Intergalaktisches Bettenbauen

Bei der Bundeswehr lernte ich, ein Hemd auf DIN-A4 zu falten, ebenso das Bettenmachen, was dort im Jargon „Bettenbauen“ heißt. Zum Glück habe ich beides wieder vergessen. DIN-A4-Hemden sind albern und Bettenbauen, war schon mehrfach zu lesen, ist eher ungesund. Nicht weil man sich dabei verrenken oder gar tödlich verunglücken kann, nein, die Gefahr lauert im Bett selbst – mikroskopisch kleine Spinnenwesen, die Milben. In der Nacht verliert der Mensch bis zu zwei Liter Flüssigkeit. Diese Feuchtigkeit muss tagsüber wegtrocknen. Im gemachten Bett kann sie nicht entweichen. Dunkelheit und Feuchtigkeit sind die idealen Lebensbedingungen für Milben. Sauber gebaute Betten beherbergen drum ganze Milben-Universen.

Wie ich am Morgen mein Bett aufschlage, somit das Mikrobenuniversum ans Licht zerre und ihm die Feuchte entziehe, fällt mir ein, dass diese Mikrobengalaxie zwar Nachbargalaxien hat, wohin die Milben theoretisch fliehen könnten, nämlich in die anderen Betten in den Wohnungen des Hauses, dass diese Galaxien im Mikrokosmos aber so weit voneinander entfernt sind wie die Andromedagalaxis von unserer Milchstraße. Einziger Unterschied, wenn wir Menschen bei Nacht zum Himmel aufschauen, können wir benachbarte Galaxien als ferne Spiralnebel sehen, vorausgesetzt es gibt keine Lichtverschmutzung und wir haben ein Teleskop. Von Milbengalaxie zu Milbengalaxie besteht keine Sichtverbindung, außer in Bundeswehrstuben, Jugendherbergen und anderen Schlafsälen, wo große Milbenpopulationen beheimatet sind.

Angenommen in irgendeiner Milbengalaxie des Mietshauses, in dem ich lebe, geschieht plötzlich etwas Ungeheuerliches. Ein schwer alkoholisierter Nachbar hat sich hoch oben ins Bett gelegt, und seine Ausdünstungen bewirken bei den Milben die Entwicklung von Intelligenz. Da im Mikrokosmos alles schneller geht als bei uns, läuft auch die Evolution schneller ab, und im Nu haben seine Milben, das Rad, das Geld und das Rubbellos erfunden, die Raumfahrt entdeckt sowie eine Theorie von Wurmlöchern erdacht. Zuvor aber entwickeln die hochintelligenten Milben jedoch eine psychogene Technik der mentalen Beeinflussung anderer Lebewesen, von ihnen „die Macht“ genannt. Plötzlich ist mein armer Nachbar erstaunlich geschickt im Bettenbauen, hat nicht eher Ruhe, bis er sein Bett auf DIN A4 gefaltet hat … [sorry,… falsche Spur], bis er sein Bett perfekt gemacht hat, so dass sein Milbenimperium wachsen und gedeihen kann.

Sein Umfeld lobt ihn ahnungslos. Patenonkel Heinrich, ein schneidiger Offizier der Reserve, sieht sich in allem bestätigt, was ihm heilig ist, und verkündet: „Welch ein Segen, wenn einer bei der Armee gewesen ist. Da lernt er noch den korrekten Bettenbau!“, und setzt den jungen Mann zum Alleinerben ein. Alle staunen nur über sein behändes und allmorgendlich promptes Bettenbauen gleich nach dem Aufstehen, wobei er das Mantra: „Möge die Macht mit euch sein!“ murmelt. Auch hört man Wunderliches von ihm: „Größe ist nicht alles. Die kleinere Truppe wir sind, dafür größer im Geist.“ Wie sähe jetzt die großgeistige Milbenraumfahrt aus? Würden die Milben-Raketentechniker und Astrophysiker das Bett des Nachbarn umfunktionieren? Käme das plötzlich holterdipolter die Treppen herunter und würde mit Krawumm an fremde Türen klopfen? Ich würde nicht aufmachen und rate allen, Türen und Fenster geschlossen zu halten.

Dann bliebe den Milben noch die Allgemeine Relativitätstheorie und die Theorie der Wurmlöcher. Der Name Wurmloch stammt von der Analogie mit einem Wurm, der sich durch einen Apfel hindurchfrisst. Er verbindet damit zwei Seiten derselben Dimension (der Apfeloberfläche) durch einen Tunnel. Das beschreibt anschaulich die besondere Eigenschaft des Wurmlochs, da es zwei Orte im Universum, in diesem Fall zwei Betten miteinander verbindet. In meinem Bett stieße die Milben-Expedition auf brutale Lebensbedingungen, und man wird in Wissenschaftskreisen erwägen, mein Bett wegen Unwirtlichkeit auf den mikrogalaktischen Index zu setzen. Zwischen anderen Betten fände aber ein reger Milbenaustausch statt, wobei die Milben feststellen würden, dass sich die Raumfahrt nicht lohnt, denn Bett ist Bett. Man habe, wird verkündet, nichts Besonderes, nicht mal außermilbisch intelligentes Leben in den neuentdeckten Betten gefunden, außer in meinem natürlich, aber das müsse sicherheitshalber gesprengt werden.

