Gutenberg bei WP umgehen – zwei gute Tipps

Wer nach Möglichkeiten sucht, den unhandlichen WP-Editor mit dem hochtrabenden Namen „Gutenberg“ zu umgehen, findet im Netz fast nur Hinweise auf ein Plugin mit dem Classic-Editor. Dieses Plugin kann aber nur installieren, wer den teuren Businesstarif gebucht hat.
Kürzlich fand ich zwei preiswertere Möglichkeiten. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen geriet ich beim Bearbeiten eines Textes ins gewohnte Backoffice mit dem Classic-Editor-Formular. Ich habe auf den Link im Browserfenster kurzerhand ein Lesezeichen gesetzt und kann damit den alten Editor problemlos aufrufen, nachdem ich einen Entwurf gespeichert habe. Die zweite Möglichkeit habe ich einem Kommentar der Userin Belana Hermine bei Kollegin Miss Tueftelchen gefunden (klick Abbildung).

Viel Vergnügen mit dem Classic-Editor und viel Erfolg!

Jüngling der Schwarzen Kunst – Heiliges Alphabet

Hannes stand am Setzkasten und setzte eine Zeile in Versalbuchstaben. Er fragte:
„Warum sind im Setzkasten die Großbuchstaben nicht nach Buchstabenhäufigkeit sortiert, Herr Ewald?“
„Das sind ja die Alten. Sie residieren oben, alphabetisch aufgereiht, gemäß der alten Ordnung, während unter ihnen ihre Enkel und Urenkel quasi durcheinander wirbeln.“
„Die Kleinbuchstaben sind ihre Enkel?“

„Ja, sie sind im achten Jahrhundert aus den Großbuchstaben entstanden. Die Alphabetreihe galt von der Antike bis ins Mittelalter als heilig. Sie aufzulösen, ist Blasphemie. Indem wir die Kleinbuchstaben einfach nach Häufigkeit neu sortieren, bricht die Satztechnik mit der religiösen Tradition. Das muss man sich erst einmal trauen. Gutenberg hat es getan.“
„Was ist denn Blasphemie?“
„Gotteslästerung.“
„Also war Gutenberg kein frommer Mensch?“
„Vermutlich nicht.“
„Aber er hat eine Bibel gedruckt.“
„Vielleicht als Beschwichtigung des Vorwurfs, der Buchdruck sei Teufelswerk.“
„Darum heißt unser Handwerk Schwarze Kunst?“
„Eigentlich wegen der schwarzen Druckfarbe. Aber weil man lange Zeit dachte, der Buchdruck wäre vom Geldverleiher Johannes Faust erfunden worden, glaubte man an einen Teufelsbund. Ich kenne ein Gedicht von Franz Grillparzer:

    Du lichte Schwarze Kunst
    Ob Gutenberg ob Faust
    War man zu Recht im Zweifel
    Denn halb kommst du von Gott
    Und halb kommst du vom Teufel.

Wie zur Wiedergutmachung der Blasphemie liegen wenigstens die Großbuchstaben in der angestammten Alphabetreihe. Aber das ist meine persönliche Interpretation. Landläufig passt hier ‚Einen alten Baum verpflanzt man nicht.’“

Hannes überlegte eine Weile und sagte dann: „Ich glaube, das ist Quatsch, Herr Ewald.“
„Ich gebe dir gleich ‚Quatsch’“, schnaufte Ewald und packte Hannes am Kittelkragen.“ Hannes duckte sich weg und wand sich aus seinem Griff.
„Doch, Herr Ewald! Wenn ich irgendein Wort aus Versalbuchstaben setze, beispielsweise HERR EWALD REDET UNSINN, dann verpflanze ich die Großbuchstaben doch auch.“

Am Sonntagmorgen saß Hannes in seinem Zimmer an der Kommode, die ihm und seinem Bruder als Schreibtisch diente. Wie es seine Gewohnheit war, trommelte er mit den Händen auf der Tischplatte. Durch die Erschütterung kippte plötzlich eine Ansichtskarte hervor, die sein Bruder wohl zwischen einigen Büchern versteckt hatte. Es waren auf 26 kleinen Zeichnungen nackte Menschen mit sexuellen Handlungen beschäftigt, mal zu Zweit, mal hatten zwei Männer eine Frau gepackt. Dabei verrenkten sie sich so, dass ihre Körper die Großbuchstaben des Alphabets bildeten.

