imbissen. Ich sah wie Fischgerichte abgepackt und Imbisse auf den Kundenansturm vorbereitet wurden. Alle beachteten ein gemäßes Tempo, denn es würde wieder heiß und anstrengend werden heute. Eine junge Frau in Bäckerei-Uniform schmiert stoisch Brote, Berge davon. Ich Müßiggänger profitiere von ihrer Arbeitsleistung und bedauere sie für ihre Tätigkeit tagein tagaus. Irgendwann wird die Frau darüber alt geworden sein, das letzte Brot schmieren und sich fragen, wieso ihr dieses öde Butterbrotleben bestimmt war und ob sie nicht etwas Besseres aus ihrem Leben hätte machen können, denn schließlich war sie auch mal ein hoffnungsfrohes Kindlein gewesen, damals als man ihr Lesen und Schreiben beibrachte.

Manche aber gehen auf in ihrem Beruf und erfüllen ihn mit ihrer ganzen Existenz, so der junge Zugschaffner im ICE. Nachdem er meinen Fahrschein geknipst hat, fragt er nach der Bahncard. Ich habe nur eine provisorische Bahncard 25, gemeinsam mit dem Fahrschein erstanden. Er stutzt und sagt: „Kann ich den Fahrschein nochmal sehen? Da stand doch Bahncard 50.“ Und ja, die freundliche Frau im hannoverschen Reisezentrum hat sich zu meinen Gunsten vertan. Er schaut mich böse an. Ich sage: „Aber das ist nicht meine Schuld. Wie Sie sehen können, habe ich Bahncard und Fahrschein gleichzeitig gekauft.“ Da guckt er noch böser, und ich denke, jetzt zieht er den Elektroschocker, denn neben mir sitzt keine blonde Schönheit, sondern nur ein nach Zigarettenqualm stinkender Blödmann. Zum Glück überzeugt den Schaffner mein Argument, und er wendet sich ab. Immer nur Ärger mit den Unterbetreuern.

Vor mir an der Rückenlehne ein quadratischer Aufkleber mit Scann-Kode, darüber die Aufforderung: „Bitte beurteilen Sie die heutige Fahrt!“ Wer sein Smartphone tatsächlich an den Scann-Kode hält, um die Fahrt zu beurteilen, nein, dessen Kopf möchte ich lieber nicht haben, und wenn ich hundert mal schon grau auf dem Kopf bin. Ich bin so froh, dass mich die Bahn nach Nürnberg und zurückbefördert hat, denn müsste ich zu Fuß laufen, hätte ich all die schönen Begegnungen und Erfahrungen erfinden müssen. Und wer kann das schon?

Epilog

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Forschungsreise zu den Franken (6) – Kicks voor niks

„Du solltest auf jeden Fall die Gelegenheit nutzen und eine fahrerlose U-Bahn abwarten (…) Dann kannst du vorn rausgucken – am besten ist der Effekt, wenn man die Hände an die Scheibe legt und so das Licht der Wageninnenbeleuchtung abschirmt!“, hatte mir Anna in der Mail mit der Wegbeschreibung geschrieben, und ich hatte gedacht, o no, liebe Anna! Ich bin doch schon froh, wenn ich in der fremden Stadt in die richtige U-Bahn steige. Ist sowieso alles neu für mich, da brauche ich nicht zusätzlich,  was die holländischen Kabarettisten Van Kooten / de Bie „Kicks voor niks“ (Schöne Erfahrung kostenlos) nennen.

Und jetzt stehen Anna und ich nebeneinander vorne in der fahrerlosen U-Bahn und Anna holt sich diesen Kick, genau wie sie ihn beschrieben hatte. Während wir hineinrasen, schaut sie in die Finsternis des Tunnels hinaus, und ich höre mich nörgeln: „Der müsste beleuchtet sein.“ Ebenfalls mit dem Gesicht an die Scheibe zu gehen, mag ich noch nicht. Auf dem Bahnsteig eben, derweil wir auf die U-Bahn warteten, hatte mir Anna erzählt, dass die Nürnberger Verkehrsbetriebe sich zeitweise U-Bahnen aus München ausgeliehen hatten. Und in Münchner U-Bahnen ruft der Fahrer vor dem Türeschließen immer „Zurückbleiben!“ Ich erwäge bei mir, wie die wohl hergefahren sind. Hat man eine Tunnelröhre von München nach Nürnberg gegraben? Heute nach einem Eintrag von Christian (CD) über unsere Begegnung weiß ich, dass sich da vermutlich ein gigantischer Transportwurm von Stadt zu Stadt durchgebuddelt hat.

Dieser WordPress-Algorithmus, der Anna und mich zusammengebracht hat, woher konnte er wissen, dass mich ebenfalls Gleissysteme faszinieren, diese ausgeklügelten Netzwerke, die analogen Vorformen des Internets? Zum Glück weiß ich nicht, dass ich Grau fahre. Die beiden U-Bahnfahrten, die mit dem ICE, alle fahre ich unwissentlich Grau, was juristisch trotzdem als strafbare Beförderungserschleichung gilt. Im Jahr 1998 bin ich mit einer Kollegin in Frankfurt bei der FAZ gewesen. In Unkenntnis des Frankfurter Tarifsystems wurden wir mit den falschen Fahrkarten erwischt, gestellt von grimmigen Schwarzen Sheriffs. Ich glaube, wenn die Kollegin nicht hübsch und blond gewesen wäre, hätten die uns glatt erschossen.

