Burtscheider Kursplitter XIX – Zu wenig Fleisch

Eine Ärztin kommt vorbei und grüßt mich mit Namen. Gegenüber sitzt Herr H., ein Physiotherapeut, der mich gerade im Gehen unterwiesen hat, und macht ein Päuschen. Ich sage: „ Wissen Sie, was ein schlechtes Zeichen ist, Herr H.?“
„Nein.“
„Wenn Ärzte und die Mitarbeiter in der Apotheke Sie mit Namen begrüßen.“
„Warum?“
„Weil es zeigt, dass Sie nicht gesund sind.“
Da bricht Herr H. in schallendes Gelächter aus. „Das muss ich mir merken.“

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Wie die Dinge in einer Institution, in einem Unternehmen oder in einer sozialen Gruppe gehandhabt werden, ist ein heimlich bestehender Plan, der unabhängig von den Mitgliedern wirksam ist und auch bei deren sukzessivem Austausch fortbesteht. Dieser Geist existiert als Struktur unabhängig von den handelnden Personen. Wer neu hinzukommt, muss sich anpassen und wird fast nichts an der vorgefundenen Struktur ändern können. Demgemäß ist die Struktur mächtiger als alle Beteiligten, und da wir sie nicht wirklich sehen können, existiert sie über unseren Köpfen. Die Auswirkung einer solchen Struktur beobachte ich auch im Mikrokosmos Speisesaal. Dort gibt es eine Ecke der Großsprecher mit zwei Tischen. Inzwischen sind die alten Platzhalter längst abgereist, aber ihre Nachfolger zeigen das gleiche Verhalten, gebärden sich laut und großspurig. Wer sich freilich nicht über Bayern München, Fußballergagen und Ähnliches unterhalten will oder kann, setzt sich dort nicht hin.

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Gehört, wie eine ältere Frau eine der umhereilenden dienstbaren Geister “Frollein!“ rief. Wie aber sollte sie besser rufen? Früher war manches einfacher.

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Diesen Schriftzug mit einem typografischen Fehler habe ich täglich vor Augen. Er gehört zum Logo der Kurklinik und ist auf allen Schriftstücken und Aushängen zu sehen. Der stört mich ungemein, denn er zeigt, dass der Gestalter des Logos ein Stümper war. Kürzlich war ich froh, dass meine Tochter, eine diplomierte Grafik-Designerin, den Fehler auch auf Anhieb sah. Es geht um den viel zu geringen Abstand zwischen I und F. Wie kam es dazu?

Original-Logo

Der Abstand zwischen allen Buchstaben des Logos ist rechnerisch gleich. Beim Zusammentreffen der Buchstaben V I A L IF E entstehen ungewollte optische Lücken. Das tritt auch auf bei Kombinationen von A V, A O, T A. Dieser Eindruck entsteht durch den Leerraum seitlich der Buchstaben, in der Typographie „Fleisch“ genannt. Buchstaben mit wenig Fleisch scheinen näher zusammen zu stehen. Beim Logo bilden I und F eine ungewollte Einheit. Im Computersatz lässt sich das ganz einfach ausgleichen. Man muss freilich den Sachverhalt kennen.

Von mir korrigierte, optisch ausgewogene Zeile


Wer mehr über das Thema wissen will: Teppichhaus Trithemius, Typopgraphischer Lehrbrief: Vom Fleisch der Buchstaben.

