Mikroben (3)

Folge 1Folge 2

Wie kommen Sie dazu, sich die Schuld an Minnas Tod zu geben?“
„Wegen der Mikroben, die Dr. Ehrenfelder in seinem Labor aufbewahrt hat. Es war wohl ein besonders aggressiver Mikrobenstamm, der in Höhlen lebt, genau an den Orten, wo auch die ersten Menschen gelebt haben. Das steht alles in seinem Aufsatz. Ich hatte bei meinem Sturz eine Flasche zerstört und dabei jene speziellen Krankheitserreger freigesetzt. Sie hatten mich angefallen, aber auch Minna, als sie mich verarztete. Alles war also die Folge meiner Unkeuschheit gewesen. Meine unverzeihliche Todsünde hat Minna getötet.“

„Woher wollen Sie das wissen? Sie haben keinerlei Hinweise, woran Minna gestorben ist, noch wissen sie ihren Todeszeitpunkt. Was Sie plagt, sind Fieberphantasien und Vermutungen. Das alles speist sich aus einem schlechten Gewissen. Dabei ist Ihr Verhalten doch nichts Schlimmes gewesen und aus heutiger Sicht verständlich. Nacktheit war bis in die 1970-er Jahre tabuisiert. Wo hätten Sie als Junge eine nackte Frau sehen können, wenn nicht heimlich in der Badewanne?“

„Auf dem Fünfmarkschein. Da war die nackte Europa abgebildet. Ich habe sie mir oft genug angeschaut, wie sie da mit kleinen spitzen Brüsten auf dem Stier liegt und sich von ihm davontragen lässt, um sich mit ihm zu paaren. Unkeusch! Sodomie! Todsünde!“
„Wenn ich mich recht erinnere, war das Zeus! Er hatte sich in einen Stier verwandelt. Vor der Paarung mit Europa hat er seine Stiergestalt wieder abgelegt.“

„Lüge! Hat sich mit einem Stier gepaart! Todsünde! Todsünde!“, schrie Erlenberger erneut.

Ich spürte, wie ein Unwille in mir hochstieg, und ich ahnte, dass die Schwärze, von der Erlenberger umwabert war, sich wohl größtenteils aus der verklemmten katholischen Sexualmoral speiste. Indem er mir wie fiebrig weitere Beweise seiner Schuld an Minnas Tod darlegte, dabei einen Pater Arnold aus dem Kloster zum Zeugen aufrief, dem er seine unkeuschen Absichten und die schrecklichen Folgen gebeichtet hatte, wurde seine Stimme immer höher, begann sich zu überschlagen, und artete zum Schluss in ein heiseres Bellen aus. Erlenberger war mir dabei immer näher gerückt, als wäre es dann einfacher, mich von seiner Schuld zu überzeugen. Dabei flog Schaum von seinen Lippen, und als etwas davon meine Unterlippe benetzte, überkam mich ein Ekel, den ich kaum zu unterdrücken vermochte. Ich sollte diesen Speicheltropfen noch bereuen. Verstohlen wischte ich meine Lippen mit dem Handrücken ab. Mir schien, dass es gut wäre, die Sprechstunde zu beenden, zumal Erlenberger sich von der menschlichen Sprache weit entfernt hatte und nur noch jaulte.

Ich stand auf und rüttelte ihn bei der Schulter. „Sie gehen jetzt besser!“, sagte ich, doch als Erlenberger aufschaute und mich sein irrer Blick traf, war mir klar, dass ich ihn so nicht gehen lassen konnte. Ich wählte die Notrufnummer der Feuerwehr und klärte rasch ab, dass man Erlenberger in die Psychiatrie bringen müsste. Erlenberger war auf seinem Stuhl zusammengesunken und wimmerte leise. Eine Weile saß ich noch schweigend bei ihm und war erleichtert, als ich schwere Feuerwehrstiefel auf der Treppe poltern hörte. Erlenberger hatte sich beruhigt und fragte ängstlich: „Holen die mich ab?“
„Ja.“
„Aber ich muss Ihnen doch noch von Dr. Ehrenfelders Theorie erzählen.“
„Später.“

Wird fortgesetzt

Advertisements

Mikroben (2)

Folge 1

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, es kam ein Lichtschimmer unter der Tür durch, gewahrte ich im Raum hinter mir Gegenstände, die ich noch nie gesehen hatte, Vitrinen mit Glasbehältern, Tische mit seltsamen Apparaturen, mitten im Raum erhob sich ein gefliester Waschtisch. Da war auch ein Käfig, in dem etwas lag. Plötzlich ertönte ein Wimmern. Ich schreckte zurück und warf eine Flasche um, die auf den Fliesen zerschellte und auslief, stolperte rücklings und stürzte in die Scherben.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Sofa, Minna beugte sich zu mir herab und betupfte die Schnittwunden an meinen Händen. Ihr Bademantel klaffte, und bei dem Anblick, den er gewährte, wähnte ich mich im Himmel. Noch als ich mit meiner Großmutter im Zug saß, der irre heimwärts dampfte, war ich wie in Trance. Am Tag darauf wurde ich sehr krank. Ich bekam hohes Fieber mit Schüttelfrost, Kopfschmerzen, dass ich nicht mehr aus den Augen gucken konnte, behielt kein Essen in mir und fühlte mich derart schwach und elend, dass ich wünschte, meine besorgte Mutter würde mich sterben lassen. Ich brauchte Wochen zu genesen und mehr als einmal hat unser Hausarzt meiner Mutter gesagt: ‚Machen Sie sich darauf gefasst, dass ihr Sohn diese Nacht nicht übersteht.‘ Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Fieberphantasie war, aber einmal stand auch Onkel Doktor Ehrenfelder an meinem Bett und sprach leise mit unserem Hausarzt. Im Fieberwahn sah ich Minna bleich da liegen, und eine Stimme flüsterte: „Das ist Minna. Sie stirbt.“

„Dieses Labor von Dr. Ehrenfelder lag doch nicht in einem Keller, oder? Warum zählen sie es zu den Höhlen, Kellern und Grotten, in denen die Mikroben ihnen auflauern?“

„Das verstehen Sie später. Die gleichen Symptome, nur ins Erwachsene gesteigert, fing ich mir in den Grotten von Remouchamps ein. Schon beim Verlassen der Höhle war mir elend. Ich konnte mich aus dem Kahn kaum erheben, fiel am Anleger auf die Knie und kam nicht mehr hoch. Der kalte Schweiß stand mir auf der Stirn und ich fühlte mich entsetzlich dünnhäutig, so als könnte mir jeder Eindruck wie ein Meteorit auf den Seelengrund einschlagen und ihn verheeren. Ein Einschlag, auf gewisse Weise schauerlich, hat sich in meinen Seelengrund eingebrannt. Die alte Frau, die am Eingang der Höhle im Kassenhäuschen gesessen und uns die Tickets verkauft hatte, ging nun am Ausgang herum. Sie hatte nur ein Bein und stützte den Stumpf ihres Knies auf ein Brettchen, das oben auf einer Stelze angebracht war und von knieumschlingenden Lederbändern gehalten wurde. Die Alte ging umher, als wollte sie jedem zeigen: Seht her, wie schön ich mit dieser Gehhilfe gehen kann, diesem Zerrbild einer Prothese. Man musste mich in den Bus bugsieren, wo ich elendig in meiner Sitzbank am Fenster lehnte und fror. Da schon überkam mich der Schüttelfrost, bei dem meine Zähne klapperten, dass ich fürchtete, sie würden zerbrechen. Besorgte Kollegen begruben mich unter Jacken, ahnten wohl schon, dass ich für längere Zeit ausfallen würde. Die ganzen Wochen meines Leidens erinnerte ich mich mit Schaudern an die Höhle von Remouchamps, an die Frau mit der armseligen Prothese und dass mich dort etwas angefallen hatte, das Äonen schon auf mich lauerte.“

„Äonen? So alt sind Sie noch nicht“, wandte ich ein.
„Ja, ich nicht. Aber meine Vorfahren.“
„Wie meinen?“

„Vor einigen Jahren schickte mir meine Mutter, Gott hab sie selig, eine obskure medizinische Zeitschrift. Dr. Ehrenfelder hatte darin einen Aufsatz veröffentlicht: ‚Über die Vergesellschaftung des Frühmenschen unter dem Einfluss von Mikroben.‘ Die Zeitschrift war schon ganz zerfleddert, denn sie war in der ganzen Familie rumgereicht worden. Der Ehrenfelder Rainer war nämlich der Stolz der gesamten Familie. Niemand sprach über seine theoretischen Annahmen, alle fanden nur, dass in der Zeitschrift ein schönes Foto von ihm abgedruckt war. Angetan mit einem weißen Kittel stand er stolz aufgerichtet in seinem Laboratorium. Schlagartig erkannte ich die Szenerie wieder als den Raum, in dem ich mir als Kind eine schwere Krankheit eingefangen hatte, ja, mich überkam sogleich ein Schüttelfrost. Eine ähnliche Wirkung hat übrigens der Name Remouchamps. Ich fürchte mich, ihn auszusprechen.“

