Im Mahlstrom der Zeit

Freitagabend bei Filipe d’accord im Garten erzählte Herr Putzig, er sei noch mal am „Strandleben“ gewesen. Das ist eine mit Sand aufgeschüttete Halbinsel am Zusammenfluss von Leine und Ihme, wo er und Leisetöne während ihres Studiums hinter der Theke der Strandbar die Kunden im von Putzig sogenannten „Theken-Capoeira“ bedient hatten, das heißt, sie wetteiferten in ökonomischen, aber tänzerisch flüssigen Bewegungsabläufen, beispielsweise im Vorbeugen eine dem Kühlschrank entnommene Flasche zu entkorken und gleichzeitig rücklings mit dem Fuß die Kühlschranktür zu schließen.

Die Zeiten des Theken-Capoeira sind vorbei. Die neue Thekencrew weiß nicht mal mehr von Herrn Putzig, was sich ihm darin zeigte, dass ein bedienendes Mädel ihm das Pfandmarkensystem erklärt habe, als er sich eine Flasche Jever holte. Da wurde mir ganz schwermütig bewusst, dass auch das schönste Capoeira nicht den Mahlstrom der Zeit aufhalten kann. Ich bin dann auch bald nach Hause gegangen.

Die Leine im Frühling 2010, im Hintergrund das Strandleben, gesehen von der Dornröschenbrücke – Foto: JvdL

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Darüber lacht sogar der Koch – und Jacob Grimm würde staunen

Mittwochabend im Leinau. Ich betrete das volle Lokal und schaue mich suchend nach Leisetöne um. „Oben!“, ruft die Thekenbedienung. Das hatte ich befürchtet. Der Raum „oben“ ist der Raucherbereich, ganz hübsch mit einem Sofa am hinteren Tisch, Sesseln an den anderen Tischen und einer Fensterfront nach hinten raus, durch die man auf den Gang zum Apollo-Kino und auf Schaukästen mit Filmplakaten schaut. „Oben“ ist meistens viel Platz, aber eben Zigarettenrauch in der Luft. Leisetöne sitzt, in einem Reclamheft lesend, am Fenster und raucht. Vor ihm stehen schon zwei leere Kölschgläser.

Außerdem ist nur der Tisch mit dem Sofa besetzt, eine blonde Frau und zwei Männer hocken da. Um die geht es gleich. Darum wollen wir sie im Blick behalten, obwohl ich mich nichtsahnend mit dem Rücken zu ihnen neben Leisetöne setze. Herr Putzig und ein weiterer Freund treffen ein. Der Freund „hat Rücken.“ Beim Schuhanziehen hat ihn die Hexe geschossen. Immerhin kann er sich noch hinstellen und das auf einem Bein stehend demonstrieren. Wir bestellen einen Elferkranz. Der Abend nimmt seinen Lauf. Irgendwann durchquert die blonde Frau den Raum. Sie trägt über einer schwarzen Strumpfhose so einen schmalen geblümten Rock um die Hüften, als hätte sie den Saum von Omas Küchenvorhang abgetrennt. Nicht sehr stilsicher, denke ich, obwohl mir ihre Oma egal ist. Da ahne ich noch nicht, wie treffend das ist. Was an ihrem Tisch gesprochen wird zwischen ihr und den beiden Männern, können wir nicht hören. Wir führen ein eigenes Gespräch. Inzwischen ist der Koch herein gekommen, sitzt an der Tür und raucht eine. Völlig unvermittelt schallt die Stimme der blonden Frau durch den Raum:

„Du kannst mich mal geschmeidig am Arsch lecken!“

Perplex, also das Fremdwort muss jetzt mal sein, perplex drehe ich mich zu den dreien um. Sie sitzen harmlos da wie zuvor. Ich sage zum Koch hinüber: „Da muss sogar der Koch lachen!“, was ja impliziert, Köche hätten nichts zu lachen, außer wenns um Arschlecken geht, womit ich vielleicht richtig liege, nach allem, was man über die Arbeitsbedingungen von Köchen hört. Aber über „Du kannst mich mal geschmeidig am Arsch lecken!“ aus dem Mund einer Frau, würden nicht nur Köche, sondern sogar Paketausfahrer oder Klosetttieftaucher lachen. Und mir ist das ein Blogeintrag wert. Jacob Grimm, der Ahnvater der modernen Germanistik, würde staunen, wenn er die Äußerung der blonden Frau gehört hätte. Bevor er für das Deutsche Wörterbuch das Stichwort ARSCH behandelte, schrieb er in einem Brief an seinen Verleger Hirzel:

„in der ausarbeitung gerate ich jetzt an ein wort, das bei frauen nicht aufgeschlagen werden darf. ein philolog kennt aber nichts obscoenes, ihm erscheinen alle wörter und gerade solche sehr wichtig und wissenswert. alle lateinischen und griechischen wörterbücher lassen ihnen gebührendes recht widerfahren, was kümmern uns die modernen?“

Also frisch ans Werk, lassen wir dem geschmeidigen Arschlecken „gebührendes recht widerfahren.“ „Geschmeidig“ ist zwar nicht besonders geläufig, aber grammatisch ein Adjektiv, genauer ein adjektiviertes Substantiv, von Geschmeide abgeleitet. Die Etymologie hilft hier nicht weiter, denn ursprünglich war schmiedbares Metall gemeint. In der Äußerung der Frau hat „geschmeidig“ die Stellung eines „Satzadjektives“, gehört also zum Verb „lecken“, was sich leicht durch die Umstellprobe ermitteln lässt: „Du kannst mich mal geschmeidig lecken am Arsch!“ Wir können danach fragen: „Wie kann er sie am Arsch lecken?“ „Geschmeidig.“ Es lässt sich auch steigern. Vom Po sprach sie, also Positiv: geschmeidig, wer gemeint war von ihren Begleitern, Herr Komparativ: geschmeidiger oder Herr Superlativ: am geschmeidigsten, ist unklar. Machen wir noch die Ersatzprobe. Der Duden bietet einige Synonyme an:


Zweifellos passt „geschmeidig“ am besten, ohne dass wir uns den Vorgang ausmalen müssten. Bildungssprachlich: „akkommodabel“, würde hübsch alliterieren, ist aber ein – hehe – Zungenbrecher – und wäre die falsche Stilebene. Also war sie doch stilsicher, obwohl man derlei blumige Sprüche im Leinau nicht gewöhnt ist. Vor lauter Schreck habe ich mich besoffen.

Orthographie und lecker Kölsch aus dem Elferkranz


Herr Putzig selbst brachte unser Gespräch gestern Abend am Biertisch auf Rechtschreibfehler in den Sozialen Medien, bei der Büroarbeit und dergleichen, wo er doch sonst genervt zurückschreckt, wenn Leisetöne und ich mal wieder in „esoterische Linguistenpoesie“ verfallen, wobei ich nicht mehr weiß, ob er tatsächlich Linguistenpoesie gesagt hat, aber das Attribut „esoterisch“ und irgendwas mit „Linguisten“ kam vor. Jedenfalls nutzte Leisetöne die günstige Gelegenheit darzulegen, wie er einer Schülerin mit ausländischen Wurzeln zu vermitteln versucht hat, wann im Deutschen der lange Vokal mit Dehnungszeichen geschrieben wird und wann nicht. Er hatte ihr gesagt, bei Tieren wie Wal, Igel und Tiger käme nie ein Dehnungszeichen, ausgenommen die Fliege, aber das komme von „fliegen“ und gelte deshalb nicht. Ich erinnerte mich, dass mal eine meiner Deutschreferendarinnen an der Tafel gestanden hatte und fragend auf das von ihr angeschriebene „Haase“ blickte, worüber meine Schüler ins Feixen gerieten, ich aber still verzweifelte und dachte: Warum will sie nicht Sportlehrerin werden?

Leisetönes Denkansatz, Orthographie über inhaltliche Kategorien zu lehren, also eine Art semantische Orthographie zu entwickeln, finde ich grundsätzlich gut. Und mir gefällt, wie unkonventionell er seine jüngst aufgenommene Unterrichtstätigkeit begreift. Seine Idee ist quasi barrierefreier Rechtschreibunterricht. Ich gab jedoch zu bedenken, dass man bei den Schreibweisen nicht zuviel Logik vermuten dürfe. Bei der Biene gelte seine Begründung der Ausnahme nicht, denn das Verb bienen gibt es nicht. Obwohl hübsch wäre es doch, fällt mir gerade ein, das schwärmende Naschen, auch das Vernaschen des anderen Geschlechts statt herumhuren lieber herumbienen zu nennen.

