Einiges über unsere Buchstaben

In den 1960-er Jahren habe ich mit 13 eine Schriftsetzerlehre in Neuss begonnen. Mit 16 war ich Schriftsetzergeselle. In acht Jahren dreiklassiger Volksschule auf dem Dorf hatte ich fast nichts Ordentliches gelernt, und so tat sich für mich in der Druckerei ein Fenster zur Welt auf. Da ich sehr wissbegierig war, merkte ich rasch, dass man mir in dieser kleinen Neusser Druckerei nicht viel beibringen konnte. Der Setzereileiter, der Juniorchef, sprach fast nie ein Wort. Er war gelernter Konditor, hatte in die Fußstapfen seines älteren Bruders treten müssen, der nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, und büffelte in jeder freien Minute für den Meisterkurs. Meine Ausbildung überließ er weitgehend den Gesellen. Ich sollte ja auch keine Kuchen backen, und wenn ich mal einen Eierkuchen fabrizierte, war das ein Schriftsatz aus Bleilettern, der mir unter den Händen zusammengefallen war, was in der bilderreichen Druckersprache so heißt.

Die Gesellen hatten mir außer einem grotesken Standesdünkel nicht viel zu bieten. Es wurde freilich viel geschwärmt von Setzereien für komplexe typografische Aufgaben, wo nur die Besten unseres Fachs arbeiteten. Wie diese Setzereien hießen, daran erinnere ich mich nicht, nur daran, dass sie nicht an eine Druckerei angegliedert waren, sondern an eine Werbeagentur, für die sie vom Bleisatz besonders kontrastreiche Barytabzüge lieferten, die von Grafikern in ihre Entwürfe eingeklebt wurden. Als ein Geselle zu einer solchen Setzerei in Düsseldorf wechselte, wurde das behandelt, als wäre er in den Olymp aufgestiegen.

Zu gerne hätte ich ebenfalls gewechselt in eine große stattliche Setzerei, in der die Qualität meines Handwerks hoch gehalten wurde. Aber ich beneidete nicht die Düsseldorfer Edelsetzereien, sondern meine Schweizer Schriftsetzerkollegen, denn die Schweiz galt damals als führend in Sachen Typografie. Eine berühmte Schrift, die Helvetica, vom ehemalige Schweizer Schriftsetzer Max Miedinger trägt sogar den Namen der Schweiz. Deren Adaption für den Bildschirm kennen alle Computernutzer als Arial.

Ein Schweizer Schriftsetzer, von dem nur ehrfürchtig gesprochen wurde, war Adrian Frutiger (1928-2015). Frutiger hatte eine Schriftsetzerlehre bei einer Kunstdruckerei absolviert, anschließend an der Kunstgewerbeschule Zürich studiert und stieg auf zu einem berühmten Schriftgestalter. Fast jeder kennt die von ihm gestaltete serifenlose Linearantiqua Univers, zu sehen auf Schweizer Verkehrstafeln, ebenso die Schrifttypen der OCR-B, die inzwischen weltweiter Standard für maschinenlesbare Schriften ist. Man sieht sie im Alltag noch auf Überweisungsträgern. Adrian Frutiger hat sich naturgemäß auch theoretisch mit Schrift befasst. Aus seinem Standardwerk „Der Mensch und seine Zeichen“, (Frankfurt 1979) stammt die abgebildete Systematisierung der zum Schreiben von Druckschrift erforderlichen Gesten, von mir flüchtig skizziert und auf die Majuskeln des Alphabets angewandt.

Wie zu sehen, ist Versal B der schwierigste Buchstabe. Was solls?, flötet die Amsel im Baum. Solche Aspekte wären auch zu beachten, wenn man in Schulen die Druckschrift als Ausgangsschrift einführt. Ich wüsste nicht, dass die Propagandisten der Grundschrift das getan hätten. Interessant ist jedenfalls, dass die jahrhundertelange Trennung von Hand- und Druckschrift damit aufgehoben ist und wir wieder Fragen zu erörtern haben, die für beide Bereiche gelten.

