Die Schreibstube (2) – Schuldhaft

Ich hatte mir an den Papierkanten des Manuskriptes drei Fingerkuppen meiner rechten Hand zerschnitten, was, obwohl ärztlich versorgt, einfach nicht heilen wollte. Obwohl ich mein Lebtag noch nicht mit meinen Händen gearbeitet hatte, behinderten mich die Schnittverletzungen sehr. Nicht bei irgendeiner Arbeit, bewahre! Ich arbeite nicht, habe auch keine Ahnung vom Papiermacherhandwerk. Unser Unternehmen hat mit dem weichen Wasser der Eifeler Rur das feine Transparentpapier gefertigt, das bei Künstlern und Architekten, bei allen zeichnenden Berufen so begehrt war. Doch mit der Verbreitung des Computers ist die Nachfrage kontinuierlich zurückgegangen und jetzt völlig eingebrochen. Mein Vater wird das Werk dichtmachen, 125 Mitarbeiter werden arbeitslos. Tragisch und existenzbedrohend für die Leute und ihre Familien, ein herber Schlag für die Region, doch mich betrifft es nicht. Das Firmen- und Familienvermögen haben wir rechtzeitig hinter die Brandmauer geschafft. Im Falle der Insolvenz stehen wir offiziell mittellos da. Unser Vermögen ist nicht aufzuspüren, wie uns treue Finanzverwalter versichert haben. Meine Eltern werden sich auf ihren Altersruhesitz, ein Anwesen in Kanada, zurückziehen. Für die Geschwister und mich ist gesorgt, so dass ich sagen kann: „Von Beruf bin ich reich.“ Ich betreibe ein Hobby, das mich ausfüllt, das heißt, ich kaufe alte Häuser, restauriere sie, mache luxussanierte Schmuckstücke daraus und verkaufe sie gewinnträchtig. Natürlich mache ich nicht selbst. Ich habe nur den Riecher, lohnende Objekte aufzuspüren, und habe die Ideen, was aus den alten Kästen zu machen ist. Für das Planerische und Handwerkliche habe ich meine Leute.

Etwa drei Wochen nach dem Manuskriptfund waren meine Fingerkuppen noch immer nicht verheilt. Da trat etwas auf, was mich mehr belastet als die Schnittverletzungen, die schwarzen Flämmchen. „Flämmchen“ beschreibt diese Erscheinungen nicht, aber ich habe kein anderes Wort für diese flüchtigen Phänomene, die ich stets nur aus den Augenwinkeln sehe, also dort, wo das Gesichtsfeld endet und die Sehkraft gering ist. Ich schaue zu Boden, und dann huscht etwas wie von flacher liegender Linsenform seitlich weg. Die Erscheinungen sind schwarz und transparent, aber es ist mehr eine Ahnung als eine Beschreibung, weil sie eben flüchtig sind und nur am Rand meines Sehfeldes auftreten. Wo ich mir die Flämmchen eingefangen habe, kann ich ziemlich genau sagen.

Der Reihe nach. Ich hatte von einem alten Sanatorium im belgischen Spa gehört, das zum Verkauf stünde und fuhr in die Ardennen, um zu sehen, ob sich ein Kauf lohnen würde. Ich nahm die Frau des neuen Architekten mit, eine Fotografin, offiziell damit sie Bilder des Anwesens macht, eigentlich aber, weil sie mir schon bei unserer ersten Begegnung vor zwei Wochen schöne Augen gemacht hatte und wir auf eine Gelegenheit hofften, uns unbeobachtet nahe zu kommen. Es war unerwartet schwierig gewesen. Kürzlich hatte ich den Architekten zu einer Besichtigung nach Brandenburg geschickt, um freie Bahn zu haben. Aber der Kerl schien etwas zu ahnen und hatte seine Frau einfach mitgenommen.

Wir fanden das Sanatorium auf halber Höhe des Talkessels, in dem das Städtchen Spa liegt. Es wies wie viele Gebäude von Spa alle Anzeichen alter Größe auf. Bereits im 18.Jahrhundert hatten die mineralischen Heilquellen von Spa die gekrönten Häupter und illustren Persönlichkeiten Europas angelockt. Man schwor darauf, die schwefelhaltigen Heilquellen wären geeignet, von der im Adel grassierenden Syphilis zu heilen. Doch schon Ende des 19.Jahrhunderts verfiel die Badekultur des Ortes. Spa war als Syphilisbad in Verruf gekommen.

Wir parkten auf dem unterhalb des Gebäudes liegenden schlammigen Parkplatz. Vor uns, in den Hang gebaut, ragte das zyklopenhafte Sanatorium auf, und weil die noch tief stehende Frühlingssonne bereits versunken war und aus dem Talgrund die Schatten aufstiegen, waren wir vom Anblick der düsteren Fassade wie erschlagen. An den unzähligen Fenstern in der Front waren alle Scheiben eingeworfen, selbst die von unten mit einem Steinwurf schier unerreichbaren Fenster der 5. Etage.
„Katapulte!“, sagte die Fotografin, die meine Gedanken gelesen hatte. Sie hatte ihre Fototaschen geschultert, trug in der Hand das Stativ und sah entzückend aus, wie sich ihr schlanker Körper unter dem Gewicht ihrer Fotoausrüstung bog.
„Burschen mit Katapulten sind mir lieber als die Vorstellung, dass boshafte Existenzen oben den Gang entlang gezogen sind und mit grimmiger Wut Raum für Raum alle Fenster zerschlagen haben“, sagte ich. Sie nickte und stieg mutig voran zum Portal hinauf …

