Wenn Teebeutel philosophieren

Aus Gründen beginne ich den Morgen mit einer Kanne Tee. Eine der Sorten, die ich in letzter Zeit ausprobiert habe, erfreut den Konsumenten mit kleinen philosophischen Weisheiten, so mausklein, dass sie auf den Anhänger eines Teebeutels passen. Da steht beispielsweise; „Wir brauchen keine Liebe, wir sind die Liebe selbst.“ Hm? Das lässt mich grübeln. Mal die Ersatzprobe machen, um hinter den Sinn zu steigen. „Wir brauchen keine Phrase, wir sind die Phrase selbst.“ Besser noch: „Wir brauchen keine Geschwätz, wir sind das Geschwätz selbst.“

Natürlich, wir werden auf uns selbst verwiesen, müssen uns besinnen auf uns selbst. Ein wichtiger, geldwerter Denkanstoß. Wem wir diesen Denkanstoß verdanken, verrät die Packung: Yogi Bhajan, Meister des Kundalini Yoga.

Man wird mir mit Recht vorwerfen, dass ich die Teebeutel-Philosophie nicht zu würdigen weiß, weil mir die positive Grundhaltung fehlt, wie sie etwa die Komikerin Martina Hill mit Sketchpartnerin in einem TV-Sketch demonstriert. Die Sketchpartnerin liest Teebeutelphilosphisches, schaut beseelt und sagt verzückt: „Schön!“ Hill liest: „5 Minuten ziehen lassen“ und sagt ebenso verzückt: „Auch schön!“

Der Witz entsteht aus dem semantischen Gefälle zwischen der Teebeutelphilosophie und der Handlungsanweisung zur Teebereitung. Aber ist der Verweis auf notwendige Selbstbesinnung keine Handlungsanweisung? Doch. Darum:
„Werde eins mit dir und sei ein Teebeutel!“, sagt Yogi Teestübchen Trithamias. „LOVE!“

Ein Herr des Stoffbeutels

Schräg links hinweg über den Gang des ICE, kann ich einen kräftigen Mann von etwa Ende 30 sehen. Er kommt wohl aus dem Urlaub, denn sein Gepäck ist ein riesiger Rucksack, ein Teil, vor dem ich Angst hätte. Wollte ich es schultern, würde es mich zu Boden reißen und erdrücken. Nachdem sein Sitznachbar in Bielefeld ausgestiegen ist, wuchtet er den Rucksack neben sich auf den Boden und kramt darin. Da kommt allerlei Zeug zum Vorschein, von dem ich weiß, man braucht’s nur, um es hervorzuholen, anzuschauen und wieder wegzupacken.

Während ich das noch bestaune, zieht er einen weißen Stoffbeutel aus dem Rucksack, legt ihn neben sich auf den freien Sitz und holt einen Stapel Kataloge und Prospekte hervor. Man weiß schon, diese reich bebilderten Druckwerke auf Kunstdruckpapier, die es überall zum Mitnehmen gibt, beispielsweise in Tourismuszentralen von Urlaubsorten. Jeder hat derlei schon irgendwo mitgenommen. Spätestens zu Hause weiß man nicht mehr, wohin damit. Angeschaut hat man das Zeug sowieso nicht. Wenns wenigstens Faltblätter, Prospekte, Broschüren und Kataloge aus Museen wären.

Was er sorgfältigst betrachtet, ja, sogar liest, sind Kunstdruckdevotionalien von Urlaubsorten offenbar aus den Alpen. Er nimmt noch das läppischste Faltblatt, studiert es ganz genau und stapelt es auf dem Schoß, orientiert an der rechten und oberen Kante. Die Pedanterie, in der das geschieht, macht mich ganz kirre, vor allem, weil es komplett sinnlos erscheint, verschieden große Druckwerke auf Kante zu stapeln, wie es sinnlos ist, einen Tourismusprospekt genau durchzulesen, wenn man auf der Heimreise ist. Vor allem dachte ich, hätte ich schon einen so großen Rucksack zu schleppen, würde ich nicht noch 25 Kilogramm Prospektmaterial mitschleppen. Schon der Sammelbegriff „Prospektmaterial“ zeigt doch, dass man komplett unbeachtet lassen kann, womit das Papier bedruckt ist. Es ist Material, letztlich nur Gewicht. Eine Schande, dass dafür grüne Bäume sterben mussten. Kein vernünftiger Mensch sammelt derlei Druckerzeugnisse. Der vernünftige Mensch, der das schreibt, muss freilich zugeben, dass er aus ethnologischem Interesse eine Weile die aufregend typografierten Werbeprospekte von Supermärkten und Discountern gesammelt hat, beispielsweise den Aldi-Informiert-Pospekt von Aldi Süd, der in der Fotomontage im Blogheader zu sehen ist. Der Fachbegriff für derlei Material ist „Graue Literatur.“ Das Zeug gehört zum kulturellen Erbe wie ein Roman von Peter Handke.

Wie heutige Archäologen glücklich sind, wenn sie in einer versunkenen antiken Stadt Graffiti von Klosprüchen finden wie beispielsweise in den Ruinen von Pompeji, werden zukünftige Archäologen glücklich sein über den Otto-Katalog. Er ist schon Geschichte seit der letzten Druckauflage im Jahr 2018. Man wäre heute schon froh, hätte man den ersten Otto-Katalog von 1950. Desgleichen wird die Plastiktüte bald museal sein, heute schon zu bestaunen in Andrea Hemings Projekt „Tüte der Woche.

Vor Hannover beginnt der Mann alles einzupacken, schultert sein Hab und Gut, steigt dann vor mir aus. Hannover ist um hundert Prospekte reicher. Juhu.