Weh! Unser schönes Leinau macht zu

Zum offenen Fenster weht das Sonntagsgeläut der Bethlehemkirche herein. Ein kühler Wind bauscht die lange weiße Gardine. Ich liege auf dem Bett, schaue von unten durch die gelichtete Krone der mächtigen Eiche in den blauen Himmel und bin in Gedanken noch beim gestrigen Abend.

Der gleiche freundliche Wind weht da von Norden her, hat sich im Leinetal abgekühlt und streicht jetzt als angenehme Sommerbrise am Leinau3 vorbei der nahen Limmerstraße zu. Eine Polizeistreife taucht plötzlich auf, vermutlich von Nachbarn herbei gepfiffen, und weist zwei Straßenmusiker zurecht, die gerade erst ihr hübsches Spiel begonnen haben, sie müssten ihren Verstärker der „Partymeile“ zuwenden, womit die Limmerstraße quasi amtlich getauft ist. Die Wirtin des Leinau3 räumt den Musikern einen Platz direkt hinter unserem Tisch frei, wo die beiden dann ungestört aufspielen können.

Der Sinn der Platzveränderung erschließt sich mir nicht. Die lebhafte Unterhaltung an den Tischen verebbt, doch wir werden durch wundersame Klänge entschädigt. Ein Gitarrist und eine Geigerin spielen harmonisch zur gut besuchten Abschlussparty des Leinau3 auf. Erneut verliert das HaCK eine Stammkneipe, denn das Leinau3 schließt.

Diesmal ist es emotionaler für mich als damals beim Vogelfrei. An manchen guten Tagen wurde ich von Bahar, der Leinau-Wirtin, mit einer Umarmung begrüßt. Das geschieht auch heute an unserem letzten Tag. Wir sind hier von ihr und ihren Kellnerinnen immer bevorzugt bedient worden, wenn wir zu siebt oder acht in geselliger Runde saßen und manchen Elferkranz Kölsch geleert haben. Freilich bin ich heute gänzlich unvorbereitet, habe nicht mal etwas zu schreiben bei mir, kein Smartphone, keinen Fotoapparat, um den letzten Abend vor dem Leinau3 zu dokumentieren.
Allerdings mag ich mich immer seltener einreihen, bei der teilnahmslosen Smartphone-Knipserei. Als letztens bei einer Tour-de-France-Etappe der Fahrer Geraint Thomas in einer Kurve stürzte, war eine Frau im Kleid zu sehen, die zunächst Anstalten machte zu helfen, dann aber am ausgestreckten Arm ihr Smartphone hinhielt, um den Mann am Boden zu knipsen. Wozu ist das gut? Die lieblosen technischen Bilder können die Momente nicht am Verschwinden hindern. All die im Bild festgehaltenen Augenblicke, und die Welt dreht sich doch weiter. Alleweil ändert sich was. Zwei HaCK-Gründer verlassen Hannover, das Leinau3 schließt; was bleibt, das als Erzählanlass zu nehmen und passende Worte zu finden. Ich habe nicht mal etwas zu schreiben bei mir. Auf meine Bitte bringt mir Kellnerin Jessie Blöckchen und Stift, das Blöckchen könne ich behalten, den Stift nicht. So kann ich mit dem Gitarristen wenigstens die Internetadresse austauschen. Ich habe hingeschrieben, um den Namen der Geigerin zu erfragen, doch zeitnah keine Antwort, also bleiben beide ungenannt.

