Ach, die unbedachten Worte

kategorie surrealer-AlltagAuf der obersten Etage wohnt eine dunkelhaarige Schönheit. Einmal, schon was länger her, kam ich spätabends zurück aus dem Vogelfrei, wo ich mit den Herren Leisetöne, Putzig und D’accord beim Bier gesessen hatte. Gerade wollte ich die Haustür aufschließen, als zwei junge Frauen herantraten und vertraut grüßten. Ich sagte erstaunt: „Ach, Hallo, Sie wollen auch ins Haus? Ich hatte Sie leider nicht sofort erkannt.“ „Ja“, sagte die eine, „man kennt sich ja gar nicht hier im Haus.“ Darauf antwortete ich, was mir augenblicklich Leid tat: „Doch Sie kenne ich. Sie kommen immer wie ein Gewitter die Treppe runter.“

Es hatte wie Kritik geklungen, war mir klar. Doch tatsächlich habe ich mich immer gefreut, ihre geschwinden Schritte auf den Treppen zu hören, die auf den Holzstufen wie ein anschwellender Trommelwirbel klangen und mich, der ich in derlei Rhythmik verliebt bin, für sie eingenommen hatten. Ich liebe das rasche Trapptrapptrapp, dieses Ungestüme junger Weiber, denn es gehören Bewegungsgeschick und ein flinker Geist zu derart raschen Schritten. Als junger Mann war ich auch schnell treppab, aber es war mehr ein geländergestütztes Überspringen von mehreren Stufen, nicht diese rasche Abfolge von links, rechts schöner Füße.

Leider hat sie sich meine unbedachte Bemerkung zu Herzen genommen und hinfort ihre Schritte gezähmt, und ich fürchte, sie hat ihr ganzes Wesen dazu zähmen müssen. Das habe ich nicht gewollt. Ich will nicht Schuld sein an einem Geschäft, das Angelegenheit des Lebens und der Zeit ist. Dieses Pärchen besorgt ihr das langsame Treppab früh genug und braucht meine Hilfe nicht. Wie gern würde ich meine unbedachten Worte zurückholen.

Stattdessen die passenden Rhythmen:
White Rabbits
Percussion Gun

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Trocken oder nass – Wo beten nicht hilft

Wenn Frühling und Sonnenschein mich locken, fahre ich mit dem Rad durch den Georgengarten zur Mensa auf dem Conti-Campus. Ich muss freilich vor 12 Uhr da sein, denn zwischen 12 und 13 Uhr wird es schlagartig derart hömmele voll in der Contine, das es schwer ist, einen Platz zu finden. Letztens saß ich dicht an dicht mit welchen, die ihrem geschniegelten Auftreten nach von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät hereingeschneit waren. Aus dem allgemeinen Lärm wehten gelegentlich Gesprächsfetzen an mein Ohr. Man sprach tatsächlich über Tischgebete.

Einer verkündete, dass bei ihm zu Hause keine Mahlzeit ohne Tischgebet denkbar wäre. Und er sagte eines auf, das offenbar exemplarisch war: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“ Die dabei sitzende Studentin staunte und schwieg andächtig. Da wollte sich ihr Gegenüber ein bisschen locker hervortun und sagte, sein Vater würde so beten: „Trocken oder nass, deo gratias!“ fertig.

“Trocken oder nass”? Tischgebete beziehen sich in der Regel auf den Gegenstand der Mahlzeit. Gläubige Menschen danken Gott für das, was sie auf dem Teller haben. Bei welchen Gerichten stellt sich denn die Frage nach trocken oder nass? Ich kam nicht gleich drauf, aber es ist Hunde- und Katzenfutter. Man hat ja schon mal gehört, dass manche aus den besseren Kreisen ziemlich geizig sind. Dass welche im dicken Mercedes bei Aldi vorfahren, geht ja noch, aber kann Gott es gut heißen, wenn die Herrschaften armen Rentnern das Futter streitig machen? Was war das hier für ein wunderliches Völkchen?

Ich weiß natürlich nicht wirklich, ob sie Wirtschaftswissenschaft studieren, dachte aber es würde schon passen, denn diese seltsame Studienrichtung hat viel mehr mit Glauben als mit Wissenschaft zu tun. Schon allein, dass man bis zum Ausbruch der Finanzkrise unverbrüchlich an die “Unsichtbare Hand” geglaubt hat, die den Markt regelt und all die Verrücktheiten ausgleicht, die geldgierige Menschen angerichtet haben, ist ja ein verkappter Gottesglaube. Und wenn deutsche Ökonomen unverdrossen propagieren, dass der Sparkurs für die in Schwierigkeiten geratene Mittelmeerländer das einzige Heilmittel wäre, obwohl doch die reale Entwicklung zeigt, dass deren Bevölkerung verelendet, die Wirtschaft schwindet und die Schulden wachsen, dann hat es wohl was mit Aberglauben zu tun, nah am Irrsinn. Den nämlich definiert Albert Einstein so: “Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.” Sollte Katzenfutter, trocken oder nass, nicht munden, muss man es ohne Not kein zweites Mal probieren. Da hilft nicht mal beten.

Musiktipp
The Mighty Mighty Bosstones
The Impression That I Get