Tag und Nacht Straßengymnastik

Kategorie KopfkinoWenn du in dunkler Nacht eine leere Straße gehst, und hinter dir wispert ein Blatt, dann erschrickt etwas in dir und schickt dir die Warnung, du würdest verfolgt. Du drehst dich um, siehst den leeren Gehweg und denkst erleichtert: „Ach nein, kein Horrorclown. Es ist nur ein Blatt, das der Wind an meine Fersen geheftet hat.“ Die Phantasie hat dir einen Streich gespielt, hat sich ungefragt in deine Wahrnehmung der Realität eingeschlichen und dich für einen Moment getäuscht. Jetzt ist deine Welt wieder in Ordnung, denn du hast die Fiktion durch die Wahrnehmung der physikalischen Realität ersetzt.

Können wir im Internet ebenfalls so zwischen Wahrnehmung und Täuschung unterscheiden? No, Sir. Das Internet hat eigene Wahrnehmungsgesetze. In ihm vermischen sich Fiktion und Realität auf untrennbare Weise. Sie durchdringen einander, und in Teilbereichen überlappen sie sich, doch du kannst nie genau sagen, was in deiner Phantasie nur existiert oder real ist.

In der Welt des Internets gibt es seltsame Erscheinungen. Eine davon ist das animierte Gif. Im Bildbeispiel sind Passanten auf dem Aachener Münsterplatz zu sehen. Das Gif bildet also eine reale Situation ab, die ich beobachtet und fotografiert habe. Die Bewegung der Leute ist jedoch nicht gefilmt, sondern simuliert. Ihr liegt nur ein mehrfach manipuliertes Foto zugrunde, so dass die im Gif gezeigte Realitätsabbildung teilweise fiktiv ist.

strassengymnastikDie Menschen auf dem Münsterplatz werden niemals von der Stelle kommen. In der zweidimensionalen Realität der Gifgrafik sind sie vielmehr gezwungen, auf immer Straßengymnastik zu machen. Sind sie ihrer Individualität enthoben und dienen nur noch der Erheiterung des Betrachters. Und selbst, wenn es gar keine Betrachter gibt, müssten die Leute im Bild stampfen, stampfen, stampfen. Stelle dir vor, du selbst wärst dort auf dem Platz abgebildet. Dann hätte sich ein Teil von dir aus der dritten Dimension in die zweite Dimension verflüchtigt, bestünde aus nichts und wäre trotzdem Teil deiner Realität.

Fotos und Gifanimationen: JvdL

Fotos und Gifanimationen: JvdL

Darum musste der Melker sterben. Eine schauerliche Moritat im Konjunktiv II

Kategorie MedienKomisch, beim Aussterben erwischt es zuerst die Starken. Ich weiß nicht, ob es in der Biologie ähnlich ist, aber in der Sprache trifft es zu. Wir kennen im Deutschen die Klasse der „starken Verben.“ Starke Verben haben die Besonderheit, dass sie bei der Konjugation (Beugung) ihren Stammvokal verändern, Beispiel: „singen, sang, gesungen”,rinnen, rann, geronnen ” oder „helfen, half, geholfen.” Im Konjunktiv II nehmen sie überdies befremdlich klingende Formen an, die in den Ohren der meisten Deutschsprecher falsch oder zumindest veraltet klingen. Wer solche Klänge vermeiden will, behilft sich mit der Ersatzform „würde + Infinitiv“, sagt also nicht: „Ich sänge ja mit, wenn ich den Text könnte.“ sondern „Ich würde mitsingen, …“ – eigentlich schade, denn auch eine lebendige Sprache braucht Vielfalt. Vor einigen Jahren habe ich einen kurzen Text geschrieben, in dem starke Verben im Konjunktiv II vorkommen. Zur Förderung der grammatischen Biodiversität erscheint er im Teestübchen in typografisch gestalteter und animierter Form. Gute Unterhaltung.

