Aufregung über die Tannenberg-Schrift bei Edeka

Ein Edeka-Markt in Greifswald ist in die Kritik geraten, weil auf Hinweisschilder im Markt die an Fraktur angelehnte Schriftart Tannenberg verwendet wurde. Ein Twitter-User hat darauf aufmerksam gemacht. Der Vorwurf lautet, die Schrift transportiere Nazi-Symbolik. Der Marktbetreiber gibt an, er habe sich mit der Schrift an den Ort seines Marktes angelehnt. Das Einkaufszentrum ist in den denkmalgeschützten Hallen eines ehemaligen Reparaturwerks für Eisenbahnwaggons untergebracht. Tatsächlich hat die deutsche Reichsbahn ab Mitte der 1930-er Jahre auf ihren Bahnhofsschildern die Tannenberg verwendet. Sie ist an alten Bahnhöfen in Ostdeutschland noch zu sehen. Die Tannenberg ist keine echte Frakturschrift, sondern eine sogenannte Bastardschrift, weil sie stilistische Merkmale der Grotesk trägt. Deshalb wurde sie von Schriftsetzern als Schaftstiefelgrotesk geschmäht.

Oberflächlich betrachtet, ist Tannenberg vielleicht ein von Tannen bestandener Berg. Die deutsche Geschichte lehrt etwas Anderes. Die Schlacht bei Tannenberg war eine blutige Schlacht des Ersten Weltkrieges, bei der die deutschen Truppen siegten, weshalb sie zu Propagandazwecken heroisiert wurde. In diesem Kontext ist der Name der Schriftart Tannenberg zu sehen.

Woher stammt nun der Vorwurf, die Tannenberg transportiere Nazi-Symbolik? Die im Barock als Gebetbuchschrift entstandene Fraktur hatte über Jahrhunderte als deutsche Schrift gegolten und galt in den Anfängen des Nationalsozialismus als Ausdruck deutscher Identität. Das ging so weit, dass im Jahr 1937 jüdischen Verlagen verboten wurde, Fraktur zu verwenden.. Auch wurde in den Anfängen der Nazizeit das Eckige der Fraktur, mehr noch ihrer Vorform, der gotischen Textura, mit dem deutschen Nationalcharakter gleichgesetzt, lautstark durch den reaktionären Bund für deutsche Schrift. Diese Deutschtümler werden nicht schlecht gestaunt haben, als der von Martin Bormann gezeichnete Erlass am 3.1.1941 ein Verbot aller Frakturschriften brachte. Da hatte man bei der NSDAP nämlich erst gemerkt, dass die seit Jahren in ihrem Briefbogen verwandte Frakturschrift vom Juden Lucian Bernhard entworfen worden war. Im Erlass werden zur Strafe alle Frakturschriften als „Schwabacher Judenletter“ bezeichnet und ihr Gebrauch wird untersagt.

Ungeachtet der historischen Tatsache bringen unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufreger die Fraktur noch immer mit dem Nationalsozialismus in Verbindung. Bereits im Dezember 2017 haben viele Leute sich ereifert über ein Logo in Frakturschrift, das die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihrer neuen Panzerfahrzeuge hatte aufbringen lassen. (Teestübchen berichtete) Man sah auch in diesem Schriftzug Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Erstaunlich war, dass ein Schriftcharakter kritisiert wurde, nicht aber die Tatsache, dass die sächsische Polizei paramilitärisch aufrüstet. Auch hier erwies sich Political Correctness als Augenwischerei.

Vorwärts, linksrum! Mach ma Kaffee! – Buchkünstler Christian Dümmler und die Fraktur

Ein buchtechnisches Kleinod sandte mir Christian Dümmler, der „overlord of bookdesign“ (Jason Koxvold), ein neues Produkt aus seinem Indie-Verlagsprojekt „Edition Blumen“, ein Heft von 32 Seiten mit einer Auswahl von zehn Texten aus meinem neuesten Buch „Goethes bunter Elefant.“ Der Anthologie gab er den Titel eines der ausgewählten Texte: „Neueste Nachrichten vom Nichtstun.“ Im Heft fand ich eine typografische Besonderheit, nämlich die Auszeichnung bestimmter Textstellen in Frakturschrift. Von dieser Idee war ich sogleich angetan.

