Unterstadt (2) – ein erzähl experiment

die leute sagen: geh nicht in der unterstadt! wer hingeht, kommt nie mehr rauf. aber wir vom VIWO, das ist „velocipèdeclub immer weiter oberstadt“ kümmern uns nicht drum. wir gehen ja nicht, wir fahren. wir fahren mit unsere rennmaschinen überall hin, je nach windrichtung. wenn der wind vom süden weht, fahren wir nach süden zu los, damit er uns beim rückweg schiebt. und natürlich ist jeder von uns schon mal am alter kinosaal vorbei gefahren.

hallo? die unterstadt liegt im süden. also fahren wir da auch vorbei und runter. die einzige regel ist, niemals absteigen. wenn wir vom verein einmal losgefahren sind, setzen wir nirgends den fus an den grund. ehrensache! wer mitmachen will in unser verein, muss zuerst eine prüfung machen. muss zeigen, dass er mit eine übersetzung von 42:28 eine steigung von 26 prozent hochfahren kann, ohne vom rad zu fallen. zum ersten mal haben mich die alten kämpen mit in die unterstadt genommen. wir fahren immer in eine grose gruppe zu 15 mann. sind manchmal auch frauen dabei, aber heist ja „allemannhoch“ und nicht „allemannundfrauhoch.“ einer ist immer der wegkapitän. der fährt vorne und bestimmt fahrstrecke und tempo.

als ich zum ersten mal nach unterstadt gefahren bin, war der dicke franz unser wegkapitän. wir fuhren hoch zum kinosaal, ich schön bei hans-günter am hinterrad. aber kurz vor oben konnte ich nicht mehr langsam fahren und habe mich frech an die spitze gesetzt. da kam der dicke franz rechts neben mich, hatte einen ganz rotem kopf und schreit: fahr! fahr! ich hab mich total erschreckt und verstanden, ist gefahr und bin wie wild am kinosaal vorbeigefahren. ich flog über die kuppe und bekam den riesenschreck. ich habe mal ein bild gesehen. oben auf eine skisprungschanze steht einer mit sein motorrad und ein hämisch lachender verbrecher hält ihm den colt am kopf, dass er mit dem moped die schanze runter rasen muss. von dem bild ist mir glatt schwindelig geworden und ich musste weggucken, aber hab nicht aufhören können, das bild anzusehen. immer wenn sich der grusel gelegt hat, musste ich wieder hingucken und dachte, gleich rast er runter, kann sein lenker kaum noch halten, aber mus in die spur bleiben bis zur absprungkante, oje, oje oje!

genauso fühlte sich an, als ich am alter kinosaal vorbei über die kuppe geflogen war. GOTT, geht es da steil runter! ich wollte bremsen, aber der dicke franz neben mich schreit mich ins ohr „fahr! fahr!“ wie der verbrecher vom bild mit sein colt. und ich kann nicht sehen wohin. grad als ich dachte, gleich hebst du ab und segelst ins tal, macht die straße ein knick nach links und weiter eine schnurgrade rampe runter. der dicke franz gibt mir ein quackje mit seine linke schulter, dass ich die kurve kriege. puh, geht es steil runter! vernünftige leute bauen da lieber eine treppe, aber nicht die leute von unterstadt. an die rampe wohnt niemand. zu steil für ein haus. aber unten die häuser in unterstadt. schrecklich!

Wird fortgesetzt

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unterstadt (1) – ein erzähl experiment

dass die leuten anderswo anders sprechen als wie wir, glaube ich nicht. ich finde auch nichts dabei, dass wir eine ober- und unterstadt haben. und finde gerecht und richtig, dass wir aus der oberstadt auf den leuten in unterstadt immer schon runtergesehen haben. soll man denn auf diesen leuten hinaufschauen? hallo? sie leben doch in unterstadt! aber der weg in die unterstadt ist schon komisch. zuerst führt nämlich die strase steil bergauf.

bergauf in die unterstadt, das kommt mir vor, als hat die oberstadt noch einen schutzwall, dass alle guten leuten sofort sehen pass auf, warnung. gleich geht es runter und zwar tief. geh da nicht weiter! genau an der stelle, wo die straße steil zur unterstadt fällt, liegt rechts den alten kinosaal. seine schaufenstern sind ganz staubig und die tür ist mit bretter zugenagelt. seit er leer steht, habe ich vor den kinosaal noch mehr angst. aber eigentlich kommt die angst noch vom kindergarten her. einmal ist fräulein altenberg mit uns kinder in dem kino gegangen. wir durften einen märchenfilm von die gebrüder grimm sehen. der war ein bisschen gruselig. es ging um einen jungen. der hat immer widerworten gegeben. davon ist er ganz krank geworden und musste sterben. da haben sie dem jungen begraben. aber nach kurzer zeit hat der sein händchen durch die erde gewühlt und hat mit das fingerchen ein widerwort aufgezeigt. die leute im dorf haben die mutter gesagt, sie muss an das grab wache stehen und dem händchen peitschen, bis es aufhört, widerworte zu geben.

bei uns im kino war der karl-heinz grosch. der hat immer quatsch gemacht und laut gelacht, als die mutter dem händchen gepeitscht hat. fräulein altenberg hat gesagt, karl-heinz soll still sein. aber der hat immer weiter gelacht. da ist plötzlich der film ausgegangen und licht ging an. erst hat es laut gestampft, da kam eine gestalt ganz in lumpen auf der bühne. auch das gesicht war lumpen und der mund hat uns angeschreit. wir haben auch geschreit und sind aus der kinosaal rausgelaufen, fräulein altenberg auch. drausen hat sie gesagt, der karl-heinz war schuld, weil er unartig gewesen ist. ich hab gesehen, dass der lumpenmann rote einmachgummis um den beinen hatte, solche gummis hat meine oma auch. das habe ich fräulein altenberg gesagt, und sie ist sehr böse geworden.

(Foto und Grafik: JvdL) Wird fortgesetzt

Wörter wie gefaltete Leinwand – Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

Kategorie Medien„Oh! Das haben wir?“, fragte die schöne Bibliothekarin, die neuerdings in der Lexikonabteilung saß, und rollte verzückt die Augen. Ich war froh gewesen, einen Grund zu haben, sie anzusprechen, denn ich hatte sie eine Woche zuvor auf einer Vernissage im Ludwig-Museum gesehen. Sie war mir aufgefallen wegen ihrer raspelkurzen schwarzen Haare und weil sie ganz in Schwarz gekleidet gewesen. Wir hatten ein bisschen geäugelt.
„Ja, es hat drüben im Regal am Fenster gestanden“, sagte ich. Sie befragte ihren Computer und beschied, das Deutsche Wörterbuch stehe jetzt in der Abteilung „Germanistik“ auf der 2. Etage. Ich hatte das monumentale Werk, 32 schwergewichtige Bände in Leder, erst vor kurzem in der Aachener Stadtbibliothek entdeckt und war froh gewesen, dass es zumindest zur Einsicht zugänglich war. Weiterlesen