Vogelbach-Schlosschädiggeschädigigigge oder VG

Guten Tag, glauben Sie an Orthographie?

„Ein Orthograph und eine Gouache sind eine naheliegende Wahl, denn der Unterschied zwischen einem Orthographen und einer Gouache besteht darin, dass erstere eine starre Struktur und nicht nur ein Kleingedrucktes ist. Sie sind nützlich, wenn Sie den Buchstaben oder die Phrase in einem einzigen Kontext anzeigen möchten, aber auch, wenn Sie verschiedene Versionen derselben Phrase in separaten Versionen anzeigen (das deutsche Rechtschreibsystem), oder wenn Sie nicht nur einen einzelnen Buchstaben in Ihren Dokumenten, sondern mehrere Versionen wünschen, wie die berühmte Abbildung oben.

Doch damit nicht genug. Vor kurzem stieß ich auf eines dieser Bücher von Gerhard Schloss, in dem er über Orthographie und Gouache spricht. Er spricht von einigen aufwändigeren und komplexeren Versionen, die als Vogelbach-Schlosschädiggeschädigigigge oder VG bekannt sind. Ich denke, es geht nur darum, was auf dem Cover steht, aber wenn nicht, gibt es hier mehr Informationen zu diesem Thema. Das Buch enthält eine interessante Beschreibung ihrer Funktionsweise: http://www.gutenbergbücher.de/index.php?book_id=1355. Aber es gibt einen Haken! Es ist für Leser geschrieben, die neu in diesem Fach sind, und es gibt nur zwei Seiten: eine der englischen Übersetzungen, die in englischsprachigen Lehrbüchern verwendet werden soll. Der andere ist der …“

Bevor jemand denkt, jetzt ist er völlig übergeschnappt, einige Bemerkungen zur Entstehung dieses Textes, der bedauerlicher Weise, andere werden sagen „zum Glück“ mitten im Satz abbricht. Es trug sich zu am besagten Abend mit Freund Merzmensch im Biergarten der Ständigen Vertretung. Auf der Suche nach einem profanen Ort betrat ich das weiträumige Lokal und fand mich bald wieder in einem surrealen Gang, schmal, aber hoch und so lang, dass ich glaubte, ganz leicht die Erdkrümmung wahrzunehmen. Über viele Schritte fürchtete ich, mich verirrt zu haben.

Die linke Wand dieses Gangs ist bis hoch hinauf mit Porträts bekannter Personen aus der alten Bundesrepublik tapeziert. Unter vielen anderen sah mich Josef Beuys an, und wenn sein Porträt bedeutete, dass er auch schon einmal hier gewesen war und den Ort gesucht und gefunden hatte, war ich getröstet, dass auch ich ihn finden würde und mir keine Irrfahrt durch den NordLB-Glaspalast drohte, der ja wohl einen ganzen Häuserblock einnimmt. Wegen dieses Toilettengangs musste ich lange unterwegs gewesen sein.

Als ich zurückkehre, hatte Vladimir in „Buchkultur im Abendrot“ geblättert, das ich ihm geschenkt habe, die Abbildung oben gefunden, das KI-Programm „Talk to Transformer“ auf seinem Smartphone aufgerufen und eingegeben: „Guten Tag, glauben Sie an Orthographie?“, worauf das Programm blitzschnell den obigen Text verfasst hat, leider auf Englisch. Er hat ihn vom ebenfalls auf KI beruhenden Übersetzungsprogramm DeepL übersetzen lassen.

Wir erheiterten uns über das verrückte Wort „Vogelbach-Schlosschädiggeschädigigigge.“ Bei „oder VG“ schwingt eine subtile Komik mit, dass man vermuten könnte, die KI-Software hätte einen Witz gemacht. Die Behauptung, im [fiktiven] Buch von einem Gerhard Schloss gebe es „nur zwei Seiten“, ist ziemlich ulkig. Der tote Link zu einem nicht existierenden Buch erinnert an Texte des Magischen Realismus. Rätselhaft ist auch das „Ich“ im Text. Wo kommt es her? Wer ist dieses Ich? Und warum schreibt „ich“ nicht weiter? Hat Gerhard Schloss seine Finger im Spiel? Ein neuer „Fall Karl Waldmann?“

Es lässt sich in diesen KI-Text einiges hinein interpretieren. Trotzdem steht dahinter kein planender Geist, keine Identität. Weil wir wissen, dass Sprechen und Schreiben menschliches Handeln ist, ist Sprachproduktion ohne einen bewusst handelnden Verursacher schwer vorstellbar. Die KI-Software scheint erkannt zu haben, dass der Satz „Glauben Sie an Orthographie?“ witzige Zusammenhänge herstellt zwischen Glauben, wie er an der Tür verkauft wird, und dem blinden Glauben an die amtlich geregelte Rechtschreibung. Deshalb produziert sie ihrerseits einen absurdistischen Zusammenhang, hier Orthographie und Gouache. Die Verbalphrase „scheint erkannt zu haben“ verleitet wiederum, an einen verstehenden, planenden Geist zu denken.

Ein Gegenbild wäre die mechanische Registrierkasse. Wir nehmen nicht an, dass sie mit den Summen, die sie registriert, zusammenzählt und als Ergebnis ausdruckt, irgend etwas anfangen kann. Sie muss nicht wissen, was sie tut, um zu können, was sie kann. Vergleichbar registriert die KI-Software bestimmte Inhalte eines eingegebenen Textes, sucht nach Ähnlichkeiten mit Millionen anderen Texten und produziert etwas Neues ohne Sinn und Verstand. Wäre es anders, müssten wir uns ernsthafte Sorgen machen. Wie es sich mir darstellt, ist die Beschäftigung mit KI-Textproduktion vorrangig intelligente Spielerei. In engen Sachbereichen, beispielsweise Sport- Wetter- oder Börsenbericht, aber auch bei juristischen Schriftsätzen kann sie menschliche Verfasser ersetzen.

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trecke – däue – Ein inspirierender Abend

Als die zwei Donnerschläge zum Auftakt des Feuerwerks ertönten, neigte sich der schöne Abend im Biergarten der Ständigen Vertretung (Stäv) dem Ende zu. Das Lokal im futuristischen Glasgebäudekomplex der NordLB ist mir quasi ein Stück rheinländische Heimat. Auf der Tür steht „trekke“ (ziehen), innen entsprechend „däue“ (schieben, drücken) und natürlich wird Kölsch ausgeschenkt. An diesem Abend habe ich leider keines trinken können. Denn ich war vom geselligen HaCK-Treffen am Donnerstag ziemlich betrunken nach Hause gewankt und noch den ganzen Tag angeschlagen, als ich mich Freitagabend mit Freund Vladimir Alekseev alias Merzmensch traf. Wir kennen uns vom Bloggen seit dem Jahr 2007, begegneten uns noch auf der Plattform Blog.de. Derzeit sind seine klugen und immer anregenden Beiträge hier und hier zu lesen.

Dreimal haben wir uns in Hannover getroffen, denn Vladimir teilt meine Begeisterung für den Merzkünstler Kurt Schwitters, reist eigens aus Frankfurt an und nimmt als Kunstwissenschaftler und Schwitters-Experte an Symposien teil, die das hannoversche Sprengelmuseum in Abständen veranstaltet. Ich habe ihn mehrfach in „Buchkultur im Abendrot“ zitiert, u.a. zur Übersetzungsproblematik des typografischen Märchens „Die Scheuche“ ins Englische, was Thema des ersten Symposiums war.

Wie schön war es, seinen weichen russischen Akzent wieder zu hören und mit diesem inspirierenden jungen Mann zu sprechen. Heute morgen fragte ich mich, in welcher Sprache wohl einer denkt, der neben Russisch, seiner Muttersprache,  Deutsch, Englisch und Japanisch spricht und schreibt. Wir redeten über Künstliche Intelligenz (KI) und seine literarischen Experimente mit KI-Software (davon später mal mehr). Und ich fragte ihn nach neuen Entwicklungen im Fall des geheimnisvollen Dadaisten Karl Waldmann, dessen Existenz nicht zu beweisen ist, von dem es aber eine große Zahl beeindruckender dadaistischer Collagen gibt. Näheres im Blog merzdadaco.hypotheses.

