Über Lesen, Zuhören und Verstehen

Ich kann, wenn ich nicht konzentriert bin, einen ganzen langen Artikel in der Zeitung oder online lesen, ohne irgendwas zu begreifen. Vermutlich liegt es am Schnelllesetraining, das ich als junger Mensch gemacht habe, wobei man eine oder mehr Zeilen mit einem Blick scannt und Schlüsselwörter erfasst. Derlei Technik taugt etwas, wenn man etwa wissen möchte, ob es lohnt, ein wissenschaftliches Buch zu lesen oder ob es nur uninspirierte Worthuberei ist, mit dem Ziel, Eindruck zu schinden, etwa bei Fachkollegen, die ihre Reputation ebenfalls über Worthuberei gewonnen haben.

Beim Radsport in den Ardennen, derweil wir einen mühsamen Anstieg nahmen, habe ich einmal zu meinem Trainingspartner gesagt: „Ich kann nicht mehr langsam fahren.“ Obwohl er sich darüber noch lange erheitert hat, wusste er warum. Beim Radfahren werden unterschiedliche Muskelgruppen eingesetzt, die für die Ausdauer oder die für die Schnellkraft. Die Schnellkraftmuskeln ermüden rascher, und ist der Anstieg lang, kommt man damit nicht weit, sondern steht bald im Berg „geparkert“, wie es im Niederländischen heißt. Genauso wenn ich müde bin und lesen soll oder will. Dann kann ich nicht mehr langsam genug lesen, dass ich auch etwas verstehe und stehe geistig still, derweil das Auge noch weitereilt und liest.

Manche schreiben aber auch so, dass ich nach dem ersten Satz schon schrecklich ermüde, quasi im Berg stehen bleibe und vom Rad falle. Darauf muss man sich aber nichts einbilden. Kompliziert zu schreiben ist doof. Auch beim leisen Lesen sind die menschlichen Stimmwerkzeuge in Bewegung. Man spricht das Gelesene innerlich nach. Bildlich: bei einem komplizierten Schreibstil muss man als Leser eine Distel quer fressen. Folge: Schwere Halsentzündung.

Wenn die Stimmwerkzeuge in Bewegung sind beim Lesen, Lesen aber entwicklungsgeschichtlich eine wesentlich jüngere Tätigkeit ist als Zuhören, dann muss es auch eine Sorte inneres Nachsprechen geben, eine Spiegelung des Gehörten, was, wenn es nachgesprochen wird, als krankhafte Störung gilt und als Echolalie bezeichnet wird. Da es aber in der Regel leise geschieht, ist uns dieser Vorgang der inneren Echolalie nicht bewusst. Ich weiß nicht, ob das schon untersucht worden ist, aber von dieser Annahme ausgehend, ist die logische Folge, dass Zuhören wie Lesen ein innerer Vorgang des Taktens ist. Indem jemand zuhört, taktet er sich mit der Sprecherin, dem Sprecher. Hier liegt ein Wert der Kommunikation vor, der unabhängig vom Gesagten und Gehörten besteht. Allein das Zuhören bringt Echolalie und begleitend Empathie. Wir neigen dazu, dem Inhalt der sprachlichen Äußerung große Bedeutung zuzumessen, aber letztlich überschätzen wir die Bedeutungen, wenn es in Wahrheit primär darauf ankommt, den anderen innerlich zu spiegeln.

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Nachrichten aus einem verlorenen Universum

Am Packtisch im Supermarkt räumt neben mir eine alte Frau ihren Einkauf ein. Sie spricht vor sich hin: „Jetzt habe ich das Wichtigste vergessen.“ Sie hat, so scheints, die komplette Regenbogenpresse im Einkaufskorb. „Immerhin haben Sie viele Zeitschriften gekauft.“
„Ach, die bringe ich ins Altenheim. Die freuen sich darüber.“
„Ich habe mich schon oft gefragt, wer diese Zeitschriften liest.“
„Ja, manche gucken nur noch die Bilder.“ Es klingt alles so verloren, dass ich froh bin, mich abwenden zu können. „Gucken nur noch die Bilder.“ Wie schrecklich.

Der Trittenheim schießt sich ins Knie

Natürlich lebt mein Blog davon, dass er gelesen wird. Trotzdem muss ich aufschreiben, was mich die letzten Tage beschäftigt. Vorab eine szenische Beschreibung von heute Morgen: Die Frau im Wartezimmer hat einen dicken Roman auf dem Schoß und liest auf ihrem Smartphone. Andere blättern in Illustrierten. Der junge Mann neben mir liest aus Verzweiflung eine Werbebroschüre. Ich hänge meinen Gedanken nach und frage mich, ob es nötig ist, jede Minute Wartezeit mit Medienkonsum zu verbringen. Ständig dominieren fremde Gedanken den eigenen Kopf.