Ein schönes Bild hatte ich eine Weile vor Augen und mag ich in Erinnerung behalten. Der junge Sänger mit Gitarre, groß und stattlich, wurde begleitet von einer kleinen asiatisch wirkenden Frau mit Geige. Nie zuvor hatte ich die unterschiedlichen Bewegungsabläufe bei Gitarre und Violine so deutlich vor mir, und es machte mir klar, dass die Wahl eines Instruments auch von den Temperamenten bestimmt ist. Während er aufrecht und locker hinter dem Mikrophon stand und die Gitarre mit relativ sparsamen Bewegungen der Hände spielte, war sie ständig in anmutig fließender Bewegung, einmal indem sie mit dem Geigenbogen die Saiten strich oder im aufgeregten Fizzicato zupfte, aber anderes schien mir nicht vom Instrumentenspiel gefordert zu sein, sondern war Einfühlung in die Melodie und bewegter Widerhall von Emotion, ein fast tänzerischer Ausdruck der Töne. Begleitend bauschte und zerrte der Wind übermütig ihre kurze Bluse, und so schien sie wie ein Schmetterling den Sänger zu umschwirren. Wer wollte bei dieser musikalischen Ästhetik nach der Polizei rufen? Trotzdem gingen die Blicke der beiden nach jedem Lied besorgt zur Hausfassade gegenüber.

Als sie aufgehört haben, gehe ich hinein, um zu bezahlen, eine geringe Zeche, denn alles ist heute 30 Prozent günstiger. „Vielleicht sehen wir uns ja nochmal“, sagt Jessie zum Abschied. Ein schwacher Trost, denn weh! Unser schönes Leinau macht zu! Wir waren so gerne dort.

Das Lied des Abends:

Ich geh Leinau – Ein Hoch auf das Hannover Cünstler Kollektiv (HaCK)

„Ich geh Leinau“, war der Wortlaut meiner SMS an Konrad Fischer. Ich sandte sie gestern Abend von der Limmerstraße aus, wo wir eigentlich zum Limmern verabredet waren, aber niemand von HaCK zu sehen war. Was aussieht wie jugendsprachlicher Slang war dem Umstand geschuldet, dass ich keine Sitzgelegenheit fand und die SMS im Gehen geschrieben habe. Der Verzicht auf Präposition und Flexion hatte also praktische Gründe, vergleichbar der sprachlichen Verknappung in Kleinanzeigen oder dem Telegrammstil. Auf einer Fensterbank der Genossenschaftbäckerei Linden backt hätte ich sitzen können, aber ich sah dort jemanden, der den ganzen Tag vor Linden backt herumzuhängen scheint und mir letztens schon auf den Nerv gegangen war. Ich war am frühen Nachmittag dort gewesen und fand einen freien Platz an den Tischen unter der Markise. Neben mir saßen er und zwei weitere Müßiggänger beisammen, und ich wurde ungewollt Zeuge ihrer Unterhaltung. Es ging um gesellschaftspolitische Themen. Das meiste waren Allgemeinplätze, mit denen sie sich gegenseitig bestätigten, bei den Guten zu sein, die das Weltgeschehen von höherer Warte betrachten, aber mitunter schrammten sie auch an Verschwörungstheorien vorbei: dass die Autoindustrie längst vorliegende Lösungen für die Probleme des Schadstoffausstoßes in Safes hätten verschwinden lassen und dergleichen. Ich war bald genervt und dachte, wieviel schöner doch die absichtslos dahinplätschernden Gespräche von HaCK sind.
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Linden backt – Linden denkt

Bei Rewe am Kassenband wendet sich der Mann vor mir um und sagt: „Ich habe nur diesen Bon, nicht dass du dich wunderst, warum ich hier stehe.“
„Kein Problem“, sage ich, „ich wundere mich schon lange nicht mehr.“
„Warum auch?“, meint er einvernehmlich, „ist ja alles logisch so.“
Logisch grad nicht, denke ich, aber plausibel. Zur Kassiererin sagt er: „Ich gucke mal, ob ich einen Cent habe.“ Tatsächlich findet er einen im Portemonnaie. So bekommt er für seinen Pfandbon ein 50-Cent-Stück. Mir gefällt, dass die Kassiererin freundlich auf den Cent gewartet hat.