Anders als die Medien, beispielsweise die Süddeutsche Zeitung, interessiert sich Merzmensch beim Fall Waldmann weniger für die Frage, ob, wann und wo der Künstler gelebt hat, sondern sieht im ganzen Gedöns eine subversive Inszenierung, mit der Kunsthandel, Provenienzforschung, Kunstkritiker und Museen genarrt werden. Der Fall Waldmann ist für Merzmensch quasi eine klug eingefädelte dadistische Kunstaktion im Sinne der von Dada propagierten Antikunst. Ähnliches hat er einem besorgten Kunstsammler mitgeteilt, der mit einer Waldmann-Collage zu ihm nach Frankfurt gekommen ist und sich der Echtheit versichern wollte. Somit „bin ich Teil der Inszenierung Karl Waldmann geworden“, sagt Vladimir. Mit meiner Definition von Kunst „Kunst ist, was ein Künstler in künstlerischer Absicht schafft“, gerate ich damit in Probleme.  Was aber, wenn der Künstler hinter einem Werk nicht fassbar ist? Waldmanns Collagen haben unstreitig Qualität. Es muss einen Schöpfer geben, auch wenn uns nur die imaginäre Gestalt, das Phantom Waldmann bekannt ist.

Und dann ging das Feuerwerk hoch. Wir konnten es nicht sehen, weil Gebäude und eine Baumkrone im Weg waren, brachen deshalb auf und sahen das finale Funkensprühen gespiegelt in den dunklen Fenstern eines Gründerzeithauses.

Post von Hans

An einem heißen Sommertag im Juli 2013 besuchte ich den Altstadtflohmarkt Hannover am Hohen Ufer der Leine und schob mich unter einer brennenden Sonne durch die Menschenmassen zwischen den Buden. Ich suchte einen Stand mit antiquarischen Ansichtskarten, weil ich mich am archäologischen Literaturprojekt „Inspiring Voyeurism“ beteiligen wollte, einem Mitmachprojekt aus Blog.de-Zeiten, zu dem Freund Merzmensch aufgerufen hatte. Die Idee: antiquarische Ansichtskarten regen zu Untersuchungen und Spekulationen an.

Wer? … hat die Karte, Wann, von Wo, an Wen verschickt?
Warum? … Was bedeutet der Text der Karte?

Da bietet ein Händler Ansichtskarten feil, eng gestapelt in zwei Kartons. Die Sonne im Nacken blättere ich mit schwitzigen Fingern in den Karten. Soweit sie rückseitig keine Aufschriften haben, sind sie uninteressant. Obwohl meine Suche in der Hitze ungeduldig ist, finde ich zehn Karten. Der Trödler kommt heran, blättert meine Auswahl durch und will elf Euro. Da wären schließlich ein paar besondere bei. „Was? höchstens fünf Euro!“ „Acht Euro, um Ihnen entgegen zu kommen.“ Ich schaue in meine Geldbörse und sage: „Ich habe sieben Euro klein. Mehr können Sie nicht haben!“ Er gibt mir die Karten. Später setze ich mich in den Schatten und betrachte meine Beute. Einige der Karten sind ein Glücksgriff für meinen Projektbeitrag. Er sollte bald im Blog des Hannover Cünstler Kollektivs (HaCK) erscheinen. Leider ist das Blog mit der Plattform im digitalen Orkus versunken und auch nur rudimentär im Internet Archiv gespeichert. Das leider unvollständige Manuskript ist mir mehrmals schon in meinem Festplattenarchiv wieder begegnet. Es heißt: Der liebe Hans.

