Mutmaßung über Männer und Müll

Gestern im Marktcafé. Ich sitze am Fenster und beobachte das Geschehen auf dem besonnten Markt, derweil ich meine Suppe löffle. Plötzlich eilt ein Mann heran, der aussieht wie Julian Reichelt, der talentierte neue Chefredakteur der Bildzeitung. Ich denke, nein, er ist es nicht. Warum sollte Reichelt über den Lindener Markt eilen? Zudem hat er einen Brüller in der Hose, wie diese Hosen früher genannt wurden, deren Schritt zwischen den Knien hängt, dass es aussieht, als hätte der Träger ein Ei rein gelegt und trüge es jetzt spazieren, weil er keine Gelegenheit gefunden, es heimlich zu entsorgen.

In solche Verlegenheit würde ein distinguierter Boulevardjournalist nie kommen, da er doch mit seiner Zeitung immer einen Wisch zur Hand hat, groß genug, jedes fäkale Unglück einzupacken, zumal, das wäre noch nachzutragen, der Mann, der wie Julian Reichelt aussieht, einen prallen schwarzen Müllsack trägt und mit der anderen Hand eine Mülltonne zieht. Das ist nicht so einfach wie es sich liest, denn der Lindener Markt ist an manchen Stellen grob gepflastert, wo eine beräderte Mülltonne ins Taumeln gerät, wenn man sie hinter sich her zieht. Plötzlich schaut der Mann, den wir der Einfachheit halber Reichelt nennen, der schaut auf und schaut sich um, sieht noch mehr aus wie sein eigener Doppelgänger, schaut sich heischend um und ist plötzlich von einer Horde junger Männer umschwärmt, die ihrerseits taumelnde Mülleimer hinter sich herziehen und prallvolle Müllsäcke tragen.

Bei dieser interessanten Choreographie gibt Reichelt den Ton an, wie es sich für einen Chef gehört, zerrt seine widerspenstige Mülltonne seitlich heran und bringt sie zum Stehen, öffnet die Klappe und versucht, den prallen Müllsack hineinzuzwängen, obwohl jeder verständige Mensch klar sieht, dass die randvolle Mülltonne nicht auch noch einen prallen Müllsack aufnehmen kann. Da hilft kein ungeduldiges Stopfen. Seine Gefolgsleute versuchen ihrerseits, die Säcke in ihre Mülltonnen zu stopfen, denn sie vertrauen ihrem Chef und denken: Wenn der das gegen alle Vernunft versucht, versuche ich es auch. Es wäre ja möglich, dass der Chef seinen Sack erfolgreich reinzwängt, und wie stünde man dann da, wenn man seinem guten Vorbild nicht gefolgt wäre? Der Reihe nach geben sie auf, Reichelt zuerst, dann seine Adepten. Dann streben sie wieder voran mit ihren taumelnden Mülltonnen und den Säcken, die hindernd gegen ihre Beine schlagen, und verschwinden aus meinem Blickfeld. Was für ein herrliches Fenstertheater, denke ich noch und löffle den Rest meiner Minestrone.

Wenig später fuhr ich mit dem Rad zum Einkauf und überquerte den Platz „Am Küchengarten.“ Dort stand ein großer Müllcontainer, und Reichelt wie ein Feldherr oben auf der Leiter leitete seine Vasallen an, die Tonnen zu leeren und die Säcke abzuladen. Den naheliegenden Schluss, ich hätte die Redaktion von Bild Hannover bei der Arbeit gesehen, will ich korrekterweise von mir weisen. Ich fuhr viel zu schnell vorbei, als dass ich hätte sehen können, was die Kerle da genau gemacht haben.

Unten blank, oben Pelz

kategorie Mensch & Natur„Ich mache mal ein bisschen Platz“, sagte die Dame und räumte auf dem Stehtisch Tassen und Unterteller zusammen, die gedankenlose Menschen von der Latte-Macciato-Fraktion stehen gelassen hatten. „Mich störts nicht“, sagte ich, denn ich hatte Platz für meinen Teller Linsensuppe gefunden. Ihr Teller hatte schon vorher dort gestanden. Jetzt standen wir uns an diesem kalten Samstagmittag auf dem Lindener Markt gegenüber und löffelten Linsensuppe. Inmitten des Marktrubels war das beinah eine intime Situation. Ich musterte sie unauffällig. Sie war attraktiv, nicht zu jung und mir sympathisch genug, dass ich Lust auf ein Gespräch hatte.