Hier geht nun alles gut, und ich habe Zeit zu erwägen, dass Anna im Blog zwar zuweilen ätherisch auf mich gewirkt hat, aber deutlich handfester dem Leben zugewandt ist als ich gedacht hatte. Ach, und wie froh ich bin, dass sie mich abgeholt hat und ich mir den Weg zu ihrer Ausstellung nicht suchen muss, als uns oben an der U-Bahn-Treppe die aufkommende Hitze entgegenschlägt.

Der Ausstellungsraum ist hell und schön kühl. Ich sehe erstaunliche Ergebnisse einer einjährigen Papier-Holz-Glas-Metall-Fortbildung, ausgeführt mit einer bemerkenswerten Konsequenz und einem klaren Konzept. Viele Exponate faszinieren mich. Da ist das Papiermodell einer Villa im Bauhausstil, wie man sie glatt bauen könnte und ihre Bewohner glücklich machen. Eine bizarr geformte Pralinenschachtel, aus der sie mich eine Praline kosten lässt, damit ich durch die synästhetische Erfahrung das Konzept der Formgebung verstehe. Es gibt auch ein prächtiges Werk- oder Skizzenbuch, das ich hinsichtlich Gestaltung und Ausführung für das Herzstück der Ausstellung halte, weil man darin sehen kann, dass allen Werkstücken und Bildern gründliche Überlegung und Planung vorausging. Das Buch ist wie die Quelle des schöpferischen Reichtums, der hier zu sehen ist. Anna muss gute, sehr gute Dozenten gehabt haben. Aber der beste Lehrer scheitert, wenn seine Angebote nicht begeistert aufgenommen, verständig entwickelt und beharrlich umgesetzt werden.

Als ihr Mann kurz dazu kommt und sich wundert, dass wir bei unserem Rundgang noch nicht weit gekommen sind, sage ich, dass ich gedacht hatte „ein Jahr?“, aber nicht, was Anna in diesem einen Jahr alles geschaffen habe. Ihr Mann bringt mir freundlicherweise einen Kaffee und wundert sich gewiss, dass er uns plaudernd findet, als würden wir uns schon Jahre gut kennen. Wir kommen auch nur langsam voran bei der Betrachtung, weil ich mich immer mal wieder setzen muss, wobei sie mir zwei Texte vorliest, einen hochsensiblen übers Aktzeichnen und im Vorgriff auf unser Treffen einen über mich, der mich rührt. Und ab und zu will ich auch was erzählen und werde mit einem herzlichen Lachen belohnt.

Von den Glasarbeiten sagt Anna, dass sie da nach der Ausstellung weiter machen will. Ein Exponat fällt mir besonders auf. Eine kräftige Platte aus schön gefärbtem und verlaufenem Glas hatte beim Erhitzen in ihrer Mitte eine Blase ausgebildet. Sie ist geplatzt und erstarrt zu filigranen, phantastischen Formen mit nur unscharf berechenbaren Randzonen. Die Gebilde zeigen sich transparent und zart wie eine verwunschene Feenwelt, umgeben von einem festen gläsernen Rahmen. Ohne es zu wissen hat Anna ein Sinnbild ihrer Selbst geschaffen, was mir aber erst zu Hause einfällt. Die verletzliche Innenwelt, die sich oft in ihrem Blog zeigt, geschützt und gehalten von einem schönen Außen.

Drei Stunden bin ich dort gewesen, ich muss los. Mein Resümee: Glücklich, wer die Chance bekommt, sich derart zu entfalten und sie nutzt, eine neue Wertschätzung seiner Selbst zu entwickeln und zu schauen, was noch ist neben dem alltäglichen fremdbestimmten Getriebensein. Die neoliberale Ideologie, die den Menschen nach seiner ökonomischen Verwertbarkeit betrachtet, hat ja leider alle Lebensbereiche durchdrungen und lässt freier menschlicher Entfaltung kaum noch Raum. Es wundert nicht, dass die Menschen trotz all der Gimmicks, die man ihnen aufschwatzt, trotz der besinnungslosen Events, trotz medialem „Zentrifugalbrummball“ ( Stanislav Lem), trotz der Zerstreuung auf allen Kanälen nicht glücklich sind. Die Ökonomisierung des Menschen zwingt ihn, ein flaches Leben zu führen und auch noch gut zu heißen, weils ja nicht besser wird, wenn man sich und sein Tun ständig in Frage stellt, ohne etwas grundlegend ändern zu können.

Anna hat ihr Sabbatjahr optimal genutzt, hat einen Weg gefunden, ihre Talente zu heben, zu entwickeln und zu wertschätzen. Das ist verantwortliche Selbstsorge, die nach einem antiken Lebenskonzept allein berechtigt zu einem guten Leben. Ich hoffe, sie kann vieles davon in den Alltag retten.

Fortsetzung

Forschungsreise zu den Franken (5) – Anna und ich

Genau acht Jahre sind vergangen, seit ich mit dem Fahrrad von Hannover zu meiner alten Heimatstadt Aachen gefahren bin. Eine Woche dauerte diese Lesereise quer durch halb Deutschland, fünf Wochen habe ich an der Reisedokumentation geschrieben. Ähnlich geht es zu im August 2018, unterwegs war ich gerade mal zwei Tage, aber heute schreibe ich die 5. Folge. Es wird noch eine 6. und eventuell 7. Folge geben, denn ich verzeichne wie damals in „Pataphysikalische Geheimpapiere“ die Ergebnisse einer ethnologischen Forschungsreise (gibt es leider nur noch als E-Book. Die Druckversion ist vergriffen).

