Die Gefahr, sich ungewöhnlich am Kopf zu kratzen

Wegen Schmerzen in der Schulter konnte ich eine Weile den linken Arm nicht gut heben. Das erforderte im Alltag unkonventionelle Bewegungen. Wenn mich die linke Schläfe juckte, dann langte ich mit dem rechten Arm über meinen Kopf, um mich zu kratzen. Jedesmal, wenn ich mich so erwischte, musste ich an eine Erprobungsstufen- konferenz denken, die ich als junger Klassenlehrer erlebt habe. Verhandelt wurde der Fall eines undisziplinierten Jungen meiner Klasse, wir nennen ihn Bert. Sein Physiklehrer, ein geistig erstarrter Unterrichtsbeamter, stellte Berts Eignung fürs Gymnasium in Frage.

Neben der schlechten Physiknote gab es für den Physiklehrer ein weiteres Indiz, und er sprach mit einer gewissen Verachtung: „Der kratzt sich soo am Kopf!“, langte mit der Rechten über seinen Kopf und kratzte sich an der linken Schläfe. Ich hatte bis dato nicht gewusst, dass es am Gymnasium gewisse Kratzkonventionen gibt, deren Nichtbeachtung einen jungen Menschen nah an den Schulverweis bringen. Glücklicherweise war das Notenbild des Jungen nicht so schlecht, dass er wegen seines ungebührlichen Kratzens an die Hauptschule verwiesen werden musste, wo vermutlich all die Figuren sitzen, die sich kratzen wie und wo sie wollen.

Gut zwanzig Jahre später, auf der Geburtstagsfeier meines ältesten Sohnes, lernte ich einen Ingenieur kennen. Der erzählte, dass er sich in der Firma meines Exschülers beworben habe. Bert hatte inzwischen ein Ingenieurdiplom in Elektrotechnik und zusammen mit seinen Brüdern ein weltweit operierendes Computerunternehmen aufgebaut mit gut fünfhundert Mitarbeitern. Nicht überliefert wurde, wie Bert sich inzwischen zu kratzen beliebt.

Der letzte Patient – kein Lächeln und kein Kratzen

Die Frau mit dem süßesten Lächeln, das mir in Hannover je begegnet ist, lächelt nicht. Ich tue mein Bestes und sage:
„Jetzt sitze ich vor Ihnen mit heruntergelassener Hose, Frau L.“
„Und auch noch als mein letzter Patient im alten Jahr.“
„Haben Sie zwischen den Tagen frei?“
„Ja, ich habe Urlaub und freue mich, obwohl ich gerne arbeite.“
„Man darf sich auch mal über freie Tage freuen“, sage ich, mit den Hosen auf den Köcheln.

Sie legt mir ein Stück Gaze mit Jodsalbe aufs immer noch nässende Knie und verbindet mich. Ich bedanke und verabschiede mich, wünsche ihr schöne Weihnachtstage, aber als sie antwortet, lächelt sie auch nicht richtig. Das war anders gewesen, als ich gestern ein Rezept abholte. Da hatte sie mich derart zuckersüß angelächelt, dass ich glatt vergaß, meinen Namen zu sagen und warum ich gekommen war. Allmählich erschließt sich mir, warum sie heute nicht gelächelt, sondern nur ein bisschen geschmunzelt hat. Sie wird einen anstrengenden Vormittag hinter sich gehabt haben. Wenn eine zudem über ein derartiges Lächeln verfügt, darf sie es nicht durch inflationäres Auftreten verschleißen.

Das erinnert mich an ein legendäres Kratzen, das ich ebenfalls nicht zu sehen bekam. Einmal war ich mit einem Freund in Lüttich gewesen. Wir hatten uns in einem hübschen Lütticher Viertel vor ein Café gesetzt. Er hatte Hunger und orderte ein Baguette. Dann aß er noch eines, denn er aß alles, was groß und dick macht. Allerdings gestand er dann, dass er unser Sitzen vor dem Café noch hatte hinauszögern wollen. Denn eigentlich kam er nur einer bestimmten Kellnerin wegen her, die sich so wunderbar kratzen könne. Nach seinem zweitem Baguette tauchte auch die Kellnerin auf. Sie war wohl schon außer Dienst und stand dann eine ganze Weile einfach so an den Mast einer Markise gelehnt, angetan mit einem dunkelgrünen T-Shirt, dessen kurze Ärmel hoch oben unterhalb ihrer Schultern endeten, wodurch ihre wirklich ausnehmend schönen Arme zur Geltung kamen. Die Kellnerin machte allerlei selbstvergessene Gesten, sprach auch gelegentlich ein paar Worte mit dem Kollegen, wenn er vorbeikam, aber wollte sich zu unserer Enttäuschung einfach nicht kratzen.

Ein Frauenlob: Da bevölkern so schmucke Wesen unseren Planeten, und statt sich ihrer zu erfreuen, macht der Mann die Erde unwirtlich, lässt die Muskeln spielen und zettelt Kriege an. Früher ging es dabei wenigstens um Frauen wie beim trojanische Krieg. Der wurde bekanntlich durch die Entführung der Helena ausgelöst. Heute geht es um Öl, um Macht oder eine fanatische Religionsauffassung und imaginäre Jungfrauen. Ich bin mir sicher, dass ein bezauberndes Lächeln oder ein versonnenes Kratzen nichts, aber auch gar nichts mit Jungfräulichkeit zu tun haben.

Heute erinnert die Neue Züricher Zeitung an ein außergewöhnliches Weihnachtslied, das mich stets zu Tränen rührt: