Gekritzelt – Gras und 1a Studentenfutter

Freundschaftsdienst
Gestern besuchte mich Freund Ludger aus Aachen, den ich über den inzwischen verblichenen Freund kenne, der bei mir Jeremias Coster heißt. Ich hatte ja Costers unzählige Notizbüchlein geerbt. Seine Töchter hatten aber entschieden, sie zu schreddern. Ludger brachte mir Costers Tagebuch mit. Jetzt lese ich im Tagebuch, was höchst befremdlich ist. Die Handschrift erkenne ich aus der Briefpost, die ich von ihm erhalten habe. Das Tagebuch zu lesen ist wie seine Stimme aus der Vergangenheit zu hören.

Die Kaffeekanne erinnerte mich
In meinem Viertel ist es üblich, Gegenstände, Kleidung oder Bücher zum Verschenken vors Haus zu stellen. So fand ich die Kaffeekanne, die mir am Montag eine komplizierte Woche vorausgesagt hat. Die Geschichte, wie ich die Kanne gefunden habe, erinnerte mich an einen kuriosen Vorfall im Frühsommer dieses Jahres. Ich hatte gerade mit Hausnachbarn die Rekultivierung der Baumscheibe vorm Haus begonnen. Wir hatten schon einige Blumen gepflanzt, da war eines Morgens ein Zettel an den Baumstamm des Ahorns geheftet mit dem Foto eines Kindersitzes. Dabei stand in etwa folgendes: Man war von auswärts nach Linden gekommen, um Freunde zu besuchen. Da war einiges in deren Wohnung zu transportieren. Den Kindersitz habe man auf dem Bürgersteig abgestellt, um etwas aus dem Auto ausladen zu können. Als man zurückkam, war der Sitz weg. Man habe nichts von der in Linden üblichen Sitte gewusst, dass vorm Haus abgestellte Gegenstände zum Verschenken gedacht seien und erbitte sich den teuren Sitz zurück. Ich habe den Aushang nach einigen Tagen abgenommen, weil ich nicht wollte, dass Leute durchs frisch angelegte Beet steigen, um ihn zu lesen. Leider habe ich ihn nicht aufbewahrt.

Studentenfutter
Im Juli 2018 habe ich über eine kommentierte Bibliographie geschrieben, die ich wieder gefunden hatte. Bei der Neubearbeitung der „Buchkultur im Abendrot“ habe ich das einfache Literaturverzeichnis durch die Bibliographie ersetzt. Käufern meines Buches hatte ich angeboten, sich die Bibliographie hier als PDF runterzuladen. Inzwischen, Stand 06. November 2019, ist das 326 mal geschehen. Das wundert mich, denn so viele Bücher habe ich gar nicht verkauft. Wer lädt also die Bibliographie herunter und wozu? Mein Sohn, dem ich das erzählte, meinte, „das sind Studis.“ Das erklärt mir nichts. Was machen die damit? Fraglich ist auch, wie diese Leute die Bibliographie finden. Ich habe erfolglos diverse Suchphrasen ausprobiert.

Drogen vom Briefträger
Als ich noch gekifft habe, erbot sich Coster, mir in Holland Gras zu besorgen. Dann schickte er das Gras mit der Post. Ich trat eines Morgens vor meine Wohnung in der ersten Etage, da schlug mir der intensive Grasgeruch entgegen. Das ganze Treppenhaus roch danach. In meinem Briefkasten dann ein einfacher Briefumschlag mit dem dubiosen Inhalt. Coster hatte ganz arglos den hübsch gestalteten Aufkleber mit seiner Absenderadresse auf die illegale Postsendung gepappt.

Manekineko
Eine Geschichte zu schreiben: „Mein Leben als japanische Winkekatze“, sollte Glück bringen.
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Schreibstube 5 – Essen wie Goethes Großmutter

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Ich ließ sie alleine in den Saal gehen und ihre Ausrüstung zusammenpacken, blieb im Türrahmen stehen, um aus den Augenwinkeln den Gang zu beobachten.
„Wo sind die?“, fragte Helen, als sie aus dem Saal kam.
„Nicht zu sehen. Aber gib mir den Porsche!“ Mit dem schweren Stativ in der Hand fühlte ich mich etwas gewappnet, falls uns die Männer über eine Hintertreppe den Weg abgeschnitten hatten.“
Wir eilten die Treppe hinab. Das Foyer war leer. Hinüber zur Tür. Helen stieß mit der Hüfte die Klinke hinunter und stöhnte angstvoll auf: „Verschlossen!“
„Die geht nach innen auf, du Herzchen“, sagte ich. „Das ist keine Paniktür.“
Der Parkplatz lag bereits in der Dämmerung. Drüben beim Auto standen zwei dunkle Gestalten.
„Lauf zur Straße!“, sagte ich.
Sie zögerte.
„Nun mach schon!“
Ich sah ihr hinterher, bis sie die Straße erreicht hatte und schaute immer wieder zum Auto hinüber. Die Männer setzten sich langsam in Bewegung und kamen auf mich zu. Aus der Nähe erkannte ich die dunkelblauen Uniformen der Gendarmerie.
„Que faites-vous ici, monsieur ?“, fragte der Ältere, ein phlegmatischer Wallone mit einem Schnurrbart. Ich kramte mein Schulfranzösisch hervor:
„Nous avons visité le bâtiment et pris des photos.“
„Vous ne savez pas qu’il est interdit d’entrer dans l’immeuble?“
„Je suis désolé, on ne le savait pas. Nous venons d’Allemagne.“
„Das ist ein schlechte Ausrede“, sagte der Jüngere.“Betret Verbot steht doch auf den Schild.“
„Leider übersehen. Ich trug mich mit dem Gedanken, das Gebäude eventuell zu kaufen.“
„Il veut acheter l’ancienne boîte“, dolmetschte er seinem Kollegen.
„idée folle“, sagte der und machte mit dem Zeigefinger eine Schläfenschraube. Die beiden lachten.
Es wurde mir zu blöd: „Si ça ne vous dérange pas, j’aimerais conduire maintenant.“
„Bon voyage, monsieur, et restez à l’écart dans le futur.“