Musiktipp
Royal Blood – Figure It Out

Burtscheider Kursplitter III – Die mit Krücken zeigen

Der Ortsname Burtscheid leitet sich her vom lat. Porcetum, „Schweinetrift“. Gemeint sind Wildschweine, die den Wald der Gegend in großer Zahl bevölkerten. Um das Jahr 2000 habe ich in Aachen-Burtscheid gelebt. Wildschweine habe ich nicht gesehen. Täglich nahm ich den Weg durch die beschauliche Fußgängerzone über den Burtscheider Markt, wo sich gleich einer Klippe das klotzige Gebäude der Rheumaklinik erhebt, ehemals Bad der Landesversicherungsanstalt Rheinprovinz. Meine Erinnerung an diese Rheumaklinik ist untrennbar mit dem Bild von Männern verbunden, die ihre Krücken wie verlängerte Zeigefinger benutzten, wenn sie an den Wochenenden ihren Besuch durch Burtscheid führten. Herumstreifende Kurgäste auf Krücken gehören in Burtscheid zum Straßenbild. Humpelte jemand durch den Eingang der Rheumaklinik, habe ich gedacht, dass ich gerne das Gebäudeinnere sehen würde. Niemals kam ich auf die Idee, dass ich einmal als Patient in diese Einrichtung einfahren und meine Neugier befriedigen könnte.
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Genauer gesagt, ich war im Jahr 2015 nach einer Schulter-OP zur Reha in der angrenzenden Schwertbadklinik, wo ich derzeit auch bin. Diese Einrichtung verteilt sich über mehrere Gebäude. Anfänglich schwer durchschaubar ist das System aus Gängen und Aufzügen, das die Bauten des Schwertbads miteinander verbindet. Durch eine rundum geschlossene Brücke überquert man das gepflasterte Sträßchen Adlerberg zum Haus A, hat unter sich den talseitigen Eingang zur Schwertbadklinik. Zum Gebäudekomplex gehörte im Jahr 2015 noch die alte Rheumaklinik. Ich glaube, von der obersten Etage des B-Hauses führte ein verwinkelter Gang in die obere Etage der Rheumaklinik. Der Zugang ist inzwischen vermauert. Eine Investorengruppe hat die Rheumaklinik gekauft und wollte sie umwandeln zum Apartmenthaus. Allerdings rechnete sich das nicht, so dass der Plan scheiterte. Vermutlich gab es zu hohe Auflagen durch den Denkmalschutz. Derzeit steht das Gebäude leer und beflügelt meine Erinnerung. [Im Bild oben: Diese nicht ganz ernst gemeinte Ansichtskarte habe ich damals gestaltet]
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Vor sechs Jahren hatte ich einige Therapien in dem sonst leeren Gebäude der Rheumaklinik. In einem Raum ließ mich eine betagte Ergotherapeutin in einer Plastikschale mit Reis oder Erbsen graben. In einem anderen Raum lag ich in einem bequemen Sessel und eine junge Therapeutin brachte mir die Progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson bei. Sie kam aber nur einmal, sonst blieb sie in den Tiefen der Klinik verschwunden. Und ich hatte Wassergymnastik im Thermalbecken. Ich erinnere mich an ein hübsches Mosaik aus Wandkacheln, vielleicht im Jugendstil oder Art Deco. Völlig ungestört erklomm ich die Stufen in zyklopenhaften Treppenhäusern bis in die leere Dachetage. Dort entdeckte ich einen großen Gesellschaftsraum für Patienten mit Büchern und Spielen. In einem Gästebuch las ich Einträge längst entlassener Patienten. Darin Kunde von Freundschaften, die sich in der Kur ergeben hatten, von Abschiedsfeiern und launige Einträge von Alkoholgelagen. Es muss einmal Leben in den ungezählten Krankenzimmern gewesen sein, mit Decken so hoch, dass sich Schmerz auf Schmerz türmen konnte. Das alles ist nun für immer Geschichte. Im Schwertbad habe ich noch niemanden gefunden, der über die alte Rheumaklinik reden wollte, und ich schelte mich, damals nicht genug fotografiert zu haben.

Bodensee-Kursplitter IX

Jugend in der Unterwelt
In der vierten Woche, von Dienstag bis Dienstag werde ich unbegleitet sein. Die Schwäbin meines Herzens reist nach drei Wochen Kur weiter zum Verwandtenbesuch in die Schweiz. Am Pfingstmontag müssen wir ihr Mietfahrrad abgeben. Weil der Radolfzeller Fahrradladen geschlossen hat, sollen wir das Rad in einer Tiefgarage abstellen. Radolfzell ist an diesem trüben Regentag wie ausgestorben. Leben gibt es nur in besagter Tiefgarage. In Ermangelung besserer Orte hat sich dort eine Gruppe Jugendlicher versammelt. Einer fährt kunstvolle Figuren mit seinem BMX-Rad, aus einer Ecke klingen neckisch die hellen Stimmen junger Mädchen. Dazwischen tönen brüchig-raue Stimmen junger Männer. Im Hall der Tiefgarage nicht genau zu verorten, sind das unwirklich-surreale Klänge. Ich bin froh, als wir dieses Schattenreich der Automobilhölle verlassen können.