Als Hannes die Darstellungen betrachtete, begann das Blut in seinen Ohren zu rauschen. Er spürte wie sein Penis anschwoll und hart von innen gegen seine Hose drückte. Der sexuelle Rausch kam so plötzlich über ihn, dass es ihn überwältigte. Das alles war unkeusch, wusste er. Es verstieß gegen das sechste Gebot, aber sein schlechtes Gewissen kam gegen die drastische Sexualität der Zeichnungen nicht an. Er musste sich dringend Erleichterung verschaffen. Hannes ging ins Bad und schloss hinter sich ab. Von wegen „das Alphabet ist heilig.“

Ruchloser Diebstahl in der Heiligen Nacht

„Wenn du liest, musst du fremde Gedanken denken“, sagte Coster, der ehemalige Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen und fuhr fort:
„Wenn du liest, bist du wie ein Kalb hinterm Karren angebunden und musst durch die Spur tappen, durch die der Karren rumpelt.“
„Halt oder Hüh!, um in Ihrem Bild zu bleiben, Coster. Ich bin nicht angebunden, sondern kann jederzeit stehenbleiben, also das Buch sinken lassen und das Stück, das ich dem Karren hinterher getrabt bin, als Denkanstoß nutzen, in eine andere Richtung zu denken, quasi eine eigene Karrenspur anlegen.“

„Ich sag doch, wenn du liest, nicht wenn du aufhörst zu lesen, du Trollo“, sagte Coster ungehalten. „Also wenn du liest und weiterliest, das Buch nicht auf die Knie sinken lässt, wenn du gefesselt bist vom Text, wie man landläufig sagt, was nichts anderes meint als hinterm Karren angebunden zu sein, dann hast du vermutlich längere Gedankenfolgen als du hättest, würdest du nicht lesen.“
„Da haben Sie Recht, Coster, lesend haben wir lange Gedankenfolgen, nämlich die ein Autor …“
„Oder eine Autorin, soviel Zeit muss sein.“
„ … immer schön der Reihe nach aufgeschrieben hat. Unser normales Denken ist kurzatmig:
– Habe ich das Fenster in der Küche zugemacht?
– Die Bürostuhllehne drückt mir links in die Weichteile.
– Ich könnte mal was trinken.
– In meinem rechten kleinen Finger leide ich am Tennisarmsyndrom. Kommt von der ergonomisch geformten neuen Maus. Witz.
– Nachdem ich das Schwittersplakat auf den Tisch tapeziert habe, wirft es Falten.“

„Und weiter?“
„Nichts weiter. Der Karren hat sich festgefahren.“
„Der Grund ist aber auch weich da in deiner Birne.“

„Na, erlauben Sie mal, Coster. Wussten Sie eigentlich, dass Coster im Niederländischen Küster bedeutet? Auf dem Grote Markt der Stadt Haarlem steht das Standbild von Laurens Janszoon Coster, einem Küster der Parochialkirche. Dieser Mann soll angeblich im Jahr 1428 das Drucken mit beweglichen Lettern erfunden und erste Bücher, sogenannte Costeriana, gedruckt haben, sagen die Haarlemer, nur ohne ’soll‘ und ‚angeblich.’“
„Weiß ich doch, Laurens Coster war ein Vorfahre von mir.“

„Hehe, Ihr Vorfahre! Jetzt glaube ich das auch noch. Genau wie die Legende, dass Laurens Janszoon Coster einen verderbten Gesellen namens Johannes Faust in seinem Haus hat wohnen lassen. Dieser finstere Gesell stammte ursprünglich aus Mainz. In der Heiligen Nacht des Jahres 1428, als alle in der Christmette waren, stahl der ruchlose Johannes Faust die Gießinstrumente für die Lettern und floh nach Mainz. Dort tat er sich mit dem arbeitslosen Kalligraphen Peter Schöffer zusammen. Sie gossen mit den gestohlenen Gießinstrumenten ihre ersten Lettern und druckten damit die Bibel.“

„Jetzt bist du wieder bei deinem Thema, Trithemius. Ich sehe förmlich die Stricke hinter deinem Karren lose herunterbaumeln von den Kälbern, die sich verzweifelt losgerissen haben.“

„Selber schuld. Die Klugen bleiben bei der Sache. Mit der Idee, dass Faust die Gießinstrumente in der Heiligen Nacht gestohlen hat, als alle in der Christmette waren, nur er nicht, beginnt bereits die Dämonisierung der Druckkunst. Nur ein Teufelsbündler würde wagen, die Heilige Nacht durch eine Untat zu entweihen. Doch Faust statt Gutenberg verweist auf das jüngere Datum der Legende. Der Diebstahl kann unmöglich bereits 1428 geschehen sein. Erst im Jahr 1455 ließ Faust den Erfinder Gutenberg pfänden und setzte sich so in den Besitz dessen Druckerei. Zum Entstehungszeitpunkt der Legende ist der wahre Erfinder Gutenberg offenbar bereits in Vergessenheit geraten.“

