Mensch im Mantel – Etwas über drinnen und draußen

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Cartoon: JvdL, abgedruckt in Aachener Prisma 1978

Fast war noch Nacht. Der Sturm heulte im Schornstein, tobte und pfiff, bog die schlanken Masten der Laternen, trieb den glitzernden Schnee durch ihre Lichtkegel, ließ die kahlen Äste der Straßenbäume erzittern und fegte die Vögel von den Dächern. Im Fallen sind sie schon steif gefroren, polterten wie steinerne Kugeln über die Dachziegel, gewannen Tempo im freien Fall und zerbarsten auf dem Bürgersteig. Einige Leute hasteten geduckt vorbei, schwangen eilends die Hufe, soweit es die Glätte zuließ. Wo alles Leben erstarrt, durften sie nicht lange sein. Und in dem Sausen und Brausen ist ganz stoisch die erste Straßenbahn vorüber gezogen und hat ein paar Leute zum Erfrieren stadtauswärts gebracht. Draußen vor der Stadt war nichts, was dem Schneesturm Einhalt bieten konnte. Da geriet er in Raserei, peitschte die nackten Rücken der Felder und drosch die Hasen aus ihren Mulden. Und als wäre er wundgeprügelt, zeigte sich am Horizont ein blutroter Streif. Wohl dem, der irgendwo hin gehört, ein Dach überm Kopf hat und ein Feuer im Kamin, wo man ihn erwartet und sitzen lässt.

Am Mount Everest, K2 und an anderen hohen Gipfeln nimmt der Bergtourismus zu. Banker, Finanzjongleure, Investoren, solche, die neuerdings zu Geld gekommen sind, suchen dort oben sich selbst, wollen ihre Grenzbereiche erkunden, außerhalb der alltäglichen Erfahrung. Sie mieten Ausrüstung, Sherpas, Bergführer und steigen in Seilschaften hinauf ins ewige Eis, ohne es je geübt zu haben, außer an Klimmwänden in Fitnesscentern. Im Berg sind die Grenzbereiche rasch durchdrungen, und sie erfahren, dass ihre Allmacht nur unter schwachen Menschen besteht, nicht aber in der eisigen Natur, stürzen in Felsspalten, erstarren in ihren Schlafsäcken, sinken stumm in den Schnee und vereisen. Gehts noch kälter?

mensch-im-mantel2Es gibt im Himalaja einen tibetanischen Mönchsorden, der sich auf eine wundersame Übung versteht in eiskalter Nacht. Sie führen einen der ihren nackt hinaus, er hockt sich in den Schnee, und sie behängen ihn mit Decken. Andere eilen mit Wassereimern herbei und leeren sie über seinem Kopf. Augenblicklich frieren die Decken ein und erstarren zum Eispanzer. Dann lassen sie ihn allein, und der im Eis wird die Nacht über versuchen, die Decken an seinem Körper aufzutauen und zu trocknen.

An einem frostigen Sonntag traf ich im Weiler Mamelis ein. Die letzten zwei Kilometer hatte ich rollend bewältigt, ohne selbst treten zu müssen, denn ich kam vom niederländischen Grenzort Vaals herunter und fuhr in die Niederlande Richtung Maastricht. Dabei war mir im Fahrtwind schon lausig kalt geworden. Auf der Höhe von Mamelis bog ich von der Maastrichter Laan ab und rollte hinunter zum Gehöft van Mamelis. Bei seiner Hauswiese am Selzerbeek schloss ich mein Rad an ein Eisengitter, was ich später bereuen sollte.

mensch-im-mantel3Von Orsbach kam Freund Erlenberger herunter und überquerte den zugefrorenen Selzerbeek, der hier Grenzbach ist. Wir waren für eine Winterwanderung durchs schöne Mergelland verabredet. Es schien eine prächtige Sonne, doch wo unser Weg durch sanfte Täler, über Hügel und Höhenrücken der weithin mit Reif bedeckten Landschaft führte, zehrte ein eisiger Ostwind an unseren Kräften. Ich war erschöpft und müde, als wir das Dorf Mechelen am Kehrpunkt unserer Wanderung erreichten.

Die niederländischen Dörfer im Mergelland mit ihren restaurierten Fachwerkhäusern sind allesamt touristisch herausgeputzt. Ich sagte: „Wenn der liebe Gott völlig verkitscht ist, dann ist hier sein Vorgärtlein.“ Erlenberger nickte, denn anders als ich war er noch nicht vom Glauben abgefallen. Wir beschlossen, uns in einem Café aufzuwärmen. Als wir eintraten, fanden wir das halbe Dorf, Oma, Opa, Mama, Papa und Kinder allen Alters in drangvoller Enge versammelt. Das Stimmengewirr wurde übertönt von Schnulzen aus den 60er Jahren. Gerade lief Little Green Bag von der George Baker Selection. Es war wirklich hyggelig, obwohl das dänische Wort nicht ganz die spezielle Form der holländischen Gemütlichkeit trifft. Auch der Fremde ist rasch vereinnahmt. Wir tranken heißen Kaffee, aßen appeltaart met slagroom und genossen, dass wir nicht fragen mussten, ob man deutsches Geld nehmen würde, sondern zahlten erstmals mit Euro-Münzen. Es wird also im Winter 2002 gewesen sein. Auf unserem Rückweg mussten wir gegen den Wind an. Die Dämmerung fiel herab, und als wir wieder in Mamelis eintrafen, war es bereits stockfinster.