Das kann ich übrigens nur erzählend und indem ich meinen „assoziativen Eskapaden Raum“ gebe (socopuk) . Ich wohne ja in meinen Texten. Sie sind mir wie ein Haus, das ich errichte aus den Baustoffen, die die Welt mir gerade bietet und dem Passenden, das ich im Lager habe. Eine Weile lebe ich dann in diesem Haus, verbessere hier noch was, verschönere da und freue mich über Besuch. Bis ich mich sattgesehen habe an meinen vier Wänden, weiterziehen muss und ein neues Haus errichten.

Es ist 8:40 Uhr. Von der bequemen Sitzreihe in der Lobby des Hotels, die der Fensterfront zugewandt ist, habe ich die Straße im Blick. Anna socopuk wird um 9:00 Uhr kommen, um mich abzuholen, also ist noch Zeit genug. Ich habe bereits ausgecheckt, musste dazu nur die rote RFID-Karte abgeben. Meinen Koffer will ich noch dalassen, und ich frage nach dem Free-City-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, das man mir eigentlich schon bei der Anmeldung hätte geben müssen, da es im Zimmerpreis enthalten ist. Die junge Frau am Tresen schließt meinen Koffer weg und gibt mir einen schmalen Abschnitt, von dem ich glaube, dass er mein Ticket ist. Achtlos versenke ich den Streifen in der Brusttasche meines Shirts. Ich bin nicht bei der Sache. In der Nacht habe ich unruhig geschlafen, vermutlich vom Kellerbier. Weil ich mehrfach erwachte, bekam ich mit, dass man schon früh die Klimaanlage ausschaltete, wodurch es viel zu warm im Zimmer wurde. Man muss nicht Kachelmann heißen, um zu verstehen, dass ein Haus die tagsüber in den Außenwänden gespeicherte Hitze nachts an die Umgebung abgibt, auch nach innen in die zuvor klimatisierten Räume.

Doch am noch jungen Morgen ist die Temperatur angenehm. Draußen die Passanten finden das wohl auch. Ich halte Ausschau nach einer großgewachsenen jungen Frau mit rosafarbenem Shirt. „DAS rosa Shirt“, werde sie tragen, hatte Anna geschrieben, mehr weiß ich nicht. Wir kennen uns noch nicht lange und auch nicht besonders gut. Nachdem eine „socopuk“ ihr Like unter einige meiner Texte gesetzt hatte, habe ich mir ihr Blog angeschaut. Es zeichnet sich durch sparsame Formgebung aus. Es gibt weder Farbe noch Bilder. Mir gefällt das. Ich mag keinen Farbrausch, keine Flut schön geknipster Bilder, keine protzige oder geschmäcklerische Typografie, dass man denkt, hier wird mit den Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts geschossen. Das Motto fiel mir auf: „Buchstaben in der richtigen Reihenfolge“ changiert zwischen Understatement, Anspruch und … stürzt mich jedenfalls in philosophische Abgründe bei der Frage, was denn die „richtige Reihenfolge“ ist.

In ihren Texten erkundet eine junge, sprachgewandte Frau ihre Befindlichkeit. Unter den meist kurzen Einträgen tauchen immer wieder die Tags: „Migräne, Depression, Herausforderung, Kunst, Zukunft“ auf. Spätestens bei der eigenwilligen Kategorisierung: „Gewellt, gestreift, gepunktet“ ahne ich, dass es sich bei dem Blog um ein fast hermetisches Selbstfindungsprojekt handelt, das ich hinsichtlich seiner metaphorischen und zuweilen poetischen Stärke auch als literarisches Kunstprojekt ansehen möchte. Bei der Kommentierung bemühe ich mich um Zurückhaltung. Es scheint sich da etwas Filigranes zu entwickeln, und ich will es keinesfalls durch ein unbedachtes Wort zerstören. Gelegentlich, eher selten kommentiert socopuk auch bei mir, beteiligt sich aber an Schreib- und Gestaltungsprojekten im Teestübchen mit immer mich überraschenden und erfreuenden Ergebnissen. So hat mich auch die Einladung zu ihrer Kunstausstellung „Ein Jahr“ überrascht.

Und jetzt sitze ich in der Hotel-Lobby und bin gespannt. Socopuks Texte haben mir kaum Hinweise auf ihr analoges Dasein gegeben. Viel mehr als ihre Schreibhand und ihre Handschrift kenne ich nicht. Dass sie Anna heißt, so alt ist wie mein jüngster Sohn und ich in der Ausstellung ihren Mann kennenlernen werde, weiß ich auch. Zwei Minuten vor 9 Uhr steht sie plötzlich auf der anderen Straßenseite und beobachtet den Hoteleingang. Ich hatte eine blonde Frau erwartet: Anna ist brünett, was ja auch viel besser zu ihrem Vornamen passt. Schon als ich mich erhebe und auf den Ausgang zugehe, ist sie mir vertraut. Offenbar hat der „seltsame Algorithmus“ (socopuk), der uns bei wordpress zusammengeführt hat, eine gute Wahl getroffen. Wir begrüßen uns, reden ein paar Worte und gehen zur U-Bahnstation.