der-tod-des-melkers

Lachen und Weinen in der Teestübchenredaktion

Gute Stimmung in der Teppichhausredaktion, nicht allein weil das Wochenende anstand.
„Prächtig prächtig!“, freute sich Chefredakteur Julius Trittenheim beim Eintreffen über den endlich fertigen Blogtitel Oktober und wickelte den silbergrauen Schal ab, mit dem er sich gegen die Morgenkühle geschützt hatte.
„Schöner Beitrag, gestern Abend, Chef“, sagte Volontär Schmock und half dem Trittenheim aus dem Mantel. In der Redaktion kam verhaltener Beifall auf. Nur aus der Ecke von Frau Erlenberg kam kein Klatschen, sondern ein trockenes Pockpockpock.
„Warum hat denn Frau Erlenberg die Daumen in Gips?“, wunderte sich Trittenheim. „Betriebsunfall“, sagte Frau Kirchheim-Unterstadt. „Frau Erlenberg wollte Ihr Editorial für Oktober hochladen, aber irgendein Witzbold hat Ihren gewiss hervorragenden Text gegen einen Holzbalken ausgetauscht.
editorial oktober chefsache
Als wir bemerkt haben, dass sich hinter dem Dateinamen „Editorial Oktober Chefsache“ ein Holzbalken verbirgt, war der schon ins Heft gerutscht. Beim Versuch, ihn zu entfernen, hat sich Frau Erlenberg die Daumen gebrochen und fällt für sechs Wochen aus. Sie werden wohl leider wieder zum Kartoffeldruck zurück …“
„Katastrophe!“ , heulte der Trittenheim, „Wer schreibt denn jetzt meine Texte? Und welches Editorial, verflucht?! Es gibt überhaupt kein neues Editorial! Das alte ist doch noch gut.“

Herr Trittenheim beschimpft die Teestübchen-Redaktion

Du liebe Zeit, welch ein Theater wieder in der Teestübchen-Redaktion. Es kam sogar zu Szenen. Chefredakteur Trittenheim stand wutschnaubend in der Tür, brüllte: „Schlamperei!“ und fragte gleich hinterher: „Was ist das hier für ein Saftladen?!“
Frau Kirchheim-Unterstadt ließ bedröppelt den Kopf hängen, nagte schuldbewusst an ihrer Unterlippe und gab keine Antwort. Was hätte sie auch sagen sollen? Etwa: „Das ist Ihr Saftladen, Herr Trittenheim“?
„Wozu habe ich der Redaktion den Kalender gestiftet, wenn keiner draufschaut?“, fuhr Trittenheim fort. „Von Ihnen, Frau Kirchheim-Unterstadt hätte ich eine derartige Säumigkeit am allerwenigsten erwartet. Wieso steht auf unserem Header noch die Ausgabe September? “
„Wir sind halt von der Entwicklung überrascht worden“, wagte sie zu erklären.
„Überrascht?! ÜBERRASCHT?!“ Wie kann man denn von einem Datum überrascht werden, das in jedem Kalender steht und das jedem hergelaufenen Ladenschwengel geläufig ist?“ Und wurde gleich wieder charmant. „Ich sehe ja ein, Frau Kirchheim-Unterstadt, sie sind noch piepjung, quasi nicht lang ist’s her, dass …“
„Sie geboren wurden?“, mischte Frau Erlenberg sich ein, die an Echolalie litt, oder wie heißt die Sucht, immer anderer Leute Sätze zu beenden und grundsätzlich falsch?“
„nicht lang ist’s her, dass Sie von hinterm Mond eingewandert sind“, haute Trittenheim wieder einen seiner hundsgemeinen Sätze raus. „Aber dass nach dem 30. September der 1.Oktober zwingend folgt, dürften Sie auch in der Zwergschule gelernt haben, die Sie besucht haben, Frau Kirchheim-Unterstadt.“ Boah, was kann der Mann gemein sein. Da fasste sich Andrea Kirchheim- Unterstadt und gab eine Erklärung ab. Also das war so:
Sahne-Kopie