Simulation am Reck

Wenn ich mich unter Alkoholeinfluss komplexen Dingen widmen will, hänge ich wie ein nasser Sack an einer Reckstange und versuche Klimmzüge. Am Folgetag muss ich mich schelten, nicht die kleinste Aufwärtsbewegung geschafft zu haben. So ist es mir gestern in der Küche von Filipe d’Accord ergangen, als ich das Problem der Simulationshypothese angesprochen habe, wobei mir nicht mal der Begriff eingefallen ist. Obwohl Filipe im Hauptberuf Quantenphysiker ist und sich wie der kluge Herr Putzig bemühte, aus meinem Zappeln am Reck etwas Sinnvolles zu erkennen, kamen wir nicht weit.

Neuer Versuch: Die Simulationshypothese ist ein Denkmodell des Philosophen Nick Bostrom. Es geht darin um die Idee, die Welt, die wir als Wirklichkeit wahrnehmen, sei eine Simulation. Soweit nichts Neues. Man kennt Ähnliches aus den Matrix-Filmen. Schon im Jahr 1964 veröffentlichte der US-Autor Daniel Francis Galouye den SF-Roman „Simulacron-3“, von Rainer Werner Fassbinder 1973 als „Welt am Draht“ verfilmt. Simulacron-3 handelt von einem Computersystem, genannt TEAG („Test AG“), in dem zu Marktforschungszwecken eine ganze Stadt mit 10.000 Bewusstseinseinheiten simuliert ist, die sich als reale Bewohner dieser Stadt erleben. Die Hauptfigur, ein Informatiker, arbeitet an diesem Simulationscomputer. Ungereimtheiten im Ablauf seiner Welt bringen ihn zur Erkenntnis, dass er seinerseits nur eine Bewusstseinseinheit in einem größeren Simulationscomputer ist. Derlei Ungereimtheiten entsprechen den Erfahrungen, die ich hier, hier und hier als selbst erlebte „Störungen im galaktischen Betriebssystem“ aufgeschrieben habe.

Über Nick Bostroms Simulationshypothese las ich bei Telepolis, dort „Simulationstheorie“ genannt. Im Artikel „Kann die Simulationstheorie zur Apokalypse führen?“ wird die Frage erörtert, ob es ratsam sei, unsere Realität anzuzweifeln. Der junge Philosoph Preston Greene von der NTU Singapore habe in der New York Times die Meinung vertreten, den Simulationscharakter unserer Welt zu entlarven, sei entweder langweilig oder „extrem riskant.“ Riskant deshalb, weil die Betreiber der Simulation sich genötigt fühlen könnten, die Simulation abzuschalten, falls wir Bewusstseinseinheiten an ihr zu zweifeln begönnen.

Dass nun aber der Zweifel an der Realität unserer Welt geeignet wäre, dessen Betreiber zum Abschalten zu bewegen, ist für mich ein Zeichen von Hybris, um nicht zu sagen Größenwahn. Warum sollte er das tun? Weil er Angst hat, dass die eigenen Geschöpfe an ihm zweifeln? Sinnvoll ist die Sorge schon mal gar nicht, weil die Fähigkeit zu zweifeln, jedem gegeben ist. Es ist lebensnotwendig, zweifeln zu können. Wir müssen beispielsweise die Tragfähigkeit einer Behelfsbrücke anzweifeln, um uns nicht in tödliche Gefahr zu begeben. Zweifel ist nicht begrenzbar. Er muss sich auf alle Erscheinungen richten können, auch auf Grundfragen der menschlichen Existenz. Wären wir also solche Bewusstseinseinheiten in einer simulierten Welt, dann wäre der Zweifel systeminhärent und würde den Rahmen der Simulation nicht sprengen. Der Zweifel am galaktischen Betriebssystem und alle Versuche, ihn physikalisch zu untermauern, wären nur Zeichen dafür, dass sich das Simulationssystem, mithin die Sensorik seiner Bewusstseinseinheiten weiterentwickelt.

