Teestübchen Stilkritik – Geh mir weg mit dem Frosch!

Auf meiner persönlichen Liste der hässlichen Wörter steht obenan „die Schreibe.“ Niemand soll sich erfrechen, meinen Schreibstil je „Schreibe“ zu nennen. Ich dächte sofort Schlechtes von ihm. Schlimmer trifft es nur noch jene, die das Blähwort „nichtsdestotrotz“ benutzen, wo ein schlichtes „trotzdem“ reicht. Solchen Leuten misstraue ich und ich würde jeden weiteren Kontakt vermeiden. Vermutlich denkt etwas in mir an böse Buben, die einem Frosch einen Strohhalm in den Hintern stecken, um ihn aufzublasen. „Nichtsdestotrotz“ ist eitles Gerede, und ich fürchte: Gleich platzt der arme Frosch.

Ähnlich geht es mir bei der im Fernsehen um sich greifenden Floskel: „Einen wunderschönen guten Abend!“ Wie? Was? Reicht denn ein guter Abend nicht mehr? Ein schöner Abend wäre doch auch schon ganz fein. Soll ich etwa tagein-tagaus so einen wunderschönen guten Abend haben, weil gutgelaunte Deppen das im Fernsehen befehlen? Ich wundere mich höchstens, dass sie mir andauernd mit ihrem Discounter-Wunderschön auf den Wecker fallen. Weiterlesen

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Teestübchens Sprachberatung – jetzt auch ohne Huhn!

Kategorie MedienLeute, deren Hobby es ist, sich über sprachliche Fehler aufzuregen, sind mir schon immer suspekt gewesen. Ich frage mich dann, wieso die kein ordentliches Hobby haben, etwa eine Modelleisenbahn betreiben oder einen Kleingarten pflegen. Da haben sie eine überschaubare Welt vor Augen, in der sie ihre Vorstellungen von Ordnung durchsetzen können, ohne dass ihnen einer widerspricht. Denn die Sprache gehört allen, und niemand hat das Recht, sich vor anderen als Schulmeister aufzuführen. Manche Zeitgenossen müssen sich aber beruflich mit sprachlicher Richtigkeit befassen, etwa Schriftsetzer (heute Mediengestalter), Korrektoren, Lektoren, Redakteure, Deutschlehrer, Germanisten und einige Linguisten (man möge sich die weiblichen Formen dazudenken). Deren Arbeit ist konservativ, denn sie bremsen den Sprachwandel, der für eine lebendige Sprache typisch ist, achten aber auch darauf, dass die Schriftsprache als Kommunikationsmittel weiterhin funktioniert, ohne dass es beim Lesen knirscht im Gebälk.

Sreenshot und Gif-Animation: JvdL

Sreenshot und Gif-Animation: JvdL

Geknirscht hat es im Januar 2016 auch noch auf der Korrekturseite für Kommentare bei WordPress. Ich habe in der Redaktion des Teestübchens ein Huhn halten müssen. Denn immer wenn ich einen meiner Kommentare korrigieren wollte, wurde mir vom System befohlen: „Im Papierkorb legen“ Damals habe ich um Korrektur gebeten, damit ich das Korrekturhuhn endlich zur Ruhe legen kann. Wohin? In den Papierkorb natürlich. Der Grammatikfehler ist wohl vor geraumer Zeit korrigiert worden, was ich hier mit Freude feststelle und lobend erwähnen möchte. Nicht alles wird immer schlechter in der Welt. Manches wird auch besser. So, und wo ist jetzt meine Modelleisenbahn? Für den Schrebergarten ist es mir eindeutig zu kalt, und außerdem habe ich überhaupt keinen Schrebergarten.

in-den-papierkorbSpaß beiseite, indem Blogger und Bloggerinnen ihre eigenen Setzer und Redakteure sind und in einem Medium publizieren, gehören sie natürlich zum Kreis der Menschen, die verantwortlich mit Sprache umgehen sollten, auch wenn Bloggen keine berufliche Tätigkeit ist.

Der achte Tag

Ich habe eine Zeitmaschine. Sie funktioniert leider nur in eine Richtung, nämlich in die Zukunft. Angenommen, ich steige Dienstagabend hinein, und wenn ich wieder aussteige, ist zuverlässig Mittwochmorgen. So gings heute. Obwohl meine Zeitmaschine über keinerlei technische Finessen verfügt, arbeitet sie sehr zuverlässig, lässt mich immerzu von einem Tag auf den anderen reisen. Früher habe ich mir schon mal vorgestellt, sie würde mich versehentlich zu einem Tag zwischen den Tagen bringen, etwa zu einem, der zwischen Mittwoch und Donnerstag liegt. Das aber ist nie geschehen.