Sorry, zurück zum Thema. Obwohl ich gestern Abend behauptet habe, alle verallgemeinerte Rechtschreibregeln träfen höchstens zu 80 Prozent zu, den Ausnahmerest müsse man eben auswendig lernen, bin ich von Leisetönes Denkansatz fasziniert und suche weitere Beispiele, bzw. Gegenbeispiele. Leider kenne ich nicht viele Tiere, ich bin ja Vegetarier, bitte also die geneigte Leserschaft um Hilfe bei der Suche. (Mit Dank an die Kolleginnen lunaterminiert, lamamma und den Kollegen Lo. Weitere Tierbezeichnungen aus dem Kinderlexikon)

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Ach, die unbedachten Worte

kategorie surrealer-AlltagAuf der obersten Etage wohnt eine dunkelhaarige Schönheit. Einmal, schon was länger her, kam ich spätabends zurück aus dem Vogelfrei, wo ich mit den Herren Leisetöne, Putzig und D’accord beim Bier gesessen hatte. Gerade wollte ich die Haustür aufschließen, als zwei junge Frauen herantraten und vertraut grüßten. Ich sagte erstaunt: „Ach, Hallo, Sie wollen auch ins Haus? Ich hatte Sie leider nicht sofort erkannt.“ „Ja“, sagte die eine, „man kennt sich ja gar nicht hier im Haus.“ Darauf antwortete ich, was mir augenblicklich Leid tat: „Doch Sie kenne ich. Sie kommen immer wie ein Gewitter die Treppe runter.“

Es hatte wie Kritik geklungen, war mir klar. Doch tatsächlich habe ich mich immer gefreut, ihre geschwinden Schritte auf den Treppen zu hören, die auf den Holzstufen wie ein anschwellender Trommelwirbel klangen und mich, der ich in derlei Rhythmik verliebt bin, für sie eingenommen hatten. Ich liebe das rasche Trapptrapptrapp, dieses Ungestüme junger Weiber, denn es gehören Bewegungsgeschick und ein flinker Geist zu derart raschen Schritten. Als junger Mann war ich auch schnell treppab, aber es war mehr ein geländergestütztes Überspringen von mehreren Stufen, nicht diese rasche Abfolge von links, rechts schöner Füße.

Leider hat sie sich meine unbedachte Bemerkung zu Herzen genommen und hinfort ihre Schritte gezähmt, und ich fürchte, sie hat ihr ganzes Wesen dazu zähmen müssen. Das habe ich nicht gewollt. Ich will nicht Schuld sein an einem Geschäft, das Angelegenheit des Lebens und der Zeit ist. Dieses Pärchen besorgt ihr das langsame Treppab früh genug und braucht meine Hilfe nicht. Wie gern würde ich meine unbedachten Worte zurückholen.

Stattdessen die passenden Rhythmen:
White Rabbits
Percussion Gun

Vorsorgliche Bemerkungen über nichts

An manchen Tagen kann ich nicht gut schreiben. Gestern war wieder so ein Tag. Es geht los damit, dass ich vier Wörter schreibe und fünf wieder lösche. Das ist nicht zum Schmunzeln. Dieser Text hier soll überhaupt nicht erheitern. Ich sehe noch Herrn Leisetöne gestern im Vogelfrei, wie er schmunzelnd sein Notizbuch aufschlägt und diese meine Klage hier notiert. „So ein Mist“, habe ich gedacht. „Jetzt finde ich mein Problem demnächst in Leisetönes Blog wieder, zu aller Leute Heiterkeit.“ Oder er schreibt wieder irgendwas Schreckliches über den Geistesblitz und gibt mir die Schuld, weil ich gesagt habe, er dürfe nicht über eine spekulative Idee schreiben, die ich vertrauenselig am Biertisch geäußert hatte.

Leisetöne kann natürlich schreiben, was er will. Darum muss ich ihm zuvor kommen, um wenigstens die Deutungshoheit mir zu sichern. Sorry, der letzte Satz zeigt eine Restsymptomatik meiner Probleme von gestern. Eigentlich gehört das arme Wörtchen „mir“ nämlich nicht hinter das erdrückende Substantiv „Deutungshoheit“, wo es steht, als würde ich noch kurz vor Satzende eine verhunzte Pirouette drehen. Eigentlich stand „mir“ hinter „Um“. Aber weil ich irgendwann letztens behauptet habe, es wäre ein Stilfehler, wenn Wörter mit dem Buchstaben anlauten, mit dem das vorangehende auslautet, also „um mir“ nicht gelten lassen wollte, aber zu faul oder zu eilig war, mir eine bessere Wendung zu überlegen, steht „mir“ jetzt verlegen hinter „Deutungshoheit“ rum und dreht die Kappe in der Hand wie ein Bauer, der seinen Grundherrn um Erlass des Zehnten bitten will, weil die Ernte verregnet ist.