Das wäre meine Übung am Reck gewesen. „Wäre, wäre, Fahrradkette!“

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Erneuter Fehler im Galaktischen Betriebssystem

Wo kann ich einen Fehler im galaktischen Betriebssystem melden? Es  sollte reichen, wenn ich ihn hier veröffentliche. Das müsste genügen, also wenn die Beamten der Unteren galaktischen Reklamationsannahmebehörde überhaupt Beschwerden registrieren und nicht allein mit Machtkämpfen und Intrigen beschäftigt sind. Folgendes: Weil der Koch des Marktcafés Urlaub macht, musste ich in dieser Woche woanders essen. Vorgestern aß ich eine leckere Suppe in einem Café, das in meiner Nachbarschaft neueröffnet hat. Vorher hieß es Kaffeepause und jetzt „Fräulein Schlicht“.

„Fräulein Schlicht“ ist ein schöner Name für ein Café. Schlicht ist der Name der 29-jährigen Betreiberin. Sie habe sich mit dem eigenen Café einen Kindheitstraum erfüllt, hatte sie der Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) erzählt. Zuvor habe sie auf Papas Wunsch Medienrecht studiert. Dass mir eine studierte Juristin die Suppe serviert, passt in unser gentrifiziertes Viertel. Dass Fräulein Schlicht mit Vornamen Johanna heißt, auch. Jetzt der Fehler, kaum der Rede wert, angesichts der fast peinlichen Stimmigkeit in meinem Mikrokosmos: Als mir die Suppe serviert wurde, fehlte eine Serviette. Ich wollte kein Gewese drum machen, denn ich wusste, dass ich eine Serviette in meiner linken Jackentasche mit mir trug. Zur Sicherheit fühlte ich mal nach. Da war sie und ich benutzte sie.

Gestern habe ich in der Mensa gegesssen. Servietten gibt es in einem Spender vor der Kasse. Ich vergaß, mir eine zu nehmen, was mir sogleich auffiel. Aber ich wollte den Ablauf an der Kasse nicht durcheinander bringen, sondern nahm mir vor, die Serviette später zu besorgen. Nachdem ich gegessen hatte, griff ich versonnen absichtslos in meine linke Jackentasche und fand darin schon wieder eine unbenutzte Serviette und zwar von solch ungewöhnlichem Design, dass ich mir beim besten Willen ihre Herkunft nicht erklären kann, noch wie sie in meine linke Jackentasche gelangt ist. Wo ich verkehre, gibt es nur schlichtweiße Servietten. Die Tatsache, dass sich in meiner linken Jackentasche Servietten materialisieren, ist seltsam genug, aber eine mit bunten Punkten und einem gepunkteten Schaf, über dem die rätselhaften Worte stehen „Schwarzes Schaf war gestern“, mit Verlaub, das versetzt mich in Unruhe. Ich behaupte nicht, dass derlei Aufregung zuviel für mich ist, aber es drängt mich an diesem sonnigen Freitagmorgen zu fragen: „Was, meine Damen und Herren, soll denn das?“

SF-Kurzgeschichte – Auf ewig ohne Halt

Fotomontage und Gif-Animation: JvdL

Fotomontage und Gif-Animation: JvdL

Es wäre ja wohl klar, wem das absolute Halteverbot gelte, sagte Botschafter Brockhaus. Nur die Erdbewohner des westlichen Kulturkreises könnten seine Bedeutung überhaupt verstehen. In geringer entwickelten menschlichen Kulturen betreibe man weder Automobile noch Raumfahrt, werde mithin auch nicht mit dem Verkehrsschild konfrontiert.

Er könne darin keine Diskriminierung irdischer Lebewesen aus der westlichen Hemisphäre erkennen, sagte der für die Beschwerde zuständige Beamte der Unteren Galaktischen Verkehrsbehörde. Sein Name wurde von den gängigen Übersetzungsprogrammen als Hono Kono transkribiert, was sie fälschlich übersetzten mit „Sardonisches Grinsen.“ Wenn keine Notwendigkeit bestünde, das absolute Halteverbot auszuweisen, wäre es nicht am Rande des solaren Planetensystems platziert worden.

