Auf die Zunge gebissen

Einige Tage habe ich vergeblich versucht, mich an ein Traumbild zu erinnern, in dessen Folge ich mir auf die Zungenspitze gebissen habe. Das Traumbild einer Frau hatte mir in Breitwand so klar und deutlich vor Augen gestanden, und dann war es im gleichen Traum durch die reale Frau entzaubert worden. Da biss ich mir auf die Zunge, nicht im Traum, sondern tatsächlich, obwohl das eine wie das andere gleich weh getan hätte, wie ein geträumter Zungenbiss ebenfalls Spuren hinterlassen würde. Weil es in meinem Bett derart gefährlich wurde, bin ich aufgestanden. Es war sechs Uhr.

Hinfort versuchte ich mich ans Traumbild zu erinnern, in dessen Folge ich mich gebissen hatte. Es waren meine eigenen Zähne gewesen, kein Gebiss hatte zugebissen wie das des belgischen Cartoonisten Kamagurka:

    Ich wurde durch meinen Zahnarzt reingelegt.
    Der Scheißkerl hat mir ein falsches Gebiss verpasst.
    Ein sehr falsches Gebiss.
    Es beißt ohne vorzuwarnen.

    (Aus: Kamagurka; Kamiel Kafka’s nog niet verzamelde werk, Antwerpen 1997 –
    aus dem Niederländischen übersetzt von Jules van der Ley)

Ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, als ich am Samstagmittag an einer Plakatwand vorbeikam. Dort war in Gesicht und Farbgebung mein Traumbild zu sehen. Es zeigte genau diese stylische Gesichtslarve, die ich geträumt hatte, auch mehrmals nebeneinander, was mir rätselhaft erschien, als ich mich noch zu erinnern versuchte. Ich hatte dieses Gesicht geträumt, das bei alltäglicher Beleuchtung, ungeschminkt und ohne Weißhaarperücke nur ein enttäuschender Abglanz wäre.

Foto: JvdL

Ich schwöre, ja, ich schwöre dir, dass ich das Plakat vorher nie gesehen habe, an die manieristische Typografie von gespiegelten und gestürzten Lettern würde ich mich erinnern. Anna Loos ist mir auch sonst nie sonderlich aufgefallen, das schwöre ich auch. Verflixt, jetzt habe ich mir schon wieder auf die Zungenspitze gebissen!

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Sport ist Mord oder Der fatale Startschuss

Kategorie Humor neuIn meinem Bücherregal steht ein Büchlein mit kurzen Texten auf Niederländisch. Ein Freund und Kollege hat es mir mal geschenkt. Es ist: Kamagurka; Kamiel Kafka’s nog niet verzamelde werk, Antwerpen 1997. Der flämische Allroundkünstler Luc Charles Zeebroek, alias Kamagurka ist ein Meister des absurden Humors. Man kennt im deutschen Sprachraum seine schrägen Cartoons für Titanic, Süddeutsche Zeitung, Zitty, Eulenspiegel, Die Zeit, nicht aber seine nicht minder skurrilen Texte. Hier eine weitere Kostprobe – von mir übersetzt:

Der fatale Startschuss

aus: Kamagurka; Kamiel Kafka’s nog niet verzamelde werk, Antwerpen 1997

aus: Kamagurka; Kamiel Kafka’s nog niet verzamelde werk, Antwerpen 1997

Es waren mal zwei Jecke. Sie nahmen die Fahrräder und fuhren damit einen Berg hoch. Die Pointe dieses Witzes liegt auf der anderen Seite des Bergs, so dass niemand, auch Sie nicht, sie kommen sieht. Die Fahrt ist sehr anstrengend, denn sie fahren nicht nur einen Berg hinauf, sondern haben auch noch heftigen Gegenwind. Auf der halben Höhe halten die zwei kurz an. „Von hier aus wollen wir um die Wette fahren, um zu sehen, wer von uns der schnellere Radfahrer ist“, sagt der eine Jeck. „Du fährst zur Spitze des Bergs, und ich zu seinem Fuß. Wir sind doch auf der halben Höhe, also ist der Abstand gleich.“
„Holla, Holla, hier stimmt was nicht!“, sagte der andere Jeck, „ich habe Gegenwind.“ „Schon klar“, sagt der eine, „um das zu kompensieren, nehme ich mein ganzes Gewicht mit.“ Gespannt warten die beiden Jecken auf den Startschuss.
Sie: „Peng! Peng!“
Schande, so ein guter Witz, und jetzt schießen Sie hier die zwei Jecken tot!“