Fortsetzung

Forschungsreise zu den Franken (4) – Siesta im Hotel, Radiowellen und Biergarten

Mein Hotel erhebt sich in der Eilgutstraße. Mir war bei der Online-Buchung des Zimmers sofort klar gewesen, dass die „Eilgutstraße“ in Bahnhofsnähe liegen muss. Da brauchte ich nicht mal Google zu befragen, denn „Eilgut“ verweist auf Güterverkehr und stammt aus der Zeit der Eilzüge. Bahnhofsnähe ist für den Fremden wichtig, denn vom Bahnhof aus lässt sich eine Stadt am besten erschließen. Die 50 Meter zwischen Hotel und Bahnhof erweisen sich als Segen, denn ich kann mich dort versorgen, ohne lange durch die Hitze laufen zu müssen. Eine Weile hatte ich für ein pädagogisches Institut gearbeitet, das bundesweite Zeitungsprojekte mit Schulen organisiert, und hatte damals in vielen Hotels übernachtet. Aber siehe da, während ich fünf Jahre mit meiner Wiederherstellung beschäftigt war, hat sich die Welt einfach weitergedreht, und die Entwicklung ist auch im Hotelwesen vorangeschritten.

Als mein ältester Sohn gerade mal stehen konnte, gab es für sein Alter ein „activity-center“, ein Board aus Plastik, auf dem allerlei Elemente angebracht waren, deren Bedienung das Kleinkind einüben konnte. Es gab eine Wählscheibe, einen Knopf zum Drücken, der eine Kugel in einem transparenten Röhrchen nach oben schoss und eine Klingel anschlug, einen Drehschalter und vieles mehr. Im Kunstunterricht habe ich einmal „activity-center für Außerirdische“ bauen lassen. Frage: Welche Bedienelemente muss ein Außerirdischer kennen, damit er sich in unserer Welt erfolgreich bewegen kann? Klar ist, dass er keine Wählscheibe mehr kennen muss. Aber er muss beispielsweise wissen, wozu die Plastikkarten gut sind, die wir haben. Im Hotel bekomme ich eine, mit der ich den Aufzug in Gang setzen kann. Sie öffnet auch die Tür meines Zimmers. In der Karte ist ein Funkchip. Wenn ich sie berührungsfrei vor einen Funkempfänger (Transponder) halte, denn leuchtet mit leisem Klick eine grüne Diode auf, und der Weg ist frei. Das Klicken ist unnötig, ist quasi die Kugel im Röhrchen, die gegen die Glocke schlägt, weil der Mensch es gerne hat, wenn mehrere Sinne angesprochen sind. Die Karte zeigt also auch, wann ich mein Zimmer betrete und verlasse, wann ich den Aufzug benutze und zeigt meine Wege an. Transponder sind überall, bei allen Ein- und Ausgängen von Geschäften und öffentlichen Gebäuden. Das System steckt ebenfalls in Kleidungsetiketten und heißt radio-frequency identification (RFID). RFID funktioniert normalerweise, ohne Signal zu geben, denn der Mensch nimmt Funkwellen nicht wahr. Die Brüder auf dem Foto, das ich aus dem SPIEGEL ausgeschnitten habe, sind Trickbetrüger. Man braucht ein Gerät, das Funksignale aufnimmt, speichert und interpretiert.

Im asiatischen Imbiss im Bahnhof bekomme ich beim Vorabbezahlen auch so ein Teil und muss es wieder abgeben, als ich mein Essen in Empfang nehme. Obwohl der Chip hauchdünn ist, ist das Gehäuse dick und klobig, damit man es nicht versehentlich einsteckt. Vermutlich registriert es die Zeit zwischen Bezahlvorgang und Auslieferung des Tellers an den Kunden, erlaubt also die Kontrolle, ob Koch und Bedienung sich ordentlich sputen.

Genug von der Funkpest, die uns nochmal übel aufstoßen wird. Der Außerirdische hat jedenfalls die Schnauze voll, denn er ahnt, dass man ihn gezielt in die Luft sprengen könnte, wenn er ahnungslos an einer Sprengfalle vorbeigeht und sein RFID-Chip ihn heimlich verrät. Natürlich lassen sich auch unliebsame Menschen auf diese Weise bequem beseitigen.

Unsere Siesta ist vorbei. Christian radelt vor, und wir bummeln durch die Abendhitze zu einem belebten Biergarten in der Innenstadt, dem Kulturgarten im K4. Man muss unterscheiden zwischen den bayerischen Volksstämmen. Ich bin in Franken, aber die Biergartenkultur scheint mir vergleichbar mit der Münchner. Wo in München ich gern gesessen hätte, will Christian wissen, denn er hat eine Weile in München gelebt und studiert. Bei mehreren Maß Kellerbier erzählt er mir von diversen Künstlerfreunden, und ich registriere, dass er ein großes Netzwerk hegt und sich als Kommunikator zwischen all diesen Menschen versteht. Man sieht es in seinem Blog, wo er immer wieder befreundete Künstler vorstellt. CD ist auch mit dem fränkischen Kabarettisten Matthias Egersdörfer befreundet, hat mir eben noch eine DVD von ihm geschenkt, worüber ich mich sehr gefreut habe, denn wenn ich schlechte Laune habe oder traurig bin, höre und sehe ich mir bei Youtube Egersdörfers absurd-komischen Geschichten an und kann  zum zweiten, dritten, vierten und fünften Mal darüber lachen.

