Dinge des Lebens – Wurstenden und Baukräne

In einer Randgemeinde Hannovers entsteht ein Wohngebiet. Über die Rohbauten ragen Kräne der Firma „Liebherr“ hinweg. „Die Familie stammt aus meiner schwäbischen Heimat“, sagt die Frau meines Herzens. Ihre Mutter habe Frau Liebherr öfters beim Metzger Huber gesehen, wie sie nach den billigeren Wurstenden gefragt habe. Dieses Musterbeispiel schwäbischer Sparsamkeit galt der Mutter als Grundstein für die stattliche Unternehmensgruppe.
„So kommt ma zu ebbes“, sagte sie.
Warum gehören mir keine Baukräne? Schließlich frage ich beim Metzger nicht mal nach Wurstenden, sondern spare mir die ganze Wurst vom Munde ab.

Eine Routineuntersuchung zwingt mich in die Straßenbahn nach Kirchrode. Vor drei Jahren bin ich zuletzt dort gewesen. Ich schaue interessiert aus dem Fenster und erinnere mich. Die Bahn kreuzt die Eilenriede, den stattlichen Hannoverschen Stadtwald. Hier bin ich einst mit einer jungen Freundin geradelt und habe in der kleinen Schenke am Radweg Station gemacht. Auf der Terrasse vor dem Lokal saßen Leute, offenbar über die Tische hinweg in ein lebhaftes Gespräch verstrickt. Als wir aus dem Laubengang in den Bereich eintraten, verstummten die Gespräche und man musterte uns neugierig. Offenbar verirrten sich Fremde selten hierhin, und die Wirtsleute legten wenig Wert auf Laufkundschaft. Es gab für meine Begleiterin keinen Cappuccino, nur Kaffee. Sie fühlte sich sichtlich unwohl, weil sie ahnte, dass man ringsum spekulierte, ob ich ihr Freund oder ihr Vater wäre. Trotzdem musste ich sie kurz alleine lassen. Auf der Toilette hingen tatsächlich Pornobilder an den Wänden. Während die Bahn vorbeifährt, frage ich mich, ob die Bilder wohl noch da sind. Wo alles im stetigen Wandel ist, wäre selbst dieser Schund eine feste Größe.

Ich betrete eine Apotheke. Die Frau hinter der Plexiglasscheibe ahnte mein Begehr und bietet mir eine Mund-Nasen-Bedeckung von der Rolle an. Sie habe auch welche in der Zehnerpackung. „Die nehme ich, vorausgesetzt, ich muss dafür keinen Kredit aufnehmen.“ Es geht noch so gerade; die zehn kosten 16,90 Euro.

In der Bahn sitzt mir gegenüber ein etwa 13-jähriges Mädchen, hat den Kopf gesenkt und versteckt Nase und Mund hinter dem Zipfel seiner Jacke. Nach einer Weile frage ich hinüber: „Möchtest du eine Maske?“ und halte ihr meine geöffnete Zehnerpackung hin. „Nein, danke, alles gut!“, sagt sie und verschwindet wieder unter ihrem Jackenzipfel. Die Mutter hat ihr eingeschärft: „Nimm von fremden Männern keine Maske an!“

„Wie hieß nochmal der schwarze Sänger mit dem schiefen Gesicht, der immer mit den beiden anderen zusammen war, deren Name mir grad nicht einfällt?“ Solche Fragen konnte zu goldenen HaCK-Zeiten nur Herr Leisetöne beantworten. Digital funktioniert es allerdings auch. Die Frau, die ich liebe, spricht mit Google. Ich kann das nicht, denn ich möchte Google nicht mein Stimmmuster geben. Ich bedauere, dass man mit der Orthographiereform das Prinzip der Sparschreibung beim Zusammentreffen von drei Konsonanten aufgegeben hat. Das Prinzip stammt aus dem 19.Jahrhundert, meines Wissens von Jacob Grimm. Damals schrieb man noch Kurrent. Gewiss hatte das Prinzip eugraphische Gründe, denn in Kurrent sieht STIMMMUSTER verwirrend aus.

