Hobbybastelei in Zeiten der Dürre

Als Kind habe ich viel gebastelt. Es gab im Hof eine „Serch“ genannte, rechteckig gemauerte Zisterne unter dem Vordach der leeren Ställe. Einst war wohl die Regenrinne zum Serch geführt worden, weil aber kein Vieh mehr in den Ställen stand, das getränkt werden musste, war die Zuleitung unterbrochen. Der Serch lag trocken und enthielt verstaubtes Gerümpel, das man sah, wenn die Abdeckung aus dicken Bohlen angehoben wurde. Diese Abdeckung war mein stabiler Basteltisch. Wenn es im Sommer zu regnen begann, wenn ein ergiebiger Landregen niederging, stand ich geschützt unterm Vordach, genoss das Prasseln des Regens und schnitzte mir aus einem Stück Holz ein Schiffchen. Denn ich wusste, da kommt gleich eine Flut die Straße hinunter, der die Gosse vor unserem Haus in einen reißenden Sturzbach verwandeln würde, worin ich mein Schiffchen wassern könnte, das dann ruderlos taumelnd mitgerissen wurde, und ich würde nebenher laufen, um es unten an der Straßeneinmündung zu retten, im spannenden Moment, bevor der Sturzbach dort in den Gully gurgelte.

Einmal in langweiligen ewig langen Ferien hat es viele Tage nicht geregnet. Ich verlor die Lust am Schiffchenschnitzen. Irgendwo fand ich einen alten Ziegelstein, von dem schon ein Stück abgebrochen war, so dass er aussah wie ein Indianerkopf im Profil. Ich legte den Ziegel auf meinen Basteltisch und bearbeitete ihn mit Hammer und Meißel, um der Rothaut mehr Kontur zu geben. Bald hörte man die Straße rauf und runter das Hämmern und Klingen von Meißeln, denn andere Jungs wollten auch einen Indianer haben, und Ziegelsteine gab es offenbar genug.

Kürzlich hat im Städtchen Haßloch, eine Zahnarztgattin zu malen begonnen und ganz hübsche Ergebnisse erzielt. Eine Boutique in der Nachbarschaft hat sogar mit drei prächtigen Blumenbildern ihr Schaufenster dekoriert, so dass sich der Wunsch zu malen im Kreis der betuchten Kundinnen verbreitete. Es wurde eifrig in Öl gespachtelt und gepinselt, dass die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) nicht umhin konnte, eine neue Lust am Malen zu registrieren. Die GfK hat vor langer Zeit schon Haßloch zum Testmarkt erhoben. Hier werden Produkte vor ihrer Markteinführung getestet. Denn was die 19.000 Haßlocher mögen, mögen alle anderen Deutschen auch. Folglich bietet ein Discounter derzeit bespannte und grundierte Leinwände in verschiedenen Größen und diverse Farben an, offenbar mit wenig Erfolg. Kaum einer der Lidl-Kunden weiß etwas damit anzufangen, zumal die Blumen in Deutschland längst vertrocknet sind, und wer will schon Gestrüpp malen? Vielleicht käme ein Set mit Ziegelstein, Hammer, Meißel und Schutzbrille besser an?

Volontär Schmocks Rundumblick April

Zwischen Aachen und Jülich liegt der Ort Langweiler. Immer, wenn ich bei meinen Trainingsfahrten durch das stille Dorf rollte, ich war dann meistens auf dem Rückweg und redlich müde, habe ich mir zu meiner Erquickung eine Gemeinderatssitzung vorgestellt, die vom Bürgermeister eröffnet wird mit den Worten: „Guten Abend, liebe Langweiler!“

Wie begrüßt der Bürgermeister wohl die Einwohner von Haßloch? „Liebe Haßlöcher?“ Ein Haßlocher möchte ich ehrlich gesagt nicht sein. Ich würde mich überall schämen deshalb, außer natürlich in Haßloch. Da weiß man vermutlich, dass Haßloch nicht so schlimm ist wie es klingt, jedenfalls nicht schlimmer als Pforzheim, Tuntenhausen oder Fickmühlen. Haß in Haßloch stammt etymologisch vom Haselstrauch ab, einer Pflanze, die allerdings von Pollenallergikern zu Recht gehasst wird. Haßlocher sind wahrscheinlich echte Langweiler, aber sehr wichtig in einer Kultur, die das Durchschnittliche liebt, quasi verehrt wie die unsrige.

Haßlocher sind so durchschnittlich, dass die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) das Haßloch zum Testmarkt erhoben hat. Hier wird jedes Produkt vor seiner Markteinführung getestet. Was die 19.000 Haßlocher mögen, mögen alle anderen Deutschen auch. Als es beim Discounter sprechende Personenwaagen zu kaufen gab, hatten offenbar viele Haßlocher Singles danach verlangt – damit sie am Wochenende mal einen zum Reden haben. Neuerdings haben Haßlocher vermutlich nach Personenwaagen mit USB-Anschluss verlangt. Deshalb hatte ein Discounter sie im Angebot. Ich hatte schon mal eine solche Waage im Einkaufswagen, hab sie dann aber ins Regal zurückgelegt, denn ich dachte: „Am Ende will die blöde Waage dauernd ins Internet.“ Dann will ich mich einfach nur wiegen, aber meine Waage ist im Internet, macht ein Update und meldet ganz nebenher meine gesammelten Daten an die GfK weiter. Um das gut zu finden, muss man vermutlich ein echter Haßlocher sein.

Schon immer waren Waagen unverschämt. Ich erinnere an die kommerziellen Waagen in den Bahnhofshallen, die den arglosen Reisenden belästigt haben mit der apodiktischen Forderung: “Prüfe dein Gewicht!” Wer sich einfangen ließ, bekam eine Reihe weiterer Befehle. Fehlt noch “Arschbacken zusammen und Salutieren!” Zum Dank grunzte die Waage wie ein Schwein, wenn man sich draufgestellt hat. Das Geheimnis ihres Erfolgs.