Bahnfahrers Klagelied
In Deutschland mit mächtiger Automobilindustrie und Verkehrsministern, die schon Jahrzehnte im Hintern der Autolobby zu Hause sind, darf man sich über den desolaten Zustand der Bahn nicht wundern. Da haben Streckenstilllegungen Methode, denn wo kein Zug mehr fährt, müssen pro Haushalt ein, zwei oder mehr Autos her. Die Deutsche Bahn verballert Milliarden für aberwitzige Prestigeobjekte wie „Stuttgart 21.“ Das Geld fehlt überall, beim Erhalt des rollenden Materials und des Schienensystems. Im Grenzgebiet zur Schweiz trifft das Deutsche-Bahn-Elend auf die Philosophie der Pünktlichkeit der Schweizerische Bundesbahnen AG (SBB), schließlich baut man dort überwiegend Uhren.

„Querende Züge“
Auf der Hinfahrt nach Radolfzell sind wir in Singen in einen IC der SBB umgestiegen. Obwohl man von Singen nach Radolfzell spucken kann, fahren wir dort 45 Minuten Verspätung ein. Der Zug bleibt immer wieder auf der Strecke stehen und ein Schweizer Zugchef versorgt die Fahrgäste mit verzweifelten Erklärungsversuchen von „langsam vorausfahrenden“ und „querenden Zügen“, was immer das ist.

Ein Fahrer muss leiden
Jedenfalls langen wir in Radolfzell an, nachdem der Fahrer der Kurverwaltung bereits Feierabend hat. Er sitzt offenbar auf heißen Kohlen, fährt uns im halsbrecherischen Tempo zur Kurverwaltung und derweil wir einchecken unsere Koffer zur Unterkunft, steht wieder vorm Gebäude, um uns zu unseren Koffern zu bringen, bricht schier zusammen, als die Schwäbin zurück zur Rezeption eilt, weil sie ihre Tasche vergessen hat. Beim Ausstieg geben wir ihm sechs Euro Trinkgeld in die offene Hand. Er schaut nicht mal hin, und wirkt, als wollte er sich verächtlich in die Hand spucken. Wir sind unschuldig, schon gegen sieben Uhr in Hannover losgefahren: „Nimm den Rotz, Andreas Scheuer!“

Bodensee- Kursplitter VIII

Vom anderen Stern
Bei der Wassergymnastik betritt ein Mann mit gewaltigem Bauch die Schwimmhalle. Am Beckenrand stolziert die gertenschlanke Sportlehrerin und demonstriert mit selbstverliebter Perfektion die Übungen. Wir im Wasser können nur staunen über diese Selbstinszenierung in koboldartiger Überdrehtheit. Bauchmann und Sportlehrerin wie Wesen von verschiedenen Planeten.

Kleine Freuden
Am Yachthafen von Moos bei den dümpelnden Booten schön in der milden Abendsonne gesessen und Pizza Funghi gegessen. Dabei empfinde ich eine fast diebische Freude, das gesunde, fettreduzierte Abendessen in der Kur zu verpassen.

Der einzige Kunde
In Radolfzell öffnen die Geschäfte wieder. In einem Sportkaufhaus erstehe ich Laufschuhe. Der Seniorchef und eine Verkäuferin kümmern sich gut eine halbe Stunde darum, die richtigen Schuh für mich zu finden.

Rechts-Links-Schwäche
Weil ich die Kur um eine Woche verlängere, muss ich in ein anderes Zimmer umziehen. Es ist genau spiegelverkehrt zu meinem alten Zimmer. Die Umstellung fällt mir schwer, namentlich das Betreten der engen Dusche. In drei Wochen haben sich die Bewegungsabläufe anders herum eingeschliffen, dass mein inneres Ich nicht umlernen mag.

Handwerkskunst
Seitdem ich einst im eigenen Haus das Bad gefliest habe, interessiert mich an fremden Bädern die Arbeit des Fliesenlegers. Einmal nächtigte ich bei einer Radtour entlang der Ruhr in einem Hotel, das von Chinesen geführt wurde. Die Wirtin trug stets ein kleines Kind auf dem Arm. Beim Duschen erfasste mich das große Staunen. Das perfekt geflieste Bad war derart eng und klein, dass man sich nur nach gezielter Überlegung drehen oder wenden konnte und trotzdem überall aneckte. Hinfort zwängte ich mich nur nach gründlicher Planung in dieses Bad. Ich war sicher, dass die chinesische Wirtin, obschon dicker als ich, dieses Bad bis in den letzten Winkel putzen würde, und dabei hätte sie natürlich im linken Arm das kleine Kind. Auch hätte ich gerne den Installateur gesehen, der in dieser Enge alles sauber angebracht hatte. Diesem Mann hätte ich gerne die Hand geschüttelt.

