Kurze Eselsbrücke von Borkum nach Wangerooge

Meinem Aufruf, einen neuen Merksatz für die Abfolge der ostfriesischen Inseln von West nach Ost zu erfinden, sind fünf Bloggerinnen/Blogger gefolgt. Heraus kamen kreative Neuschöpfungen, die mich erfreut und erheitert haben. Vielen Dank euch allen. Inzwischen sind mir die Inseln geläufig, was natürlich nicht einem Merksatz allein zu verdanken ist, sondern allen Sätzen. Überhaupt scheint es mir eine gute Lernmethode zu sein, für ein Phänomen kurze Eselsbrücken zu erfinden. Der Merksatz für die ostfriesischen Inseln von links nach rechts: Borkum – Juist – Norderney – Baltrum – Langeoog – Spiekeroog – Wangerooge.
Hier die Sätze in der Reihenfolge ihres Eintreffens:

Berühmter Jurist nölt betrunken lallend seltsame Weisen. freiedenkerin

Bart Ist Nach Baltigem Langwachstum Schnell Wegzurasieren castorpblog

Bis jeder Norddeutsche beim Langlauf [Lügen, Lammentieren] Sieger wird. gkazakou

Bin Jede Nacht Besoffen, leider sogar Weihnachten. Lo

Boris Jelzin nuckelt bedächtig langsam seinen Wodka. Herr Ösi

Endgültiger Schimpf auf die Tagesschau, und zwei steinalte Männer quatschen rein

An einem feuchtkalten Novembertag, draußen dämmerte es, und alles war still, da hörte ich im Lüftergeräusch meines Rechners von weit her zwei erregte Stimmen. Es klang wie eine kaukasische Sprache, vielleicht Hurritisch oder Inguschisch. Ich kenne mich nicht aus mit kaukasischen Sprachen und verstand kein Wort. Trotzdem konnte ich nicht umhin, den beiden zuzuhören.
Der Alte wird auf 112 Jahre geschätzt, der andere auf 105. Die beiden sind die letzten Sprecher ihrer Sprache. Lexikon und Grammatik und was man in dieser Sprache wie sagt, dieses Wissen wird mit den beiden Alten im Grab versinken. Sie sind sich nicht grün, genauer, sie hassen sich. Der vermeintlich Ältere führt das Wort. Er sagt:

„Werde du erst einmal so alt wie ich. Hör mir zu, hör mir zu. Gegen mich bist du ein Kalb, noch nass von Blut und Schleim.

„Was?!“, ruft der andere, „Ich saß schon auf dem Pferd, da hast du noch in deiner Mutter gesteckt, du Sohn eines Esels!“

So geht es hin und her. Jeder will nicht der vorletzte, sondern der letzte seiner Sprache sein. Deshalb wünschen sie sich gegenseitig die Pest an den Hals, die Krätze, die Seuche, egal was, wenn’s nur dem anderen den Rest gibt. Und zwar pronto. Man weiß ja nie, ob man am nächsten Morgen noch da ist.

Ich frage mich, warum ich mir den Streit zweier Kaukasier anhören muss, dessen Wortlaut ich nur ahnen kann. Vor allem geht’s ja um nichts. Wer tot ist, was kümmert den, wer der letzte oder der vorletzte Sprecher eines ausgestorbenen kaukasischen Dialekts war. Das mindestens sollte man vom Tod erwarten dürfen, – dass einem der Kleinscheiß des Erdenlebens endlich egal ist. Vergessene Idiome vergangener Bergvölker, wie weit man den Verschluss einer Thermokaffeekanne aufdrehen darf, um sich und die Tischdecke nicht einzusauen, oder wann die Tagesschau kommt, das alles soll nach dem Tod weg sein.