Ob wir linksrheinischen ripuarischen Franken mit den östlichen Franken in Bayern verwandt sind, ist umstritten. In jedem Fall mag ich den zuweilen derben fränkischen Humor. Wäre er eine Wurst, ich würde mir eine Scheibe davon abschneiden. Von fränkischer Wurst erzählt Christian auch und dass sie sich durch eine in Europa fast einmalige Würzung auszeichnet. Nur in einem vergessenen Pyrenäental (oder war es bei den Sarden?) gäbe es etwas Vergleichbares. Ich verstehe, dass Fränkische Würste quasi die Ungarn unter den Würsten sind, denn Ungarisch ist ja auch einmalig in Europa, verwandt nur mit dem Finnischen und eventuell über acht Ecken mit dem Baskischen, aber eigentlich nicht. Einen ungarischen Künstler kennt Christian auch gut, aber wir reden nochmal über Christians Praktikanten, und er sagt, dass ein fähiger dabei war, so ein „verlorener Junge.“ Dessen Arbeit hätte ich mir aber nicht angesehen. Das tut mir herzlich leid, denn von meinen Schülern waren mir jene immer besonders lieb, die das Schicksal nicht verwöhnt hat. Obwohl selbst die mit dem goldenen Löffel Geborenen ein unglückliches Dasein haben können. Zumindest ist es schwer, sich zu entfalten und wer zu werden, wenn man es nur einfach hat im Leben. Der Mensch wächst an seinen Widerständen.

Der schöne Tag und Abend neigt sich. Ich will morgen fit sein, denn ich werde Anna socopuk treffen. Auf Umwegen und ein wenig beduselt vom Kellerbier bummeln wir zum Hotel zurück.

Als ich gestern einen Kommentar von Ann beantwortete, wurde mir klar, dass die Nachwelt allein Christian Dümmler das Buch „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“ verdankt. Er hatte mir nämlich im letzten Herbst überraschend vorgeschlagen, dass er ein Buch für mich layouten wolle. Zuerst wollte ich ihm das Manuskript eines E-Books geben. Aber dann sah ich die Chance und stellte eine ganz neue Auswahl zusammen. Text und Cover sind von mir, aber den Inhalt hat Christian gestaltet, und heraus kam eine ripuarisch-fränkische Cooperation. Kürzlich überraschte er mich mit einem Heftchen, das eine Auswahl der kosmischen Geschichten aus dem Buch enthält, herausgegeben in seiner „Edition Blumen“. Buch wie Heftchen sehr zu empfehlen.


Fortsetzung

Forschungsreise zu den Franken (3) – Christian und ich

Jeweils an meinen Geburtstagen in den Jahren 2012 und 2013 hat Gottes Stiefelabsatz nach mir gezielt, und beim zweiten Mal bin ich ziemlich ramponiert darunter weg gekrochen: 2012 erlitt ich einen Herzinfarkt. Er kam nicht aus heiterem Himmel, hat mich aber trotzdem überrascht, weil ich gewohnt war, dass mein Körper mir keine Kapriolen macht. Gerade hatte ich mich erholt, hatte wieder Zutrauen zu mir gefasst, erwischte mich genau ein Jahr später ein Schlaganfall, in dessen Folge ich wieder Stehen, Gehen und Sprechen lernen musste.

„Herzinfarkt UND Schlaganfall?“, fragte ich ungläubig, als ich es noch nicht wahrhaben wollte.
„Klar“, sagte der Arzt, ein Gemütsmensch, „man kann ja auch Läuse UND Flöhe haben.“
„Mag sein, aber so einen kenne ich nicht.“

Eine Weile habe ich mich ängstlich beobachtet, weil ich meinem Körper nicht mehr traute, und sah jedem Geburtstag bang entgegen. Dieses Misstrauen bedingte, dass ich auch mein zuvor unerschütterliches Selbstvertrauen verlor. Da ich geistig frischer war denn je, habe ich alles daran gesetzt, auch wieder körperlich fit zu werden. Zeitweise bin ich wöchentlich zu vier Therapien geradelt. Mit meinen langsamen Fortschritten wuchs das Zutrauen. Trotzdem habe ich mich in den letzten fünf Jahren überwiegend in vertrauten Bereichen bewegt. Im Umgang mit Fremden bin ich ein bisschen scheu geworden, zumal die Modulationsfähigkeit meiner Stimme erst spät zurückkehrte und auch jetzt noch nicht völlig meinen Wünschen entspricht.

Meine digitale Existenz hat mir in allem sehr geholfen, denn dort konnte ich ignorieren, dass ich körperlich beeinträchtigt war, mal abgesehen davon, dass ich seit dem Schlag mit einem Finger schreibe und das sehr fehlerhaft. Es geht nicht gerade nach dem polizeiinternen Terroristensystem: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen!“, aber unwesentlich schneller, wenn ich Korrekturzeiten hinzurechne. Das regelmäßige Bloggen hat mir sehr geholfen. Wer bei mir liest, likt und kommentiert, hat dazu beigetragen, mich wieder aufzubauen. Dafür bin ich allen sehr dankbar.

