Oben auf dem Lousberg – da war natürlich Schnee …

Aus dem Tal der Soers die Schlachtrufe der Fußballfans. Heimspiel der Alemannia. Ein kollektives Aufstöhnen. – Es muss eine Lust sein, das Maul aufzureißen, und es kommt der gleiche Laut heraus wie aus dem Nachbarmaul, und links und rechts, oben und unten, zehntausendfach. Es ist die geballte Energie von Gleichgesinnten, die ins Stadion donnert, wieder heraus und über den Lousberg hinweg, dass mir die Ohren schallen. Der Schuss war wohl vorbeigegangen, das Tor lag im Schneetreiben, doch sofort gingen die Pauken wieder, die Sprechchöre zu takten für den neuen Angriff, den neuen Ansturm. Da werden sie gebibbert haben, die Spieler vom FC-WirhabendieHosenvoll.

Ich bin natürlich kein Lokalpatriot, hab mal wieder zu kräftig aufgetragen, damit man Lust hat, noch ein bisschen zu folgen. Stell dir vor, du bist ein Fußballer dort unten auf dem Platz. Du bist mitten im Spiel, forderst den Ball und kriegst ihn, nimmst an, tunnelst deinen Gegenspieler, hast den Ball wieder am Fuß, guckst einmal auf, ziehst ab, und die Kirsche plumpst ins Netz. Der Torwart ist albern daneben gesprungen, die Verteidiger raufen sich das Haar.

Dann kriegst du die Begeisterung aus zehntausend Kehlen. Kannst du dir vorstellen, was das mit dir macht? Du musst stabil sein, damit du nicht abhebst. Auf jeden Fall, wirst du süchtig danach. Du willst es noch mal und immer wieder, dieses Bad in sozialer Energie. Wenn du nicht stark bist, dann geht es dir wie manchem Spieler, der einmal auf dem Gipfel seiner Leistung war. Doch dann hat es eine Weile mal nicht gepasst, du bekommst Entzugserscheinungen und wirst unruhig. Du strengst dich an, doch weil du grad die Seuche hast, will einfach nichts mehr gelingen. Dann kann es sein, dass du trübsinnig wirst. Jeder von uns kennt das elende Gefühl, wenn die Zustimmung der anderen/des anderen zu lange ausbleibt. Man müht sich und man verkrampft dabei, und bekommt noch weniger von dem, was man sich wünscht. Wir alle brauchen soziale Energie. Es ist etwas, was wir uns selbst nicht geben können.

Oben am Meilenstein, den ein Obrist Napoleons errichten ließ, da schaute ich hinunter zum fernen Fußballfeld. Das Flutlicht gleißte durch die diesige Luft, in der die winzigen Schneeflocken wirbelten. Hast du dir schon einmal vorgestellt, derart angestrahlt zu werden, damit auch jeder sieht, was du Gutes tust? So im Licht der Aufmerksamkeit zu stehen? Ach, welch eine Lust muss das sein. (Doch für einen Einzelnen eigentlich zuviel.)

Damit allein ist es ohnehin nicht getan. Du brauchst neben der sozialen Energie auch die Kraft aus der Natur. Man muss sie aufsuchen und auf sie lauschen, damit sie einen richtig taktet. Du brauchst auch die Besinnung auf die eigene Natur, musst hören wie dein Blut rauscht, musst deinen Trieben ordentlich Nahrung geben. Schön essen, genug schlafen, eine gute Sexualität haben, etwas gestalten und dergleichen.

Wenn du ein glückliches Leben haben willst, brauchst du die Beachtung der anderen und Achtung der Natur. Dann fließt du einträchtig im Strom der Zeit, und dann lebst du im Augenblick, spürst kaum etwas mehr. Du hebst den Kopf, huch? Wo ist die Zeit geblieben, denn natürlich bist du mit ihr weiter geflossen, du hast es nur nicht bemerkt.

Haut es dich jedoch im Leben einmal um, kriegst du einen Schlag, als hätte dich ein Bus gestreift, ja, dann bist du irgendwo zu lange stehen geblieben. Die anderen sind weiter gezogen, doch du hast geträumt. Oder du hast dich gegen deine Natur vergangen, dann ist’s kein Bus, der dich streift, sondern eine rasende Lokomotive. Das kann passieren. Wenn du nicht tot bist, und du bist es nicht, sonst würdest du ja nicht lesen, dann musst du dich zuerst berappeln, und dann begib dich rasch in Sicherheit. Zuerst musst du dich wieder auf deine Natur besinnen, und dann umarme einen Baum, was nicht lächerlich ist. Wenn du aufgetankt hast, guck, wer in deiner Nähe ist, auf Armeslänge, nicht unerreichbar fern. Du hast ja noch ein bisschen, also gib, damit du zurückbekommst und wieder ein Mitmensch wirst. Du gibst und nimmst, vergisst den Baum nicht, und langsam wirst du wieder fit. Komisch, auch die Wechselfälle des Lebens sehen dich jetzt wieder freundlich an.