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Theorie und Praxis der Handschrift (5.1) – Zum Verständnis einzelner Formelemente – das kleine T

Verschiedentlich ist die Frage aufgekommen, warum das kleine T in der Vorlage von Alfred Fairbank keine echte Oberlänge hat. Unsere Kleinbuchstaben stammen von der Karolingischen Minuskel ab. Sie war eine Reformschrift, die Mitte des 9. Jahrhunderts im Reich Karls des Großen verbreitet wurde und schon fast alle wesentlichen Elemente unserer heutigen Kleinbuchstaben enthielt. Entwickelt hatte sie sich materialbedingt über mehrere Stufen aus den römischen Großbuchstaben. Ihr fehlte noch der diakritische I-Punkt. Das kleine T war eigentlich nur ein klein geschriebenes großes T (im Schriftbeispiel von mir eingekreist).

Erst in der Renaissance stieß der senkrechte Strich zaghaft nach oben durch den Querstrich. Wir erkennen das in allen Druckschriften (vergl. Teestübchen–Header). Die unvollständige Oberlänge des kleinen T hat nicht nur schriftgeschichtliche, sondern auch schreib- bzw. satztechnische Gründe. Gewisse Kombinationen mit dem kleinen F, fi, fl und ft wurden in der Bleizeit als sogenannte Ligaturen auf einen Schriftkegel gegossen (vergl. Abbildung) Da fügt sich das kleine T mit nur halber Oberlänge besser an. Bei der im Bild gezeigten Ligatur fi verschmilzt der I-Punkt mit der tropfenförmig ausgebildeten Oberlänge des F. Hier die Kombination ft und als Ligatur:
Wie unproportioniert und hölzern wirkt dagegen das kleine T in der Grundschrift, hier in der Kombination ft. Als mich der Grundschulverband im Jahr 2010 kontaktierte und mir Proben der Grundschrift zusandte, habe ich sogleich per Mail auf die falsche Oberlänge des kleinen T hingewiesen, erhielt darauf aber keine Reaktion. Entweder ist man im Verband beratungsresistent oder hatte schon Unterrichtsmaterial gedruckt und konnte/wollte nichts mehr ändern. Für mich ist aber das T das Indiz, dass bei der Gestaltung der Grundschrift schriftästhetische Laien am Werk waren. Warum hat man keinen Kalligrafen befragt, bevor man Generationen von Kindern nach der misslungenen VA erneut eine schlecht gestaltete Handschrift-Vorlage unterschiebt?

Theorie und Praxis der Handschrift (1) – Die Schriftzumutung

Schon eine Weile her, da zeigte mir Michael, ein Schüler der 13. Jahrgangsstufe, diese Seite in seinem Klausurheft und ließ sie mich kopieren. (Zum Vergrößern bitte klicken.) Ich hatte Michael in den acht Jahren seiner gymnasialen Schullaufbahn nie unterrichtet, kannte ihn nur gut aus meiner Arbeit als SV-Lehrer, er war Schülersprecher gewesen, und seit einigen Monaten war er mein Radsport-Trainingspartner. Sein Lehrer, mein Deutsch-Fachkollege, ist inzwischen verstorben, so dass ich das Blatt getrost zeigen kann. Ich bin froh, dass ich Michaels desolate Handschrift nie habe lesen müssen, aber was mein Kollege da an den Rand geschmiert hat, ist nicht besser. Man versuche es zuerst selbst zu entziffern. Es heißt: „Die Unverständlichkeit des Satzes liegt z.T. an der Schrift“ und „Die Schrift ist eine Zumutung!“

Was wie Realsatire wirkt, kennzeichnet den Zustand unserer Handschrift. Dabei haben Lehrer und Schüler doch die Lateinische Ausgangsschrift gelernt, die von den Freunden der verbundenen Handschrift so hoch gelobt wird. Beispielsweise schreibt Ute Andresen, die ehemaligen Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben, die Schreibschrift abzuschaffen, setze „leichtfertig eine Kulturtechnik aufs Spiel – die Fähigkeit, eine allen gemeinsame lesbare Schrift zu schreiben.“

Wer heutige Handschriften vergleicht, muss eingestehen, dass das Beispiel aus dem Klausurheft zwar krass, aber fast alltäglich ist. Dazwischen gibt es natürlich manchmal, eher selten, wirklich schöne Handschriften, aber die meisten Erwachsenen schreiben eine Sauklaue oder sind zumindest unzufrieden mit ihrer Handschrift. Wer eine schöne Handschrift schreibt, kann das trotz unserer Handschriftdidaktik, nicht weil die Schule es ihm beigebracht hätte. Besitzer einer schönen Handschrift wandeln unbeschadet durch die Wirrnisse und Dornenranken schulischer Bemühungen wie das göttliche Kind durch eine verrufene No-go-Area. Von einer „allen gemeinsamen lesbaren“ Handschrift zu sprechen, ist eine abenteuerliche Beschönigung.

