Wie Kevin zum Deppen gemacht wurde

Als Lehrer ertappte ich mich dabei, schriftliche Leistungen in Klassenarbeiten und Klausuren positiver einzuschätzen, wenn sie in schöner Handschrift niedergelegt waren. Die Psychologie weiß aus Untersuchungen, dass die Leistungen schöner Menschen positiver beurteilt werden als die der anderen. Lehrkräfte schätzen Kinder mit Brille intelligenter ein. Über diese gefühlsmäßig beeinflussten Urteile sprachen wir beim HaCK-Treffen am vergangenen Freitag, auch über den Fall Kevin und die Stigmatisierung aller Träger dieses Namens. Wie ist es dazu gekommen?

Im Jahr 2009 wurde vom Spiegel die Studie der Lehramtsabsolventin Julia Kube bekannt gemacht. Sie hatte in ihrer Masterarbeit 2000 Lehrer online zu ihren Namensvorlieben und den zugehörigen Assoziationen befragt. Herausgefunden hat sie, dass Lehrer die Träger bestimmter Namen für intelligenter halten als andere. Eine Lehrerin hatte beim Namen Kevin vermerkt: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“. Man kann sich vorstellen, wie es zu der „Diagnose“ gekommen ist: Die Lehrerin hatte zufällig zwei, drei schwierige Schüler mit dem Namen Kevin erlebt und in der Umfrage ihrem Ärger Luft gemacht. Die findigen Köpfe in der Spiegelredaktion haben ihren Stoßseufzer sogleich für eine gute Überschrift gehalten. Scheinheilig berichtete man über ungerechte Leistungsbeurteilung, setzte aber mit der Überschrift jedem Kevin die Narrenkappe auf.

Aus Der SPIEGEL, 16.09.2009 – zum Artikel bitte klicken!


Auf diese Weise wurde das Vorurteil der Grundschullehrerin millionenfach verbreitet und von der Presse, die sich gerne beim Spiegel bedient, wieder aufgegriffen, um letztlich von beschränkten Comedians vermeintlich witzig vermarktet zu werden. So drang der Befund einer gestressten Lehrerin ins kollektive Bewusstsein der bildungsbeflissenen Mittelschicht. Kevin verschwand über Nacht aus der Hitliste der beliebtesten Vornamen, wurde zum Schimpfwort und unter Jugendlichen zum Alpha-Kevin. Um sein Wörterbuch der Jugendsprache zu vermarkten, sucht der Langenscheidt Verlag alljährlich per Online-Abstimmung das Jugendwort des Jahres. Im Jahr 2015 hatte sich das Koppelwort „Alpha-Kevin“ an die Spitze gesetzt. Gemeint ist damit ein besonders blöder Junge mit „Diagnose“. Alpha-Kevin war dem Langenscheidt Verlag aber peinlich. Man nahm das Wort aus der Bewertung und entschuldigte sich, man habe keine konkreten Personen beleidigen wollen.

Die Jugendsprache dient wie alle Sondersprachen der Abgrenzung und Identitätsbildung der beteiligten Sprecher. Darum hatte ich arglos angenommen, dass Alpha-Kevin ein Ehrentitel ist und jemanden bezeichnet, den Jugendliche in trotziger Missachtung erwachsener Normen zum Alphatier machen. Denn so funktioniert gesellschaftliche Starbildung. Schon Jeremias Gotthelf zeichnet in seiner Novelle „Die schwarze Spinne“ von 1842 das Bild eines unklugen, wüsten Knechts, der den Mägden gerade deshalb am liebsten von allen ist.

So oder so, wenn Kevins Stigmatisierung durch erwachsene Dumpfbacken in die an sich anarchische Jugendsprache eindringen konnte, spiegelt die Sprache, dass auch etwas bei den Jugendlichen nicht stimmt, indem sie sich nicht mehr abgrenzen. Es ist überhaupt abzulehnen, dass Erwachsene sich aus Gewinnsucht beschreibend in das Geschehen innerhalb der Jugendsprache einmischen. Indem Wörter aus der Jugendsprache in die Medien geraten, wirkt das natürlich auf die Jugendsprache zurück und verändert sie.

Gekritzelt – Bahn bewaffnet Schaf

Biertrinken gegen Sprachmagie
Bei unserem letzten HaCK-Treffen in der Kneipe zweifelte Herr Putzig aus soziologischer Sicht den Vereinbarungscharakter der Sprache an, der unter Linguisten seit Saussure unumstritten ist. Um das Willkürliche zu beweisen, schlug ich vor, wir sollten vereinbaren, unsere Biergläser künftig Nähmaschinen zu nennen. Dann stießen wir mit unseren vollen Nähmaschinen an und prosteten uns zu. Filipe d’Accord guckte ganz erstaunt. Vermutlich hätte er nicht gedacht, dass es geht.

Erinnerung an Colomans Fliege
Auf meiner Fensterbank lagen Ausdrucke eines Manuskripts, das ich gerade in Arbeit habe. Gestern saß eine kleine schwarze Spinne auf den Zeilen gleich Colomans Fliege. Der irische Mönch Coloman († 17. Juli 1012) hatte der Überlieferung nach eine Fliege, die auf dem Codex saß, in dem Coloman las. Immer wenn er eine Lesepause einlegen wollte, befahl er der Fliege, auf der zuletzt gelesenen Zeile sitzen zu bleiben, was die Fliege auch tat. Dieses lebendige Lesezeichen wird ihm leider irgendwann vom Codex weggestorben sein, ohne ihre Fähigkeit zu vererben, denn ähnliche Dienstleistungen wurden nie mehr von Fliegen berichtet. Das Spinnchen hatte ich allerdings nicht gerufen, und ich dachte, meine Texte sind auch nichts für Spinnenhirne.

Ich folgte einer Vampirin

„Sie lächeln so fein, dabei wollen Sie nur mein Blut“, sagte ich der aparten medizinischen Fachangestellten, als sie mich zur Blutabnahme bat. „Wenn ich grimmig schauen würde, käme doch keiner freiwillig mit“, entgegnete sie. Gut gegeben.

Die Sorge des Atheisten
Wenn es dunkel ist und ich vom Schreibtisch nach links schaue, blinkt durch das wirre Gezweig der entlaubten Vogelkirsche ein Stern. Er strahlt vermutlich von der Turmspitze der Bethlehem-Kirche. Als ich von Aachen nach Hannover zog, hätte ich nebenan, am Bethlehemplatz auch eine schöne Wohnung mieten können. Ich habe mich gegen sie entschieden, weil ich die Adresse „Betlehemplatz“ nicht haben wollte. Da würde man doch denken, da wohnt eine Betschwester.

Aber warum denn?

Schnappschuss: JvdL

Ach so, vong da her
Wie Jugendsprache in den Medien verbreitet wird, ist sie schon immer künstlich gewesen. Das gilt auch für die diversen Lexika der Jugendsprache. Um seines zu bewerben, kürt der Langenscheidt-Verlag das „Jugendwort des Jahres.“ Diesmal lautet es „I bims“, eine Verballhornung von „Ich bin’s“ aus der parodistischen Vong-Sprache, mit der die schlechten Deutschkenntnisse von Jugendlichen und Erwachsenen ironisiert werden. Obwohl Vong eine Erfindung ist, die durch eine facebook-Seite populär wurde, greift „I bims“ eine Entwicklung der Umgangslautung auf, die der Grammatikduden schon 1984 verzeichnet, ähnlich „fümf“ statt „fünf“, „ampassen“ statt „anpassen“ und dergleichen. Vielleicht werden unsere Ururenkel Vong sprechen.