Immer nur Ärger mit den Schlitzaugen

Kategorie zirkusDer Münchener Autor Herbert Rosendorfer schreibt in der Erzählung „Das letzte Beben“, ein Luxemburger Futurologe habe eine Analyse veröffentlicht, in der er anhand „bekannter und berechenbarer Fakten“ nachwies, dass die Länder der Dritten Welt keine Chance hätten, „den Entwicklungsvorsprung der Industrienationen jemals aufzuholen“, weil die Industrienationen vorher bereits alle Rohstoffe aufgebraucht haben würden. Auch China teile das Schicksal der Dritten Welt und werde trotz aller Anstrengungen, noch auf den ablegenden Dampfer der Industrienationen zu springen, „zwischen Kaimauer und Bordwand ins Wasser fallen.“

Wie kommt es, dass eine alte und reiche Kulturnation wie China derart ins Hintertreffen geraten konnte? Ein Blick auf den 29. August 1842 hilft zu verstehen. Da nämlich schloss das britische Empire mit dem chinesischen Kaiserreich den Vertrag von Nanking. Der Vertrag sicherte den Engländern das Recht auf Opiumhandel, was sich als verheerend für die Entwicklung des chinesischen Kaiserreichs erwies. Er war einer der sogenannten „Ungleichen Verträge“, mit denen die Vereinigten acht Staaten, als da waren das Deutsche Reich, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Österreich-Ungarn, Russland und USA sich Mitte des 19. Jahrhunderts das Recht sicherten, das Land auszuplündern, und hätte es nicht um die Jahrhundertwende den Boxeraufstand gegeben, säßen die Herrenmenschen heute noch da und ließen sich vom vermeintlich schlitzäugigen Untermenschen die Füße waschen und derlei Dienstleistungen erbringen.

Wie das Deutsche Reich bereit war, in China zu wüten, davon zeugt die berüchtigte Hunnenrede des deutschen Kaisers Wilhelm II, mit denen er deutsche Truppen am 27. Juli 1900 auf eine Strafexpedition nach China schickte (Auszug):

„Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“

wenn-ein-aff-hineinschaut-kann-kein-apostel-herausschauenDie Morde, Plünderungen und Vergewaltigungen durch die „Hunnen“, der brutale Terror der alliierten Truppen an der chinesischen Bevölkerung haben kaum 100 Jahre abgeschreckt. Wie ein Spiegeltitel vom August 2007 zeigt, wagt der Chinese den scheelen Blick wieder. Auf 16 Seiten jammerte der SPIEGEL darüber, wie chinesische Schlitzaugen westliche Technologien ausspähen, auf dem Titel hübsch ins Bild gesetzt: Zwei Schlitzaugen schauen scheel durch einen Schlitz, hehe. Und was erblickten sie im OFF? Baupläne für den Transrapid oder für Motorsägen, die einfach so in deutschen Büros herumlagen oder von vertrauensseligen deutschen Managern gar nach China getragen und vor der Nase des Chinesen ausgebreitet wurden. Der aber merkte sich frecher Weise, was er gesehen hatte. Um die bigotte Entrüstung aufzuheizen, berichtete der SPIEGEL, dass einem deutschen Manager bei einem Geschäftsessen in China gar ein lebendiges Äffchen serviert wurde, dem er mit einem Hämmerchen den Schädel einschlagen musste, um das Hirn auszulöffeln. Da wird der ehrbare deutsche Kaufmann vielleicht Schlitzaugen gemacht haben, doch gar so wichtig war das Vieh dann auch nicht, denn es galt, Verträge abzuschließen, und zumindest im übertragenen Sinne ist einem deutschen Manager das Auslutschen fremder Hirne vertraut.

Die über Affenhirn besprochenen Verträge allerdings, betont der SPIEGEL, werden von den Chinesen in der Regel nicht eingehalten. Denn eigentlich hat der Affenhirn löffelnde Chinese nur eines im Sinn: Er will alles nachmachen. Sichten wir die Fakten: Der Deutsche darf keine chinesischen Ressourcen mehr rauben, und in Ermangelung eigener Ressourcen legt er seinem einstigen Opfer feinste deutsche Technologie vor. Der Chinese nimmt die Wiedergutmachung dankend an und baut deutsche Technologie nach. Dazu löffelt er Affenhirn, was wiederum der Deutsche nachmacht. Was, bitteschön, gibt es da zu meckern? Ist das nicht Ausdruck einer wunderbaren Beziehung zwischen ehrbaren Hirnaussaugern und eifrigen Nachahmern?