Hans hat im Abstand von drei Jahren zwei Ansichtskarten an seine Eltern geschickt, die erste 1954 aus Bonn, die zweite 1957 aus Berlin. Ich habe die Karten hintereinander gestapelt gefunden, ein Glücksgriff. Denn so erzählen die Karten eine längere Geschichte aus dem Leben von uns unbekannten Personen. Wäre es nicht so heiß gewesen am Stand des Trödlers, hätte ich gern weitere Karten von Hans gesucht. Aber so ist auch schön:

Die erste Karte zeigt im Vordergrund den Rhein, am jenseitigen Ufer das Bundeshaus in Bonn, eine Aufnahme aus den frühen 1950-er Jahren. Über dem schlichten Gebäude ist eine Fahne gehisst. Sonst könnte es auch ein simples Bürohaus sein. Trotzdem handelt es sich um das Parlament, und es scheint Hans wichtig gewesen zu sein, den Eltern diesen Eindruck zu vermitteln, mehr noch, er schreibt:

Liebe Eltern!
Herzliche Grüße aus dem Bundeshaus in Bonn
sendet Euch Euer Hans

Hans ist also im Bundeshaus gewesen und hat nicht etwa im Rhein gestanden, wie das Foto nahelegt. Vermutlich konnten Besucher die Ansichtskarte im Foyer des Bundeshauses erwerben. Abgeschickt ist die Karte laut Poststempel in Bonn, am 20. Oktober 1954.
Was war am 20. Oktober 1954 im Bundestag?

„Einstimmig beschloss der Bundestag, dass Bürger Ost-Berlins, die im Westteil der Stadt einen Arbeitsplatz hatten und diesen verloren, ein Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung haben sollten. Die SPD warf in einer Bundestagsdebatte über Probleme der Jugend der Regierungskoalition vor, mangelndes Interesse an der Jugend zu haben.“

(Nachweis von hier.) Es ist unwahrscheinlich, dass Hans als Jugendlicher von Hannover aus einen Ausflug nach Bonn gemacht hat, um sich den Vorwurf der SPD anzuhören. Seine gut entwickelte, selbstbewusste Handschrift weist ihn als jungen Mann aus. Der exzentrische Schnörkel beim großen H zeigt einen infantilen Hang zur Eitelkeit. Vielleicht ist Hans in Bonn, um Jura zu studieren, mit dem Ziel, später in einer Bundesbehörde Karriere zu machen. Schließlich hat der Vater es in Niedersachsen schon zum Oberregierungsrat gebracht, wie die Adresse ausweist, und erwartet, dass sein einziger Sohn etwas aus sich macht. Die Anschrift weist eine Auffälligkeit aus:

Herrn
Oberreg.Rat O. Bxxxxxxxx
Hannover

Obwohl der Kartengruß an die Eltern gerichtet ist, taucht die Mutter in der Anschrift gar nicht auf, getreu der damaligen Konvention, dass die Ehefrau im Hintergrund zu stehen hat und nur über den Berufsstand des Mannes etwas gilt. Dass Hans dieser Konvention auch im Familiären folgt, weist ihn als hochgradig konservativ aus. Vermutlich ist er ein angepasster gelackter Schnösel und wie schon sein Vater Mitglied der Burschenschaft der Norddeutschen und Niedersachsen zu Bonn, einer schlagenden Verbindung. Man kann sich sein Elternhaus vorstellen. In der schummrigen Eingangsdiele der Stadtvilla im Jugendstil riecht es nach Bohnerwachs. Die Dielen sind spiegelig gewienert, die Wände mit dunkler Eiche vertäfelt. Die Eingangstür hat farbiges Glas, durch das Tageslicht nur milde hereinsickert. Über die Treppe zum Obergeschoss erstreckt sich ein weinroter Läufer, der in den Stufenecken mit goldglänzenden Messingstangen justiert ist. Auf einer Anrichte liegt ein gehäkeltes Spitzendeckchen. Darauf steht ein schwarzes Telefon. In einer Schale liegt die Post vom Tage, damit der Hausherr sie sogleich beim Heimkommen inspizieren kann … Sie ruft: „Ach, Hans hat geschrieben!“ Er: „Wurde auch Zeit.“

Drei Jahre später. Der Vater ist inzwischen pensioniert. In der Anschrift fehlt sein alter Titel, was nicht bedeutet, dass die Mutter jetzt genannt würde. Es heißt schlicht:

Herrn Otto Bxxxxxxxx und Frau

Zumindest das große überragende F von Frau zeigt, dass ihre Stellung sich entwickelt hat. Klar, er ist Pensionär und hat seine Reputation eingebüßt. Der Schnörkel, den Sohn Hans beim großen H macht, ist jetzt noch ausgeprägter. Hans hat die ihm gemäße Form gefunden, auch wenn es aus heutiger Sicht eine lächerliche Form ist. Das Gespräch zwischen ihm und den Eltern ist jedoch verstummt. Er hatte vor, einiges zu schreiben, hat sehr weit oben angefangen, sogar die Trennlinie überschritten. Dem herzlichen Auftakt:

Liebe Eltern!

