Pareidolie – Köpfe im Blattwerk

Derweil ich früh am Morgen an meinem Arbeitsplatz saß, hörte ich das vertraute leise Raunen der Heizung, was mir zu denken erlaubte, das ferne Dröhnen des Galaktischen Betriebssystems zu vernehmen, wobei diese Weltmaschine nur nebenher damit beschäftigt wäre, meine Räume angenehm zu temperieren. Gerade würde sie nämlich das Himmelsblau erschaffen, die ersten Sonnenstrahlen bündeln und in die Baumkronen senden, so dass Blatt für Blatt in Form und Farbe unterscheidbar gemalt wäre. Selbst die roten Beeren der Vogelkirsche scheinen auf. In der Nacht ist nämlich alles anders gewesen. Als ich im Bett lag und in die Baumkronen schaute, das zeichnete sich das Blattwerk schwarz vor dem dunkelgrauen Himmel ab, und ich brauchte nicht viel Phantasie mir vorzustellen, dass einzelne Bereiche des Blattwerks große Köpfe formten. Dicht beieinander neigten sie sich meinem Fenster zu und schauten auf mich herab. Ich dreht den Riesen den Rücken zu, denn ich dachte, falls sie zu mir sprechen würden, sollten sie mir lieber in den Nacken reden. Wenn Riesen auf dich herabschauen, hat man das Recht, ihnen mit Ignoranz zu begegnen. Das gilt für alle Götter und sonstigen Bewohner des Olymp. Es ist ratsam, sich zu behaupten. Genau genommen sind sie doch nichts anderes als Menschenwerk. Existieren nur, wenn der Mensch ihnen erlaubt, sich in seinem Kopf zu manifestieren. Köpfe aus Blattwerk, Ausgeburten der Dunkelheit, hineingesehen, nichts weiter.

Derweil ich den obigen ersten Satz schrieb, anfing wie hier mit dem Wort „derweil“, wusste ich nicht, wohin er führen würde. Der Satz war wie ein unbekannter Weg, auf den man seinen Fuß setzt, bereit seinen Windungen zu folgen. Der Weg verliert sich just hier im hohen Gras. Dazwischen Dornenranken. Wir straucheln. In der Ferne ein Haus. Du näherst dich mühsam. Schaust durchs Fenster ins Zimmer, beschattest das Glas mit beiden Händen. Da sitzt an seinem Arbeitsplatz ein Mann. Du drückst die offenen Fensterflügel auf und grüßt ins Zimmer hinein, doch er wendet sich ab, lässt sich in den Nacken reden. Wir hören die Weltmaschine dröhnen. So wird das nichts. Wir sind im Kreis gegangen.

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Vom Wirken der Zeit

»in Hinterpommern liegt der Demantberg, der hat eine Stunde in die Höhe, eine Stunde in die Breite und eine Stunde in die Tiefe; dahin kommt alle hundert Jahr ein Vöglein und wetzt sein Schnäbelein daran, und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde von der Ewigkeit vorbei.« (Jacob und Wilhelm Grimm; Das Hirtenbüblein)

Drei Jahre war Hauptlehrer Schmidt mein Lehrer in der Oberklasse gewesen, in der drei Schuljahre gleichzeitig saßen, doch schon in den unteren Klassen hatte ich diesen Mann mehr gefürchtet als geachtet. Während jeder Pause stand er seitlich auf der Eingangstreppe auf einem flachen Sockel aus Ziegelsteinen, in den das Geländer eingelassen war. Gegen das Geländer gelehnt, überwachte er das Treiben auf dem Schulhof. Im Lauf der Jahrzehnte hatte er in den Sockel eine Mulde getreten.

Der Maurer, der den Sockel einst aus Ziegeln hochgezogen hatte, konnte am Abend seine Arbeitsleistung sehen, ein Lehrer kann das nicht. Er sieht seine Schüler mit den Jahren heranwachsen, kennt ihren Lernstand, soweit er sich messen lässt, und trotzdem ist es für ihn unwägbar, wie sich sein Unterricht auf den einzelnen Schüler auswirkt oder was sich gar in dessen Erinnerung eingräbt. Ich jedenfalls vergesse von Hauptlehrer Schmidt niemals die eindrucksvolle Mulde, die er während der Pausen unmerklich getreten hatte. Sie ist seine weitaus beste Leistung, denn die Mulde gab mir eine Idee vom Wirken der Zeit, dem auch fest gefügte Backsteine nicht zu trotzen vermögen, wenn nur ein paar Ledersohlen beständig auf ihnen scharren.

Foto, Montage u. Gif-Animation: JvdL

Der Blaustein der Eifel ist etwa 400 Millionen Jahre alt. Wenn er verwittert, wird er hellgrau. Dem Eingang im Bild dient er einige hundert Jahre als Türschwelle und glänzt in seiner Mitte in mattem Blau. Viele Füße haben die Schwelle ausgetreten, haben sie wundersam verformt. Wem gehörten die Füße? Wer waren diese Menschen, und welche Schicksale führten sie hinein und hinaus? Die Geschichte jedes einzelnen ist verweht wie der winzige Abrieb, den sein Fuß von der Stufe nahm.

Der Pförtner des Hauses könnte vielleicht Auskunft geben. Doch man müsste ihn finden. Er zeigt sich nicht nur einmal in 100 Jahren wie das Vöglein, sondern alle drei Minuten.