Mit der Linie 200 „Zurück zum Glück“

In Kurt Schwitters: „Ursachen und Beginn der großen Revolution von Revon“ beginnt die große Revolution, indem ein spielendes Kind einen Mann sieht und ruft: „Mama, da steht ein Mann.“ Wir errreichen die nächste Haltestelle der 200 an einer stark befahrenen Kreuzung, dem Kurt-Schwitters-Platz. Was haben sich Hannovers Stadtmütter und -väter wohl dabei gedacht, Schwitters nur eine Kreuzung zu gönnen? Sie wussten, dass Revon eigentlich Hannover meint, wenn man es von hinten liest. Darum haben Hannovers Stadtmütter und -väter gedacht, auf dem Kurt-Schwitters-Platz soll sicherheitshalber kein Mann stehen können, höchstens ein Verkehrspolizist.

Wir stehen auch nicht lang herum am schnöden „Platz“ des größten Künstlers, den Hannover bislang hervorgebracht hat, sondern wir steigen wieder in die Linie 200 und lassen das Sprengelmuseum hinter uns. Im und am Sprengel habe ich mich schon mehrmals mit Freund Merzmensch getroffen, zuletzt in den Jahren 2015 und 2019.

Vladimir Alekseev alias Merzmensch hatte im Rahmen seiner kunstwissenschaftlichen Forschungen an Kurt-Schwitters-Symposien des Sprengel-Museums teilgenomen und wir haben die Gelegenheit zum analogen Treffen genutzt. Kurios war der Besuch des Sprengel-Museums mit HaCK-Mitglied Filipe d’accord und Freunden:

Ich hätte mehr Fliegen erwartet

Der Bus fährt jetzt am Maschpark und am eklektizistischen Rathaus vorbei. Es ist an der Rückfront eingerüstet. Vermutlich restaurieren Zuckerbäcker den Protz. Wir fahren am Glaspalast der Nord-LB vorbei zum Verkehrsknotenpunkt Aegidientorplatz. Ab hier ist mir die Streckenführung der 200 nicht vertraut. Wie es weitergeht ins vornehme Südviertel weiß ich nicht.

Natürlich! Wir fahren durch Hannovers Bankenviertel ein Stück der Georgstraße und biegen vor der Oper in die Theaterstraße. Jetzt muss grüne Strickmütze aussteigen, wenn er zum Bahnhof will. Wir unterqueren die Bahnlinie und kurz hinterm Tunnel sind im vornehmen Südviertel. Irgendwo hier muss Altkanzler Schröder gewohnt haben. Unweit der Haltestelle Neues Haus liegt das Café „Zurück zum Glück.“ Hier trifft sich, wenn es die Corona-Maßnahmen erlauben, unter der Leitung eines Literaturwissenschaftlers alle 14 Tage die Schreibgruppe, deren Mitglied ich seit einigen Jahren bin. Derzeit finden die Treffen aber wieder online statt. Im „Glück“ wurde Schröder schon gesehen, nicht von mir – und der Pianist Igor Levit, denn nebenan liegt die Musikhochschule, wo er eine Professur hat. Ich habe ihn gesehen, aber nicht erkannt. Erst als die anderen ehrfürchtig über ihn redeten, wusste ich, wen ich ignoriert hatte, eine meiner leichtesten Übungen.

Wird fortgesetzt (letzte Etappe, in der es um junge Menschen geht)

Mal gucken, ob die Stadt noch steht – Rundfahrt durch Hannover mit der Linie 200

Meinen Stadtteil Hannover-Linden verlasse ich nicht oft, fahre gewöhnlich nur einmal wöchentlich mit der Stadtbahn der Linie 9 quer durch Hannover nach Norden, wobei die 9 das Zentrum unterirdisch passiert. Um Eindrücke zu sammeln, entschloss ich mich gestern zu einer Stadtrundfahrt mit der Linie 200. Ich hätte auch die Buslinie 100 nehmen können, denn sie befährt dieselbe Strecke im Uhrzeigersinn, gegenläufig zur 200. Von der Haltestelle in meiner Nachbarschaft fährt die 200 zunächst ein Stück den Lindener Berg hinauf, um auf halber Höhe vor dem Wasserspeicher und der Sternwarte nach links abzubiegen und an der Flanke allmählich abwärts zu fahren.

An einem Kreuzungseck, in dem ein Baumarkt liegt, staune ich, dass die Strecke offenbar verlegt wurde, denn einst führte sie am Baumarkt entlang durch ein Industriegebiet, wo es umgewidmete Hanomag-Bauten, weitere Baumärkte und einen großen Fahrradmarkt gibt. An der überdachten Haltestelle am Deisterkreisel zu sehen, muss die Veränderung der Fahrstrecke längere Zeit zurückliegen. Ich bin aber schon gut zwei Jahre nicht mehr in der Gegend gewesen. Wir fahren weiter durch Linden Süd, wo es offenbar ein größeres Fahrgastaufkommen gibt als an der alten Strecke. Doch dann biegt der Bus in die Ritter-Brüning-Straße ein. Hier verkehren parallel die Stadtbahnen 3, 7 und 17. Die Straße ist nach Ritter Brüning von Alten benannt, der im Jahr 1413 vom Ritter von dem Haus im Streit um einen Jagdfalken getötet wurde. Ein dummer Tod, wie mir scheint, aber nicht dumm genug, dem hitzköpfigen Ritter keine vierspurige Straße zu widmen.

Die Adelsfamilie von Alten besaß einst die ganze Gegend und saß im 19. Jahrhundert auf einem barocken Lindener Schloss im Von-Alten-Garten. Das Schloss ist 1945 durch britische Luftangriffe zerstört worden. Übrig ist nur eine Terrasse mit rückwärtiger Mauer und Balustrade. Ich habe dort schon schreibend in der Sonne gesesssen. Den einst weitläufigen Schlosspark haben benzintrunkene Hannoveraner Verkehrsplaner zerstört, indem sie den Westschnellweg mitten hindurch führten.

Zurück zur Ritter-Brüning-Straße, auf der jetzt drei Stadtbahnen und ein Bus verkehren, ein Überfluss, der eigentlich durch nichts zu rechtfertigen ist. Wir tuckern an der Petristraße vorbei, wo die Frau einst lebte, deretwegen es mich im Dezember 2008 nach Hannover verschlagen hat. Ich horche kurz in mich hinein, aber Erinnerungen wollen sich nicht regen. Vorbei und vorbei am S-Bahnhof Fischerhof hinein in den Stadtteil Ricklingen, wo ich mit den Worten meiner 2. Hannoveraner Liebschaft „nicht tot überm Zaun hängen möchte.“

In Ricklingen, am August-Holweg-Platz, liegt aber die Endhaltestelle der Linie 200. Der gelernte Dreher August Holweg war zur Zeit des Nationalsozialismus im Widerstand und von 1956 bis 1972 Oberbürgermeister von Hannover, ein verdienter Mann. Ich quere die Straße hinüber zu seinem Platz und möchte zur Weiterfahrt in einen wartenden Bus einsteigen. Der Fahrer lässt mich aber noch nicht, sagt: “Erst, wenn der aufgeladen ist.“ Ich trete zurück und betrachte das ganze Fahrzeug. Tatsächlich es ist einer der neuen Busse mit Elektro-Antrieb, hat auf dem Dach einen Stromabnehmer ausgefahren, der von einer L-fürmig übers Dach ragenden Ladesäule versorgt wird. Nach etwa zehn Minuten, fährt der Abnehmer nach unten, und ich kann einsteigen zur nächsten Etappe.

Wird fortgesetzt