Wer waren die?“, fragte Helen, nachdem ich sie mit dem Auto eingesammelt hatte.
„Von der Gendarmerie, wollten wissen, was wir da gemacht haben.“
Sie sank erleichtert in ihrem Sitz zurück.
„Hast du was von den Männer gesagt?“
„Nein, das wäre mir zu kompliziert gewesen, auf Französisch zu erklären. Außerdem ist der Polizei nicht zu trauen, so korrupt die hier sind. Ich wollte nur schnell weg, um dich nicht ganz aus den Augen zu verlieren.“
„Was glaubst du, haben die drei Kerle im Sanatorium getan?“
„Offenbar nichts, was wir hätten sehen sollen.“
„Gruselig!“, sagte sie und schüttelte sich. Eine Weile schwiegen wir. Helen zündete sich eine Zigarette an.
„Ich habe Thomas übrigens gesagt, dass ich zwei Tage in Spa fotografiere. Wegen der unterschiedlichen Lichtverhältnisse morgens und abends.“
„Dann übernachten wir in Spa?“, sagte ich erfreut und fragte mich, warum sie vorher nichts gesagt hatte. „Aber nochmal zum Sanatorium willst du hoffentlich nicht.“
„Muss ja nicht. So haben wir mehr Zeit für uns.“
„Wird sich dein Mann nicht wundern, wenn du nur Fotos vom späten Nachmittag hast.“
„Kaum. Der interessiert sich nicht für meine Arbeit.“
„So ein Klotz!“
Wir fuhren ins Zentrum von Spa und kauften ein paar Sachen für die Nacht. Helen brauchte nicht viel. Sie hatte die große Fototasche für eine Übernachtung gepackt. Ich hatte mich schon gefragt, was da alles drin wäre. Für die Übernachtung wählte ich das „Manoir de Lébioles“, am südlichen Ortsausgang gelegen.

„Ein schönes Schlosshotel“, sagte ich. „Das bisschen Luxus haben wir uns nach der Aufregung verdient. Ich bin schon mal da gewesen. Walden, ein Geschäftsfreund meiner Eltern, hatte dorthin zum Firmenjubiläum geladen. Zum festlichen Diner musste der Sternekoch mit dem ganzen Küchenpersonal in Reihe antreten, und Walden las dessen Vita vor, wo der überall gekocht hatte und so. Damit wir so recht würdigen konnten, was uns geboten wurde. Walden hatte ihn ein Menü kochen lassen „aus dem Kochbuch der Großmutter Goethes, und ein Dr. Thomeé vom Aachener Germanistischen Institut hielt eine launige Rede über Goethe, bevor serviert wurde.“

„Wer keine Kultur hat, kauft sie sich“, sagte Helen.

„Oder er verhökert sie wie dein Mann“, gab ich zurück.

Fortsetzung (6)

Bericht aus der Schreibstube

Foto: Gudrun Petersen

„Wie weit bist du mit der Neuformatierung der kommentierten Bibliographie?“
„Beinah fertig. Ich frage mich, was damit tun? Die Zeit ist darüber hinweg gerauscht. Das referiert auf altes Wissen, das heute keinen mehr interessiert. Gestern sah ich beim NDR-Medienmagazin Zapp einen Bericht über neue Formen der Nachrichtenübermittlung des BR für junge Leute unter 30. Man produziert Dialogszenen aus einer Wohngemeinschaft, filmt, gestaltet mit dem Smartphone und veröffentlicht die Filme bei Instagram. Ein anderes Format für junge Leute ist „funk“ von ZDF und ARD, publiziert über verschiedene Plattformen wie Youtube und dergl., beispielsweise das Format „Auf Klo“. Zapp fragte: „Wenn das mit Funk gut funktioniert, was ist eigentlich danach? Wie finden Funk-Nutzer später zu ARD und ZDF? Programmgeschäftsführer Florian Hager meint, man brauche auch Angebote für die 30- bis 40-jährigen, damit die Leute, die mit Formaten wie Funk sozialisiert wurden, durch die Angebote des Fernsehens erreicht würden. ‚Das ist die nächste große Baustelle‘, sagt der Interviewer. Hager: ‚Genau.‘

Und ich dachte, wie radikal sich die Medienwelt wandelt, dabei gibt es unter Bloggerinnen und Bloggern noch welche, die stolz darauf sind, überhaupt kein TV zu nutzen. Und völlig anachronistisch sind die Themen der kommentierten Bibliographie.“