Die Kaiserroute (2a) – Neandertaler lieben Gelsenkirchener Barock

Vor ziemlich genau 10 Jahren fuhr ich mit meinem Freund Wim einen heute aufgegebenen und bald vergessenen Fernradweg, die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn. Für die 480 Kilometer lange Strecke hatten wir vier Tage vorgesehen, was wir locker hätten schaffen können, wenn mein Trainingszustand besser gewesen wäre. Für einen solchen Weg wünscht man sich ein Wetter wie dieser Tage, aber so prächtig schien die Frühlingssonne nur bei unserem Aufbruch. Den Fahrtbericht habe ich ziemlich bald nach der Tour verfasst, so dass die Eindrücke noch frisch waren. Da ich nicht weiß, wie es um den Trainingszustand der Teestübchenbesucher und – besucherinnen bestellt ist, veröffentliche ich den Text in je zwei Tagesetappen und hoffe, dass wir Montag ans Ziel gelangen.

Teil 1a hier
logo Kaiserroute 2
2.Tag
Morgen und Mittag

Wäre es mir auferlegt, die heftigen Gefühle dieses Tages zu vermitteln, müsste ich das eine oder andere Unwetter niedergehen lassen. Ein bisschen Eisregen, ein Graupelschauer, sogar Hagel wäre dabei, aber es kämen auch verstreute Aufhellungen. Die erste Aufhellung hatten wir am Morgen, und während wir um einige Orte nahe bei Düsseldorf herumgeführt wurden, schien es eine Weile, als wollte sich das Wetter stabil halten. Doch schon als wir ins Neandertal abtauchten, schwand die Sonne und es wurde lausig kalt.

Man hat vor dem futuristischen Gebäude des Neandertalmuseums einen Vertreter seiner Spezies in Beton dargestellt. Der Schöpfer dieser Plastik hatte einen grobschlächtigen, affenartigen Mann vor Augen, – vielleicht stellte er auch nur sein inneres Wesen dar, – doch in Wahrheit war der Neandertaler durchaus eine kultivierte Sorte Mensch. Er lebte halt in eisigen Zeiten, da war es gut, ein bisschen zottelig zu sein. Wir gingen in das Café links neben dem Museum. Hier wurde mir der erste ästhetische Schock zuteil. Denn die Einrichtung erinnerte schon stark an Gelsenkirchener Barock, worauf ich innerlich noch gar nicht eingestellt war. Jedenfalls gehört zu der Atmosphäre solcher Lokale, dass es nur „Kännchen“ gibt, wenn du Kaffee willst.

Diese Lokale haben jedoch auch etwas sehr Schönes: das Aufatmen in dir, wenn du sie wieder verlässt. Es ist, als hätte man die Absolution erfahren. Man muss sich dieses Erlebnis aber eigentlich nicht antun. Wim ermahnte mich später einmal, es wäre unschicklich, in ein Lokal nur hinein zu riechen, um ihm dann sofort den Rücken zu kehren. Bist du also einmal darin, hast du dein unbeschwertes Fühlen und Denken erst einmal verwirkt. Und dafür musst du auch noch ein “Kännchen” bezahlen! Bitte, wir waren so lange in diesem beengenden Restaurant, um zu verschnaufen, denn jetzt wird es anstrengend. Ach, mein Gott, es geht auf und ab ins Bergische Land, meistens jedoch auf. Hatten wir glücklich eine Kuppe erreicht, winkte auch schon die nächste Abfahrt und ein neuerlicher Anstieg schloss sich an. Jetzt erklärt sich, warum ich mich über den Biker auf der Fähre so machtlos hatte ärgern müssen. Der Mann hatte ja Recht, als er sagte, mein Rad sei gut für flache Strecken. Mir ist kürzlich das Bike gestohlen worden, und mein Stadtrad hatte beileibe nicht die richtigen Übersetzungen für die steilen Wege. Da stand ich in so manchen Berg „geparkert“, wie die niederländischen Radsportreporter sagen. Auf Deutsch hört es sich noch schlimmer an: In einigen Steilstücken parkte ich mein Rad beinah. Da hatte ich Sorge, die Kette würde reißen. Dazu fiel unentwegt der Regen. Er hüllte das Bergische Land ganz einfach ein. Und launisch war er auch, denn er kam manchmal eisig daher und stach wie Nadeln im Gesicht.