mensch-im-mantel4Mein Fahrradschloss war eingefroren. Als ich den Schlüssel zu heftig drehte, brach er im Schloss ab. Wir gingen durchs Tor ins Gehöft und fanden nur Licht im Kuhstall, wo die Bäuerin bei der Arbeit war. Sie fühlte sich gestört und war mürrisch, finster wie das ganze Gehöft. Widerwillig holte sie einen Werkzeugkasten und gab mir eine Eisensäge. Als Fahrtraddieb bin ich eine Niete, desgleichen Erlenberger. Wir haben sicher eine halbe Stunde am Schlosskabel gesägt.

Nachdem wir mein Fahrrad befreit hatten, begleitete ich Erlenberger nach Hause. Schon vom Schieben bergauf war mir wieder warm geworden. Doch so richtig hyggelig war es an Erlenbergers Kaminofen, in dem die Holzscheite knackten und loderten und auf dessen Herdplatte zwischen dicken Kieselsteinen der Wasserkessel zischte. Für kurze Zeit war die unwirtliche Natur ausgesperrt.

[Überarbeitete und gekürzte Fassung der Erstveröffentlichung vom 20. Dezember 2016]

Das letzte Streichholz und mein Stövchen

Ich habe mir ein Stövchen gekauft. Es ist hübsch mit gläsernem Korpus und hat im Metalldeckel sechs Blütenblätter mit einem Stern in der Mitte, ist aber eine Fehlkonstruktion. Wenn ich die Teekanne drauf stelle, geht die Flamme am Teelicht aus. Man stelle sich mein bedröppeltes Gesicht vor. Seit Wochen sagte ich mir, hinter jeder Ecke lauert die Novemberdepression. Dagegen hülfe ein hübsches Stövchen, auf dem die Teekanne artig zischt. Denn ich trinke viel Tee, und was gibt es Anheimelnderes an trüben Novembertagen als eine Teekanne auf einem Stövchen, in dem ein Teelicht züngelt.

Züngelt! Verflucht! Und nicht ausgeht, Himmelsakra! Ein Stövchen, bei dem die Teekanne die Kerzenflamme erstickt, die Sie mit ihrem allerletzten Streichholz entzündet haben – an einem grauen Novembernachmittag, wenn der Tag sich zum Sterben anschickt, ist doch gerade das Gegenteil des Anheimelnden, für das die Dänen das gemütliche Wort hyggelig haben.

Ja, die Dänen, die haben wieder die Gemütlichkeit gepachtet. Aber mir verkauft man ein disfunktionales Stövchen. Ich habs ja auch nicht mit einem Schein bezahlt, dessen Aufdruck verblasst, sobald er in der Kassa liegt, und am Abend fände der Händler nur einen feuchten Lappen, so dass er betrübt nach Hause ginge und  Frau und Kinder erschösse, seine gesamte Familie auslöschen würde, weil ich ihm für sein teuer eingekauftes Stövchen einen falschen Fuffziger angedreht hätte.

Natürlich könnte ich in den Laden gehen und reklamieren. Doch ohne Teekanne funktioniert das Stövchen ja einwandfrei. Also müsste ich meine Teekanne mit in den Laden nehmen, um zu demonstrieren, was passiert. Man wird sagen: „Moment! Für diese Teekanne ist unser Stövchen nicht gemacht. Sie müssen eine passende Kanne vom gleichen Hersteller kaufen, dann klappts auch mit dem Teelicht.“
„Muss ich mir gleich einen neuen Hausstand anschaffen, nur weil ich ein Stövchen will, das tut, wozu man es braucht? Kaufen Sie sich etwa Schuhe und suchen sich dazu eine passende Wohnung, weil Sie mit den neuen Schuhen in der alten Wohnung nicht mehr durch die Tür kommen?“
„Das ist ja wohl weit hergeholt.“
„Aha! Weit hergeholt! Am Ende ist dieses Stövchen gar nicht von dieser Welt, sondern funktioniert nur auf Alpha Centauri.“
„Alpha Centauri ist ein Doppelsternsystem. Niemand lebt auf einem Stern und stellt ein Teelicht auf, erst recht nicht ins Stövchen.“
„Auch noch Klugscheißen. Werben Sie doch gleich mit dem Slogan: Unser patentes Stövchen erstickt ihr Teelicht von hier bis Alpha Centauri!, Sie Brathahn.