„Die Suppe ist lecker!“, eröffnete sie, was ich sogleich bestätigte. „Linsen-Kürbis, und mit Curry abgeschmeckt!“, hatte der Suppenverkäufer die vegetarische Suppe angepriesen. „Wenn Sie den Klacks Sauerrahm weglassen, ist sie sogar vegan.“ „Das muss nicht sein, mit Sauerrahm bitte!“, hatte ich gesagt. Und ein dummer Mensch neben mir hatte eingeworfen: „Die andere Suppe ist auch vegetarisch, wenn das Schwein Vegetarier war.“ „Aber Schweine sind Allesfresser!“, hatte der Suppenverkäufer eingewandt. Ich hatte keine Lust verspürt, mich an dem törichten Gespräch zu beteiligen und war mit meiner Suppe zur Seite gegangen. In meiner Tischnachbarin sah ich für kurze Zeit eine Seelenverwandte und überlegte, wie ich das Gespräch weiter führen sollte. Mein Blick ruhte dabei auf dem Feinkost-Verkaufsstand, wo reges Treiben herrschte. Gerade hatte ich mich entschieden, etwas zu sagen, sah sie an und stutzte. Was um Himmels Willen hatte sie da auf dem Kopf?! Das ist ja schlimmer als hätte sie ein dickes schwarzes Haar auf der Nase, wie ich mal bei einem Bauern im Rheinland sah. Immerhin konnte er darauf verweisen, dass das Haar von selbst gewachsen war und jeder Gewaltakt, es zu kürzen oder entfernen wäre ein Vergehen wider die Natur. Ich fühlte mich getäuscht. Vegetarische Suppe essen, aber einen Pelzpuschel auf der Mütze herumzutragen, so einen wirren Kopf möchte ich ja lieber nicht haben. Und das in ihrem Alter. Eine Weile war ich versucht, sie auf den Pelzpuschel anzusprechen.

„Über das, was Sie da auf dem Kopf rumtragen, habe ich gestern geschrieben.“
„Ach ja, über meine Mütze?“
„Den Puschel. Das ist Marderhund, nehme ich an. Selbst geschlachtet oder bei lebendigem Leib gehäutet?“

Keine Chance, die Sache in gute Bahnen zu lenken. „Auf dem Markt wollte ich nicht arbeiten“, sagte sie. „Nicht um diese Jahreszeit“, sagte ich lahm, „und dann muss der Marktstand ja schon morgens um fünf aufgebaut werden.“ Sie schauderte unter ihrem Pelzpuschel. Ja, dachte ich, so ein Puschel wärmt nicht mal. Die Tiere sterben für nichts, Ihres nur, damit sie sich eine Jungmädchenexistenz vorgaukeln können. Ich hätte noch sagen können, dass ich über das Internet eine junge Frau kenne, die voller Begeisterung auf dem Markt arbeitet. Denn sie verkauft Produkte vom Biohof, packt gerne mit an und liebt den Kontakt mit den Kunden. Aber mir kam das verschwendet vor, und ich wusste nicht, ob eine Frau mit Pelzpuschel oben auf dem Kopf sowas überhaupt versteht.

Frauen rasieren sich die Beine. Nach Auskunft von Gynäkologen haben 90 Prozent der jungen Frauen keine Schambehaarung mehr. Alles verleugnet das Tierische an der menschlichen Existenz. Unten rum blank, aber Pelz vom Marderhund auf dem Kopf – seltsam.

Leckere Champignoncremesuppe mit Gewäsch

Kategorie MedienSich auf eine höfliche Frage einen kalten, abweisenden Blick einzufangen, beleidigte sein Rechtsempfinden. Dabei sah sie aus wie die zehn Jahre ältere Schwester seiner Exfreundin Tina, was ihr schon mal grundsätzlich seine Sympathie eingetragen hatte. Von so einer zurückgestoßen zu werden, war doppelt übel. Es hätte durch umsichtige Planung verhindert werden können. Er hatte nicht bedacht, dass dienstags Markt ist. Dann ist auch das Lokal überlaufen. Im hinteren Raum gibt es hinter einer Säule einen langen Tisch, an dem sechs Personen bequem sitzen können.

Er war von drei Frauen besetzt. Er fragte aus reiner Platznot, ob er sich hinzusetzen dürfe. Die am Kopfende hätte sagen können, dass noch eine Freundin erwartet werde. Das tat sie nicht, denn ein anderer Gedanke hatte sich störend in ihr Bewusstsein geschoben, dass man keinen Zuhörer würde haben wollen, der vielleicht albern finden könnte, was man zu reden beabsichtigt. Vermutlich waren ihre Bedenken nicht ausformuliert, blockierten aber trotzdem oder genau deshalb ihr Sprachzentrum. So starrte Tinas Schwester den Frager nur starr an. Ihm blieb keine Wahl, diesen Akt der Unhöflichkeit zu ignorieren. Er hielt genügend Abstand und setzte sich einfach, aber der unerquicklichen Vorgang zog ihm einiges an Energie ab. Da war er froh, als Alexa, die junge Serviererin, ihm die köstliche Champignoncremesuppe brachte mit den Worten: „Ach, hier sind Sie! Ich habe Sie zuerst gar nicht gefunden.“ Es schwang darin „Dass Sie es wagen, sich mitten in den Hühnerhof zu setzen, hätte ich nicht gedacht.“ „Hm!“, sagte er und meinte „das kostet mich mehr Energie als ich mir mit der Suppe an Energie zuführen kann.“ Weiterlesen