Hinter Westen liegt Osten (3) – ambulantes Tanzen

Was waren das für Leute in der UPDJ? Kathys Freund Michel, dem ich den Job verdankte, war Toningenieur beim Radio et Télévision Belge Francophone (RTBF) in Brüssel, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Wallonen. Guy Grosch, der Chefredakteur der Vereinszeitschrift (Directeur de Rédaction et Rédacteur en Chef), kam frisch von der Journalistenschule und arbeitete als Redaktionsvolontär beim RTBF. Le président de UPDJ, Jean-Marie Becker, war im Hauptberuf Verwaltungschef eines Altenheimes. Er sah nicht aus wie ein Disk-Jockey-Präsident, sondern hatte sich einen seriösen Habitus zugelegt, der ihn alt aussehen ließ. Er wirkte, als wäre er niemals jung genug gewesen, um eine öffentliche Tanzveranstaltung zu besuchen. In einem der wenigen Hefte, die ich noch habe, vom März 1980, ist er auf einem Foto zu sehen. Er ist ein bisschen dicklich, trägt einen Dreiteiler, Krawatte, eine riesige Brille mit Gläsern wie Glasbausteine und wirkt wie höchstens 28. Damals kam er mir viel, viel älter vor.

Als ich erstmals mit Nebenmann nach Dolhain fuhr, sah ich zwischen Deutschland und Ostbelgien ein deutliches Wohlstandsgefälle. Hinter der Ortsgrenze von Eupen in die angrenzende Wallonie ging es noch weiter hinab, auch topographisch ins Tal der Vesdre (Weser). Auch in Eupen gibt es eine bessere Oberstadt und die im Wesertal gelegene Unterstadt. In den Ortschaften entlang der Vesdre schaute die Armut aus den Fensterhöhlen. Einst war das Wesertal bis zur Mündung in die Maas von Textilindustrie gesäumt gewesen. Doch mit dem Niedergang des Textilgewerbes sowie der Stahlindustrie in der Lütticher Region lag auch an der Weser alles darnieder. Die ganze Gegend schien in Agonie verfallen zu sein, und ich hielt es für einen typisch wallonischen Phlegmatismus, dass man überall Ruinen stehen- und verfallen ließ. Heute weiß ich, dass dieses Verhalten eine typisch menschliche Reaktion auf langwährende Hoffnungslosigkeit ist.

Es war ein düsterer Tag in einem deprimierenden Ort in einem Altbau aus dunklen Ziegeln. Der Büroraum, in den uns le president bat, war eingerichtet im flämischen Neobarock, wie viele Belgier es gerne haben, dunkle überladene Eichenmöbel, dem Aussehen nach für ein ganzes Leben gedacht, doch in der Verarbeitung zu billig, um wirklich lange zu halten. Meistens gaben die Beschläge der Schranktüren nach ein paar Jahren den Geist auf und ließen die Türen schief hängen, so auch hier. An der Längswand hing ein großes Vitrinen-Regal. Darin standen auf schmalen horizontalen Leisten an die hundert kleine LKW-Modelle. Becker sammelte Modellautos. Über uns kreiste keine Discokugel, sondern brummte und knarrte eine Neonröhre, die Becker eingeschaltet hatte, um das Tageslicht zu verstärken. Außer einer großen Karte von Belgien, die mit farbigen Stecknadeln gespickt war, wies nichts darauf hin, dass wir in der Zentrale einer Discjockey-Organisation saßen. Es war eine überaus befremdliche Szenerie. Le président war um Distanz bemüht. Dass Nebenmann alles übersetzen musste, kam ihm gelegen. Obwohl ich Nebenmanns Französischkenntnisse voll vertraute, schien mir, jede Äußerung, ob von Becker oder mir, musste beim Grenzübertritt in die jeweils andere Sprache ein bisschen Zoll bezahlen, wodurch die Nuancen verlorengingen, aus denen vertrauensvolle Übereinstimmung gemacht ist.

Die Zentrale der UPDJ machte nichts her, aber im Verein waren fast alle wallonischen Discjockeys organisiert. Es gab eine Vielzahl. Man fuhr mit seinem Equipment über Land und veranstaltete quasi ambulante Diskotheken in Kneipensälen. Manche brachten auch ein paar Hüpfdohlen mit, semiprofessionelle Tänzer und Tänzerinnen in schrillen Outfits, bei denen sich die Landbevölkerung die neuesten Tanzschritte abgucken konnten. Die UPDJ veranstaltete einen Wettbewerb, das Championat de Belgique des Disc-Jockeys, bei dem monatlich eine Rangfolge der besten Disc-Jockeys Belgiens ermittelt wurde.

Trotz diverser Kommunikationsprobleme war meine Zusammenarbeit mit der UPDJ zunächst erfolgreich. Innerhalb von zwei Jahren bekam das Heft eine parallel erscheinende niederländische Ausgabe der flämischen Schwesterorganisation Belgische Disc-Jockey’s Organisatie (BDO), wurde bei vierfarbigem Titel von DIN-A5 auf DIN-A4 umgestellt, und man plante eine Kooperation mit der flämischen Jugendzeitschrift joepie, um an den Kiosk zu gehen.

Von mir gezeichnete Titelblätter, größer: Bitte klicken!