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Über frühlingshaften Aufbruch, dank an die Vorsehung und innerliche Sockenverweigerung

Wie ich am Fenster stehend verächtlich auf das Wetter draußen schaute, bedauernd sah, dass die Krokusse platt am Boden lagen, dachte ich, es gibt trotzdem untrügerische Anzeichen des nahenden Frühlings. Es geschehen neue Dinge. Damit meine ich nicht, dass gleichgültige Nachbarn offenbar eine neue Matratze erstanden und ihre alte Matratze einfach zusammengerollt zu den gelben Säcken gelegt haben, wo sie in ihrer ganzen nikotingelben Hässlichkeit schon seit Tagen liegt. Dieser Matratze wegen war es heute morgen unter meiner Dusche nicht schön, meine lieben Damen und Herren.

Ich musste nämlich unter der Dusche die ganze Zeit über ein sterbendes Milbenuniversum nachdenken und wie es da wohl zugehen mag, wenn die Milbenpopulation den drohenden Untergang spürt. Milben werden orientierungslos umherirren und mit kältestarren Gliedern zu vermeintlich besseren Orten flüchten. Die Befindlichkeitsliteratur wird anschwellen, denn sterbende Kulturen können naturgemäß die Wörter nicht bei sich behalten. Über der Weltuntergangs-Logorrhoe werden alle dem Wahnsinn verfallen, und man muss sich eine wahnwitzige Milbe einmal vorstellen, die ja im Wesentlichen eine Hautschuppen verzehrende Fresseinheit ist. Schreckliche Milben-Religionen kommen auf. Man meuchelt die junge unschuldige Brut. Wahnsinnige Präsidenten reißen die Macht an sich. Nationen rüsten auf, bezichtigen sich und überfallen einander. Und gerade ist das Morden und Brandschatzen noch in vollem Gange, da kommt endlich die gnädige Müllabfuhr und holt die Matratze ab. Wer schon mal Bilder von Milben unterm Mikroskop gesehen hat, wird die Vorstellung bejubeln, dass das erkaltende Milbenuniversum von Müllmännern in den Schlund des Verbrennungsofens gestopft wird. Aber noch größer müsste der innerliche Jubel sein darüber, dass einem die Vorsehung keine Existenz als Milbe zugemutet hat.

Auf dem Bett sitzend, fand ich in der Sockenschublade eine schön hellgraue einzelne Socke, deren Gegenstück noch auf dem Wäscheständer hing. Etwas in mir weigerte sich, ein vollständiges Paar zu ergreifen und anzuziehen. Also musste ich die andere Socke erst vom Wäscheständer holen, bevor mein dafür zuständiges Ich bereit war, die Socken über die Füße zu streifen. Dabei weiß ich genau, dass just dieses Sockenpaar die absurde Neigung hat, im Laufe des Tages seine Fersen nach oben zu verdrehen. Wie das geschieht, ist mir ein Rätsel. Ich bin geneigt zu vermuten, dass es in Berlin ein hippes Start-up-Unternehmen gibt, dessen Geschäftsidee selbstdrehende Socken waren und denen es gelungen ist, Geldgeber für solchen Quatsch zu finden. Fluch über diese perfide Bande!

Vermutlich steckt wieder Maschmeyer dahinter. Andererseits muss man auch gelten lassen, dass ein Ich, dessen einziger Zuständigkeitsbereich die morgendliche Sockenwahl ist, dass man ein solches Ich nicht unsensibel überstimmen darf, nur weil Maschmeyer ein durch und durch unsympathischer Mensch ist. Die selbstdrehenden Socken sprechen eindeutig gegen die Praxis der Universitäten, sich Lehrstühle von Sponsoren wie Maschmeyer stiften zu lassen. Es ist dann nicht zu vermeiden, dass man dort komplett verächtliche Dinge erforscht, beispielsweise selbstdrehende Socken oder am Ende noch Auffangstationen für Milben, deren Universum dem Untergang geweiht ist.

Bevor jetzt zarte Gemüter Parallelen zu unserem Universum ziehen, will ich noch erzählen, welche Neuerung den Anlass gibt, auf den Frühling zu hoffen. Herr Putzig hat unser HaCK-Treffen gestern Abend bereichert um den Vorschlag, zuvor eine Fotoausstellung zu besuchen. Das taten wir dann auch. Wir fanden eine Halle rappevoll mit jungen hippen Menschen und auf zwei Tischen einige Fotobücher, offenbar Abschlussarbeiten von Fotojournalismus-Studentinnen und –Studenten. Ich blätterte in einem Buch einer Fotoreportage über De Randfichten, deren Hit in den Charts „Ja, lebt denn der alte Holzmichl noch?“ war, ihre Auftritte bei Supermarkteröffnungen und in Möbelhäusern vor durchaus wahnsinnigem Publikum.

Und später beim Elferkranz Kölsch im Glüxkind schlug Herr Putzig vor, am kommenden Montag gemeinsam zum Literarischen Salon Hannover zu gehen, wo die ehrenwerte Aleida Assmann reden wird über das Vergessen. Ich freue mich darauf, weil ich, lang ists her, schon etwas Gewinnbringendes über Schrift und Gedächtnis aus den Federn von Jan und Aleida Assmann gelesen und wieder vergessen habe. Aber man findet vielleicht Spuren in meinem Werk Buchkultur im Abendrot. Zumindest stehen sie im Literaturverzeichnis. Vergessen wir also das ganz und gar nicht frühlingshafte Wetter und freuen wir uns auf alles, was zukünftig unsere Perspektive erweitern wird.