Um das Nicht-gelten-lassen-können geht es nämlich. Wenn ich vier Wörter schreibe und fünf wieder lösche, durchstoße ich mit dem letzten Löschakt die dünne Membran, die meine Wirklichkeit umgibt. Niemand soll leichtfertig glauben, dass einfach zu schreiben wäre, wo Wort Nummer fünf sich ausgelöscht befindet. Ein gelöschtes Wort, das es gar nicht gab. Ich bitte dich. Wenn du ein Wort auslöschst, das es gar nicht gibt, ja, was glaubst du da zu tun? Wo glaubst du befindest du dich?

Schreiben findet in der 3. Dimension statt. Ein Text auf dem Bildschirm ist zweidimensional, wenn ich nur einen Punkt schreibe, also . befinden wir uns in der ersten Dimension, aber wo Wörter gelöscht werden, die gar nicht da waren, ist null Dimension oder schlimmer noch -1. Dimension. Ein Mathematiker könnte vielleicht damit umgehen. Die Kerle rechnen sogar mit negativen Zahlen, aber ich kann an einem solchen Ort nicht stehen, geschweige denn vernünftig schreiben. Es ist da nicht nur kein fester Untergrund, da ist Chaos. Da schwirren Gedanken herum, schießen quasi durch die Gegend wie ein Haufen Schwalben auf der Jagd nach fetten Mücken, wobei sie sich vor lauter Gier gegenseitig in die Quere kommen, so dass kaum eine Schwalbe je was fängt. Aber eigentlich ist da gar nichts, und ich bin hin- und hergerissen.

Exponat der Ausstellung F. W. Bernstein zum 75. Geburtstag – Foto: Trithemius

An meinem Text über den Strategischen Bahndamm kann jeder ablesen, dass ich meine Kindheit in einer reizarmen Gegend verbracht habe. Da war ich gezwungen, auch Kleinigkeiten zu beachten, um genug Nahrung für meine angeborene Neugier zu finden. Folglich ist ein Zuviel an Dingen schädlich für mein Denken. Am besten kann nämlich einer wie ich über gar nichts schreiben. Beziehungsweise über das winzige bisschen zwischen gar nichts und nichts. Entsprechend besteht mein Beitrag zum wunderbaren Wikipedia darin, dass ich ein bisschen über nichts geschrieben habe, nämlich über die Abwesenheit von Information, den Wortzwischenraum, genauer das Leerzeichen.

Weil in meinem Kopf so ein Durcheinander von sich gegenseitig behindernden Gedanken war, konnte ich gestern kaum ordentlich kommentieren. Wer einen einigermaßen vernünftig erscheinenden Kommentar von mir bekam, sollte bedenken, dass ich ewig lang daran herumgeschnitzt habe und am Schluss dachte, naja, ein krummer Stock wird auch nicht gerade, wenn ich Muster in seine Rinde schneide. Und genauso erging es mir, als ich versuchte, einen eigenen Text zu schreiben.

Mein gestriger Text hat es nur mit Müh und Not durch die strengen Teestübchen-Qualitätskriterien geschafft, der krumme Hund. Wenn überhaupt hätte er enden müssen bei dem Wort „hässlich.“ Die Sache war ausgereizt. Und nur weil ich dachte, die Leute sollen nicht mit dem Wort „hässlich“ im Gepäck nach Hause gehen, derweil ich gesellig im Vogelfrei sitze, habe ich noch einen Schluss drangewurschtelt, in dem ein neuer Aspekt aufgeworfen wurde. Ursprünglich hatte da noch was ganz anderes gestanden, aber das will ich jetzt nicht ausführen, sonst lösche ich alles wieder. Und ein Wort mehr. Jedenfalls kann Leisetöne jetzt schreiben, was er will, denn die Deutungshoheit über mein Schreibproblem habe jetzt ich, mein junger Freund.