Besonders Tagesschau und Tagesthemen. Viele Deutsche halten den Tagesschausprecher für den Regierungssprecher, habe ich mal gelesen oder gehört. Oder ich hab’s mir ausgedacht. Ich weiß es jedenfalls. Tagesschausprecher haben etwas erdrückend Offizielles. Es ist grad so, als würde einem hochamtlich die Welt erklärt. Um unsere schwächliche Urteilskraft nicht zu überfordern, sagt man uns das Allerwichtigste und wie wir darüber zu denken haben. Die Botschaft: Ihr Wichtl, wir sagen euch jetzt, wo der Hammer hängt. An deiner kleinen Tür hängt er nicht. Er hängt an den Portalen der Ministerämter und Palästen, und manchmal schwebt er zu euren Köpfen oben hoch am Finanzhimmel. Dann ist’s quasi göttlich. Wir zeigen euch die Auftritte von Herrschern, wie wichtige Köpfe wichtige Sachen sagen, Tagungsorte von außen mit Zoom auf die Fenster, wie’s Wetter wird und was es an der Börse zu spekulieren gibt. Zieh dir das rein, dann weißt du Bescheid.

Während ich schreibe, horche ich nebenher zum Lüfter hin. Die beiden Kaukasier sind verstummt. Nicht da. Sozusagen weg oder sogar fort. Ich hatte schon befürchtet, das würde jetzt eine Daily Soap: „Der letzte Ingusche und obendrein der vorletzte.“ Und ich müsste die Folgen hören, wann immer ich am Rechner sitze. Dann packt mich am Ende das Pflichtgefühl, und ich versuche, die aussterbende Sprache aufzuzeichnen. Daran verzweifele ich, denn ich weiß nicht mal, wo genau die Wortgrenzen sind. Und für einige Laute, aus zwei zahnlosen Mäulern gespuckt, gibt es im Alphabet kein Schriftzeichen, das sie annähernd wiedergibt. Nach Jahren entbehrungsreicher Arbeit werde ich erst fertig damit. Dann zeige ich meine Forschungsergebnisse, und keine Sau will’s wissen.

Noch mal Glück gehabt.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Heikle Selbstvermarktung

Frau Nettesheim
Werden Sie Ihr neues Buch heute beim Autorentreffen zeigen, Trithemius

Trithemius

Eher nicht. Ich will mich in diesem Kreis nicht leichtfertig hervortun, wenigstens nicht, bevor ich da richtig integriert bin.

Frau Nettesheim

Warum Ihre Vorbehalte?

Trithemius

Bei Leuten, die selbst von einer Karriere als Schriftellerin/Schriftsteller träumen, kommt es nicht gut. Es weckt eine Sorte Futterneid.

Frau Nettesheim

Aber man nimmt doch einander nichts weg.

Trithemius

Trotzdem. Sie sehen es auch in der Blog-Community. Wenn da jemand mitteilt, ein Buch veröffentlicht zu haben, sind die Reaktionen mehr als verhalten. Und selbst ich, der mir solche Gefühle eigentlich fremd sind, bin spontan neidisch. Dann weiß ich gar nicht, was mit mir los ist und zwinge mich, wenigstens zu gratulieren.

Frau Nettesheim

Sich richtig über fremden Erfolg (hüstel) Leistung zu freuen, schaffen aber auch einige, Ihre Blogfreunde Lo, Christian Dümmler (CD), Dieter Kayser und Marana beispielsweise haben schon ganz uneigennützig für Ihre Bücher geworben.

Trithemius
Ja, bewunderns- und dankenswert. Denn die wechselseitige Unterstützung ist für Indie-Autoren die einzige Chance. Der Kulturbetrieb ignoriert uns grundsätzlich.

Frau Nettesheim

Fassen Sie mal an Ihre Nase!

Trithemius

Ja, weil ich gemerkt habe, wie schwer es ist, sich selbst anzupreisen wie saures Bier, habe ich mir vorgenommen, demnächst auch andere zu promoten. Wenn wir uns nicht gegenseitig unterstützen, tuts keiner. Ich ärgere mich noch immer, einem HAZ-Redakteur meine Bücher zugeschickt zu haben.