„In keiner Weisen respektlos gegenüber China gemeint“, ließ der deutsche EU-Kommissars Günther Oettinger verlauten, nachdem er in einer Rede vor Unternehmern in Hamburg von Chinesen als „Schlitzohren und Schlitzaugen“ gesprochen hatte. Ja, wie denn  sonst? Beim Thema Zukunft Europas warnte er laut Tagesschau.de mit einem umstrittenen Beispiel vor der politischen Schwächung der EU. „Letzte Woche waren die chinesischen Minister bei uns, zum Jahresgipfel ‚China-EU‘. Neun Männer, eine Partei. Keine Demokratie, keine Frauenquote, keine Frau – folgerichtig.“ Und er fügt hinzu: „Alle: Anzug, Einreiher dunkelblau, alle Haare von links nach rechts mit schwarzer Schuhcreme gekämmt.“ Gestern meldete Tagesschau.de „Oettingers „Schlitzaugen“-Spruch verärgert Peking“ Warum nur? Vielleicht sind die „Schlitzaugen“ einfach nicht so geschichtsvergessen wie Herr Oettinger oder unser fetter Wirtschaftsminister, der gerade in China auf dicke Hose macht – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

Kaisertreu oder Platz für das Gesäß des Kaisers!

In diesem Text geht es quasi um nichts. Um einen Buchstaben, der mal verschwinden sollte, aber nicht durfte, dann doch verschwand, aber auf geheimnisvolle Weise wieder bereitgestellt wurde. Man hört ihn beim Sprechen nicht, er zeigt weder Dehnung noch Schärfung an, sondern hat seit Jahrhunderten die ehrenvolle Aufgabe, gar nichts zu tun, lediglich besessen zu werden. Im Jahr 1901, als unsere Rechtschreibung amtlich wurde, da wollte Konrad Duden viele Wörter eindeutschend geschrieben sehen, die nicht mehr als Fremdwörter empfunden werden, unter anderem auch das aus dem Griechischen stammende Wort „Thron“ (griech. thrónos = Stuhl, Herrschersitz). Gegen die Schreibung „Tron“ aber verwahrte sich der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. Er wollte sich seinen Thron nicht schmälern lassen, denn was Kaiser einmal besitzen, wollen sie behalten, und sei es einen funktionslosen Buchstaben.

duden1994Tron

In meinem Bücherregal ist ein Regalboden in Augenhöhe dem aktuellen Rechtschreib-Duden und anderen Wörterbüchern vorbehalten. Dazwischen steht auch ein schmales Heft von 48 Seiten, das der Dudenverlag anlässlich der Wiener Orthographiekonferenz vom 22. bis 24. 11. 1994 an Fachpublikum verschickt hat. Es enthält die Beschlüsse der Konferenz im Vorgriff auf die bald folgende Orthographiereform. Auf Seite 25 steht (Abb.):

„Entsprechend können in einigen häufig gebrauchten Wörtern die Buchstabenverbindungen rh, th, gh durch r, t, g ersetzt werden (in Klammern die weiterhin zulässige bisherige Schreibung): Reuma (Rheuma), Tron (Thron)“

Dieser zaghafte Anschlag auf den Thron wurde aber erfolgreich vereitelt. Die alternative Schreibung Tron ist nach der endgültigen Fassung der Reform nicht zulässig. Upps, wer hat hier quer geschossen? Wir haben doch gar keinen Kaiser mehr, der für sein ausladendes Gesäß einen ordentlichen breiten Thron fordern könnte. Ich habe einen leisen Verdacht: Vor einigen Jahren befragte die Rheinische Post Prominente zur Rechtschreibreform, unter anderem Franz Beckenbauer, den einzigen deutschen Kaiser seit Wilhelm II: Kaiser Franz soll gesagt haben: “Ich schreibe so, wie ich es gelernt habe. Mit knapp 60 stelle ich mich nicht mehr um. Wir haben in Deutschland andere Sorgen.”

Gibs zu, Beckenbauer! Das warst du doch!