Wenn das Herr Litfaß wüsste
Neben dem anzüglichen Inhalt und der kuriosen kontextualisierung der beiden Plakate zeigt sich bei der unteren Plakatwerbung eine Mehrfachkodierung des Vokals O.
(Litfaßsäule auf der Halbinsel Mettnau
Foto: JvdL
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Bodensee Kursplitter VII

Die Sterne müssen warten
Über dem Starnberger See habe ich einst einen prächtigen Sternenhimmel gesehen, sogar die Milchstraße, die Stadtbewohner nur noch vom Hörensagen kennen. Ähnlich frei von Lichtverschmutzung müsste der Himmel über dem Bodensee sein. Bei einer Flasche Pinot Grigio sitzen meine aparte Begleiterin und ich auf dem Balkon und warten den Sonnenuntergang und die Dunkelheit ab. Leider wird es rasch so kalt, dass wir es selbst unter einer gemeinsamen Kuscheldecke nicht lange genug aushalten.

Eingriff in die Natur
Einige Kurgäste und ich sitzen auf der Sonnenterrasse neben dem Speisesaal. Da kommt quer über die Wiese hinweg eine Schar Gänse im Gänsemarsch. Vorneweg die beiden Alten, dahinter die Gänseküken. Eine fette Krähe fliegt heran und hüpft auf das letzte Küken zu. Da springt ein Kurgast auf und mit den entrüsteten Worten: „Sag mal!“ verscheucht er die Krähe. Sie hüpft aber nur ein wenig zur Seite. Erst jetzt haben die beiden Alten die Bedrohung ihres Kükens bemerkt und jagen mit gestreckten Hälsen und aus offenem Hals fauchend auf die Krähe zu, die nun endgültig auffliegt.

Die Entrüstung des Kurgastes kann ich verstehen. Niemand mag mitansehen, wie vor seinen Augen sich ein blutiger Kükenmord vollzieht. Da wird der Mensch zum „Tierfreund“, indem er einseitig Partei ergreift. Aber hat er das Recht, derart in den Lauf der Natur einzugreifen? Beutegreifer wie die Krähe haben auch ein Lebensrecht, genau wie der Mensch, der bedenkenlos Fleisch aus Massentierhaltung verzehrt.

Vertragsbruch
Im Traum sollte ich ein Kleid vorführen und darin fotografiert werden. Aber ich zog nicht den vereinbarten Lappen an, sondern ein schönes Kleid von Schiesser. Tags zuvor hatte ich gehört, dass die Schiesser AG ihren Hauptsitz im angrenzenden Radolfzell hat. Dass ich die Neigung hätte, Frauenkleidung zu tragen, behaupten nicht mal böse Zungen.

Sozialdarwinismus
Auf dem Gelände der Kurklinik erhebt sich das Scheffelschlösschen. Es war der Sommersitz des Dichters Joseph Victor von Scheffel. Bei seinen Naturbeobachtungen kommt er zum Fazit:
„Denn der Große frißt den Kleinen, /
Und der Größte frißt den Großen, /
Also löst in der Natur sich /
Einfach die soziale Frage.“

Was gibt’s denn da zu sehen?

In einem Radolfzeller Garten fotografiere ich diese Badenixen. Claus Kleber kommt mit dem Fahrrad vorbei und schaut neugierig, was es da zu fotografieren gibt. Später kaufe ich just dort bei einem Hausflohmarkt für vier Euro ein weiteres Engelchen für Jeremias Costers Hausaltar. (Leider bin ich derzeit nicht in meiner Wohnung und kann nicht fotografieren, wie die Engelchen seine Asche bewachen, die sich im Filmdöschen befindet.)