Während ich noch überlege, welches Pfandgut in der Summe auf 49 Cent auskommt, beschließe ich, die belebte Limmerstraße entlang zu gehen und mich irgendwo hinzusetzen. Ah, zum Kopfrechnen ist es zu warm. Wenn ich mich setze, sollte ich was zu lesen haben. In den Bücherregalen vor dem Antiquariat entdecke ich einen Roman von Robert Walser, von dem besseren, dem wunderbaren Walser also, und kaufe ihn unbesehen. Vor der ehemaligen Biobäckerei „Doppelkorn“ beschattet die Markise einen leeren Tisch. Doppelkorn wurde vor Jahren insolvent und war lange Zeit geschlossen. Wiedererstanden ist die Bäckerei als Genossenschaft „Linden backt.“ Die Schweizerin Hazel Brugger, bekannt aus Funk und Fernsehen, ist kürzlich hier gewesen und hat ein YouTube-Video über das Experiment der Genossenschaft gemacht. Früher nannte ich sie bei mir: „Schweiz gewordener Sauertopf“, aber in letzter Zeit finde ich sie ganz witzig. Ihr Video kommt fast ohne Spitzen aus und wirkt durchaus wohlmeinend.

Vor gut sechs Jahren habe ich oft an diesem Ort gesessen, Milchkaffee getrunken, geraucht und Leute geschaut. Das Rauchen habe ich mir abgewöhnt, und aus dem Lesen wird’s nichts. Ich bin derart abgelenkt durch die Passanten, dass ich nicht über fünf Sätze hinaus komme. Lichtenberg sagt: „Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht.“ Gegen die Vielzahl dieser Flächen kommt keine Buchseite an. Eigentlich müsste Lichtenbergs Befund erweitert werden auf die menschliche Gestalt.

Von einem Balkon in Bad Godesberg hatte man den Blick auf das Siebengebirge. Mein Zimmergenosse erklärte mir, er habe das Siebengebirge lange betrachtet, wegen „Drachenfels“ und sei zum Beschluss gekommen, dass da und dort die Kuppen des Höhenzugs an einen Drachen gemahnen. So kann man sich den immer gleichen Blick auf eine statische Landschaft interessant machen, auch wenn’s falsch ist, denn der Drachenfels heißt vermutlich so nach dem Mineral Trachyt. Ich sah jedenfalls keinen Drachen, finde auch, dass der alltägliche Blick auf eine Landschaft und sei sie noch so schön, rasch langweilig wird. Anders die Landschaft der menschlichen Gestalt. Ich staune über die Vielzahl der Erscheinungsformen.

Wenn die Adepten der Künstlichen Intelligenz (KI) davon schwärmen, das menschliche Gehirn übertrumpfen zu können, vergessen sie, dass menschliches Denken nicht auf das Gehirn beschränkt ist. Was ein Mensch denkt, kommt aus seinem ganzen Körper, wie er ihn bekleidet und wie er ihn bewegt, wie es ihn bewegt. Das in Reaktion auf Kontext und Situation ist mehr als simple Schaltungen im Gehirn. So dachte ich vor Linden backt, wo ich überaus freundlich bedient wurde – von der Frau im Video, die noch nie „Game of Thrones“ gesehen hat, was ich sehr sympathisch finde. Ich nehme mir vor wiederzukommen.

Alptraum Geldtransporter

Ich mag nicht, wenn vor dem Supermarkt der Geldtransporter wartet. Gestern war ich zweimal zum Einkaufen, und jedes Mal wartete vor dem REWE-Supermarkt an der Limmerstraße der Geldtransporter, mit laufendem Motor. Das beunruhigt mich. Denn die Gefahr besteht, dass just, wenn ich mich auf den Eingang des Supermarkts zubewege, die automatische Schiebetür aufgeht, und heraus kommt einer in Geldbotenuniform mit einem metallenen Geldkoffer, der mit einer Kette an seinem Handgelenk befestigt ist. Und zwei Heinis vom ladeneigenen Sicherheitsdienst drängen eine Oma mit Rollator zur Seite, halten mit ausgebreiteten Armen mich und ein kauflustiges Pärchen zurück und bilden ein Spalier, damit der Geldbote frei hindurch schreiten kann wie ein Prinz. Plötzlich reißt sich die Oma die Gummimaske vom Gesicht und ist eigentlich ein junger, schwer tätowierter Mann aus Bulgarien oder Albanien, jedenfalls aus einem Land, in dem an den Straßen mehr Esel herumstehen als Autos. Der hat da eine ganz schwere Kindheit gehabt, lebte schon als kleiner Junge auf der Straße und musste sich mit den unzähligen Straßenkötern um die Schlachtabfälle balgen, die der Metzger vor die Tür geworfen hat. Und was er von dem Gekröse hat ergattern können, hat er roh verschlungen. Diese soeben noch harmlose Oma mit Rollator und Hackenporsche ist also eigentlich ein vom harten Leben gezeichneter junger Mann. Obwohl mir seine schwere Kindheit bitter auf der Seele liegt, nimmt er mich einfach in den Schwitzkasten, zieht eine Kanone, hält sie mir an den Kopf und schreit:

