Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör

Fast drei Stunden sitze ich in der Notaufnahme der Klinik, neben mir hockt schon gut zwei Stunden ein alter Mann mit Kopfverband. „Ihnen läuft immer mehr Blut übers Gesicht“, sagt ihm ein junger Migrant, der mit wachen Augen umherschaut. Er ist ein alter Hase. Nachdem ihm eine Stahlplatte auf den Kopf gefallen war, habe er fünf Stunden in der Notaufnahme gewartet. „Und niemand hat mal gefragt, wie es mir geht.“ Seine Gesprächsfreude bezieht alle im vollen Wartebereich ein, so dass es fast gesellig wird. Ich schweige, denn ich kann vor Schmerzen kaum reden. In der Ecke sitzen zwei wirklich dicke Frauen und verbreiten eine beinah gemütliche Stimmung. Die ältere strickt, die jüngere gefällt sich in lakonischen Bemerkungen über das Gesundheitswesen und über gesellschaftliche Entwicklungen, spricht vom Fachkräftemangel in den Krankenhäusern und dass gut ausgebildete Fachkräfte lieber im Ausland arbeiten würden. „In der Schweiz“, bestätigt der Migrant. Glaubt man den beiden, steht das Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps. Es hockt also hohläugig und schwer angeschlagen mit uns im Warteraum. „Und die Beiträge steigen immer weiter“, klagt der Migrant. Er sei mal selbstständig gewesen und habe sich die Beiträge zur privaten Krankenversicherung nicht mehr leisten können. „Auch die Pächter kleiner Gaststätten müssen deshalb aufgeben“, bestätigt die junge Dicke. Sie meint auch, dass der Euro nichts mehr wert sei. „In fünf Jahren bezahlen wir alle mit dem Handy.“

In der anderen Ecke sitzt ein schmaler Mann von Mitte 40 mit einem Mullpflaster am Kinn. Er ist bestens präpariert für die Notaufnahme, hat eine Thermosflasche hevorgeholt, zwei Butterbrotdosen, hält seinen Klapprechner auf den Knien und scheint zu arbeiten. Er trägt einen auffällig großen Ehering, wird zwischendurch mal angerufen. Ich beneide ihn ein wenig. Gut angetroffen hat es der, den zu Hause eine sich sorgende Ehefrau erwartet. Eine ältere Spanierin ist mit ihrer Tochter da, die als einzige in den ausliegenden Zeitschriften blättert, dann sogar das Kreuzworträtsel in einer Frauenzeitschrift bearbeitet. Neben mir sitzt mein mittlerer Sohn. Ich dränge ihn bald, nicht mehr mit mir zu warten, sondern zum Bahnhof zu fahren. Er hat mir schon prima durch den Tag geholfen und muss am Abend noch nach Leipzig zurück. Der Alte neben mir trägt auch nichts zum Gespräch bei. Dreimal hallt der Rufton seines Smartphones durch den Raum. Wie die Posaunen von Jericho, denke ich.

Jedesmal erschrickt der Alte vor dem martialischen Getöse. Und keinmal gelingt es ihm, das Gespräch anzunehmen. Mit zittrigen Fingern tappt er vergeblich herum, ruft danach verschiedene Leute an und fragt sich durch, ob sie ihn angerufen hätten. Ende der 1990-er Jahre veröffentlichte ich in der Titanic eine Satire über den aufkommenden Handy-Wahn. Die dort genannte Single-Button-Funktion ist heute innovativ. Ein einfaches Smartphone, das immer genau das tut, was sein Benutzer wünscht, statt Hänneschen-Theater zu veranstalten. So ein narrensicheres Smartphone hätte sicher einen Markt in unserer alternden Gesellschaft. In der Überalterung liegt ein Grund für explodierende Gesundheitskosten und ein System an der Leistungsgrenze. Leute wie ich und der neben mir wären vor 50 Jahren längst tot gewesen und würden nicht in der Notaufnahme hocken. Mein Vater ist mit 49 am Herzinfarkt verstorben.

Als ich endlich zu einem Arzt vorgelassen werde, tastet er mich ab, findet auf Anhieb, wo ich scheints ein Messer zwischen den Rippen habe, hört sich meine Lunge an und offeriert mir eine weitere Stunde Wartezeit fürs Röntgen und für das anschließende Gespräch.
O nein! Solange schaffe ich nicht mehr zu warten.“
„Tut mir Leid, aber Sie sehen ja, was hier los ist.“
„Ich hatte schon gelesen, dass die Notaufnahmen so überlaufen sind.“
„In ganz Deutschland ist das so, weil auch die Leute kommen, die gar keine Notfälle sind.“
„Mich hat der Hausarzt geschickt.“
„Sie haben ja auch alles richtig gemacht.“
Ich beschließe zu gehen, sage, dass ich am nächsten Morgen einen regulären Termin beim Orthopäden hätte und der käme ja langsam näher. „Ich kann Sie nicht zwingen zu bleiben“, sagt er. Ich wünsche noch einen ruhigen Arbeitstag, und er sagt: „Danke, der geht noch die ganze Nacht.“ Die Nacht habe ich im TV-Sessel sitzend verbracht. Ein wenig sogar geschlafen.

Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör. (Nichts ist so schlecht, dass es nicht auch für etwas gut wäre), sagt der optimistische Kölner. Meinen gestrigen Unfallbericht haben Blogfreundinnen und -freunde kommentiert, von denen ich lange nichts mehr gehört hatte. Ich mag das gar nicht, wenn freundschaftliche Kontakte einschlafen. Auch digitale Bindungen sind einem wichtig. Blöd nur, wenn man sich dafür ganz analog den Hals brechen muss.

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