Fragen Sie mich ruhig nach Tomaten!

Vor langer Zeit, als die Frankfurter Rundschau (FR) noch eine große linksliberale Tageszeitung war, nahm ich teil an einem zeitungskundlichen Seminar für Lehrer im FR-Verlagsgebäude in Neu-Isenburg. An einem Samstagmorgen wurden wir per Bus zu einem Neu-Isenburger Einkaufszentrum gefahren, um dort jede/jeder für sich das Thema für eine Reportage zu finden. Neben mir im Bus saß eine flotte Kollegin aus Essen. Sie erzählte mir von einer Anmachstrategie in Supermärkten. Mann sieht eine ihn interessierende Frau und fragt: „Wissen Sie, wo hier das Öl ist?“
Sie: „Kochöl oder Körperöl?“
Er: „Körperöl.“

Natürlich funktioniere das auch mit Rollentausch, sagte die Kollegin. Wichtig sei das Signal, die Aufmerksamkeit vom Kochen auf den Körper zu lenken. Ich hatte derlei noch nie gehört, kam auch nicht auf die Idee, eine derartige Recherche im Neu-Isenburger Einkaufszentrum zu beginnen, sondern schrieb lieber über einen alten Duden aus dem Schaufenster einer Buchhandlung. Die Seelenruhe ist ein hohes Gut.

Heute vormittag war ich einkaufen. In der Gemüseabteilung fragte mich eine ältere Dame:
„Darf ich Sie mal ansprechen?“
„Ja?“
„Ich suche die preiswertesten Tomaten.“
„Da kann ich Ihnen leider nicht helfen.“
Sie wandte sich ab und fand abgepackte Tomaten zu 1,29 Euro.

Auf dem Heimweg rätselte ich über ihr Begehr. Ich trug einen Mantel. Sie konnte mich also nicht mit einem Marktmitarbeiter verwechselt haben. Es ging nicht um Öle, also hatte sie kein weitergehendes Interesse. Sie hatte nach den preiswertesten, nicht nach den billigsten Tomaten gefragt. Beides ist nicht verlockend. Vielleicht wollte sie nur mal wieder die Stimme gegen wen erheben, wahrgenommen werden und für ein Sekündchen der lockdown-bedingten Isolation entkommen.

Jammer zur Unzeit

„Sie waren ja schon lange nicht mehr hier“, sagte die Zahnärztin.
„Doch!, im ersten Lockdown im Frühjahr.“
„Ich erinnere mich an gar nichts.“
„Sie hatten mir prophezeit, dass ich bald wiederkommen würde, aber ich hätte es gerne vermieden, um das üble Jahr 2020 wenigstens vernünftig abzuschließen.“

Als einst die Gestapo von Dr. Freud verlangte, er solle schriftlich bestätigen, gut behandelt worden zu sein, bat er um die Erlaubnis, den diktierten Text zu erweitern. Er schrieb: „Ich kann die Gestapo jedermann empfehlen.“ Soweit die Legende.

Zahnweh kann ich keinem empfehlen, erst recht nicht Zahnweh mitten im Lockdown-Winter. Aus Gründen des Infektionsschutzes lag ich frierend auf der Pritsche im Durchzug. Die Tür im Wartezimmer hatte offengestanden und der Heizkörper war kalt gewesen. Im Behandlungsraum fiel glücklicherweise reichlich eisige Frischluft aus dem geöffneten Dachflächenfenster herein, fiel auf mich Bündel Schmerz und ließ mich unkontrolliert zittern. Das wärs noch, sich auf dem Zahnarztstuhl eine Erkältung zu holen. Vor einer Coronainfektion fürchtete ich mich nicht. Schon auf der Webseite wurde stolz auf diverse Hygienemaßnahmen verwiesen, deretwegen die Praxis sicher sei. Eine Helferin verwischte mit Desinfektionstüchern hinter mir alle meine Lebensspuren. Ärztin und Personal waren eingepackt wie für den nächsten Bummel auf dem Mond, wo auch die tückischsten Viren nicht überleben können. Obwohl sich unser Planet im Lockdown ähnlich unwirtlich anfühlt wie der Mond, werden wir wohl eher aufgeben als ein Virus. Wegen irdischer Kälte schwingt kein Virus die weiße Fahne, eher im Gegenteil.

Die Ärztin entschied sich für eine brachiale Notfallmaßnahme, damit sie und Kollegen Weihnachten Ruhe vor mir haben werden. Meine Schmerzen sind nun geringer als gestern Nacht. Schon in den qualvollen frühen Morgenstunden hatte ich mich gefragt, ob ich unter Zahnschmerz einen heiteren Text würde schreiben können, ob es mir gelänge, mich quasi mit Heiterkeit am eigenen Zahn aus dem Übel zu ziehen wie sich einst Baron von Münchhausen am eigenen Zopf aus der Misere zog. Ich fürchte, es ist mir nicht gelungen. Der Zahn zwingt mich morgen früh erneut in die Praxis. Dann wird er gezogen. Ich werde mich warm einpacken.