Wenn du gescheit und geschickt bist, dann wirst du bald stärker sein als zuvor. Denn du hast die Erfahrung des vergangenen Stoßes, und der gab dir nicht nur den Schmerz. Hinterher kam die Einsicht, und das ist ja eigentlich ein Draufschauen von oben, aus einer göttlichen Sicht. Nur musst du aufpassen, dass du nicht zu rasch gehst. Denn du wächst langsam und darfst nicht den anderen und der Natur vorauseilen, sonst kommst du erneut in Schwierigkeiten. Du brauchst auch die Ruhe, – und deshalb höre ich hier auf..

Ein Wort zum Sonntag, nimm es oder lass es liegen.
[Publiziert am 27. November 2005 im Teppichhaus Trithemius, abcypsilon777. Blog.de]

Besinnungsaufsatz – Man begegnet sich immer zweimal

Unter meinen Handtüchern befindet sich eines mit dem Aufdruck eines Fitnessstudios, der in der Wäsche verblasst ist. Ich habe es legal erworben, weil ich bei einem Fitnesstermin mein eigenes Handtuch vergessen hatte. Das Studio gehörte einem meiner Exschüler, einem wie man sagt baumlangen jungen Mann. Ich kenne ihn schon aus einer Zeit, als er noch klein war und an der Hand seiner Mutter trippelte. Das muss um das Jahr 1975 gewesen sein. Zu dieser Zeit arbeitete ich nicht mehr in meinem erlernten Schriftsetzerberuf, sondern hatte ein Studium begonnen. Da ich schon Familie hatte, musste ich nebenher arbeiten. Unter anderem layoutete ich die monatlich erscheinende AStA-Zeitung.

Bis 1974 hatte ich in einer Druckerei im Aachener Universitätsviertel gearbeitet und verstand mich gut mit deren Besitzer, so dass er mich außerhalb der Arbeitszeiten mit seinen Gerätschaften auf eigene Rechnung arbeiten ließ. Ich montierte also die Seiten der AStA-Zeitung am Leuchttisch, der im vorderen Büroraum der Druckerei stand. Von dort konnte ich durch ein großes Fenster das Geschehen auf der belebten Straße beobachten. Normaler Weise ließ ich mich nicht davon ablenken, ignorierte das vergnügungssüchtige studentische Treiben. Doch manchmal trat aus dem Hauseingang gegenüber eine schöne, großgewachsene junge Frau mit einem Kind an der Hand. Ihr ebenmäßiges Gesicht hatte etwas Puppenhaftes, soweit ich das aus der Entfernung beurteilen konnte. Sie bewegte sich langsam, und es hätte mir nicht langsam genug sein können, bis sie meinem Blickfeld entschwand. Bald hatte ich mich aus der Ferne in sie verliebt. Es war eine harmlose Schwärmerei, wie ich sie mein ganzes Leben gekannt habe. Immerzu schwärmte ich für eine mir unerreichbare Frau und gab mich unrealistischen Träumen hin.

Die Buchenallee, die sich an der nordöstlichen Flanke des Aachener Lousbergs entlangzieht, war mein bevorzugter Studienort. Dort saß ich am jungen Morgen auf einer Bank mit Blick auf das Tal der Soers und quälte mich mit Helmut Sembdners Werk über die Besonderheiten der Zeichensetzung bei Heinrich von Kleist. Wenn es mir gar zu dröge wurde, ließ ich das Buch sinken und erträumte mir, die schöne Mutter werde mit ihrem Kindlein die Buchenallee entlang spazieren, und es ergäbe sich ein Grund, mit ihr zu sprechen. Das geschah zum Glück nie.

Etwa 12 Jahre später, ich war bereits Lehrer an einem Aachener Gymnasium, da hatte sich für den Elternsprechtag eine mir unbekannte Frau Welker in die Terminliste eingetragen. Ich unterrichtete ihren Sohn in Kunst. Die Tür öffnete sich und herein trat die Frau mit dem Puppengesicht. Sie hatte sich kaum verändert seit jenen Tagen. Natürlich erkannte sie mich nicht, denn ich hatte sie ja immer aus dem Büro der Druckerei beobachtet. Nun hatte ich einen Grund, mit ihr zu sprechen. Ihr Sohn war erst seit kurzem mein Schüler und bislang nur positiv aufgefallen. So konnte ich das Gespräch zwar freundlich, doch mit der nötigen Professionalität führen. Zwischendurch horchte ich in mich hinein und stellte fest: Meine Schwärmerei für sie war über die Jahre von mir abgefallen. Nach dem Abitur muss ihr Sohn das Fitnessstudio gegründet haben, woraus mein Handtuch stammt.

Kleine Lektion in Fremdschämen

Auf dem Dorf meiner Kindheit kannte ich den Sohn eines Gärtners, zwei Jahre älter als ich, Feltens Karl-Richard. Nach Abschluss der Volksschule besuchte Karl-Richard das Internat einer Landwirtschaftsschule irgendwo weit weg in Deutschland. Einmal zu Besuch im Dorf erklärte er uns erstaunten Kindern: „Mir spreche jo nit richtisch Deutsch, mir sare „isch.“ Ävver et heeß nit „isch“, et heeß: „Üs.“ Seine rheinische Zunge weigerte sich, hochdeutsch „ich“ zu sprechen. Auch neue Versuche brachten nur „üs, üs.“ Es war sehr ulkig, wie er darin scheiterte, seine sprachlichen Wurzeln zu verleugnen.
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