Fragment (7) – Das Institut rutscht und kullert

Costers Nachfolge als Leiter des Instituts für Patapysik trat der Kulturwissenschaftler Dr. Steffen Gaukler aus Lüneburg an. Gaukler war eine gute Wahl. Sein mitreißender Enthusiasmus bewog den Senat zu einer Neubelebung des Faches, trieb den Abriss des alten Institutsgebäudes voran und machte Gelder locker. Gaukler gewann den Lütticher Stararchitekten für den Tropfen-Neubau und sorgte dafür, dass dessen Ideen bis ins Kleinste umgesetzt wurden. Rektorin Renate Klippenhagen verteidigte die Budgetüberschreitung um das Fünfache der geplanten Bausumme.

Man munkelt, das neue Institut für Pataphysik habe kein unsicheres Fundament, sondern überhaupt kein echtes Fundament, weshalb die Befürchtung, der gigantische Harztropfen könnte mal ins Rutschen geraten, nicht unbegründet ist. Nur Eingeweihte wie Steffen Gaukler und Renate Klippenhagen wissen, dass Architekt Jean-Marie Dobbelstein das Abtropfen vom Königshügel sogar als Funktion des Gebäudes ausdrücklich geplant hat. Deshalb das Rasen mit Langboards auf den Fluren, immerzu auf den Hörsaal zu und hinein, deshalb die ständigen Vorlesungen, bei denen so gut wie nichts Vernünftiges gesagt wurde. Es ging allein um die Massenverlagerung. Verlangt war nur das Gewicht der Studierenden, um den Tropfen endlich, endlich zu verflüssigen. Sobald sich der Tropfen in Bewegung setzt, wird er sich quasi einrollen, nach und nach zur perfekten Kugel werden. Das Gebäudeinnere ist freilich derart auf Achsen gelagert, dass es auch beim Vorwärts- oder Seitwärtsrollen in der Waagerechten bleibt. Man muss wissen, dass diese Kugelarchitektur das Institut für die ferne Zukunft wappnet. Dobbelstein hegt nämlich die Vision, dass in absehbarer Zeit, nicht zu unseren Lebzeiten, aber bald durch gewisse kosmische Ereignisse die Sonneneinstrahlung derart zunehmen wird, dass nach und nach die Ozeane verdampfen werden. Gleichzeitig werden heftige Stürme unentwegt um den Erdball brausen und alle Gebirge abtragen, bis keine Unebenheit mehr den Winden trotzen kann. Unter der großen Hitze wird die erodierte Erdoberfläche komplett mit Emaille bedeckt sein. Über diese mattschwarze Emaille-Oberfläche wird eine einzige Kugel rollen – das Institut für Pataphysik.

Im Inneren werden sich alle Adepten der Pataphysik von ihrer Biomasse getrennt und ihr Bewusstsein digitalisiert haben. Damit sie darüber nicht wahnsinnig werden, müssen sie sich ständig Szenarien in imaginäre Welten generieren, in denen sie als komplette Menschen unterwegs sind und mit allen Sinnen erleben. Diese Simulationen werden ihnen echter als die Realität vorkommen und gäbe es im Quantencomputer, der alles enthält und steuert, gäbe es darin nicht die Funktion, die in perfekten Realitäten sich verlierenden Pataphysiker wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, würden sie völlig vergessen, dass sie sich in Wahrheit im Inneren einer Kugel befinden, die von Stürmen getrieben über den Erdball kullert. So aber geschieht es immer wieder, das sich Pataphysikerinnen und Pataphysiker auf den Gängen des Instituts zu begegnen glauben und dort ihrer Forschung, ihrer Kunst und ihren Liebschaften nachgehen. Denn intellektuelle Spielerei, Schöpferisches, Liebe, sexuelle Lust, Begierde, ja, sogar Eifersucht sind die wichtigsten Erdungselixiere, die der Quantencomputer ihnen simulieren kann. Die Steilheit der Flure wird verschwunden sein, und durch die offenen Fenster des Instituts dringt der Gesang von Vögeln und der Duft von Kirschblüten.

Editorische Notiz: Hier endet das Erzählprojekt über das Institut für Pataphysik vorläufig. Der erste Text ist aus einem Wachtraum und dem abgebildeten Fragment entstanden. Ich werde gelegentlich noch ausgestalten, was zu rasch übergangen wurde, und Fehlendes nachtragen, das heißt, weitere Fragmente einfügen ins Puzzle und das Manuskript nach und nach erweitern. Fürs Buch wird manches noch entfaltet werden. Wie es weitergeht, mag sich nun jeder selbst ausmalen, mag das Institut für Pataphysik als gigantisches Malbuch für Erwachsene begreifen. Viel Vergnügen! Wir sehen uns im Institut.
„In arte voluptas“ (In der Kunst liegt das Vergnügen) (Endzeitgrafik und Foto: JvdL)