Nach fünf Jahren wage ich wieder einen Schritt aus den vertrauten Kreisen in eine mir völlig fremde Welt. In Nürnberg bin ich nie zuvor gewesen, nur durchgefahren, wenn ich zu meiner Münchner Freundin pendelte, damals vor Gottes zweitem Stiefeltritt. Meinen Buchlayouter Christian Dümmler (CD) wollte ich immer schon kennenlernen, denn fernschriftlich waren wir uns vertraut und sympathisch. Zudem hatte mich socopuk zu ihrer Ausstellung eingeladen. Für meine Reise hatte ich mir aber ungünstige Bedingungen ausgesucht, denn die Hitze scheint mir glatt lebensgefährlich für einen wie mich zu sein.

Wie schön, dass es noch geht, einfach in ein Taxi zu steigen und eine Adresse zu nennen. Der ortskundige Taxifahrer fährt los, statt zu sagen: „Damit ich Sie fahre, brauchen Sie eine Smartphone-App, und ich Ihre Bestätigung, dass ich Ihre Bestands- und Bewegungsdaten weitergeben darf.“ Uber und vergleichbaren Smartphone-Buchungsquark bräuchte es meinetwegen nicht zu geben. Der Taxifahrer stutzt, als ich ihm die Hausnummer nenne, und siehe da, er findet sie nicht, sondern lässt mich in der Nähe raus. Ich irre ein Stück durch die Hitze, bis jemand hinter mir meinen Namen ruft und Christian mich einsammelt.

Es geht zu wie immer. Man kennt sich zwar nicht, aber wir kennen uns. Es dauert nicht zwei Minuten, da sind digitale und analoge Existenz verschmolzen, was ein erstaunliches Phänomen ist. Ist man sich schreibend sympathisch, mag man auch den äußeren Menschen. Christian trägt einen Sommerhut und ist viel jünger als ich gedacht hatte. Freundlicherweise nimmt er die Schuld mit der falschen Hausnummer auf sich, aber ich vermute, dass er sie mir korrekt genannt hat, ich sie aber falsch aufgeschrieben habe. Ich bin in einer reizarmen Welt aufgewachsen, was bedingt, dass mich zu viele Eindrücke überfordern und es zu Fehlleistungen kommt.

Christians Atelier im Rückgebäude (hier ein Bild) ist angenehm kühl. Die lange Fensterfront zeigt nach Norden. Ich erkenne im Raum große Leuchttische, an der Wand eine professionelle Fotografie-Einrichtung mit Vorhang, Beleuchtung und Kamera auf Stativ, zwei große Computer-Bildschirme, Kunst an den Wänden, Schränke und viele viele Dinge, zuviele als dass ich sie hätte registrieren können. Etwa drei Stunden sitzen wir zusammen und erzählen uns was. Außerhalb der Ferien hat er immer mehrere Praktikanten. Christian zeigt mir Arbeitsproben, einige DIN-A-5-Heftchen mit Tuschezeichnungen und hübsch geletterten Texten. Ich staune über die kalligrafische Qualität, und er sagt: „Ja, bei mir müssen die schreiben.“ Einige kenne ich, Christian hat sie bei meinem Philobiblon-Projekt mitmachen lassen. Das schön in Fraktur geschriebene Heft der Praktikantin Cornelia schaue ich mir näher an. Sie war mir schon im Blog als fähig aufgefallen. Natürlich blättere ich viele Hefte nur an und ignoriere einige, was ich später bereue, was mich bei unserem Abend im Biergarten sogar ein bisschen traurig macht. Buchkunst, Drucktechnik und Typografie  sind das fachlich Verbindende zwischen uns, aber Christian ist Künstler, der „overlord of bookdesign“, wie ihn der amerikanische Fotograf und Buchgestalter Jason Koxvold genannt hat, während ich aus der handwerklichen Tradition komme. Nach gut drei Stunden und mehreren Ladungen Eis für die Getränke verabschiede ich mich zur Siesta im Hotel. Wir wollen am Abend noch zum Biergarten gehen.

Fortsetzung

Forschungsreise zu den Franken (2) – Lauter Köpfe

Nebenan hat sich hingeflätzt ein junger Mann, Marke „Von-keinerlei-Selbstzweifeln-angefächelt“, hält ein Smartphone in der Hand und horcht es mit Ohrhörern aus. Als plötzlich das heimtückische Gerät auf Raumton schaltet, ertönt ein unfassbarer akustischer Müll, ein Jingle, aus dessen Klangmatsch das Wort „Aldi“ erschallt. Derweil er seelenruhig nach der Funktion sucht, den Quark wieder auf die Ohrstöpsel zu schalten, bin ich erschüttert, womit sich manche zudröhnen lassen. Zwischen den Ohren sitzt doch das beste, das man hat, und er gibt es leichtfertig einem Discounter preis.