„Hrnrt Dor frm Höflpggrt jrt, dpmdz lmsöör ovj frm jort sn!“,

was unzweifelhaft heißen soll: „Geben Sie den Geldkoffer her, sonst knalle ich den hier ab!“ Aber ich bin der einzige, der überhaupt versteht, was der verrückte Bulgare will. Alle stehen da und rätseln. „Was hat der Mann gesagt?“ „Warum regt der sich so auf? Das ist doch nur der Herr Trittenheim!“ Der Geldbote derweil kümmert sich überhaupt um gar nichts, schwingt seinen Geldbotenhintern in den Geldtransporter und sein Kollege, der den Motor hat laufen lassen, lässt die Kupplung kommen, gibt Gas und rauscht mit quietschenden Reifen davon. Der Bulgare ist völlig entgeistert. Inzwischen haben die Leute das  Smartphone herausgenommen und filmen uns. Da wird ihm klar, dass er jetzt nicht mehr in die Haut der alten Oma zurück kriechen kann, und in seiner Verwirrung und panischen Angst will er mich loswerden und schießt mir eine Kugel durch den Kopf.

Im Fernsehen erzählte ein junger Komiker vom Schlimmsten, was es in seinem Leben gibt: „Pärchenabend.“ Da würde er sich lieber erschießen. Hallo?! Als Straßenkind in Bulgarien sich von Schlachtabfällen zu ernähren oder Geldbote zu sein und das Leben zu riskieren für Geld, das einem gar nicht gehört, immer in Gefahr, dass ein anderer armer Sock‘ kommt und mit einem Seitenschneider den Geldkoffer vom Handgelenk schneidet und die Hand gleich mit, oder ganz harmlos einkaufen zu wollen und dann von einem als Oma verkleideten bulgarischen Schwerverbrecher abgeknallt zu werden, ist doch alles viel schlimmer als Pärchenabend! Ich wusste bis eben nicht mal, dass es sowas gibt.

Aus dem Off – Die schönsten Augen nördlich der Alpen

Hallo?! Wie peinlich ist das denn?! Unter dem Gejohle der Punker, die immer vor dem Edeka-Supermarkt lagern, werde ich in Handschellen über die Limmerstraße abgeführt. Und just, als die beiden Polizisten mit mir warten, um eine Straßenbahn vorbeizulassen, just in diesem peinlichen Augenblick kommt Frau Schewardnadse mit dem Fahrrad angefahren. Rundet im erstaunten Wiedererkennen ihre schönen Augen, und gerade kann ich noch stammeln: „Es ist nicht das, wonach es aussieht!“, da zerren mich die Bullen auch schon zum Polizeiwagen hin.

Jetzt sitze ich auf dem Polizeirevier in der Ausnüchterungszelle für Akademiker und andere Strolche und warte auf den Polizeipsychologen.

Es hat alles ganz harmlos begonnen. Monatelang war ich nur zu Edeka gegangen in der Hoffnung, Frau Schewardnadse säße an der Kasse. Eigentlich sieht sie aus wie eine ganz gewöhnliche Frau Anfang 40, mit blonden Strähnchen in den braunen halblangen Haaren. Aber wenn sie mich anschaut und lächelt, falle ich aus den Schuhen. Sie hat mindestens die schönsten Augen nördlich der Alpen. Und wenn sie mir das Wechselgeld zurückgibt, streicht sie jedes Mal wie unabsichtlich meine Hand. Da dachte ich schon: Man muss sich vorsehen bei den slawischen Weibern. Sie haben allerlei kokette Tricks in petto.