Bodensee-Kursplitter VI

Alarm unterm Dach
Das Haus, in dem wir untergebracht sind, liegt direkt am See. Die Zimmer haben Balkon und Seeblick. Das Gebäude hat den Charme einer Jugendherberge und ist gedeckt mit gewellten Eternitplatten. Nah der Regenrinne nisten unter den halbrunden Enden der Platten offenbar Spatzen. Allmorgendlich landen dort fette Krähen und versuchen ein Frühstück zu räubern. Da erhebt sich ein wüstes Schimpfen in der Spatzenkolonie. Wo der Mensch ein Naturidyll erlebt, findet simultan ein ständiger Überlebenskampf statt.

Impf-Alpträume
Aus dem Vorhang staken türkisfarbene Hände, hat meine aparte Begleiterin nach der Impfung mit AstraZeneca geträumt. Ihr Nachbar berichtet von seiner Impfung mit AstraZeneca: Nach einem nächtlichen Toilettenbesuch hätten in seinem Bett zwei Kopfkissen gelegen. Ein Mann, der aussah wie er selbst, kam hinzu und legte sich neben ihn. Dann schrumpfte er zum Zwerg und sprang unermüdlich ums Bett. Aus der nahen Schweiz erreicht mich dieses Video:

Zwielaut spezial
Ich habe bei der Schwäbin meines Herzens festgestellt, wie sie den Diphthong (Zwielaut) „ei“ spricht, beispielsweise in „Schweiz.“ Hinter dem „ei“ erklingt immer noch ein einzelnes „i“, so dass es klingt „Schwei-iz.“ Versuche es und fühle dich wie ein halber Schwabe, eine halbe Schwäbin.

Kur statt Urlaub

„Im Lesebereich saß kein Geringener als Klaus Kleber“, sagt sie eines Morgens. Tatsächlich steht er bald darauf am Büfett. Meine Begleiterin findet ihn kleiner als er im Fernsehen wirkt. Ich höre ihn später auf der Terrasse reden. Ein alerter junger Türke hat ihn vereinnahmt, und Kleber gibt ihm Karrieretipps beim ZDF: „Du, ich finde klasse, dass du dich so interessierst.“
Die ihre Sätze mit dem kumpelhaften „Du“ beginnen, sind mir nicht geheuer.

Bodensee – Kursplitter V

Das Wetter wird gebracht
Nach dem heftigen Regen der Nacht ist im Kurpark das Kneippbecken randvoll. Zwei Arbeiter sind daran beschäftigt, haben den Gullydeckel zu einem Schacht geöffnet, woraus das Rauschen einer Pumpe zu hören ist. Ich frage im Vorbeikommen, was passiert ist. Die Pumpe spiele verrückt, sagt einer und geht mit mir weiter. Wie wohl das Wetter wird, frage ich. „Wenn des Weddr kommd, des sie brochd hend, hörd’s bald auf zu soicha“, sagte er. Gemeint ist wohl die im Fernsehen gebrachte Wettervorhersage.

Schwäbische Mediennutzung
„Em Fernseh wird ebbes brocht, em Radio au,
aber im Intenet und in der Schwäbische Zei-itung stohts.“

Oma bekommt Besuch
Ein kurdischer Masseur schildert mir eine Entwicklung: „Früher hatte Oma Geburtstag, und die ganze Familie fuhr mit einem Auto hin. Heute gleiche Oma, gleicher Geburtstag, die Familie fährt mit fünf Autos hin.“

Der Zeller See im Nebel – Foto: JvdL


Auf Schwaden starren
Sauwetter seit Tagen, Wind und Regen bei Temperaturen um 15 Grad. Der Zeller See ist allmorgendlich nebelverhangen. Über den jenseitigen Hügeln steigen Nebelschwaden auf. So kenne ich den Bodensee. Vor genau 56 Jahren bin ich als Jugendlicher schon einmal hier gewesen. Vier Freunde und ich radelten von Nettesheim eine Woche hin, eine Woche zurück. Eine Woche blieben wir am Bodensee und erlebten ihn fast nur im Regen. Auf der Hinfahrt durch den regenverhangenen Schwarzwald nächtigten wir in der Jugendherberge von Freudenstadt. Wir teilten uns die Dachstube mit zwei niederländischen Studenten. Indem der Regen aufs Dach prasselte, ein Freund eine Reportage über seine auf- und abschwellende Erektion gab, geschah meine politische Erweckung. Die Studenten klärten uns darüber auf, welches Unrecht der Vietnamkrieg war. Bis dahin hatte ich derlei nie gehört, hatte in einer Filterblase gelebt, denn in den Nachrichten von ARD und ZDF wurde es nicht ausgesprochen, auch die Neuß-Grevenbroicher Zeitung war voll auf US-Kurs gewesen. Jetzt verstand ich, warum zu Karneval in Köln die Jugendlichen „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!!“ skandiert hatten.