Folgt nur ein lakonisches …

„Herzliche Grüße aus Berlin
Euer Hans“

Die Absicht war da, aber es ist ihm nicht mehr eingefallen. Trotz raumgreifender Schrift bleibt die Karte im unteren Drittel leer. Was steht da nicht? Warum schreibt er überhaupt? Hofft er auf finanzielle Unterstützung? Ist er dem Berliner Nachtleben verfallen, wie das Kartenmotiv nahelegt? Oder gab es ein Zerwürfnis? Die Tinte ist grün, weist auf einen gehobenen Berufsstand. Sachbearbeiter schreiben Rot, leitende Herrschaften Grün. Was ist passiert im Leben von Hans? Weitere Nachricht haben wir nicht. Gerade ist er vor uns aufgetaucht, nahm Gestalt an, die Eltern ebenso. Schon zerfließen die drei im Nebel der Zeit.

Danke, lieber Merzmensch, für das inspirierende archäologische Literaturprojekt!

Geheimschrift der Freimaurer – falsch bei Wikipedia

Blogkollege Merzmensch zeigt in seinem aktuellen Beitrag
Das wundersame Verschwinden von Bruno Borges unter anderem einen Papierstreifen, der mit Zeichen der Freimaurerischen Winkelschrift beschriftet ist und bildet zur Entschlüsselung eine Grafik des Konstruktionsprinzips aus Wikipedia ab. Die Darstellung ist erkennbar falsch, weshalb die Zeichen auf dem Papierstreifen keinen Sinn ergeben, was Freund Merzmensch natürlich aufgefallen war. Wenn man den richtigen Schlüssel anwendet, steht dort das Alphabet. Das Konstruktionsprinzip der Freimaurerischen Winkelschrift ist nämlich recht einfach, weshalb der Universalgelehrte Giambattista della Porta (1535-1615) sie hochmütig als Schreibweise verspottete „derer sich Landleute, Dämchen und sogar Kinder bedienen könnten.“ Vielleicht hatten bei der falschen Darstellung im Wikipediaeintrag Freimaurer die Finger im Spiel. Denn natürlich ist eine Geheimschrift, deren Schlüssel verraten ist, nicht mehr geheim. Das echte Konstruktionsprinzip, wie es aus der Renaissance übermittelt wurde, hier exklusiv im Teestübchen:

Konstruktionsmatrix Freimaurerische Winkelkschrift – Grafik: JvdL

18 Buchstaben des Alphabets stehen paarweise in einer Matrix. Es fehlen „j“, „k“, „u“ und „w“, denn sie sind historisch gesehen erst später dem lateinischen Alphabet zugefügt worden. Das kleine „i“ ist ein Halbvokal und kann „i“ oder „j“ bedeuten, „c“ hat zwei Lautwerte, „c“ oder „k“. Das „u“ ist ebenfalls ein Halbvokal und kann „u“, oder „v“ bedeuten. Mit dem doppelten „u“ kann man das „w“ schreiben. U-x-y-z haben eine eigene Matrix.

Zum Verschlüsseln zeichnet man jeweils das zugehörige Winkelelement. Der 2. Buchstabe im jeweiligen Feld der Matrix wird mit einem Punkt angezeigt. Zum Entschlüsseln liest man die Buchstaben aus den Matrixen aus. Das ist kinderleicht, kann jeder Landmann und erst recht jedes „Dämchen“.

Kleiner Scherz: Wer das unten verschlüsselte Zitat entschlüsselt, wird eine „Ehrenrettung“ der Dämchen durch den Hamburger Kaffeeröster Albert Darboven lesen können.