Bis zum Verbot der Frakturschriften im Jahr 1941 durch die Nationalsozialisten war es üblich, in Frakturtexten alle Fremdwörter in Antiqua zu setzen.
Was spricht heute dagegen, umgekehrt die Fraktur zu neuen Auszeichnungszwecken zu verwenden? Eigentlich ist es ein Wunder, dass Typografen und Buchdesigner die Fraktur haben links liegen lassen, seitdem sie im Jahr 1941 von den Nationalsozialisten überraschend verboten worden war. Bis zu diesem Datum hatte man die Fraktur als typische deutsche Schrift gefeiert. Das plötzliche Verbot der Fraktur kam mit einem Rundschreiben Martin Bormanns vom 3.1.1941. Darin werden Gründe genannt, die von der gesamten Fachwelt bezweifelt wurden. Historiker haben nach anderen, rationalen Gründe gesucht, doch der Auslöser ist vermutlich völlig irrational.
Einen Hinweis liefert das Original-Rundschreiben. Die Rede ist von einer Besprechung. Anwesend waren Adolf Hitler, Martin Bormann, Stabsleiter beim „Stellvertreter des Führers“, Rudolf Hess und Max Amann, „Reichsleiter“ für die Presse der NSDAP und Direktor des Zentralverlages der NSDAP, sowie der Verleger und Buchdrucker Adolf Müller. Er druckte den Völkischen Beobachter, das Zentralorgan und „Kampfblatt“ der Nationalsozialistischen Partei. Eventuell war Müller dort, um einen Neudruck des Briefbogens der NSDAP zu durchsprechen. Bei dieser Gelegenheit hat er darauf hingewiesen, dass die im Briefbogen und in Schlagzeilen des Völkischen Beobachters verwendete fette Fraktur vom Juden Lucian Bernhard entworfen worden war.
Man kann sich Hitlers Entsetzen und folgenden Wutausbruch vorstellen. Jahrelang hatte er den Beteuerungen geglaubt, die Fraktur drücke deutsche Wesensart aus, entspreche dem deutschen Nationalcharakter. Am 30. Juli 1937 hatte das Propagandaministerium jüdischen Verlagen sogar verboten, die Fraktur zum Druck zu verwenden. Dass auf dem Briefbogen der NSDAP eine Judenschrift prangte, war überaus peinlich. Als wäre Hitler zur Freude der Juden jahrelang mit einem Zettel „Depp“ auf dem Rücken herumgelaufen. Und wenn deutsche Eigenart und ihr geistiges Eigentum von jüdischer Hand gestaltet war, dann könnten alle Frakturschriften diesen Makel in sich tragen. So wurde zur Sicherheit die Fraktur gänzlich verboten. In aller Eile schusterte man eine Begründung zusammen. Was zuvor als „Verrat am Volkstum“ gegolten hatte, wurde plötzlich legitim,
Antiqua ersetzte die Fraktur und wurde „Normalschrift.

Als im Jahr 2017 bekannt wurde, dass die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihres neuen Panzerfahrzeugs Frakturschrift hatte aufbringen lassen, sah man darin Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Es ist wohl tatsächlich so, dass unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufgeregten die Fraktur fälschlich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, ungeachtet der historischen Tatsache, dass just diese Nationalsozialisten die Fraktur 1941 per Erlass als „Schwabacher Judenletter“ verunglimpft und verboten haben.

Vielleicht liegt am Ruch des Nationalsozialismus der Grund für die spätere Ablehnung der Fraktur. Im Jahr 1949 veröffentlichte der Typograf Karl Klingspor von der berühmten Schriftgießerei Gebr. Klingspor mit „Über Schönheit von Schrift und Druck“ einen Schwanengesang auf die Fraktur. Es ist ein wunderschönes, bibliophiles Buch, auf Büttenpapier gedruckt, mit vielen eingeklebten Druckbeispielen, das die Vorzüge der Fraktur zur Geltung bringt, ohne die Antiqua zu verteufeln. Klingspor ist der völkische Zungenschlag fremd, jene Befürworter der Fraktur waren ja von den Nationalsozialisten 1941 selbst zum Schweigen gebracht worden. Klingspors Argumentation ist rein schriftästhetisch. So mag man dem Autor gerne darin folgen, dass es für die Deutschen gute Gründe gibt, bei der Fraktur zu bleiben, besonders der vielen Großbuchstaben wegen, die sich in der Fraktur organischer mit den Kleinbuchstaben verbinden sowie wegen der vielen langen Wörter im Deutschen, die in der Fraktur schlanker wirken, aber der Zug für die Fraktur war 1949 endgültig abgefahren. Das Verdammungsurteil der Nationalsozialisten wirkt bis heute nach.

Es ist das Verdienst von Christian Dümmler, die Fraktur zumindest als Auszeichnungsschrift wiederentdeckt zu haben. Ich freue mich, dass er das an meinen Texten ausprobiert.

Weblink: http://www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de/2012/05/28/die-jahrelang-im-ns-reich-verwendete-gotische-fraktur-schrift-war-plotzlich-judisch-sie-wurde-1941-durch-die-lateinisierte-antiqua-ersetzt/

Literatur: Buchkultur im Abendrot