Falls jemand jetzt wegen meines Avatarbilds denkt: „Selber!“ Von wegen! Es ist etwas anderes. Mich erheitert nach wie vor die ungewollte Komik von „Aldi informiert“, und da ich meine Worte mehr als preiswert abgebe, passt es auch, ohne dass ich mir Inhalte der schäbigen Discounterwelt zueigen mache oder mit ihnen liebäugle. Im Inter-City-Express (ICE) heißt der Schaffner übrigens „Zugbegleiter. Ich zitiere aus dem Wikipedia-Artikel wegen seiner einmaligen Schönheit:

Außerhalb des Nahverkehrs werden als „Schaffner“ die Zugbegleiter und Kundenbetreuer bezeichnet, die dem Zugführer (auch Oberschaffner genannt) unterstellten Mitglieder des Zugbegleitpersonals. Das Zugbegleitpersonal besteht somit aus dem Zugführer und den Schaffnern. Wegen seiner Aufgaben im Servicebereich wird der Zugschaffner in den Fernverkehrszügen der Deutschen Bahn AG Zugbetreuer genannt. Diese teilen sich wiederum in der Bezeichnung Erster Betreuer und Betreuer auf. Der Erste Betreuer verfügt über den gleichen Ausbildungsstand und die gleichen Berechtigungen wie ein Zugchef (Zugführer) und ist in den ICE-Zügen federführend für die Kunden der 1. Klasse verantwortlich, dort stellt er neben der Fahrausweiskontrolle auch alle Serviceaufgaben sicher(…).

Durch die Gänge der 2. Klasse pendelt folglich der Unterbetreuer. Er trägt den Kopf bis weit über die Ohren  rasiert, oben aber einen ondulierten Haarkamm wie ein Wiedehopf. Mit schnarrender Stimme spult er stets denselben Satz ab, und das, ganz Vogel in der Balz, im Sekundentakt. Die Ornitologen nennen den Balzruf des Wiedehopfs „Ülen“ oder „Wülen.“ Ob er aber mit „Hier noch zugestiegene Fahrgäste, die Fahrkarten bitte?“ ein Wiedehopf-Weibchen beeindrucken kann? Er müsste mehr Ülen, fürchte ich. Wülen wäre auch nicht schlecht.

Ein Gesicht verfolgt mich, ein rundes, gutes Spießergesicht. Ich werde es im Nürnberger Hotelzimmer finden, und auch in der Bahnhofbuchhandlung schaut es mich von einem Buchdeckel an. Im Hotelzimmer, wo ich mich zu akklimatisieren versuche, liegt die Bahnzeitschrift „mobil“ auf dem Tisch. Da endlich lese ich, wer so neckisch den Zeigefinger vor die Lippen legt und im ICE in jeder Sitzrückenlehne im Netz gesteckt hat. Ich habe diesen Mann schon nicht erkannt, als er letztens in Hannover einen Discounter-Möbelmarkt eröffnet hat und vom Möbelprospekt martialisch mit dem Finger auf den Betrachter zeigte. Erst mein junger Freund, Herr Putzig, musste mir sagen: „Das ist Hape Kerkeling.“ Herr Putzig ist als Soziologe stets bestens informiert, auch über die Niederungen der Baumarkt- und Möbelhaus-Eröffnungskultur. Hape Kerkeling hätte ich nicht wiedererkannt. Aber jetzt schreibt Bahnmobil auf dem Titelblatt: „Vier Jahre nach seinem TV-Rücktritt spricht Hape Kerkeling …“ Also am „Rücktritt“ lag es. Ich hatte gedacht, den Kerkeling hätte die von Titanic ausgerufene „Spaßvogelgrippe“ dahingerafft. Von welchem Amt ist der Mann denn zurückgetreten? Als Möbelhausminister? Wenn das mal nicht der betagte Stilpapst Wolf Schneider zu lesen bekommt. Von der journalistischen Unsitte, bei jedem Hansel von „Rücktritt“ zu reden, könnte er einen gefährlichen Spangenhals bekommen, denn er findet, dass einer, um zurücktreten zu können, zuvor ein Amt bekleidet haben müsse. Kerkeling „spricht“ also wieder, was den Fingerzeig und die geschlossenen Lippen konterkariert. Da hat sich die Fotografin eine schöne Pose ausgedacht, um dem nichtssagenden Gesicht einen Anflug von Charakter zu geben. Aber nein, er spricht! Er wird doch nicht von den  Sprech-Körnchen für den Wellensittich genascht haben? (wegen Spaßvogel, gnnnihihi!) Man verzeihe mir den Spott, aber wie ich in Nürnberg aus dem tiefgekühlten ICE steige, schlägt mir eine gnadenlose Hitze ins Gesicht, die mir den Atem raubt.

Ich will meinen Blogfreund und Buchgestalter Christian Dümmler (CD) treffen, habe mit ihm vereinbart, dass ich in Bahnhofsnähe ein Fahrrad miete, er holt mich per Fahrrad ab, und wir radeln bequem zu seinem Atelier im „Rückgebäude“, ein schönes Wort. Allein, die Welt ist einfacher geworden, aber nur für jene, die sich ein Smartphone implantiert haben. Ich brauche eine Smartphone-App zum Buchen eines Fahrrads, die ich natürlich herunterladen könnte, im beinahe angenehm klimatisierten Hotelzimmer sitzend. Wenn ich es könnte. Aber das versuche ich erst gar nicht, denn die Vorstellung, noch einmal in der sengenden Vormittagshitze durch Nürnbergs Innenstadt zu irren, lässt mich ein Taxi rufen. Ich teile Christian telefonisch die Planänderung mit und höre zum ersten Mal seine Stimme, die eines gemütlichen, besser gemütvollen Franken.