Frau Nettesheim

Er hat nicht reagiert?

Trithemius

Nein, er ist zu schön. Dabei, hallo?, Frau Nettesheim, er arbeitet bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung!

Frau Nettesheim
Mir scheint, bei den zurückhaltenden Reaktionen der Blogcommunity geht es um etwas anderes als um Futterneid. Sie haben selbst mal gesagt, dass sich die gesellschaftlichen Schichten gegeneinander abschotten, nach unten wie nach oben.

Trithemius

Zurückhaltend ist das richtige Wort. Man klammert, um die guten Leute nicht zu verlieren. Wenn aus der blog-community jemand Karriere machen würde in der Literaturszene, ist sie oder er für die blog-community doch verloren.

Frau Nettesheim

Da ist was dran.

Trithemius

Sie geben mir Recht, Frau Nettesheim? Sie sind hoffentlich nicht krank.

Frau Nettesheim

Einen Moment wollte ich bei „gute Leute“ in Ihrem Zusammenhang widersprechen, aber mir fiel leider kein flotter Spruch ein.

Restalkoholische Erkenntnis dank diverser Kommentare

Herzlichen Dank für Denkanstöße: Mein Wiener Kollege Noemix brachte mich mit seinem Kommentar dazu, das Wort Majordomus nachzuschlagen. Das lateinische Wort bedeutet: Vorsteher des Hauses. Um den Zusammenhang mit Hausmeister zu prüfen, tippte ich fälschlich „Hausmeier“ ein und wurde trotzdem fündig, was mich erst auf den zweiten Blick wunderte, denn ich bin nicht nur ein Vertippdepp, sondern lebe gut damit. Bei Wikipedia gibt es also tatsächlich einen Eintrag „Hausmeier.“ Demnach ist Hausmeier ein Begriff des Frühmittelalters. Auch das Deutsche Wörterbuch weiß:

    „meier, m; (…) altes lehnwort aus dem lat. major, welches die mittellateinische urkundensprache des fränkischen und später des karolingischen reiches auf den vorsteher oder obersten beamten eines landwirtschaftlichen hofhalts bezieht.“

Offenbar hatte der Hausmeier an fränkischen Fürstenhöfen immense Macht. Zwar findet sich kein direkter Beleg dafür, dass „Meier“ zu „Meister“ geworden ist. Aber es könnte eine volksetymologische Anpassung vorliegen. Falls nicht, nehme ich sie jetzt vor. Dann ließe sich vermuten, dass die allgemein zu verzeichnende Macht heutiger Hausmeister, auf die Blogfreund Lo in seinem Kommentar verweist, zurückgeht auf den Rang des fränkischen Hausmeiers. Der Hausmeister wäre demnach der heruntergekommene Nachfahre adeliger Hausmeiers. Seine heutige Macht wurzelt in tiefer Vergangenheit. Sie pflanzt sich fort über eine lange imaginäre Ahnenreihe. Jeder heutige Hausmeister spürt, dass er auf den Schultern machtvoller Ahnen steht, auf einem Menschenturm, der zwar in seinen oberen Bereichen schwankt und wankelt, aber um so fester steht, je tiefer er in die Vergangenheit zurückgeht.

Auf die Idee eines Inneren Hausmeisters brachte mich Blogfreundin socopuk mit ihrem Kommentar. Es begab sich nämlich gestern folgendes: Im wiedereröffneten Leinau3 trafen sich wir Leute von HaCK. Nachdem wir wochenlang quasi heimatlos herumgeirrt waren, in hippen Lokalen überteuertes Bier tranken, in verräucherten Kaschemmen vulgo Eckkneipen abhängen mussten, so dass ich Nichtraucher tags drauf immer einen Rauchkater hatte, konnten wir gestern wieder an unseren vertrauten Plätzen sitzen. Die Wirtin neigte sich mir zu und bot mir die Wange zum Begrüßungskuss, Kellnerin Julia und Kolleginnen brachte uns den ein- oder anderen Elferkranz Kölsch, alles war bestens, und ich hätte spät zufrieden nach Hause gehen können, hatte schon den Fuß auf dem rechten Weg, als die anderen noch zu Herrn Putzig zogen.

