Kunst und Antikunst – Bunt unter Konsumdeppen

„Abweg“ ist eine Installation des Hamburger Künstlers Darko Caramello Nikolic auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofes in Hannover. Von der „Demokratisierung der Kunst,“ steht etwas auf einer Infotafel, vermutlich, weil die Installation begehbar ist und zum Begehen einlädt. Doch weil das Objekt eine Marketingidee des Einkaufbahnhofs Hannover ist, kann mit „Abweg“ nur die immanente Hurenfunktion solcher Kunst gemeint sein. Vom Künstler beschritten, ist der Abweg mehr Design als Kunst und vermittelt einen völlig falschen Eindruck von Kunst.

Eine Friederike Strauß vom Vermarktungsmanagement hält sich mit solchen Ideen erst gar nicht auf und schwadroniert auf der Homepage des Einkaufbahnhofs: „Gerade der Kontrast zwischen dem historisch anmutenden Blick auf den Bahnhof und innovativen, kreativen Kunstwerken macht einen gewissen Reiz aus.“

Wo ein Abweg lockt, finden sich immer ein paar Deppen – Foto: JvdL (größer: Bitte klicken)

Diesem dümmlichen Reiz erlag auch ich. Obwohl ich gekommen war, um etwas einzukaufen, was ich gestern vergessen hatte zu kaufen, ließ ich mich verlocken, die Installation zu begehen. Als ich am anderen Ende hervortrat, hörte ich ein Paar lachen und der Mann sagte: „Ist mit einer schwarzen Jacke hineingegangen und kommt mit einer pinken raus. Wenn er nochmal durchgeht, sagt er: „Nanu, jetzt ist meine Jacke grün, hahaha!“ Ja, ich war gemeint. Tatsächlich hatte der alberne Mensch intuitiv richtig gelegen. Vor meinem Aufbruch mit dem Fahrrad hatte ich zuerst eine schwarze Jacke übergestreift. Doch die dünne Windjacke schien mir etwas zu warm zu sein und ich entschied mich für eine magentafarbene, die ich noch aus meiner Radsportzeit besitze. Zusammen mit den Fahrradhandschuhen schien es mir das passende Outfit für einen Besuch des Einkaufbahnhofs zu sein. Und jetzt muss ich lachen über die Idee, in einer latent grünen Jacke herumzulaufen. Mir fällt die Raddadistenmaschine ein, mit der Kurt Schwitters den Wahn schon 1921  veralbert hat:

Die Raddadistenmaschine ist für dich bestimmt. Sie ist durch eigenartige Zusammenstellung von Rädern, Achsen und Walzen mit Kadavern, Salpetersäure und Merz so konstruiert, daß du mit vollem Verstand hineingehst und vollständig ohne Verstand herauskommst. Das hat große Vorteile für dich. Lege dein Bargeld in einer Raddadistenkur an, du wirst es nie bereuen, du kannst überhaupt nicht mehr bereuen nach der Kur. Ob du reich oder arm bist, ist gleichgültig, die Raddadistenmaschine befreit dich sogar von dem Geld an sich. Als Kapitalist gehst du in den Trichter, passierst mehrere Walzen und tauchst in Säure. Dann kommst du mit einigen Leichen in nähere Berührung. Essig tröpfelt Kubismus dada.

Dann bekommst du den großen Raddada zu sehen. (Nicht den Präsidenten des Erdballs, wie viele annehmen.) Raddada strahlt von Witz und ist bespießt mit einigen 100000 Nadelspitzen. Nachdem du dann hin und hergeschleudert bist, liest man dir meine neuesten Gedichte vor, bis du ohnmächtig zusammenbrichst. Dann wirst du gewalkt und raddadiert, und plötzlich stehst du als neu frisierter Antispießer wieder draußen. Vor der Kur graut dir vor dem Nadelöhr, nach der Kur kann dir nicht mehr grauen. Du bist Raddadist und betest zu der Maschine voll Begeisterung. – Amen. – Kurt Schwitters

O, welch ein konzeptioneller Unterschied! Wenn das kunterbunte Spassobjekt Kunst sein soll,  dann lobe ich mir die Schwittersche Antikunst.

Morgenstund hat Geld im Mund – Ein Fall von geplanter Verschwendung und ein Witz mit Verspätung

Cartoon: JvdL, (größer: klicken)

In seinem Buch „Geplanter Verschleiß: Wie die Industrie uns zu immer mehr und immer schnellerem Konsum antreibt – und wie wir uns dagegen wehren können“, schreibt der Ökonom Christian Kreiß, eine Beratungsfirma habe dem Zahnpastahersteller Colgate geraten, die Tubenöffnung zu vergrößern, worauf sich der Umsatz um 30 Prozent erhöht habe. Jetzt verstehe ich mein Cartoon, das ich einst der Titanic angeboten habe, das dort aber so lange „auf Halde“ gelegen hat, dass ich es zurückgefordert habe. Der Witz zündet erst Jahre später im Kontext mit der zu großen Austrittsöffnung bei Zahnpastatuben. Darüber habe ich mich schon oft geärgert, dass immer zuviel Zahnpasta austritt. Wie wir jetzt wissen, exakt 30 Prozent pladdert sinnlos in den Abfluss. Sauerei. Gewiss gibt es die geplante Verschwendung auch bei anderen Produkten.