„Was geschah mit Minna?“

„Sie ist tot, starb kurz nach meinem Unfall im Laboratorium. Aber mehr weiß ich nicht. Es wurde nicht über sie gesprochen. All die Jahre mochte ich nicht darüber nachdenken, dass Minna gestorben war, weil ich sie nackt in der Badewanne sehen wollte.

„Wie kommen Sie darauf?“

Folge 3

Einiges über mikrobiotische Reisezentren

Inzwischen haben menschliche Biologen herausgefunden, dass in Ameisen lebende Bakterien deren Verhalten steuern. Manche Biologen vermuten sogar, dass auch menschliches Verhalten von Mikroben gesteuert werde. Betrachten wir noch einmal den gestern schon im Bild gezeigten Ampeldruckknopf, von dem wir wissen, dass er den offiziellen Zweck nicht erfüllt. Mein vertrauenswürdiger und kundiger Informant diesbezüglich war ein Stadtplaner, also ein Mann, dessen Profession es ist, sich Gedanken zu machen über Fußgängerströme und wie sie verkehrstechnisch sicher zu leiten wären. Man kann sich vorstellen, dass viele Mikroben sich an der menschlichen Hand aufhalten. Ein öffentlich angebrachter Schaltknopf, der mit der Hand berührt werden soll, wird naturgemäß mit den Mikroben kontaminiert. Eine weitere Hand nimmt einen Teil der Mikroben wieder auf und transportiert sie zu anderen Wirten an einem ganz anderen Ende der Stadt.

mikrobiotischer-Bahnhof Auf diese Weise sind solche Knöpfe, von denen es schier Millionen in den Städten gibt, sind diese Knöpfe mikrobiotische Reisezentren, auf denen es von Reisewilligen geradezu wimmelt, ein Gedränge und Schubsen schlimmer als im Kölner Hauptbahnhof. Der größte Unterschied ist die Unwägbarkeit des Reiseziels, als würden im Kölner Hauptbahnhof die Reisenden nach dem Zufallsprinzip auf Züge verteilt, von denen niemand wüsste, wohin sie überhaupt fahren. Du hast einen schönen Fensterplatz ergattert, schaust hinaus, da rollt dein Zug am Kölner Dom vorbei und du freust dich, denn jetzt folgt die Rheinüberquerung auf der phantastischen Hohenzollernbrücke und weiter ins belebte Ruhrgebiet. Du kannst aber auch Pech haben und dein Zug rollt zur anderen Seite aus dem Bahnhof und weiter Richtung Eifel. Da denkst du: „Och nein, nicht schon wieder die Eifel! Da haben meine Vorfahren doch schon letztens Äonen lang in einem Kuhfladen festgesessen, bevor sie endlich in der Nase eines Bauern gelandet sind, der sie dankenswerter Weise in einem Köln-Ehrenfelder Supermarkt ins Obstregal geniest hat.“

Wir wollen das nicht weiter ausgestalten. Viel interessanter ist die Frage, ob nicht die Mikroben, die an und im Menschen leben, ein großes Interesse am Sozialleben der menschlichen Art haben. Anders ausgedrückt: Ist der Mensch ein Sozialwesen, weil die Mikroben ihn dazu gedrängt haben? Haben beispielsweise Mikroben einem Verkehrstechniker die Idee vom gelben Ampelknopf ins Denken geschmuggelt, die er, mit der Fähigkeit der Rationalisierung ausgestattet, plötzlich aus verschiedenen Gründen hilfreich und probat gefunden hat, wodurch er andere von der Nützlichkeit überzeugen konnte, weshalb es jetzt überall an den Fußgängerampeln diese Mikrobenreisezentren gibt? Ich bitte, diese Frage in der Registratur zu diskutieren und auch zu erwägen, ob nicht für das irrationale Verhalten der Menschen diese Mikroben verantwortlich sind. Vielleicht sind sie in Wahrheit die intelligente irdische Spezies.