(Albert Darboven) – Verschlüsselung und Grafik: JvdL

 

 

Ist kreuzworträtseln intelligentes Verhalten?

kategorie alltagsethnologieFreund Merzmensch berichtet in seinem Kunstwissenschafts-Blog über den Fall einer Zahnärztin im Ruhestand, die im Neuen Museum Nürnberg das Bild „Reading-work-piece“ des Fluxuskünstlers Arthur Köpcke (1928-1977) beschädigt hat. Das Bild zeigt den Ausschnitt eines Kreuzworträtsels, an dessen oberen Bildrand Köpke die Aufforderung „Insert Words“ („Setze Wörter ein“) platziert hat. Die 91-jährige Rentnerin fühlte sich aufgefordert und füllte das Kreuzworträtsel mit Kugelschreiber aus. Das brachte der alten Dame zu ihrer Überraschung eine Strafanzeige ein. Merzmensch erörtert die Frage, ob die Frau nicht ganz im Sinne des Fluxus gehandelt habe, denn Fluxus sei angelegt auf eine künstlerische Beteiligung, Interaktion, Aneignung und Verschmelzung von Kunst und Leben. Mich interessiert ein anderer Aspekt. Offenbar hat ein Kreuzworträtsel in unserer Kultur eine hohe appellative Kraft. Seine schiere Existenz in Zeitung oder Zeitschrift ruft „Füll mich aus!“ Man muss es nicht ausdrücklich daran schreiben wie Arthur Köpcke. Das fällt besonders auf an Kreuzworträtseln in Lesezirkelheften, wie sie in Wartezimmern herumliegen. Immer hat da schon jemand seine Chiffren hinterlassen. „Wer sein Allgemeinwissen auf die Probe stellen oder erweitern will, für den sind Kreuzworträtsel eine spannende Herausforderung.“, wirbt Focus online für sein digitales Kreuzworträtsel.

Mensch und Kreuzworträtsel ist wie dressiertes Hündchen und Stöckchen. Die Verbreiter von Kreuzworträtseln halten das Stöckchen „Probe dein Allgemeinwissen!“ hin, und der Rätselfreund hupft rüber. Viel von der Lust, ein Kreuzworträtsel zu lösen, hängt sicher mit der intellektuellen Herausforderung durch ein Rätsel zusammen, aber richten wir die Aufmerksamkeit auf die Fragen der Kreuzworträtsels. Was der Focus euphemistisch „Allgemeinwissen“ nennt, ist in Wahrheit Kreuzworträtselwissen und weist systembedingt wiederkehrende Begriffe auf, so dass es sogar Kreuzworträtsellexika mit einer übersichtlichen Zahl von Einträgen geben kann.

Statt Kreuzworträtsel hier ein Bild von sinnlosen Symbolen, die ich mal erfunden habe  - Grafik: Trithemius

Statt Kreuzworträtsel hier ein Bild von sinnlosen Symbolen, die ich mal erfunden habe – Grafik: Trithemius

Abfragbares und aus seinem Kontext herausgelöstes Wissen finden wir alphabetisch geordnet im Lexikon, ebenso im digitalen Lexikon, nur dass der haptische Vorgang des Suchens durch digitale Suchassistenten erledigt wird. Niemand wird einem Lexikon, sei es analog oder digital, Intelligenz zugestehen. Ebenso wenig kann die Fähigkeit, abfragbares Wissen zu reproduzieren als intelligentes Verhalten gelten. Man kann sich allenfalls was auf ein gutes Gedächtnis einbilden. Wer beim Lösen von Kreuzworträtseln reüssiert, etwa bei den Deutschen Meisterschaften im Kreuzworträtseln, benötigt nur, was Adorno als Erscheinungsform der „Halbbildung“ charakterisiert und der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann sogar als Unbildung kennzeichnet. Abfragbares Wissen zu memorieren, ist leider nur das Wühlen in geistigen Schubladen, ohne dass mit den Fundgegenständen etwas Sinnvolles verknüpft würde. Es ist vor allem kein selbstständiges Denken, sondern hindert sogar am Denken, indem es Zeit und Ressourcen frisst. Kreuzworträtseln lebt von der Illusion, es wäre eine geistige Tätigkeit und ist sicher deshalb so beliebt, weil es die allgemeine Denkfaulheit legitimiert. Sie wird auch nicht besser, wenn man sie wie die „Kreuzworträtseldame“ (Merzmensch) zur Kunst erklärt.

