Gabrieles Fibel – ein Straßenfund

„aus bibel machte die bairische mundart wibel“, weiß das Deutsche Wörterbuch und erläutert: „wibel konnte leicht in fibel übergehn.“ Das gibt den Hinweis auf die Herkunft des Wortes Fibel. Das Duden-Herkunftswörterbuch vermutet:

„Fibel w Lesebuch: das seit dem 15. Jahrhundert bezeugte Wort hat sich aus der Kindersprache entwickelt. Es ist entstellt aus Bibel. (Die Lesebücher der Abc-Schützen enthielten sehr viele Geschichten aus der Bibel.)“

Mein Erstlesebuch hieß „Meine liebe Fibel.“ Nach der Bedeutung des Wortes „Fibel“ habe ich mich gestern erst gefragt, nachdem ich nahe dem Lichtenbergplatz in einem Karton mit ausgesetzten Büchern eine alte Fibel fand, „Bunte Welt – Eine Fibel“, erschienen 1952, für den Schulgebrauch zugelassen in Hamburg.

Auf dem Schmutztitel hat sich in ungelenker Schreibschrift die Besitzerin Gabriele K. verewigt, was aber erst nachträglich geschehen sein kann, denn das Buch fängt mit Druckschrift an, und erst am Schluss ist eine Tafel mit dem Alphabet der Deutschen Normalschrift zu sehen, der Vorläuferin der Lateinischen Ausgangsschrift. Der Vorname Gabriele hatte seine höchste Beliebtheit zwischen 1950 und 1960. Mackensens Das große Buch der Vornamen verzeichnet bereits 1969 „gegenwärtig zurückgehend.“ Ende der 1960er Jahre klang Gabriele schon zu geziert, und die meisten Namensträgerinnen kürzten sich zu Gaby. Heute heißt kein Mädchen mehr so. Die Zulassung eines Schulbuches für den Schulgebrauch dauert in der Regel sieben Jahre. Gabriele kann also frühestens 1959 in Hamburg eingeschult worden sein, wäre demnach 1953 geboren, also heute 66 Jahre alt. Wieso die Fibel jetzt schnöde ausgesetzt wurde, nachdem sie so lange Zeit aufbewahrt worden war, erschließt sich mir nicht. Aber immerhin habe ich deshalb gelernt, woher das Wort Fibel stammt.

Witzig finde ich den frechen Protest der kleinen Gabriele gegen die monotone Gestaltung des Umschlags. Auf dem ersten Blatt hat sich ein bedrohlicher Schornsteinfeger ein Kind gegriffen und macht es schwarz im Gesicht. Im Gegenzug malt Gabriele die Buchstaben des Titels bunt an und gibt, indem „Bunt Welt“ auch bunt gemalt ist, ein schönes Beispiel von Mehrfachkodierung.
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