Ein einzig spitziges Rauf und Runter wie die Ausschläge in der Anzeige eines Geräts, dessen Name mir auch grad nicht einfällt. Das Stimmmuster kriegt Google jedenfalls nicht von mir. Dafür kann ich das Smartphone nichts fragen und bekomme nicht die Antwort:

    „Laut Wikipedia: Sammy Davis jr. war ein US-amerikanischer Unterhaltungskünstler. Die anderen beiden waren Dean Martin und Frank Sinatra.“

In den 1980-ern, als Computer noch Blechtrottel waren, ging durch die Presse, dass ein Mann in einer Klinik Computer gestohlen hatte. Er hauste unter einem Treppenabsatz und wollte zu den Computern eine Beziehung aufbauen. Mit der weiblichen Google-Stimme ginge das bestimmt besser. Freilich muss man akzeptieren, dass sie alles besser weiß.

Dinge des Lebens – Eisheilige

Mamerz hat ein kaltes Herz.
Am Samstag war ich auf dem Sprung, mit dem Fahrrad wegzufahren, als mir auf der Treppe der Hausverwalter begegnete, der mich in ein Gespräch über die Wartung meiner Therme verwickelte. Er habe davon keine Rechnung. Ich versuchte die Verwicklungen um meine Therme zu rekonstruieren und sagte, sie sei außer der Reihe gewartet worden, wusste aber grad nicht warum. Eben fiel es mir wieder ein, als meine Heizung trotz Temperatursturz nicht ansprang. Pünktlich mit dem 11. Mai übernahm nämlich Mamertus, der erste der Eisheiligen, die Macht, aber meine Therme ist noch im Schlafmodus wie jeden Montag. Ich hatte nämlich den Handwerker gebeten, die Nachtabschaltung neu zu programmieren, und weil der sich wohl im Datum vertan hatte, gilt meiner Therme der Sonntag als Samstag und der Montag als Sonntag, was ja insofern hübsch ist, als mein Wochenende somit drei Tage umfasst.

Morgen herrscht übrigens Pankratius, dann Servatius, gefolgt von Bonifatius und der kalten Sophie. Das Narrativ von den Eisheiligen ist natürlich purer Aberglaube, neutraler gesagt: Volksglaube. Drei der fünf gelten als Märtyrer, Mamertus und Servatius waren Bischöfe und sollen Wunder gewirkt haben. Sie alle personifizieren das wiederkehrende Wetterphänomen plötzlich einströmender Polarluft in die vormals warmen ersten Maitage. Daraus erklärt sich, dass Mamertus in Süddeutschland nicht bekannt ist. Die fußlahmen Heiligen brauchen einen Tag länger, um die Kälte auch in den Süden zu verschleppen.

Jedenfalls trug ich einen Mantel, als ich zum Bäcker eilte. Eine Straßenbahn zog vorbei. Aus den Fenstern schauten lauter Leute mit Mund-Nasen-Schutz. Das wirkte ziemlich deppert. Ich komme übrigens nicht mit dem Wort „Gesichtsmaske“ zurecht. Jedes mal denke ich an Quarkgesichter und Gurkenscheiben auf den Augen. Solche Gesichtsmasken wünsche ich in der Straßenbahn zu sehen, ersatzweise könnten die Insassen mein Buch Die schönsten Augen nördlich der Alpen hochhalten.

„Die Eisheiligen nehmens diesmal ganz genau“, sagte die Bäckereifachverkäuferin. Nur meine Therme nicht. Die hat heute Sonntag. Übrigens: Das derzeit längste bekannte Wortpalindrom ist das finnische Wort für Seifenverkäufer: „saippuakivikauppias.“ Dagegen verblasst sogar das längste deutsche, das von Arthur Schopenhauer gefundene „Reliefpfeiler.“