Leider war Frau Schewardnadse schon wieder nicht da. Vielleicht hat sie ja eine andere Stelle gefunden, denn eigentlich ist Frau Schewardnadse nicht einfach eine Frau an der Supermarktkasse, sondern war in Georgien eine Astrophysikerin gewesen. Sagt jedenfalls mein Freund Konrad Fischer. Alle Frauen, die aus dem tiefen Osten kämen und bei uns im Westen an den Supermarktkassen sitzen, wären in ihrer Heimat arbeitslose Astrophysikerinnen mit einem Doktortitel in Quantenphysik oder mindestens Lehrerin gewesen.

Statt Frau Schewardnadse sitzt ein junges Kassenfräulein da, zieht meine Waren über den Scanner, lächelt und sagt:
„Neun Euro 50 hätte ich gerne!“
Ich bin bitter enttäuscht und sage fest: „Wir haben nicht vereinbart, dass ich Ihnen für diese Dienstleistung ein Honorar bezahle.“
„Wie jetzt…?“
„Fast zehn Euro für ein Lächeln, nö! Ja, und dann haben Sie natürlich ein paar Waren über den Scanner gezogen. Das ist doch keine Leistung!“
„Hallo…? Geht’s noch? Sitzen Sie hier mal acht Stunden und fertigen jeden Idioten ab.“
„Sind Sie grad ein bisschen ausfallend geworden? Erst lächeln, dann schimpfen, und alles für neun Euro 50.“
„Sie bezahlen doch mich nicht für irgendwelche Höflichkeitsgesten.“
„Das nennen Sie also ‘Höflichkeitsgeste’. Ganz umsonst werden Sie die Idioten aber auch nicht abfertigen.“
„Mein Lohn ist in den Waren enthalten.“
„In meinem Kartoffelsalat? Ja, ist denn das erlaubt?“
„In den Preisen Ihres Einkaufs.“
„Meines Einkaufs?“
„Ja, Sie stehen hier nämlich an der Supermarktkasse. Ich habe Ihre Waren über den Scanner gezogen, die Computerkasse hat die Preise registriert, zusammengezählt und die Kaufsumme von neun Euro 50 ausgegeben, und jetzt ist es üblich, dass der Kunde bezahlt. Sagt ja schon das Wort: ’Einkaufen’ mit Betonung auf Kaufen.“
„Üblich? Ich komme aus dem Rheinland. Da kaufen wir nicht ein, sondern holen uns alles.“
„Aber in Hannover ist es üblich, dass der Kunde kauft, also zahlt.“
„Ja, wo ist er denn?“
„Wer jetzt?“
„Der Kunde, der meine Waren bezahlt?“
„Jetzt rück schon die Kohle raus, Alta“, brummt mein zotteliger Hintermann, der nur eine Flasche Wodka aufs Band gelegt hatte, „ich hab nicht ewig Zeit.“
„Ach, eilt es bei dir so mit dem Saufen? Zahl du doch!”
“Herr Huschke, Kasse bitte!”, sagt das Kassenfräulein ins Mikrophon. Und wie aus dem Nichts steht Herr Huschke neben mir, erkennbar an dem Namensschild an seinem Kittel.
Ich sage: „Hallo, Herr Huschke, sind Sie nicht so ein kleiner Dicker mit Brille?
„Nein, das ist die Frau Haubentreter. Was gibt’s?“
„Der Herr hinter mir hat nicht ewig Zeit, sagt er.“
„Wer hat das schon. Sehen Sie, ich bin schon 58, und noch ist völlig unklar, ob ich es bis zur Rente schaffe…“

Das wird traurig, weiß ich sofort und sage: „Einen Moment, bitte, Herr Huschke“, greife mir die Wodkaflasche, schraube sie auf und setze sie an den Hals. Ah, das Zeug läuft runter wie Wasser. Ich hab Riesendurst. Derweil wird mein Hintermann renitent und will mir die Flasche entwinden. Im allgemeinen Gerangel fängt das Kassenfräulein an zu schreien, und Herr Huschke geht zu Boden. Muss man da gleich die Polizei rufen?

