Übung gegen den Handkrampf

Kürzlich schickte mir ein Freund aus Aachen diesen Zeitungsausschnitt über eine Ausstellung, die meine Tochter und mein Schwiegersohn gemeinsam beschickt haben, unter anderem mit der abgebildeten preisgekrönten Collage [in besserer Qualität hier]. Zum Zeitungsausschnitt gehörte ein handgeschriebener Brief. Also schrieb ich zurück, um mich zu bedanken. Schon nach einer Dreiviertelseite bekam ich einen Handkrampf. Chirospasmus oder Mogigraphie lauten die Fachausdrücke. Sie waren mir bis vor Jahren nur theoretisch bekannt. Noch in den 1990-er Jahren hätte ich weit von mir gewiesen, dass ich je einen Brief wegen Mogigraphie würde verkürzen wollen. “Radfahren verlernt man nicht“, behauptet der Volksmund. Verallgemeinern kann mans nicht. Was der Mensch nicht übt, verlernt er, so auch das Schreiben und Gestalten mit der Hand. Ich gelobe, dass ich mich trotzdem am Gestaltungsprojekt „Hannover“ beteiligen werde, wenn sich noch Mitstreiter finden. Bislang droht das Mitmachprojekt mangels Beteiligung zu scheitern. Also auf! Gib dir einen Ruck hierzu! So jung kommen wir nicht mehr zusammen.

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Einladung zum Gestaltungsprojekt „Hannover“

Vor Jahren habe ich einmal die Groteske „Es ist ein Unglück geschehen“ von Kurt Schwitters in Abschnitte aufgeteilt und von Schülerinnen und Schülern einer 10. Klasse gestalten lassen. Aufgabe war, den Text zu lettern und in Teilen als Rebus zu zeichnen oder illustrativ zu visualisieren. Hierzu die beiden Beispiele. Das erste Blatt (DIN A2 im Original) habe ich gestaltet (natürlich noch alles mit der Hand gelettert), das zweite die heutige Künstlerin Monika Thorwart:

(Zum Vergrößern bitte klicken)

Ein ähnliches Projekt würde ich gern im Teestübchen machen. Dazu habe ich ebenfalls einen Text von Kurt Schwitters ausgesucht, denn seine Texte sind seit Januar 2019 gemeinfrei. Der Text ist wesentlich kürzer als „Es ist ein Unglück geschehen“, denn anders als im Unterricht, bin ich im Blog auf freiwillige Mitarbeit angewiesen. Es ist der in Hannover bekannteste Text von Kurt Schwitters: „Hannover.“ Kinder lernen ihn in der Grundschule, und in der Altstadt sind die wenigen Zeilen als begehbare Kupferplatte in die Fußgängerzone eingelassen. Getreu Schwitters Wahlspruch: „Tretet Dada ein!“, kann man hier seinen Text mit Füßen treten.

Fotos und Gifanimation: JvdL

„Hannover“ hat 12 Sätze. Wer gerne kalligrafiert, lettert oder zeichnet und sich beteiligen möchte, möge einen Satz aussuchen und mir die Nummer mitteilen. Das Blatt sollte etwa DIN-A-Format hoch haben, um eine einheitliche Bildergalerie zu gewährleisten, digital etwa 620 x 920 bei 72 dpi, wobei die Höhe das wichtigste Maß ist.

Mach gerne mit oder werbe geeignete Blogfreundinnen und Blogfreunde aus deinem Kreis.

    1) Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt.
    [vergeben an Jules van der Ley]

    2) Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie.
    [vergeben an Feldlilie]

    3) Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern, und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung.
    4) Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, daß man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne.
    [vergeben an Anna Socopuk]

    5) Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: „re von nah“. [vergeben an Christian Dümmler, CD]
    6) Das Wort „re“ kann man verschieden übersetzen: „rückwärts“ oder „zurück“.
    7) Ich schlage die Übersetzung „rückwärts“ vor.
    8) Dann ergibt sich also als Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: „Rückwärts von nah“.
    9) Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: „Vorwärts nach weit“.
    10) Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche.
    11) Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.
    12) (Hunde bitte an die Leine zu führen.) [vergeben an Andrea Heming]

„Behauptungen, wie die, daß ich nur mit einem Hemde bekleidet in den Baum gestiegen sei und dort den Taifun gelesen habe, habe, sind unwahr.“ (Kurt Schwitters, Eimer)

TV-Doodelei – Doodle von Careca, Ann & Socopuk

Beim Fernsehen habe ich immer einen Schreibblock zur Hand, und wenns mir grad zu langweilig wird – wie beispielsweise beim lustlosen Gekicke der Nationalmannschaft, dann doodle ich – wie in der Zusammenstellung weiter unten zu sehen. Wer etwas Ähnliches tut und mitmachen möchte, möge mir sein Blatt ganz ungeschönt zusenden, 72 dpi, 660 Pixel breit. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Authentizität. Das Thema Doodeln gab es schon mal im Teestübchen. Ergebnisse hier. Angeregt zur Neuauflage hat mich CD mit seiner „Reklame“ für die Ausstellung „Anonyme Zeichner“

Wäre wäre, Fahrradkette – Doodelei: JvdL


Und nun: Frisch ans Werk!