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Entstehung aus dem Fragment

1. Kapitel Neubeginn

Kürzlich wurde der Neubau des Instituts für Pataphysik der RWTH Aachen am Königshügel eröffnet. Seine spektakuläre Form erregt Aufsehen und sogar Missbehagen sowohl in der Bevölkerung als auch bei einer Reihe von altehrwürdigen Instituten, die unterhalb des Königshügels liegen. Das Werk des Lütticher Star-Architekten Jean-Marie Dobbelstein lässt jede Ähnlichkeit mit einem üblichen Institutsgebäude vermissen. Seine Form erinnert an einen gigantischen Harz- oder Honigtropfen, der das untere Steilstück des Königshügels hinunterzulaufen droht. Dieser Eindruck ist neben seiner Tropfenform der bernsteinfarbenen gläsernen Fassade geschuldet. Die Oberseite des Tropfens ist nahezu waagerecht. Auf dieser Seite liegt dem Königshügel zugewandt das ebenerdige Portal. Betritt man das Gebäude, tut sich ein langer Flur auf, dessen Ende in fernen Dunst eintaucht. Den Besucher verlässt der Mut, den Flur bewältigen zu können. Das ist ein Grund, wenn nicht der einzige, warum die Studierenden des 1. Semesters ausschließlich das Fahren mit dem Longboard üben. Für Besucher stehen 150 Zentimeter lange Boards zur Verfügung. Ungeübten ist jedoch nicht erlaubt, das Board auf einer der tieferen Etagen zu benutzen. Die Flure sind Rampen, deren Steilheitsgrad kontinuierlich zunimmt. Auf dem unteren Flur haben selbst Geübte Schwierigkeiten, das Board zu steuern. Demnach sind Studierende und Lehrende der Pataphysik innerhalb des Tropfens schwerkraftbedingt beständig unterwegs nach unten, was der Wissenschaft der Pataphysik schon in architektonischer Hinsicht neues Gewicht verleiht. Der gesamte untere Bereich des Tropfens wird über alle Etagen in kompletter Breite vom Hörsaal eingenommen, der wiederum durch beliebig zu erzeugende Längswände aus Infraschall unterteilt werden kann.

Die Lehrstuhlinhaber anderer Institute haben in einem offenen Brief, abgedruckt in beiden Aachener Zeitungen, sowie der Zeitschrift „In arte voluptas“ ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen, ihre Institute, ja ihre ganze Wissenschaft könnte von der Pataphysik überrollt werden, wenn der Harztropfen mal in Bewegung geriete und nicht sicher am Hang des Königshügels kleben bliebe.

Ein niederländischer Künstler des magischen Realismus hatte die Idee aufgegriffen und zeigte auf der Weihnachtsausstellung des Aachener Kunstvereins ein zweieinhalb mal fünf Quadratmeter großes Gemälde in fotorealistischer Manier, das prominente Vertreter der ehrwürdigen Professorenschaft darstellt, wie sie gleich toten Fliegen in Bernstein erstarrt auf dem Rücken liegen und alle Viere von sich strecken. Nur einen, scheint es, hatte der Einschluss beim Nachdenken erwischt. [siehe Bildausschnitt – zum Vergrößern bitte klicken] Doch bei genauer Betrachtung entpuppen sich der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit als Reiseprospekt und -unterlagen einer Kreuzfahrschiffs-Reederei.

In der Tat ist die Statik ein Schwachpunkt des Gebäudes. Es wird kolportiert, dass den Architekten Jean-Marie Dobbelstein nach einem durchzechten Abend und einer überaus unruhigen, ja lebhaften Nacht am frühen Morgen in seinem Bett eine Vision des Gebäudes überkommen war. Er hatte verzweifelt nach Papier gesucht, um seine Vision zu skizzieren, denn sein Atelier, wo noch Papierreste lagerten, war von einigen weiblichen Schlafgästen belegt gewesen, die er so früh nicht stören wollte. In der Not torkelte er in die Küche und riss von einer Schachtel mit Teebeuteln den Deckel ab, taumelte zum Bett zurück und sank wieder hinein. Seine Vision kritzelte er im Liegen, musste dabei feststellen, dass es ihm bedingt durch jahrelange Vernachlässigung händischen Zeichnens gepaart mit der liegenden Position fast unmöglich war, eine klare Vorstellung zu skizzieren. Andererseits fürchtete er die Klarheit der Vision zu verlieren, würde er sich aufrichten, denn sie war ja unzweifelhaft ein Ergebnis seines Liegens. Der Deckel des Teebeutelkartons war zudem höchst seltsam abgerissen, hatte noch Teile der Seitenwand mitgenommen. Seine fragmentarische Form bedingte alles, was darauf niedergelegt wurde.

2. Kapitel – Rückblick auf die Ära Jeremias Coster