Es kann nur eine Schröder geben – Einiges über Namen

Als Kind hasste ich es, wenn mich meine Mutter am Samstagmorgen mit einem Einkaufszettel zur Metzgerei schickte. Der Laden war voll, und Thekenbedienung wie Kunden fanden: „Ein Kind hat Zeit.“ So fand ich mich immer wieder hintangestellt, bis sich ein Erwachsener erbarmte und mir den berechtigten Vortritt ließ. In dieser Erwachsenenwelt hatte ich keinen eigenen Namen. Wenn jemand wissen wollte, wer da immer wieder zur Seite geschoben wurde, dann hieß es: „Dat is Overlacks Jertrud dä sinnge“, frei übersetzt: Der gehört Gertrud Oberlack. Darin zeigte sich eine zweifache Geringschätzung, ich hatte keinen Vornamen, und Oberlack war der Mädchenname meiner Mutter. Meinen Vatersnamen sprach man nicht aus, weil mein Vater nicht aus dem Ort stammte und auch schon verstorben war. Wer keinen Namen hat, ist ein gesellschaftliches Nichts. Den Namen eines Menschen zu kennen und bei der Ansprache zu verweigern, ist eine Form der Missachtung. Das gilt auch für die falsche Aussprache oder Schreibweise eines Namens. Sie wirken wie direkte Angriffe auf die Person.

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Merz und Mars – Das InSight-Namen-Projekt

Lange bevor ein politischer Wiedergänger aus dem Sauerland auftauchte, sogar lange bevor dieser Mann geboren wurde, begründete in Hannover der Künstler Kurt Schwitters eine Spielart von Dada, seine MERZ-KUNST. Der Name MERZ stammt aus einer Collage, worin Schwitters den Schriftzug der Commerzbank eingearbeitet hatte, so dass nur noch merz zu lesen war. Nach der Schwitterschen Merzkunst hat sich Merzmensch benannt, mein Blogfreund aus frühen Blog.de-Zeiten, ein inspirierender Mann, der sich künstlerisch und wissenschaftlich mit Dada beschäftigt.

Ein Jahr ist es her, dass Merzmensch in seinem Blog auf die Möglichkeit der virtuellen Reise zum Mars aufmerksam machte. „Ich fliege im nächsten Jahr zum Mars“ schrieb er. Das erklärt vielleicht, warum ich bedauerlicher Weise schon so lange nichts von ihm gehört habe. Leider doch nicht. Denn nicht er ist gestern auf dem Mars gelandet, sondern sein Name, hinterlegt auf einem Chip wie der von Millionen anderer aus der Weltbevölkerung. Pioniere allesamt – und ich bin einer von ihnen. Nachdem ich die Sache in einem Kommentar im Merzmensch-Blog zuerst als moderne Erscheinung der Namenmagie abgetan hatte, entschied ich mich doch zum Mitfliegen, habe mich im November 2017 bei der NASA angemeldet und prompt die Bordkarte bekommen.


Was bedeutet nun, dass mein Künstlername sich jetzt auf dem Mars befindet? Spontan fiel mir ein „Der Name der Jecken steht an allen Ecken“, entsprechend zum berühmt-berüchtigten Wiener Hofbeamten Joseph Kyselak, der den Ehrgeiz hatte, überall seinen Namen zu hinterlassen, auch an unzugänglicher Stelle im Hochgebirge. Doch was bei Kyselak und seinen Nachfahren, den Graffiti-Taggern, eine Ich-war-hier-Marke ist, trifft ja auf das In-Sight-Namenprojekt nicht zu. In jedem Fall ist es eine bislang nie dagewesene Angelegenheit, die ein Gedankenspiel erlaubt, das vor der Marslandung nicht möglich gewesen wäre.