Schreiben wie im Mittelalter – „Von der schuldigen Ehrfurcht bei der Pflege der Bücher“ 14 Bloggerinnen und Blogger haben das 17. Kapitel des Philobiblon abgeschrieben

Das Ergebnis unseres Schreibprojektes ist hier zu betrachten. Ich danken allen Beteiligten herzlich für die termingerechte Einsendung. Es gehört Mut und Überwindung dazu, sich derart zu exponieren, weil wir daran gewöhnt sind, unsere Worte in die anonymen Formen technischer Schrift zu kleiden. Einige völlig wertfreie Bemerkungen zum Ergebnis: Die Vielfalt der Handschriften ist beeindruckend. Ihre generationenübergreifende Gesamtschau hat eine eigene Ästhetik und ist eine einmalige Dokumentation des Zustands heutiger Handschriften.

Die Eckpunkte dieser Dokumentation bilden eine Handschrift in Kurrent und einige moderne Druckschriften. Deutlich zeigt sich, wie sich die Didaktik der Erstschriften über die Zeiten verändert hat. Handschriften, denen die Lateinische Ausgangsschrift (LA) zugrunde liegt, lassen die Ausgangsformen noch gut erkennen, weil sie in der Schule noch nach dem Gesichtspunkt der Formtreue benotet worden sind. Die Kurrent wurde grundsätzlich formgetreu geschrieben. Einer Handschrift liegt vermutlich Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) zugrunde. Sie wird seit den 1980-er Jahren gelehrt. Einige Handschriften haben sich völlig vom Formenballast der LA oder VA getrennt und sind im landläufigen Verständnis Druckschriften, wie sie nach dem Willen des bundesweiten Grundschulverbands zukünftig nur noch gelehrt und gelernt werden sollen.

Ich würde mich freuen, eure Meinung zum Projekt zu lesen. Wie war das Abschreiben, fühltet ihr euch in die Rolle eines mittelalterlichen Kopisten versetzt? Wie seid ihr mit der Fraktur zurechtgekommen? Wie beurteilt ihr euren Textabschnitt sowie den ganzen Text? Hättet ihr Lust auf ein weiteres Projekt und wie sollte es aussehen?

Zum Anschauen bitte anklicken!


Mitgemacht haben (in der Reihenfolge der Abschriften):
Feldlilie
Cornelia
Daniel
Marana
Peter
Christa
Mitzi
Anna
Emil
Sabine
Jaelle Katz
Trithemius
Stefanie
Wortmischer
Cristina

[Edit: inhaltlich fehlte ein Anschluss, weil der vorletzte Abschnitt zweimal vorliegt. Ich habe den fehlenden Abschnitt ergänzt und mich beim Schreiben diszipliniert, um ein besseres Ergebnis zu bekommen.]

Schreiben wie im Mittelalter – Zu kopierende Textabschnitte

Feldlilie

Cornelia

Daniel

Marana

Peter

Christa

Mitzi

Anna

Emil

Sabine

Jaelle

stefanie

Wortmischer

Cristina


Liebe Kopistinnen und Kopisten,

ich habe die zu schreibenden Abschnitte nach Reihenfolge der Anmeldung vergeben. In der linken Spalte finden sich die Abschnitte, namentlich zugeordnet (zum Vergrößern bitte anklicken.) Ich empfehle, den Abschnitt in Originalgröße auszudrucken und als Vorlage zu nutzen. Hilfreich ist es, vor dem endgültigen Abschreiben einige Zeilen vorzuschreiben, um in den Schreibfluss zu gelangen. Schreibfehler passieren. Bitte nicht verzagen (im Mittelalter sah man das nicht so eng. Richard de Bury klagt über viele Unarten beim Umgang mit Büchern. Fehler spricht er nicht an.) Bitte nur durchstreichen und hinter dem Fehler neu schreiben. Auch Tintenkleckse einfach trocknen lassen.

Maranas Abschnitt liegt schon aus dem vergangenen Projekt vor. Marana hat sechs bis sieben Wörter je Zeile geschrieben. Selbst bei unterschiedlicher Schriftgröße sollte das als Maßstab dienen, wodurch wir den formalen Zusammenhang der unterschiedlichen Handschriften herstellen. Ich bitte, Blau oder Schwarz zu schreiben und auf sonstige Farben zu verzichten.

Die Handschrift bitte scannen. Nötig ist eine Datei mit 72 dpi. Wer über entsprechende Bildbearbeitungssoftware und Kenntnisse verfügt, kann den weißen Rand wegschneiden und die Datei auf Breite 660 Pixel verkleinern und mir entweder zuschicken, im eigenen Blog veröffentlichen (verlinkt zum Teestübchen, damit ich davon erfahre) oder sie in einen Kommentar platzieren. Wer seine eingescannte Datei nicht bearbeiten kann, möge sie mir per E-Mail schicken. Ich bringe sie dann auf Format. Abgabetermin ist Dienstagabend 24:00 Uhr, damit ich das Ergebnis unserer Gemeinschaftsarbeit am Mittwoch publizieren kann.