Botschafter Brockhaus hob zweifelnd die rechte Braue und senkte die linke, und hoffte, man würde daraus auf seinen Unmut schließen. Aus der Tatsache, dass das Schild platziert wurde, erschließe sich nicht der Sinn der Maßnahme, wandte er ein. Seine Regierung betrachte ein absolutes Halteverbot just dort als reine Willkür. Schließlich gäbe es keinerlei Belege dafür, dass in der Randzone des solaren Planetensystems überhaupt jemand von der Erde halten wollen würde.

Das Schild sei nun mal da, entgegnete Hono Kono. Seine Sinnhaftigkeit infrage zu stellen, wäre gleichbedeutend mit einem Zweifel am Galaktischen Betriebssystem überhaupt und würde ihn zutiefst kränken.

Auf der Erde habe man schon von Schweren Ausnahmefehlern im Galaktischen Betriebssystem gehört. Vertrauenswürdige Gewährsleute hätten davon berichtet. Sogleich bereute Botschafter Brockhaus, dass er sich zu dieser Bemerkung hatte hinreißen lassen. Wie vertrauenswürdig der Blogger Trithemius wirklich war, wusste er nicht. Aber das absolute Halteverbot war ein Ärgernis. Ein Stachel im Fleisch der Menschheit. Es verhöhnte alle Anstrengungen zur Entwicklung der Raumfahrt.

Hono Kono räusperte sich. Niemand habe behauptet, dass irdische Raumfahrer am Rand des solaren Systems anhalten wollten. Aber irgendwo weiter draußen würden sie doch halten wollen, beispielsweise um ferne Welten zu erkunden. Darum gehe es. Die Galaktische Gemeinschaft intelligenter Wesen lege von hier bis unendlich keinen Wert darauf, von irdischen Bewohnern erkundet zu werden. „Durchreisen ja, aber niemals anhalten. Beachten Sie den Pfeil!

Reihenfolgefehler im galaktischen Betriebssystem

Ich habe ja nichts gegen Sachsen, einer meiner Freunde ist sogar Sachse, aber trotzdem war ich zuerst herzlich amüsiert darüber, wie sie einstiegen und die falsche Reihenfolge des Wagen 10 beklagten. Und ich dachte noch: „Beschwert euch, Ihr seid verdammt noch mal das Volk!“ Dann hatte das Volk  aber erst recht was zu maulen, als sie nämlich hinter mir ihre reservierten Plätze nicht fanden; sie hatten im IC nach Dresden vier Plätze an einer Tischgruppe gebucht, die es nicht gab und knubbelten sich, wo die Tischgruppe hätte sein sollen, bis der Schaffner ihnen erklärte, es wäre ein anderes Wagenmodell als vorgesehen angehängt worden. Dann war ich froh, dass ihnen der Schaffner alternative Plätze in einem vorderen Wagen anbot. Gekränkt und erbost über die Ungerechtigkeit der Welt und speziell über die Diskriminierung durch die Bahn – „Nü, wür hapen de Blätze toch pezahld!“ – folgten sie nur widerwillig, ein älteres Ehepaar, von dem die Frau am lautesten war, während der Mann nur das krakelende Echo abgab, dahinter ein kümmerliches schwarzhaariges Männlein mit Fuselbart und schwarzem T-Shirt mit dem weißen Aufdruck „Böhse Onkelz“, offenbar der Sohn.

fußgängerwegPassend schleppte der böhse Onkel ein kleines blondes Mädchen mit, und für einen Moment tauchte das beängstigende alte Verkehrsschild „Fußgängerweg“ vor meinem geistigen Auge auf. Ich dachte den abziehenden Sachsen hinterher: „Ja, soll der Schaffner euch vorne in den 80-ziger-Jahre-Schrott-Waggon setzen, da könnt ihr meinetwegen randalieren, und ich muss nicht die gleiche Luft atmen wie ihr, selbst die dummen Lautäußerungen nicht hören, die ihr für Sprache haltet.“ Weiterlesen