Mit dem irritierenden Slogan: „Buch macht kluch“, warb einst der Börsenverein des deutschen Buchhandels. Der doofe erzwungene Reim ließ mich schon damals fragen, ob denn die gemeinte Aussage „Buch macht klug“ so pauschal überhaupt stimmt oder ob nicht vielmehr zu bedenken wäre, was Schopenhauer sagt:

„Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen. Daher die fühlbare Erleichterung, wenn wir von der Beschäftigung mit unsren eigenen Gedanken zum Lesen übergehn. Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest, dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe erholt, die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, – wie Einer, der immer reitet, zuletzt das Gehn verlernt. Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen.“

Für den Beginn des 19. Jahrhunderts, also für Schopenhauers Zeit, schätzt der Volkskundler, Literaturwissenschaftler und Erzählforscher Rudolf Schenda den Anteil potentieller Leser auf 25 Prozent der Bevölkerung Deutschlands. Schopenhauers Vermutung betraf also nur einen kleinen Kreis, zumal Lesefähigkeit nicht bedeutete, dass regelmäßig gelesen hat, wer es nicht beruflich musste. Das exzessive Lesen, in der jede freie Minute mit Lesen verbracht wird, sei es mit Romanen oder mit Zeitungen, ist gewiss eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Der Konsum des professionell Vorgedachten nahm nicht ab, als Radio und Fernsehen dazu kamen. Smartphone und Internet haben den Medienkonsum nochmals erhöht.

Wenn Schopenhauers Befund richtig ist, wie viel verheerender muss der permanente Umgang mit professionell Vorgedachtem, mit Zerstreuungs- und Bevormundungsmedien, Entmündigungssoftware und Bequemlichkeitsapps wirken? Hat sich unsere komplette Gesellschaft einfach dumm gelesen, geglotzt und gewischt? Ist deshalb die sprachliche Wendung „keine Ahnung“ immer öfter zu hören? Wir sind medial umzingelt von Leuten, die von irgendwas eine Ahnung haben und das professionell mitzuteilen verstehen und uns die Welt erklären. Eine Gesellschaft, die sich geistig derart kolonisieren lässt, ist auf dem Weg zu werden wie die kindlichen Eloi aus „Die Zeitmaschine“ von H.G.Wells. Weil ihnen alle Arbeit abgenommen wird, lebt die Menschenrasse der Eloi völlig unreflektiert und gleichgültig. Es ist schon ein bisschen gruselig sich vorzustellen, dass eine Gesellschaft „Keine Ahnung“ das eigene Denken verlernt und überhaupt die Orientierung verliert, was nicht nur meint, dass einer unfähig wird, von der Dönerbude nach Hause zu finden, wenn Google maps mal ausfällt.

Darum, und wenn ich mir ins Knie schieße: Bitte wegklicken! Hier kommt nichts mehr.

Coster liest den Herbst von drinnen

Kategorie KopfkinoZur herbstlichen Melancholie habe er keine Lust, sagte Coster. Der dubiose Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen schaute aus dem Fenster hinüber auf den kleinen Park. “Ich mag es, wenn die Bäume sich biegen und vergeblich vor dem Wind verneigen, der ihnen mitleidslos die Blätter raubt. Aber auch wenn kaum Wind geht wie heute und unablässig Regen fällt, als würde es nie mehr etwas anderes geben, und ich stehe am Fenster, die Beine am Heizkörper, durch den wohlig warm das Wasser blubbert, das lässt mich angenehm schaudern.“

„So schwärmerisch kenne ich Sie gar nicht“, sagte ich. „Das würden Sie anders sehen, wenn Sie nur eine nasse Parkbank hätten und Ihnen der Regen die Zeitungen durchweicht, mit denen Sie sich bedeckt halten.“
„Natürlich“, murmelte er und wandte sich vom Fenster ab. „So lange ich kein Leben als Obdachloser führen muss, erlaube ich mir, den Herbst zu lieben. Da stehe ich morgens auf und weiß nicht wo anfangen vor lauter Schaffensdrang. Früher habe ich die Zeit auch gern in der Institutsbibliothek verbracht. Denn gibt es eine bessere Gesellschaft als ein kluger Geist, der zwischen Buchdeckeln wohnt? Du klappst das Buch auf, und Blatt für Blatt spricht er zu dir. Wusstest du, dass das Umwenden der Seiten in Tibet als wesentlicher Bestandteil des rituellen Lesens gilt? Die Tätigkeit ist ein Teil der Verbalisierung. Coster verstummte und sah wieder hinaus. Dann sagte er leise: Bei Rudolf Arnheim habe ich schöne Verse von der amerikanischen Dichterin Denise Leverton gefunden: Weiterlesen