Kaiserroute06 (17)Plötzlich ein Wolkenloch, dann reißt der Himmel auf und die Sonne lacht. Die gepflügten Felder zu unserer Linken beginnen zu dampfen. Es weht ein kräftiger Wind. Er schiebt den hellleuchtenden Dunst in kleinen Wolken vor sich her, treibt die Wolken wieder zusammen und dann weiter übers Land. Unentwegt steigt neuer Dampf auf. Die Erde atmet aus.

Wenn man sie saufen kann, ist viel Sauerstoff in der Luft. Das macht das Fahren leichter, und man frisst ein paar Kilometer mehr als sonst. Leider übersahen wir eine Abzweigung der Kaiserroute und fraßen wohlgemut Kilometer, die wir nachher zurückzahlen mussten. Das war bei Wuppertal, wovon wir die oberen Häuser sahen. Die Kaiserroute wieder zu finden kostete uns eine Stunde.

Gegen Mittag waren wir nass und durchgefroren. Da lockte in einem Tal ein einsames Lokal als „Radlertreff“. Auf der Ecke war geschickter Weise ein Fahrrad an ein Verkehrsschild gekettet. Es hatte zwei Plattfüße und war auch ein wenig krumm. Doch auf seine Fernwirkung kam es an, denn hat man erst einmal gehalten und die Füße auf dem Boden, mag man nicht mehr weiter. Ich hatte mein Mittagstief, da war ich froh, ins Warme zu kommen. Man muss vorausschicken, dass es ein gutbürgerliches Lokal war. Es hatte nicht die Spur von einem „Radlertreff“. Um uns herum wurde gutbürgerlich gegessen, ein dicklicher schnellfüßiger Kellner eilte geschäftig umher. Seine raschen Füße waren sein Kapital, denn in seinem Kopf konnte er sich nicht viel merken. Er trug die Bestellungen orientierungslos durch die drei Räume, in dessen mittlerem wir saßen. Es war auch verständlich, dass er so gut wie niemals aufsah, es wäre ein Wahrnehmungsreiz zuviel gewesen. Gut, unsere Bestellung konnte warten, denn ich musste gucken.

Wim ist ein weltläufiger Mann, und er beendete mein Staunen, indem er die Sache benannte: „Das ist Gelsenkirchener Barock, und du darfst nicht vergessen, die Menschen aus dem Ruhrgebiet stammen aus aller Herren Länder, doch was sie eint: Sie waren Kleine Leute.“

So gerüstet trieb ich meine ethnologischen Studien. Neben uns saß ein mittelaltes Paar. Wir kamen ins Gespräch, denn das Warten auf unsere Bestellung einte uns. Natürlich war das Wetter unser Thema. Die Frau sagte, oben in Remscheid sei Schnee gefallen. Sie hätten im Radlertreff einen Tisch bestellt, doch die Bekannten aus Remscheid hätten abgesagt, weil sie wohl eingeschneit waren. Das hielt ich für eine Übertreibung. Ich konnte mir viel eher vorstellen, dass von den Remscheidern drei Schneeflocken herbeigefleht worden waren, damit sie nicht die weite Fahrt durchs Bergische Land antreten mussten, um im Radlertreff Riesenportionen ungesunder Dinge zu essen. Na ja, wir saßen auch da, trockneten ein wenig, um dann erneut in den Regen hinauszugehen.

Es wird jetzt etwas langweilig, man kann getrost die nächsten Zeilen überlesen. Neviges zum Beispiel kann man vergessen. Es ist ein Wallfahrtsort, glaube ich, doch er hat keine gute Atmosphäre. Wir näherten uns Langenberg, wo auf der Höhe ein berühmter WDR-Sendemast steht. Tief taucht die Straße zum Ortskern hinab. Man wird schnell, das hebt die Laune, und die Abfahrt ist lang. Ich hatte die leise Hoffnung, Wim zu überreden, die Etappe am schönen Hotel im alten Stadtzentrum zu beenden. Doch just als wir hielten, kam die Sonne wieder heraus.

Deshalb geht es am Nachmittag weiter im Text. Tut mir leid, es ist nicht meine Schuld.

Fortsetzung