Fortsetzung

Forschungsreise zu den Franken (1) – Die Form der Welt

Im Inter-City-Express (ICE) habe ich Kachelmanns legendären schwarzen Wollschal vermisst. Wie der Zug auf der Höhe von Fulda durch ein ausgedehntes Regengebiet rauscht, wo der Himmel grau verhangen, Regenschleier über den Wäldern liegen und Dunst aus Tälern aufsteigt, wie sich dicke Rinnsale an der Fensterscheibe versammeln und unterm Fahrtwind zitternd ihren fast waagerechten Verlauf nehmen, da jedenfalls beschließe ich, mir in Nürnberg als erstes eine lange Hose zu kaufen und eventuell den Kachelmannschal, falls der überhaupt irgendwo käuflich zu erwerben und aus gängiger Materie beschaffen ist. Ich bin also trotz bester Vorbereitung auf die Reise nicht passend angezogen. Weil es eisig ist im ICE, merke ich, dass mir in den Sneakers die Knöchelsöckchen unter die Füße gerutscht sind, derweil das ringsum bei den ähnlich gekleideten Füßen der Mitreisenden nicht so ist.

Ich notiere in mein Büchlein: „Die Welt passt mir nicht.“ Den Einwand, dass Knöchelsöckchen ja wohl nicht die Welt repräsentieren, weise ich zurück. Dass die Welt mir nicht passt, begleitet mich schon das ganze Leben. Immerzu stehe ich ein wenig schräg zur Welt wie eine ungenau geschnittene Schablone, die eigentlich abdecken soll, doch an deren Kanten es blitzt. Aber genau diese Blitze geben mir vielleicht einen Anschein von der Beschaffenheit der Welt. So etwas denkt sich einer zurecht, um sich mit unter die Ferse gerutschten Söckchen zu versöhnen, zu vertöchtern zu verschwippschwagern und so weiter.

Bei Würzburg erneut ein schwerer Ausnahmefehler im galaktischen Betriebssystem. Beim Beginn der Fahrt von Nord nach Süd zeigt sich die Sonne links von mir, also wie zu erwarten im Osten. Nach der wolkenverhangenen Phase befindet sie sich rechts. Meine Zeichnung lässt nur den einen Schluss zu, der Zug hätte die Sonne links umfahren. Das hätte aber viel mehr Zeit in Anspruch genommen als vergangen ist. Wollte ich das Umfahren der Sonne verwerfen, muss die Welt in dieser Gegend seitenverkehrt sein. „Ex oriente lux“ gilt hier nicht. Es ist vielleicht gefährlich auszusteigen. Sobald man den Fuß auf den Grund gesetzt hätte, würde man auf links gekrempelt. Aber vermutlich merkt mans gar nicht, weil ein „Referenzsystem“ fehlt. Hm? Was für ein Wort? Es gehört mir nicht. Ich glaube, dieses Wort habe ich tags darauf bei ihr aufgeschnappt. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Da liegt noch ein Bergmassiv aus Zeilen vor uns, und erst auf der anderen Seite begegnen wir socopuk. Zunächst die verkehrte Welt: Also man wird beim Betreten des Bahnsteigs auf links gekrempelt in dieser Welt, die komplett auf links gedreht ist, würde die Verkehrtheit nur merken, wenn man den davonrauschenden ICE anfasst, der ja weiterhin rechtsgedreht ist. Dieser Kontakt würde einem den Arm abreißen, weshalb eindringlich davor zu warnen ist, falls hier Kinder mitlesen.

Nur wegen dieser eventuell mitlesenden Kinder übrigens halte ich mich an die gängige Orthographie. sonst würde ich beispielsweise alles klein schreiben. aber es käme mir vor, als würde ich bei rot den ampelbewehrten zebrastreifen überschreiten, derweil auf der anderen seite eine ganze wibbelige kinderschar mit einer strafend blickenden kindergärtnerin wartet. also kehren wir allmählich zur korrekten Orthographie zurück, bevor eine Schar junger Menschen in den sicheren Tod rennt, nur weil ich ein schlechtes Beispiel gegeben habe.

Jetzt weiß ich auch wieder, wieso mir das Wort „Referenzsystem“ zugeflogen ist. Ich hatte nämlich gesagt, dass ich beim Schreiben die redaktionsinternen Regeln der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) benutze, also nicht etwa „z.B.“ schreibe oder „zum Beispiel“, sondern „beispielsweise“, und socopuk meinte, es wäre ihr nicht aufgefallen, weil ihr das „Referenzsystem“ fehle. Zu diesem Referenzsystem gehört beispielsweise die Regel, dass es nicht „Firma“ heißen darf, sondern „Unternehmen“, und kürzt sich ein Unternehmen, eine Institution oder eine Bezeichnung ab, wird bei der ersten Erwähnung ausgeschrieben, und das Akronym in Klammern hintan gesetzt, so dass man im weiteren Text auf die Ausschreibung und Klammerung verzichten kann, ich beispielsweise rufen könnte: „Vorsicht, fasst den ICE nicht an!“, weil ich das abzischende Referenzsystem oben im ersten Satz schon ausgeschrieben habe.

Glücklicherweise sind wir nicht ausgestiegen in Würzburg oder Erlangen, sondern lassen das Regengebiet hinter uns und rauschen wieder unter der Sonne dahin, die sich eine Weile wohl senkrecht über dem Zug befindet, dann aber wieder auf die rechte Seite, also die linke wandert.
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