Vermutlich liegt es daran, dass ich keinen Namen für einen solchen Tag habe, denn die Welt wie wir sie kennen, konstituiert sich wesentlich über die Namen für die Erscheinungen. Ein Ding, ein Sachverhalt oder eine Idee existieren nicht, wenn wir keine Bezeichnung dafür haben.

Drei Gedanken noch – a, b, c, d und e:
a) Obwohl die Zeitmaschine nur in Richtung Zukunft funktioniert, versucht sie doch auch immer wieder, mich in die Vergangenheit zu bringen, aber präsentiert mir nur ein furchtbares Durcheinander, so dass ich meine Vergangenheit kaum wiedererkenne. Ich glaube jedenfalls nicht, dass meine Tage so chaotisch verlaufen sind. Vielleicht ist die Idee meiner nach gängigen Ordnungsprinzipien strukturierten Vergangenheit aber nur eine nachträgliche Interpretation.

b) Schon oft habe ich mich gefragt, warum ich nach der Zeitreise zum folgenden Morgen immer noch derselbe bin. Ich könnte doch ein Seehund sein und einen bunten Ball auf der Schnauze balancieren. Und habe ich meine Sache gut gemacht, wirft man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu.

c) Die Welt, in die ich von Tag zu Tag reise, ist enorm fest, scheint ununterbrochen nach den gleichen Gesetzen zu funktionieren. Nur wenn ich nicht bei der Sache bin, wackelt meine Welt. Gestern trug ich beispielsweise in der linken Hand einen Teller, in der rechten eine halbvolle Tasse mit abgestandenem Kaffee in die Küche, stellte den Teller in die Spüle und goss den Kaffee auf den Tisch. Derweil es auf den Boden tropfte, fiel mir erst ein, dass es in dieser Welt weder üblich noch ratsam ist, abgestandenen Kaffee auf den Tisch zu gießen.

d) Gemeinhin wird angenommen, dass Kleinkinder eine magische Vorstellung von der Welt haben. Die legen sie im Alter von fünf bis sechs Jahren ab. In dieser Zeit ist auch die sprachliche Entwicklung abgeschlossen, haben sie ihre innere Grammatik entwickelt, die sich kennzeichnet durch die Fähigkeit, theoretisch endlos viele grammatisch richtige Sätze hervorzubringen.

e) Wenn sich unsere Idee von der Wirklichkeit wesentlich durch Sprache konstituiert, hängt die Festigkeit der Wirklichkeitsvorstellung vermutlich davon ab, wie tief sich die innere Grammatik auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Dann käme es nicht allein auf die Namen und Bezeichnungen an, wie sie ein Wörterbuch bereitstellt, sondern auf die Kenntnis der Verhältnisbeziehungen, wie sie in der Grammatik verankert ist.

100-RentnerBalthasar Gracián schreibt in seinem Handorakel – Kunst der Weltklugheit, man solle seinen Kardinalfehler erkennen und abstellen. Alle anderen Fehler würden dann in einer Kettenreaktion kippen wie Dominosteine. Vielleicht reicht es, einen achten Tag zu benennen, um ihn bereisen zu können, und wir finden eine Welt vor, in der alles anders als in der bekannten Welt ist.

Das Wort Rentner ist übringens ein Palindrom. Wir erkennen das nur nicht auf Anhieb, weil wir die Vorstellung haben, Substantive würden vorne groß geschrieben und nicht hinten.

Im Papierkorb legen – Prima Sprachberatung mit Huhn

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WordPress-Screenshot – Gif-Animation: Trithemius

Jedesmal, wenn ich eigentlich nur einen meiner Kommentare korrigieren will, muss ich das redaktionseigene Huhn aufscheuchen, damit es tut, was Hühner am besten können, nämlich legen – und wo? „Im Papierkorb“ natürlich. „Natürlich, natürlich, was hat denn das Huhn mit deinen Tippfehlern zu tun?“, fragt mein besseres Ich und mahnt, es wäre darauf zu achten, dass die unliebsame Textpassage nicht zu groß ist, denn ein solch faules Ei würde das Korrekturhuhn vermutlich zerreißen. Ich weiß nicht, ob jeder deutschsprachige WordPress-Blog-Editor „Im Papierkorb legen“ befiehlt. Es hätte doch längst auffallen müssen. Ich jedenfalls hätte nichts gegen eine kleine grammatische Korrektur, damit ich mein Korrekturhuhn endlich zur Ruhe legen kann. Wohin? In den Papierkorb natürlich.