Und nun: Viel Vergnügen beim Schreiben!

Daten in Kürze
Zeile: sechs bis sieben Wörter
Farbe: Blau oder Schwarz
Papier: Weiß

Nach dem Scannen
Beschnitt: möglichst eng
Endformat: 660 Pixel Breite, Höhe variabel
Auflösung: 72 dpi
Dateiformat *.jpg oder *.gif
Abgabe: Dienstag, 30.Januar, 24:00 Uhr

Schreiben wie im Mittelalter – Wir kopieren ein Kapitel aus dem Philobiblon

Zeitreise ins Mittelalter. Heute vor 674 Jahren, am 24. Januar 1344, an seinem 58. Geburtstag beendete Richard de Bury, Bischof von Durham, sein Buch von der Bücherliebe, das Philobiblon. Gedruckt wurde die in Latein verfasste Handschrift erstmals 129 Jahre später, nämlich 1473 in Köln. Mir liegt eine deutsche Übersetzung von Max Frensdorf vor, gedruckt 1932 in Eisenach, auf Wunsch des Übersetzers gesetzt in der klerikal wirkenden Alemania Fraktur. Damals wurden 300 Exemplare gedruckt. Mein Büchlein ist ein von mir selbst gebundener Raubdruck, Fotokopien des Exemplars der Zentralbibliothek der RWTH Aachen. In den 1980-er und 1990-er Jahren habe ich zur Schriftforschung viel Zeit in Aachens Bibliotheken verbracht und hatte gelegentlich Hinweise auf das Philobiblon als „das berühmte Buch von der Bücherliebe“ gefunden. Sein Ruhm war aber nach über 600 Jahren schon ein bisschen verblasst. Während man es heute über Amazon für 0,98 Euro erwerben kann, war es damals nicht so leicht aufzutreiben. Ich suchte sogar in der Diozösan-Bibliothek, die man nur nutzen durfte, wenn man einen Bürgen benennen konnte, fand es aber im Bestand der TH-Bibliothek.

Richard de Bury besaß im Jahr 1344 mehr Bücher als alle anderen englischen Bischöfe zusammen. Berichten zufolge soll sein Schlafzimmer voll davon gelegen haben, so dass man sich kaum bewegen konnte, ohne auf eines zu treten. Als Bischof von Durham sammelte er fast manisch Bücher und schreckte auch nicht vor einem Diebstahl zurück. Trotzdem wird seine Bibliothek nicht mehr als 400 Bücher umfasst haben, allerdings zu Zeiten vor dem Buchdruck ein stattlicher Besitz. Ein handgeschriebenes Buch hatte im Mittelalter großen Wert. Wer damals ein derartiges Buch ausleihen wollte, musste „gewaltige Pfänder“, ganze Schafherden oder Ländereien, hinterlegen, schreibt der Paläograph Wilhelm Wattenbach. Die Büchersammlung war jedoch nicht Selbstzweck, sondern sollte Studenten zu Gute kommen. Demgemäß vermachte Richard de Bury sie 1345 der Universität Oxford.

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Ein Hoch auf praktisches Handgeschick

Heute Morgen, als ich die Tasse aus der Küche ins Wohnzimmer trug, habe ich ein wenig verschüttet und mir den Mittelfinger an heißem Tee verbrüht. Jetzt habe ich eine Brandblase genau auf dem oberen Fingerglied. Den wehen Finger könnte ich nicht mal hoch halten, um ihn Mitleid heischend rumzuzeigen, ohne Missfallen zu erregen. So’n Pech aber auch! Einen Schreibstift kann ich jedenfalls nicht halten. Dabei ist heute Tag der Handschrift, wie mir ein in Hannover ansässiger Stifthersteller in einer Rundmail mitteilte.

Das passt, denn für morgen habe ich einen Beitrag zum Thema Handschrift vorbereitet, auch aus aktuellem Anlass mit einem Aufruf zum Mitmachen, aber ob ich selbst mitmachen kann, steht in den Sternen. Das erinnert mich an einen Aufenthalt mit einer Lehrergruppe in einem Berliner Hotel, ich glaube, es hieß Hotel Berlin. Ich nahm an einem Einführungsseminar für ein Projekt mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung teil. Am 2. Tag wurden wir für eine Rechercheübung in Gruppen eingeteilt. Meine Gruppe sollte in der Hotelküche recherchieren. Zum Auftakt ließ der Küchenchef alle Kartoffeln schälen. Ich konnte leiderleider nicht mitmachen, denn ich hatte mir beim Frühstück in den Finger geschnitten. Es war ein Versehen, meine lieben Damen und Herren, wie ich ja auch den Tee nicht absichtlich verschüttet habe, auch wenn man beide Fälle für eine glückliche Fügung halten könnte. Dabei gebe ich zu bedenken, dass ich viel lieber mit der Hand schreibe als Kartoffeln schäle.

Näheres morgen ab 8:00 Uhr