Technikmuseum – Die Karteikarte

Das deutsche Verb „verzetteln“ ist vorwiegend negativ konnotiert und bedeutet den Überblick / die Übersicht verlieren; mehrere Sachen anfangen und dabei durcheinander geraten. Verzetteln ist aber auch ein Verfahren, Wissen zusammenzutragen und zu ordnen. Der deutsche Schriftsteller Jean Paul gilt als Vater der Zettelkastentechnik, hat in seinem Leben 12.000 Seiten an Exzerpten zusammengetragen. Allein sein Register dazu hat 2000 Seiten mit Schlagworten.

Bitte festhalten! Wir machen einen Zeitsprung ins Jahr 1979. Ich will einen Ritter zeichnen (Bild rechts) und brauche Anschauungs- material. Nachdem ich erfolglos meine Büchersammlung inspiziert habe, suchen wir die alte Aachener Stadtbibliothek auf. Wir dürfen auf der ersten Etage nur einen Katalograum betreten. In der Kartei suche ich nach Büchern, von denen ich hoffe, dass sie Abbildungen von Rittern enthalten und fülle fünf Bestellzettel aus. Ein städtischer Angestellter in Livree nimmt die Bestellzettel an und bescheidet, dass die Bücher in zwei Stunden bereitliegen werden.

Schlagwortkatalog einer Universitätsbibliothek – Foto: Dr. Marcus Gossler (Wikipedia) (Größer klicken)

Bis Mitte der 1980-Jahre war die Literaturrecherche in der Aachener Universitätsbibliothek noch genauso zeitraubend organisiert. Man füllte Bestellzettel aus und wartete, dass die Bücher aus dem Depot per Aufzug nach oben kamen. Meist bekam man nur einen Teil der gewünschten Bücher. Manche Bücher waren vorhanden, konnten aber nicht gefunden werden, weil sie verstellt waren. Dann gabs Nullzettel. Ein Jahr versuchte ich Wilhelm Wattenbach, Das Schriftwesen im Mittelalter auszuleihen. Aus den Nullzetteln hätte ich mir ein Büchlein binden können: „Das Bibliothekswesen Ende des 20. Jahrhunderts.“

Weil er die Karteikarten versehentlich vor- und rückseitig beschrieben hatte, habe er ein geplantes Buch nie geschrieben, berichtet der Linguist Harald Weinrich – leider zu spät. Da war mir schon derselbe Fehler unterlaufen. Es ist mühsam, die Übersicht über ausgelegte Karteikarten zu behalten, wenn auch Wichtiges auf Rückseiten steht.

Ausgelagertes Gedächtnis – Kartei zum Thema Schrift – Foto: JvdL (zum Vergrößern klicken)

Die Karteikarte, meist im Format 105 * 148 mm, etwa 180 Gramm/qm Karton, liniert oder blanko – Das obige Foto zeigt meine Kartei zum Thema „Schrift und Verwandtes.“ Ich habe sie von Mitte der 1980-er Jahre bis in die 1990-er Jahre hinein angelegt. Zu diesem Zweck habe ich jede freie Minute in den großen Aachener Bibliotheken, der TH-Bibliothek, der Diozösanbibliothek und der Stadtbibliothek, verbracht. Mein Ziel war, ein interdisziplinäres Werk über Schrift zu verfassen, weil ich festgestellt hatte, dass die verschiedenen Fachdisziplinen, die sich mit Schrift beschäftigen, wenig voneinander wissen. Viele Jahre ruhte die Arbeit, weil ich anderweitig zu eingespannt war. Ab 2005 habe ich angefangen, einiges niederzuschreiben, unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen. Erste Ergebnisse sind Blogbeiträge in der Rubrik Sprache, Schrift Medien und mein Werk „Buchkultur im Abendrot“, übrigens ein lohnendes Weihnachtsgeschenk.

Unterstützt von meinen Söhnen bin ich jetzt dabei, die Kartei zu digitalisieren, zuerst jede Karte zu scannen, dann zu verschlagworten und in einen digitalen Zettelkasten einzuordnen. Ich bin sicher, noch manches zu finden, worüber sich zu schreiben lohnt. Ob Vor- oder Rückseite ist dabei unerheblich, und die zeitraubende Suche entfällt. Die Karteikarte hat dann ausgedient.

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