Als vor Jahren der deutsche Grundschulverband an mich herantrat und meine zuerst im Teppichhausblog veröffentlichte Kulturgeschichte der Handschrift abdrucken wollte (Grundschule aktuell, Heft 110, Mai 2010), um damit die von ihm propagierte Grundschrift zu legitimieren, sah ich in der Idee der Grundschrift einen genialen Befreiungsschlag, mit dem die barocken Zöpfe an den Perücken unserer Ausgangsschriften abgeschnitten würden.

(Grundschrift, größer klicken)

Schon bald folgte die Ernüchterung, und zwar, als ich erste Proben der weitgehend hässlichen Grundschrift sah, die überdies fehlerhaft ist. Auf meine Einwände gegen die falsche Oberlänge des kleinen T und die unnötige des kleinen F reagierte man nicht. Vermutlich hatte man zu diesem Zeitpunkt schon Unterrichtsmaterial gedruckt. Mir ist nicht klar, wie sich aus der unbeholfen wirkenden Grundschrift eine ansprechende, gar schöne Handschrift entwickeln soll. Indem sich zwei Pädagogen eine Schrift selbst gebastelt haben, wiederholte der Grundschulverband seinen Fehler aus den 1980-er Jahren, als er die vom Grundschullehrer Heinrich Grünewald für seine Doktorarbeit entwickelte, ästhetisch misslungene Vereinfachte Ausgangsschrift in die Schulen drückte. Welche Ausgangsschrift in den Schulen gelehrt und gelernt wird, ist aber letztlich nicht das Problem. Unsere Handschriften kranken grundsätzlich am Konzept der Ausgangsschrift, das vor über hundert Jahren entstanden ist, aber erst durch die Schriftpolitik der Nationalsozialisten Geltung erlangte. Es wird Zeit, dieses Erbe einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Bislang lernen Schülerinnen und Schüler eine dieser Ausgangsschriften, ob Lateinische Ausgangsschrift (LA), Vereinfachte Ausgangsschrift (VA), die in der DDR seit 1968 gelehrte Schulausgangsschrift (SAS) oder neuerdings Grundschrift und sollen daraus eine individuell abgewandelte Persönlichkeitsschrift entwickeln. Dabei wurden und werden sie aber allein gelassen.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind an der LA verzweifelt bin, weil ich ihre komplizierten Formen nicht exakt nachbilden konnte. Die Gründe für die vielen Schlaufen habe ich nicht verstanden; ebensowenig verstand ich die komische kleine Einbuchtung oben beim kleinen S (deren Grund ich inzwischen kenne), und so habe ich später gänzlich auf die Formen verzichtet, die ich nicht gut schreiben konnte, und eine Druckschrift geschrieben. Sie war so hässlich, dass ich mich als junger Lehrer für meine Korrekturvermerke in Heften schämte, besonders aber für meinen Tafelanschrieb, wenn sie in ihrer Hässlichkeit noch vergrößert an der Wand stand. Aus diesem Grund habe ich mich mit der Erforschung der Handschrift beschäftigt und einige Ausgangsschriften wie ein Erstklässler gelernt und geübt. Erst nach diversen Versuchen mit LA und VA fand ich die mir gemäße isländische Ausgangsschrift und lernte eine Verkehrsschrift zu schreiben, die keine Zumutung mehr für meine Schülerinnen und Schüler war. Dieser Eintrag aus meinem Tagebuch von 1992 zeigt sie. Inzwischen kann ich nicht mal mehr das, womit ich damals noch unzufrieden war (heute das Ergebnis mangelnder Übung und Schreibpraxis). Das gilt es in diesem Seminar wieder zu ändern, nicht nur für mich, sondern für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Erobern wir uns eine gute Handschrift (zurück)!

Nächstens: Das Konzept der Ausgangsschrift und warum wir es aufgeben sollten.