Nicht meine Schuld
Nach der missglückten Kahnpartie wasche ich meine verschlickten Sneakers am Badestrand und gehe Barfuß Richtung Unterkunft. Unterwegs raste ich auf einem Stein.Unzählig Tagesausflügler ziehen vorbei. Zwei türkische Jugendliche fragen, ob es wo was zu essen gibt. Wegen Corona hat auch das Restaurant am See geschlossen. „Hier gibt’s nichts.“
„Keinen Döner?“, wundern sich der eine.
„Auch keine Pommes?“, fragt der andere aggressiv.

Bodensee-Kursplitter III

Zwangsläufig 10.000 Schritte

Seit 30 Jahren mache sie das schon, sagt die Kellnerin, nachdem sie unser Mittagessen am Tisch serviert hat. Heute habe sie Rückenschmerzen. Das überrascht mich, denn ihr Schritt wirkt stets beschwingt, ob sie zwei Teller trägt oder ein schweres Tablett mit einem Stapel sauberer Tassen. Schon eine Weile habe ich beobachtet, wie schier unermüdlich das Personal schuftet, und das für zwei Schichten der Kurgäste dreimal am Tag. Keine macht einen Leergang, immer eilen alle, in die Küche, wieder heraus, quer durch den Saal. „Sie laufen schier acht Kilometer am Tag“, schätze ich. „Mehr“, sagt sie. „Eine Praktikantin hatte an ihrem Smartphone einen Schrittzähler, und da sind mehr als zehn Kilometer zusammen gekommen.“

Kacka!

Am Pfingstmontag zieht ein übler Geruch durch Foyer und Lesesaal. Die Zimtzicke kommt vorbei und ruft: „Jetzt riecht es auch noch nach Fäkalien! Was soll denn das?!“ Bald schon parkt ein Wagen der Kurverwaltung draußen, und zwei Arbeiter spülen einen Abflusskanal. Wenig später warte ich im Untergeschoss auf die Krankengymnastik (KG): Einige Physiotherapeuten und Sportlehrer arbeiten auch am Pfingstmontag. Ein Mann in Arbeitskleidung kommt die Treppe herab und verschwindet in einem „Betriebsraum.“ Das erinnert mich an H. G. Wells „Die Zeitmaschine.“ Sein Zeitreisender gerät in ferner Zukunft in eine Welt mit zwei menschlichen Rassen. Die kindlichen Eloy leben wohlversorgt in einer paradiesischen Welt, sind aber geistig degeneriert. Sie werden versorgt von den unterirdisch schuftenden Morlocks. In der Nacht kommen die Morlocks an die Oberfläche und holen sich eine(n) der Eloy, was die anderen Eloy nur gleichgültig registrieren. Wir Kurgäste sind wie die Eloy, das allzeit dienstbare Personal, das sind die Morlocks. Nur fressen die keinen der Kurgäste. Aber weiß man’s?

Kindliches

Tatsächlich attestiert mir meine aparte Begleiterin einen neuerdings kindlichen Witz. Das kam so: Sie hatte gesagt, mit meiner Kappe sehe ich aus wie Che Guevara. Da wir etwas abseits der zentralen Kureinrichtung untergebracht sind, haben wir uns Fahrräder gemietet und sprinten damit allmorgendlich um die Wette einen kleinen Anstieg hinauf. Als Siegprämie habe ich mir ausbedungen, sie müsse mich den ganzen Tag „El Commandante“ nennen.

Es geht auch ohne

Da ich den ganzen Tag auf den eigenen Körper konzentriert bin, höre ich auf zu denken. Bin nur noch Muskel und Magen.

Die letzte Stufe

„Kalt und grausam“ sei die Auflösung des Akronyms KG, sagt die Physiotherapeutin. Sie hat bei mir eine Gangunsicherheit beim Treppenabsteigen bemerkt, wohl ein Restsymptom des Schlaganfalls, übt mit mir sogar den Treppenabstieg, allerdings aus Sicherheitsgründen von der letzten Stufe. Die habe ich kürzlich übersehen. Das musste ja schiefgehen.

Collagieren geht noch