Jetzt bin ich schon fünf Stunden in der Ausnüchterungszelle. Seit meiner Einlieferung habe ich keine Menschenseele mehr gesehen. In der Ferne höre ich den Straßenverkehr rauschen. Wo mag nur Frau Schewardnadse jetzt sein?

Upcycelt: Erstveröffentlichung am 27. August 2015 im Teestübchen

Die Politik der breiten Ärsche

Kategorie zirkusAm 11. September sind Kommunalwahlen in Niedersachsen, so auch in Hannover. Es war zu ahnen, bevor die Wahlbenachrichtigung in meinem Briefkasten lag. Schon Wochen vorher hatte das wilde Plakatieren begonnen. Besonders wüst geht’s auf der Limmerstraße zu. Jeder Laternenmast ist zugehängt oder mit einem Aufsteller umgeben. Nur an die Schilderstangen der Straßenbahnhaltestellen hat man sich nicht rangetraut. In einer Demokratie müssen Parteien für sich werben dürfen. Was gibt es da zu meckern? Ich besitze schon lange kein Auto mehr und erledige alle Fahrten mit dem Fahrrad. Man sollte nicht glauben, dass Radfahrer in der Stadt kein Parkproblem haben. Abstellmöglichkeiten, die auch noch eine Gelegenheit zum Anschließen bieten, sind rar, besonders in einer belebten Zone wie beispielsweise der Limmerstraße. Dass die Parteien und ihre Helfer den knappen Parkraum gedankenlos in Beschlag nehmen, ist mir täglich ein Ärgernis, wenn ich zum Mittagstisch radle und mein Fahrrad abstellen will.

Parteien machen sich breit - Fotos und Gif: JvdL

Parteien machen sich breit – Fotos und Gif: JvdL

Im Artikel 21 des Grundgesetzes steht: „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“ Sie „wirken mit“, führen sich aber auf, als würde ihnen das Land gehören. Dabei vergessen sie leichtherzig, dass Parteien vor einer Wahl zunächst einmal Interessengruppen sind, die darum werben, mitwirken zu dürfen. Das gilt auch für die sogenannten etablierten Parteien.

Mir ist leider die politische Heimat abhanden gekommen. Als ehemaliger Arbeiter habe ich viele Jahre brav SPD gewählt, bis Schröder (SPD) und Fischer (Grüne) die Studiengebühren und Hartz IV eingeführt haben. Diese beiden Erzganoven im Regierungsamt haben den Finanzmarkt entfesselt, das gesetzliche Rentensystem geschwächt, mit der Riesterrente die Versicherungskonzerne reich gemacht (Maschmeyer lässt freundlich grüßen!), also all die neoliberalen „Reformen“ zu verantworten, die man einer CDU-Regierung nicht hätte durchgehen lassen. Demnächst wird SPD-Chef Sigmar Gabriel seiner Partei SPD die Zustimmung zu CETA abpressen, und die Genossen werden mit Bauchgrimmen zustimmen, weil sie ihren Vorsitzenden nicht schwächen oder gar verlieren wollen. Außerdem ist längst beschlossene Sache, dass CETA und TTIP kommen werden, also kann die SPD getrost dafür entscheiden. Verhindern könnte es die Linke. Beinah hätte ich sie gewählt, aber warum sollte ich eine Partei wählen, die sich bereits im Kleinen über meine Bedürfnisse hinwegsetzt und mir dreist das Leben erschwert? An ihren Schildern sollt ihr sie erkennen. Und die Hirntoten von der AfD oder die dubiose Satire-Partei im Besitz von Martin Sonneborn werde ich ums Verrecken nicht wählen. Wählen soll ich laut Benachrichtigung im Büro der Abfallwirtschaft. Das passt wie Arsch auf Eimer.

