Mit der Hand gesetzt (3a) – Das Lektorat schaltet sich ein

„Das Lektorat hat einige Anmerkungen zum letzten Kapitel“, sagte Herr Oster, der Setzer meines Romans, nicht ohne Genugtuung. „Ich hatte mir beim Setzen schön ähnliche Gedanken gemacht.“ Er reichte mir den neuerlichen Korrekturabzug, worauf mit Grün zwei Stellen markiert waren:
Unklar bleibt, wieso der Protagonist zur erstmals im Text auftauchenden Reinemachfrau Dressel sagt: „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel.“ Wieso?
Desgleichen würde sich im Brief gut ausmachen, wenn dort die Beteuerung stünde, dass das Foto Herrn Erlenberger nicht zeigt, wodurch der Satz „denken Sie nur an die arme Frau!“ grotesker wirken würde, als glaubte Schmieder seiner eigenen Beteuerung nicht.

Ich zog mich eine Weile in ein leeres Büro zurück, änderte den Text und übergab ihn, Herrn Oster, zur nachträglichen Bearbeitung. Er würde die Zeilen neu umbrechen müssen:

    … denn die Reinemachefrau Dressel, die sich ebenfalls dazu gesellt hatte, sagte: „Wie die Nase eines Mannes, also ist auch sein Johannes!“
    „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel“, sagte ich, in Anspielung auf ihre alte Arbeitsstelle, denn sie hatte zuvor Häuser in der Bordellgasse geputzt. Dann sagte ich in die Runde: „Ich bitte die Anwesenden um allgemeine Bestätigung, dass das Aktfoto mich nicht zeigt.“
    „Jaja, schon gut! Du bist es nicht“, sagte Reibach, holte ein Schreiben aus seinem Jackett, das ihn am Morgen mit der Post erreicht hat. Absender: Dr. Wolfgang Schmieder. Reibach bat um Ruhe und las vor:

    „Lieber Herr Dr. Reibach,
    kaum waren Sie gestern aus dem Haus, wurde mir die Ungeheuerlichkeit bewusst, dass ich mich hatte hinreißen lassen, Ihnen das Foto aus dem Aktmagazin zu fotokopieren, das unseren gemeinsamen Bekannten, Herrn Erlenberger NICHT zeigt, da ihm die Narbe über der Augenbraue fehlt. Ich bin ob meiner Handlungsweise untröstlich, konnte die Arbeit nicht verrichten, die ich mir für den Tag vorgenommen hatte, da mir die Folgen meines Tuns unablässig vor Augen rückten. Ich bitte Sie deshalb inständig, die Fotokopie niemandem zu zeigen. Vernichten Sie das Blatt unverzüglich! Die Lust, es zur allgemeine Erheiterung herumzuzeigen, wiegt nicht auf, was Sie dem Herrn Erlenberger damit antun. Denken Sie auch an seine arme Frau!
    In Unruhe, Ihr
    Dr. Wolfgang Schmieder“

Mit der Hand gesetzt (1)

Ich weiß, dass der Verlag diesen alten Schriftsetzer beschäftigt, weiß, dass er meinen Roman wird mit der Hand setzen müssen. Um ihn zu zanken, hätte ich Lust, den Roman mit einem unsäglich langweiligen Satz zu beginnen. Er würde darüber verzweifeln wie ein Wanderer, der mit dem ersten Schritt schon in zähen Morast gerät, besser auf einen knochentrockenen steinigen Weg unter einer gnadenlosen Sonne, so dass er nach wenigen Schritten sich schon erschöpft an ein Balkengestell anlehnen muss wie der berühmte Durstige Mann in der Tuborg-Werbung.

Dieser tödlich langweilige Satz wäre die Herausforderung, die den Alten am Berufsethos verzweifeln ließe. Den mit der Hand getreulich abzusetzen, ihn nicht zu verbessern wie einst der Kollege, der den Satz „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Vorstand fehlte noch.“ durch den Austausch von o durch e so recht zum Schillern gebracht hatte: „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Verstand fehlte noch.“

Jetzt habe ich mir selbst ein Bein gestellt. Denn es ist genauso schwer, einen tödlich langweiligen ersten Satz zu erfinden wie einen wunderbaren, so einen, der in der Anthologie schönster erster Sätze als erster genannt würde. Das vermute ich jedenfalls, denn ich habe weder einen wunderbaren noch einen tödlich langweiligen Satz geschrieben. Und hätte ich es, so würde niemand ihn kennen, nicht einmal ich.

Habe ich nicht eine Schachtel mit einem Haufen von Zettelnotizen, die ich im Wahn niedergeschrieben habe und deshalb im nüchternen Zustand nicht anschauen mag? Einen solchen Zettel bräuchte ich nur zu zücken, und schon wärs … Wunschdenken zweifellos, und unbeweisbar, weil der Zettelkasten seit Jahren nicht mehr geöffnet werden darf.