„Einspruch! Es ist ja nicht mal ausgemacht, ob man überhaupt von Gutenberg wusste. Dass er der Erfinder war und nicht Faust, hat die Geschichtswissenschaft erst Anfang des 19. Jahrhunderts herausgefunden.“
„Jedenfalls sehe ich schwarz für Ihren Uropa. Zumal man in Haarlem zum Beweis nichts als ein paar alte Zinnkrüge vorweisen kann.“
„Da wissen Sie mehr als ich“, sagte Coster zweifelnd und verschwand.
[Zum Fall Johannes Fust/Faust – Johannes Gutenberg lies gerne hier)

Faustischer Buchdruck – Die Lib zu Christinen – Verrat im Morgengrauen der Schwarzen Kunst

Im geschätzten Archivalia-Blog von Klaus Graf ist eine Rezension von Buchkultur im Abendrot erschienen, wortgleich beim Bibliotheksboten Netbib. Aus diesem erfreulichen Anlass eine Abbildung und ein Kapitel aus dem Buch:
Das Besondere an der Erfindung des Buchdrucks ist die bewegliche Druckletter aus Metall, genauer aus Blei, Zinn und Antimon. Als der Goldschmied Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, um das Jahr 1435 damit experimentierte, weihte er den Kalligraphen Peter Schöffer in seine noch geheim gehaltene „aventur und kunst“ ein, wie Gutenberg sein Unternehmen verschleiernd nannte. Schöffer sollte vermutlich bei der Gestaltung der Drucklettern helfen, denn Gutenberg hatte den Ehrgeiz, seine Drucke wie handgeschrieben aussehen zu lassen. Das erklärt die herausragende Qualität seines Meisterstücks, der 42-zeiligen Bibel.

Das hiermit aufziehende Zeitalter des Buchdrucks beginnt mit einem Wirtschaftsverbrechen, das erst Mitte des 19. Jahrhunderts aufgedeckt wurde. Bis dahin galt nicht Johannes Gutenberg, sondern der Mainzer Anwalt und Geldverleiher Johannes F(a)ust als Erfinder des Buchdrucks. Am Anfang dieses historischen Irrtums steht ein kapitalistisches Lehrstück. Gutenberg hatte sich von Johannes Fust mehrmals Geld geliehen, zuletzt 800 Taler für den Druck der 42-zeiligen Bibel. Als die Bibel beinahe fertig gedruckt war, verlangte Fust sein Darlehen zurück, weil Gutenberg es angeblich zweckentfremdet hatte. Gutenberg konnte nicht zahlen, und so ließ Fust seine Werkstatt pfänden, um sich in den Besitz der Druckerei zu bringen. Vorher schon hatte er Gutenbergs Gehilfen Peter Schöffer zu seinem Kumpanen gemacht. Schöffer wurde später sein Schwiegersohn. Es kam zu einem Prozess, den Gutenberg verlor. Er erschien nicht einmal selbst vor Gericht. Denn als er erfuhr, dass Schöffer mit Fust gemeinsame Sache machte, wusste Gutenberg, dass er verloren hatte. Die Geschichte wird in dieser Werbeanzeige hübsch illustriert dargestellt. Die Motive des Verräters Peter Schöffer habe ich in der Dramatisierung „Die Lib zu Christinen“ erzählt, zu lesen am Schluss des Kapitels. Weiterlesen

Herr und Frau Tschechow beehren sich einzuladen

Über die Schreibweise der Familiennamen

Johannes Gutenberg gilt allgemein als Erfinder des Buchdrucks. Erstmals urkundlich erwähnt ist er vermutlich in den Matrikelbüchern der Universität Erfurt zu seiner Immatrikulation im Sommersemester 1418 als Johannes de Alta Villa (Eltville). 50 Jahre später, im Jahr 1468 stirbt Gutenberg. Sein Tod ist unter dem Namen Henne Gensfleisch verzeichnet. Ihn trotz abweichender Namen jeweils in den Akten des 15. Jahrhunderts aufgespürt zu haben, ist eine Glanzleistung der Gutenbergforschung, einem Zweig der Geschichtswissenschaft.

Der englische Gelehrte Dr. Crown schrieb in den verschiedenen Büchern, die er in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts herausgab, seinen Namen verschieden als Cron, Croon, Croun, Crone, Croone, Croune. Auch Lawrence von Arabien mochte seinem Verleger nicht den Gefallen tun, seinen Namen einheitlich zu schreiben: „Ich schreibe meine Namen beliebig, um zu zeigen, welcher Unsinn alle Systeme sind.” (nach Ignace Gelb)

Die Schreibweise der Familiennamen unterliegt nicht allgemeinen Orthographieregeln, sondern folgt nach gutem altem Recht der willkürlichen Schreibpraxis der Familientradition. Feste Regeln hätten eine weit geringere Zahl verschiedener Familiennamen zugelassen als wir heute haben. Die abweichenden Schreibweisen entspringen dem berechtigten Wunsch der Familien, sich voneinander abzugrenzen und keinen Jedermannsnamen zu tragen.
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