Aus dem Off – Robert, Martin, Rudolf, Jakob, Maria, Frau Werner und ich – welch ein Durcheinander!

aus dem off Nicht viele Leute kennen den Schweizer Schriftsteller Robert Walser. Wenn sie Walser hören, denken sie sogleich an Martin, den deutschen Schriftsteller, der seinen mächtigen Schädel an Jakob vererbt hat, das Kuckuckskind, das Martin Walser dem Rudolf Augstein ins Nest gelegt hat, nachdem er im Jahr 1966 mit Rudolf Augsteins Lebensgefährtin, der Übersetzerin Maria Carlsson, herumgemacht hatte. Wem jetzt zu Martin Walser nicht Gescheiteres einfällt als dieser Klatsch aus dem „intellektuellen Hochadel“ (die Zeit), der sollte wenigstens was von Robert Walser lesen, unbedingt – etwa den zauberhaften Roman „Der Gehülfe“ oder den wunderlichen „Jakob von Gunten“, der mit dem schönen Satz beginnt:

„Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom Institut Benjamenta werden alle etwas sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben sein.“ (Robert Walser; Jakob von Gunten, 1909)

Robert Walser klingt wie Kafka, nur freundicher. Ich habe das Buch antiquarisch gekauft. Gelegentlich, ich muss bester Laune sein, besuche ich das Antiquariat an der Limmerstraße und halte nach besonderen Büchern Ausschau. Vor Tagen war ich wieder gehobener Laune, und zwar wegen der schönen Frau Werner. Sie sitzt beim angrenzenden Edekamarkt an der Kasse und ist mir herzlich zugetan. Eine Weile hatte ich mir eine Sorte pennälerhafte Verliebtheit gestattet. Ich war geneigt gewesen, sie zu einem Kaffee einzuladen, um sie näher kennen zu lernen. Doch eines Tages wirkte sie etwas durch den Wind, hatte trotz sommerlicher Temperaturen ein dünnes Tuch locker um den Hals gelegt, das aber nicht verdeckte, sondern geradezu hervorhob, was mich abschreckte. Da war nämlich ein mächtiger Knutschfleck in ihrer Halsbeuge. Aus einer sehr vergangenen Zeit weiß ich, was ein solcher Knutschfleck bedeutet. Ab dann gestattete ich mir die Verliebtheit nicht mehr und bin, wenn ich sie jetzt im Supermarkt antreffe, richtig erleichtert, dass die zarte Flirterei, die sich zwischen uns ergeben hat, keine Erweiterung erfahren muss. Heiter trat ich also vor die Tür und ging hinüber zum Antiquariat. Bei schönstem Sonnenschein hatte der Antiquar fünf Bücherkisten nach draußen gestellt, freundlich auf Tische platziert, so dass ich bequem in den Kisten stöbern konnte. Und siehe da: von einem Buchrücken lachte mich der Name Robert Walser an.

Ersatzbeleg im Buch: Vier Euro für die Hosentasche des Antiquars

Ersatzbeleg im Buch: Vier Euro für die Hosentasche des Antiquars

Es war ein schönes Inseltaschenbuch. 4 Euro hatte der Antiquar mit Bleistift auf den Schmutztitel gekritzelt. Er gab mir das Wechselgeld aus der Hosentasche, weil er im Laden nicht mal eine Kasse hat. Ich frage mich, wie er das mit der Steuer macht. Umsatz hat er genug. Aber überhaupt keine Kontrolle. Du lieber Herr Gesangsverein, wenn da mal ein Steuerprüfer kommt… Welch ein seltsamer Buchhandel das doch ist. Die ganze Ordnung ist durchbrochen. Aus der Hosentasche des Antiquars bekommt kein Verlag einen Cent, kein Autor kann frohlocken, keine Steuer wird abgeführt – alles dient nur meinem Vergnügen und dem des Antiquars. Aber damit der „intellektuelle Hochadel“ weiterhin enthemmt durcheinandervögeln kann – wie in den wilden 60ern Siegfried Unseld, Rudolf Augstein und Martin Walser in der Sylter Sommerfrische, dürfen wir die Bücher nicht nur antiquarisch kaufen. Freilich ist Robert Walser längst tot.