Man hat mich überredet, auf einen Absacker mitzukommen. Ich ging mit und sagte später: „Der ich morgen sein werde, hadert schon mit meinem heutigen Ich.“ Diese Idee habe ich schon mal verfolgt, in Mein Heute-Ich und das Morgen-Ich sind sich nicht grün. Was das Heute-Ich anrichtet, muss das Morgen-Ich ausbaden. Wie viel klarer wird das Bild, durch die Metapher des Inneren Hausmei[st]ers. Der eigene Körper und Geist als fürstlicher Hof, worin der Hausmeier seine Macht ausübt, quasi in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Herrlich!

Mein Innerer Hausmeister dankt für seine treffende Benamung und ruft mich zum Frühstück.

Teestübchen Briefaktion (1) – Herr Lo schreibt im Kreis

Meine lieben Damen und Herren! Lange hatte ich gezögert, das Briefprojekt zu starten, denn ich fürchtete, der Zuspruch könnte zu gering ausfallen, wodurch die Idee quasi verpulvert wäre, was den zu erwartenden Arbeitsaufwand nicht rechtfertigen würde. Nun haben sich mit Der Emil, Feldlilie, Frauhemingistunterwegs, lamammatwoday, Karfunkelfee, socupuk, Dorotheawagner und Lo acht Bloggerinnen und Blogger angemeldet, von denen sich letztlich sechs beteiligt haben. Die Meldungen waren bei durchschnittlich 90 Einzellesern täglich gut elf Prozent, ein traumhaft hoher Quotient, wenn man berücksichtigt, dass es sich um eine freiwillige Leistung handelt und dass mit der Beteiligung ein Schritt aus der digitalen Anonymität verbunden ist. Daher bin ich froh, das Projekt gemacht zu haben, zumal die Einsendungen durchweg erfreulich und schön anzusehen sind.

Beginnen wir mit dem Brief vom Blogfreund und -kollegen Lo: Schon der Umschlag zeigt in der Anschrift eine geläufige, gut durchgestaltete Handschrift. Die schwungvollen Druckbuchstaben lassen nicht mehr erkennen, aus welcher Ausgangsschrift sie sich entwickelt haben. Wer schon einmal einen Podcast von Lo gehört hat, teilt sicher meine Einschätzung, dass hier die schriftliche Entsprechung zum Wohlklang seines mündlichen Vortrags vorliegt, insgesamt bietet Lo also ein ästhetisches Gesamtkunstwerk.

Zwischen wie wahllos gestempelten Einzelbuchstaben und neben der Tuschezeichnung eines Tintenfasses mit Schreibfeder sehen wir einen kreisförmigen Text. Figurative Textgestaltung ist aus der Antike schon bekannt. Spruchbänder, die aus dem Mund einer Menschenfigur kommen und um eine Vase herumlaufen, dürften die Vorbilder sein. Textfiguren (Kalligramme) waren eine beliebte Spielerei im Barock; in der modernen Form und gedichtet wie von Lo gehört die kreis- bzw. spiralförmige Textfigur zur Konkreten Poesie. Ich habe den runden Textblock einmal um seine Achse gedreht, um das Lesen zu erleichtern. Viel Vergnügen beim Lesen und Betrachten.

Der Aufhebung des Briefgeheimnisses hat Lo zugestimmt. (Zum Vergrößern bitte klicken.) Dem Brief lag noch eine Portospende bei, die ich auf irgendeine Weise den Einsendern zukommen lasse. Da auch Lamamma dankenswerter Weise Porto für alle gespendet hat, werde ich mich voraussichtlich mit mehreren Postkarten bei den Einsenderinnen und Einsender bedanken.
Für alles herzlichen Dank, lieber Lo.