Bericht aus der Schreibstube

Foto: Gudrun Petersen

Der Gang der Dinge behagt mir nicht, die schwarzen Flämmchen, die der Beller sich ausgedacht hat, machen mir Angst. Ich fürchte Ansteckung, wenn ich mich gedanklich mit ihnen beschäftige. Aber ich muss die Erzählung dort weiterschreiben, wo der Beller aufgehört hat, nachdem ich seinen Platz eingenommen habe. Zum Glück hat der Vorsteher den Beller gefeuert, nicht weil ich seine Arbeit unbedingt fortführen wollte, sondern weil das Gebell kaum zu ertragen war.

Eigentlich war der Beller ein fleißiger und, wie ihm alle seine bisherigen Vorgesetzten bescheinigt hatten, fähiger Schreiber, ein blasser, schwarzhaariger Mann mit dünnen, stark behaarten Armen und eckigen Schultern. Doch gelegentlich unterliefen ihm ganz unvermittelt kleine dumme Fehler. Ihn darauf hinzuweisen und eine Korrektur zu erwarten, war gewagt. Denn jeder Anflug eines Tadels versetzte den Beller in höchsten Aufruhr, und bei seinen wortreichen Entschuldigungen verlor er die Kontrolle über seine Stimme. Sie wurde immer höher und lauter und begann sich bald vor Aufregung zu überschlagen, um am Ende ganz zu brechen, so dass die heraus gestoßenen Silben und Wörter einem heiseren Bellen glichen. Keine Ermahnung, kein beruhigendes Wort erreichten ihn jetzt noch. Er war nicht zurückzuhalten, sondern musste laut und anhaltend bellen. Es klang so unheimlich und gleichsam jämmerlich, dass es alle Mitarbeiter verstörte. Namentlich die Machinenfräuleins im angrenzenden Schreibsaal duckten sich erschrocken weg. Wenn der Beller bellte, war er überdies schrecklich anzusehen, die blasse Haut wurde von hektischen rosaroten Flecken überzogen. Das kläffende Gesicht war zur Grimasse verzerrt. Die schwarzen pisseligen Haare klebten ihm auf der blanken Stirn, und plötzlich war die Luft vom sauren Gestank seines Angstschweißes erfüllt.

Jetzt ist er glücklich weg. Wir werden seinen Namen nicht mehr erfahren. Den Ausschlag hatten nicht Orthographiefehler gegeben, sondern Höheren Orts war man nicht einverstanden mit der Nennung der verbrecherischen Insolvenz gewesen. Solche Dinge sollten nicht geschrieben werden, hatten sie per Rohrpost mitgeteilt, und der Vorsteher der Schreibstube hatte das natürlich getreulich an den Beller weitergegeben, mit den geschilderten Folgen.

[1018 Wörter] Fortsetzung

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Editorial – Wenn der Autor einen neben sich gehen hat

Meine lieben Damen und Herren,
zu den Besonderheiten unseres Publikationsmediums zählt die Nähe zwischen Schreiberinnen und Leserinnen, Schreibern und Lesern, einmal bedingt durch die zeitliche Nähe von Schreiben und Lesen, jedoch hauptsächlich durch die Kommentarfunktion. Sie ermöglicht den persönlichen Kontakt auf eine Weise, wie es im Printmedium unmöglich oder nur selten möglich ist. Man muss schon eine öffentliche Autorenlesung besuchen, dann auch noch Glück haben, um mit Autorin oder Autor ins Gespräch zu kommen.

Diese Nähe in unserem Medium führt auch zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Autor und Icherzähler. Aus der Buchkultur sind wir gewöhnt an die Vorstellung, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden gibt. Der Autor, die Autorin ist eine reale Person, der Icherzähler/die Icherzählerin ist fiktional, also der Vorstellung entsprungen und lebt nur zwischen Buchdeckeln.

Die in drei Folgen veröffentlichte Erzählung „Bückling vor dem Formular“ ist so ein Fall. Sie ist bereits im Jahr 2014 veröffentlicht im E-Book „In meinem Bügeleisen ist beinah Vollmond.“ Man könnte jedoch glauben, dass sich in ihr Ereignisse abspielen, die meine derzeitigen Probleme betreffen. Die reale Vorlage für Jeremias Coster, mein Aachener Freund Thomas Haendly, ist bereits tot, und das Geschehen ist in Aachen angesiedelt, ohne dass es erkennbar wäre. Das geschilderte Konditorei-Café existiert wirklich.

Da ich in einigen Blogtexten persönliche Erfahrungen schildere, manchmal aber rein fiktional in Ichform erzähle, trage ich ungewollt zur Verwischung der Rollen bei. Deshalb will ich erzählenden Texten zukünftig eine eigene Kategorie zuweisen und ein eigenes Ikon voranstellen, das Traumzeit-Ikon. Das Bild ist der Ausschnitt aus einer farbigen Tusche-Arbeit, die ich gezeichnet habe, als ich noch jung und knusprig war. Nach und nach werde ich zurückliegende Texte in die Rubrik einordnen, auch die Erzählung „Bückling vor dem Formular“, wie bereits geschehen.