Schon greife ich dem Schriftsetzer in den Nacken und zwinge ihn an den Setzkasten. Die zehn Punkt Garamond habe ich ihm aufgestellt, ihm gesagt, er solle den Winkelhaken auf 20 Cicero Breite einstellen. Die nächsten 75 Arbeitstage wird er acht Stunden täglich an meinem Roman setzen. „Nur zu, Brauner, mach den ersten Schritt!“

    Dr. Wolfgang Schmieder war Privatgelehrter. Als ich ihn kennenlernte hatte er bereits ein Grab mit einem Grabstein, den eine Inschrift in babylonischer Keilschrift zierte. Sein Grab besuchte er regelmäßig und pflegte die Blumen. Dort sollte man ihn begraben, und nebenan ein Hutzelweib von Haushälterin, das er seine Ziehmutter nannte. Freilich ihrer beider Tod sollte noch abgewartet werden. Das Haus des Dr. Wolfgang Schmieder war bis in den letzten Winkel mit Bücherregalen bestückt. Wenn normale Menschen 400 Bücher ihr eigen nennen, so besaß Dr. Schmieder sicher 10.000. Täglich brachte der Paketbote neue Stapel, überwiegend philosophischer Werke und solche der Religionswissenschaft. Schmieder kaufte sie nicht, sondern erhielt und sammelte Rezensionsexemplare. Die Rezensionen veröffentlichte er in einer kleinen Studentenzeitschrift, aber unter Pseudonym, dem Namen einer jungen, glutvoll schönen Frau namens Raiza Procházka, deren voller Busen manchen schon zum Träumen gebracht hatte. Das Gefälle zwischen den Rezensionstexten und ihr war derart grotesk, dass ich niemals glauben konnte, dieses wunderbare Weib könnte einen derartig geschraubten Bockmist von sich geben. Da wusste ich von Dr. Wolfgang Schmieder noch nichts.

    Fortsetzung

Über das Begraben der Leichen im Blei

Meine lieben Damen und Herren,
das Wort LEICHE – meint in der bildereichen Druckersprache ein vom Setzer vergessenes Wort im Drucksatz. Das nachträgliche Einfügen der versehentlichen Auslassung heißt: Eine Leiche begraben. Eine Leiche zu begraben konnte im Bleisatz mit der Hand sehr viel Zeit und Mühe kosten, wenn sie nämlich im fortlaufenden Blocksatz vergraben werden musste und der nächste Absatz in weiter Ferne lag. Eine schöne Anekdote über das Begraben einer Leiche steht in Mark Twains Autobiographie.

Twain arbeitet als Schriftsetzer in der Druckerei einer Kleinstadt. Der berühmte Gründer der Campbelliten, Alexander Campbell, aus Kentucky kommt in die Gegend und erteilt der Druckerei den Auftrag, eine seiner Predigten zu drucken. Twain berichtet:

Wir druckten die ersten acht Seiten an einem Donnerstag. Dann setzten wir die restlichen acht, legten sie in die Schließplatte und machten einen Probeabzug. Wales las ihn und stellte mit Schrecken fest, daß ihm eine „Leiche“ unterlaufen war. Es war eine ungünstige Zeit dafür, denn es war Samstag, kurz vor Mittag, und Samstagnachmittag hatten wir frei und wollten zum Angeln gehen. Ausgerechnet jetzt mußte Wales eine „Leiche“ passieren! Er zeigte uns, was geschehen war. Er hatte in einer engzeilig bedruckten Seite mit durchgehendem Text zwei Wörter ausgelassen. Erst zwei oder drei Seiten danach kam ein Absatz. Was um alles in der Welt sollten wir bloß tun? All diese Seiten neu zu umbrechen, um die zwei Wörter einzufügen? Das würde eine Stunde dauern. Dann mußte dem großen Prediger ein Korrekturabzug übersandt werden, wir mußten warten, bis er ihn gelesen hatte, und dann die Fehler korrigieren, die er eventuell entdecken würde. Es sah aus, als ob wir den halben Nachmittag drangeben müßten, bevor wir uns davonmachen konnten.

Da hatte Wales eine seiner blendenden Ideen. In der Zeile, in der er etwas ausgelassen hatte, kam der Name Jesus Christus vor. Wales kürzte ihn nach französischem Muster ab: J. C. Jetzt hatten wir Platz für die ausgelassenen Wörter, aber nun fehlten in einem besonders feierlichen Satz 99 Prozent der Feierlichkeit. Wir ließen den Korrekturabzug wegbringen und warteten. Aber nicht lange. Unter diesen Umständen hatten wir vorgehabt, zum Angeln zu gehen, bevor der Abzug zurückkam, aber wir waren nicht schnell genug. Plötzlich erschien am anderen Ende des fast zwanzig Meter langen Raumes der große Alexander Campbell mit einem Ausdruck im Gesicht, der Düsterkeit verbreitete. Er schritt auf uns zu, und was er sagte, war kurz, aber sehr streng und unmißverståndlich. Er erteilte Wales eine Lehre. Er sagte: „Solange du lebst, vermindere nie mehr den Namen des Erlösersl Schreib‘ ihn immer ausl“ Er wiederholte diese Ermahnung mehrmals, um sie stärker wirken zu lassen. Dann ging er.

Soweit Mark Twain. Die gotteslästerliche Geschichte geht noch weiter, man lese sie ganz in seiner Autobiographie, zugestellt v. Charles Neider, dt. Diogenes 1985 v. Gertrud Baruch. Heute vergraben moderne Textverarbeitungen eine Leiche so schnell, dass man gar nicht sieht, wie es geht. Schwupp ist sie weg. Alles geht so leicht, dass es schon ganz obszön ist. Diese Plastizität digitaler Texte gibt uns die Möglichkeit, unsere Tippfehler, Auslassungen und Rechtschreibfehler spurlos zu beseitigen. Die Kommentarkästen in fremden Blogs, die keine Korrektur erlauben, sind die letzten Reservate für die einst so frechen Druckfehler. Darum soll die kommende Woche im Teestübchen ganz im Zeichen des Fehlers stehen.

Schöhnes Wochenände!