Fortsetzung 80000 Franken

Teestübchen Kultur – Querelen um die traditionelle Nürnberger Weiberhatz

Kategorie Humor neuVor einiger Zeit berichtete ich von einem Video von 1977/78, das ich mit anderen Kunststudenten gedreht habe und das jetzt digitalisiert worden ist. Leider konnte ich der öffentlichen Aufführung nicht beiwohnen. Freund Nebenmann hat mir die CD über meine Tochter in Aachen zukommen lassen. Von dort hat sie mein ältester Sohn mit nach Hamburg genommen. Weihnachten habe ich ihn besucht und konnte das Video jetzt 38 Jahre nach seiner Entstehung wiedersehen. Es war eine seltsame Erfahrung wie eine Zeitreise in eine mir unbekannte Welt. Zunächst weckten die Videobeiträge keine Erinnerung. Erst nach und nach kehrte sie zurück. Aus urheberrechtlichen Gründen (wegen der einigen Beiträgen unterlegten Musik) kann ich nicht das ganze Video zeigen, sondern zeige hier einen der Magazinbeiträge, für den ich das Skript geschrieben habe und worin ich den Interviewer mime.

Der Beitrag hat Querelen um eine reizende folkloristische Tradition zum Inhalt. Wie es scheint, sind sie nicht wirklich beigelegt, denn von einer Neuauflage der Nürnberger Weiberhatz hat man nie wieder gehört. Und nun viel Vergnügen beim Anschauen.


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Herr Trittenheim sagt ab

ichAls ich Mitte der 1970-er Jahre zu studieren begann und ungefähr aussah wie auf dem Automatenbild, war an der Aachener Hochschule zu meinem Bedauern das Fach Psychologie völlig in Händen der Behavioristen. Diesen Reiz-Reaktions-Adepten war der menschliche Geist eine Blackbox. Sie bildeten mit den Verhaltensmodifizierern vom Fachbereich Pädagogik einen üblen Haufen, mit dem ich instinktiv nichts zu tun haben wollte. Denn wenn man das Verhalten von Schülern gezielt modifizieren will, muss man die Skrupellosigkeit haben, junge Menschen ohne ihr Wissen zu manipulieren. Das entsprach aber überhaupt nicht meinen Vorstellungen von einer emanzipatorischen Erziehung. Zur Verhaltensmodifikation ist die sogenannte Unterrichtsmitschau fast unerlässlich. Um Schüler im Unterricht beobachten zu können, hatte der Fachbereich Pädagogik ein komplett eingerichtetes Fernsehstudio mit Regie- und Schnittraum. Neben den festen Kameras im Studio gab es auch transportable Videokameras, zu einer Zeit, als die Videotechnik kaum verbreitet war. Etwa im Jahr 1977 fassten einige Kunststudenten, eine -studentin und ich den Entschluss, das Fernsehstudio und seine Geräte für etwas Anständiges zu nutzen, nämlich ein künstlerisches Video zu drehen. Es wurde daraus ein satirisches TV-Magazin. In einem Beitrag spiele ich mit, für zwei andere habe ich das Skript geschrieben.

Dieser Video ist kürzlich digitalisiert worden und soll zusammen mit anderen historischen Aufnahmen am 26. November in der Aachener Kultureinrichtung „Raststätte“ gezeigt werden. Natürlich hatte ich geplant, dabei zu sein. Denn wenn das Video wirklich 1977 entstanden ist, habe ich es 39 Jahre nicht gesehen, und von den Akteuren habe ich nur noch mit meinem Freund Nebenmann Kontakt, die anderen ebenso über 30 Jahre nicht getroffen. Ich war gespannt, was da noch an Wiedererkennen sein würde.

handschriftlicher Skriptentwurf (Auszug)

handschriftlicher Skriptentwurf (Auszug)

Textentwurf JvdL- zum Lesen bitte klicken

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Zu meinem großen Bedauern musste ich meine Aachenfahrt absagen, denn wie bereits mitgeteilt, habe ich Rückenprobleme und wage die Fahrt nicht, vor allem nicht, mit Gepäck zu hantieren, weil ich noch recht unbeweglich bin und einen Rückfall befürchte. Eventuell gibt es das Video demnächst bei YouTube zu sehen, also nicht das vom Rückfall, sondern „Kurzschluss“ mit dem schrägen Humor der 1970er Jahre. Die beiden im Bild zu sehenden Manuskripte habe ich eben im Papierarchiv gefunden. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir den absurden Text im TV-Studio aufgenommen, und einer, den ich so gerne wiedergetroffen hätte, hat es gesprochen. Schadeschade – ich weine.

Hier hängen nur Zettel, wenn du befugt bist zu lesen

zettel
Aushänge – Foto: Trithemius

Mein Freund Herbert Nebenmann und ich – wir sind uns nicht ähnlich, zumindest nicht, wenn wir gehen. Herbert ist etwas zu klein geraten und ich bin für meinen Geschmack zu groß, weshalb ich ein wenig krumm gehe, während Herbert sich kerzengerade hält. Sieht man uns zusammen, straft jeder den anderen Lügen. Ein Betrachter würde finden, aus uns beiden könnte man einen Guten machen, der sich nicht recken muss, nicht krümmen, sondern lässig daherschlendern dürfte. Deshalb ist es aus ästhetischen Gründen beinah besser, wenn Herbert und ich uns meiden.
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