Da war – ich bin – du bist! – Neues von der Historischen Avantgarde

Am rechten Gebäudeflügel des Rathauses löst sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft auf. Vor mir über einen vom Regen aufgeweichten Weg vorbei am Maschteich stakst eine Frau mit silbernen Pömps durch den Matsch. Ein kleiner Junge, der wie ein mauretanischer Edelknabe verkleidet ist, trippelt an ihrer Seite, kann aber kaum Schritt halten. Sie denkt offenbar nicht daran, ihn unter den Schirm zu nehmen. Ihr Mohr darf ruhig nass werden, ihr roter Fummel jedoch nicht. Ich bedauere, keine Kamera bei mir zu haben, bevor ich realisiere, dass ich doch mit der eierlegenden Wollmilchsau in der Tasche meines Jacketts zumindest ein Bild knipsen könnte.
silberne-schuh
Obwohl die Frau auf ihren silbernen Pömps immer wieder einknickt, ist sie sehr schnell. Und bevor ich die Fotofunktion meines Smartphones gefunden habe, ist sie mir fast davongeeilt und hat ausgerechnet den lästigen Mohr fast abgehängt, so dass er mir ins Bild läuft. Da weiß ich sofort, das Bild ist verunglückt und wenn ich eine Karriere als Fotograf anstreben würde, könnte ich gleich nach Hause gehen.

Wie der Vlaamse Radio- en Televisieomroep (VRT) meldete, brachen in einem Brüsseler Kinocenter Krawalle aus, so dass es geräumt werden musste. Das Kinocenter hatte als Werbeaktion mit einem reduzierten Eintritt von 4 Euro gelockt und damit Tumulte ausgelöst.

Es ist Samstag. Der Erweiterungsbau des Sprengelmuseums Hannover wird eröffnet und der Eintritt ist nicht auf vier Euro reduziert, sondern sogar frei. Aber die steifen Hannoveraner verlieren nicht den Kopf, weil sie ein paar Euro sparen können. Tumulte bleiben aus. Es geht gesittet zu im vollen Eingangsbereich. In der Menge sehe ich meinen Blogfreund Merzmensch sofort. Seinetwegen bin ich hergekommen. Wir kennen uns als Blogger schon gut sieben Jahre, hatten uns vor Jahren schon einmal im Sprengelmuseum getroffen, als der junge Kunstwissenschaftler Merzmensch an einer Tagung über den Hannoveraner Dadaisten Kurt Schwitters teilgenommen hatte. Das Interesse an Kurt Schwitters verbindet uns. Schwittters hatte seine Spielart des Dadaismus Merz genannt, daher der Name Merzmensch. Die linksradikalen Berliner Dadaisten hatten den bürgerlichen Schwitters weitgehend abgelehnt. Dafür unterhielt Kurt Schwitters enge Kontakte zu El Lissizky, einem wichtigen Vertreter der russischen Avantgarde. Die beiden arbeiteten zusammen an der Zeitschrift MERZ.

Mein Freund Merzmensch kommt eigentlich aus Russland, ist aber ein weltgewandter Kosmopolit. Anders als ich ist er bestens ausgerüstet, mit Kamera, Objektivtasche und Laptop. Deshalb kann er über die Eröffnung des Erweiterungsbaus auch kompetenter berichten als ich, nämlich hier in seinem anregenden Wissenschaftsblog

Ich möchte etwas anderes zeigen, und zwar eine kuriose Parallele zwischen einem Video von mir und einem von Merzmensch. Bei 6:21 Minuten ist ein Interview mit einer Dame Pressesprecherin zu sehen, die vor lauter Erzählfreude nicht nur vergisst, was ich sie gefragt habe, sondern ein wenig selbstbezüglich meine Speicherkarte vollquatscht, bis …

Das Ende im Video von Merzmensch ist wie mir scheint, die sympathische Antwort.
Aber beide Videos lohnen sich natürlich, von Anfang an betrachtet zu werden. Viel Vergnügen!