In die Hände gefallen – Antwort auf Menschheitsfrage


In einem seit Jahren verschollenen Essay über „Die analytische Sprache John Wilkins”, es geht um eine sogenannte Plansprache, übermittelt der argentinische Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Francisco Isidoro Luis Acevedo Borges folgende Einteilung der Tierwelt, die er in einer alten chinesischen Enzyklopädie mit dem blumigen Titel „Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse“ gefunden haben will. Demnach lassen sich Tiere wie folgt gruppieren:

a) Tiere, die dem Kaiser gehören,
b) einbalsamierte Tiere,
c) gezähmte,
d) Milchschweine,
e) Sirenen,
f) Fabeltiere,
g) herrenlose Hunde,
h) in diese Gruppierung gehörige,
i) die sich wie Tolle gebärden,
k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind,
I) und so weiter,
m) die den Wasserkrug zerbrochen haben,
n) die von weitem wie Fliegen aussehen.

Vor einigen Tagen fiel mir ein anderer wissenschaftlicher Aufsatz in die Hände, – sagt man doch so. Ich trat vor die Haustür unter offenen Himmel, und gerade konnte ich noch die Hände ausbreiten, fiel auch schon der Aufsatz hinein. Nein, das ist natürlich ein Scherz. In der Zeit meiner überaus entbehrungsreichen Forschungen legte ich für die Sammlung von Dokumenten sieben Schachteln an, anfänglich gut geordnet und katalogisiert. Indem ich die gesammelten Dokumente jedoch für diverse Vorträge, Abhandlungen und ein Buchmanuskript rege genutzt habe, es aber in unruhigen Zeiten beim Wiederablegen an Disziplin habe fehlen lassen, hat der Inhalt der Schachteln leider jede Ordnung eingebüßt.

Ich bete darum, im Lotto zu gewinnen, dass ich eine Hilfskraft einstellen kann, die Ordnung in meine Unterlagen bringt. Einstweilen ist die Situation so, dass ich einen Text mit Anschauungsmaterial ausstatten möchte – wie etwa den gestern veröffentlichten Text über Kettenbriefe, ich ziemlich genau vor Augen habe, welche Kettenbrief-Originale sich in meinem Besitz befinden, aber die Ochsentour vor mir liegt, den Inhalt von sieben Schachteln Blatt für Blatt umzuwenden, um die Dokumente zu finden. Dabei fallen mir naturgemäß längst vergessene Dokumente in die Hände. So ist’s richtig. Also auch dieser mit einer verrosteten Büroklammer gehaltene Aufsatz.

Fotobeweis rostige Büroklammer

Gottfried vom Dorp, Astronom und Astropataphysiker ist Verfasser des Manuskripts einer Vorlesung, die er vor Jahren im Institut für Pataphysik der RWTH Aachen gehalten hat. Es geht um intergalaktisches Reisen, bei der man eine Art von Raumzeitloch nutzen könnte, „das mit Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie konsistent ist: ein Wurmloch, eine Art Tunnel, der entfernte Orte in der Raumzeit miteinander verbindet.“

Vom Dorp postuliert, dass sich derlei Wurmlöcher an beliebiger Stelle in unserem Kosmos auftun könnten, dass aber bei Reisen durch diese Wurmlöcher die Größenkonstanz nicht gegeben wäre. Mit anderen Worten: Die Wurmloch-Reisenden würden geschrumpft. Vom Dorp schreibt, dass diese intergalaktischen Reiserouten zwar noch nicht vom Menschen genutzt werden können, weil die menschliche Raumfahrt sich mit lächerlich kleinen Entfernungen abgibt wie der zum Mond oder noch kleiner zur Raumstation ISS. Dass jedoch intelligente Lebewesen, die gewohnt wären, in größeren Dimensionen zu denken, munter auf diesen intergalaktischen Reiserouten unterwegs wären. Wir könnten es nicht wahrnehmen, wenn sich Endpunkte solcher Wurmlöcher irgendwo in den Weiten unserer Welt auftun würden. Aber ihre Existenz sei nicht zu leugnen, wenn ein solches Wurmloch sich in unserer Küche befinde, dem Lebewesen der Kategorie n) unentwegt entströmen. Aber es gäbe keinen Grund zur Sorge und keinen Anlass für eventuelle Vernichtungsaktionen. Die intergalaktischen Touristen wären nur auf der Durchreise. Sobald sie in ein neues Wurmloch eintauchen würden, wären sie einem erneuten Verkleinerungsprozess ausgesetzt und würden in den für sie neuen Weiten des Mikrokosmos verschwinden. Nun wäre endlich der Titel des Aufsatzes nachzureichen. Er lautet: „Warum wir in unseren Küchen so viele Fruchtfliegen haben.“

Demgemäß hätte der Verfasser der chinesischen Enzyklopädie mal besser hinschauen sollen, was die Lebewesen der Kategorie n) betrifft. Seit ziemlich genau einem Jahr wissen Leserinnen und Leser des Teestübchens sowie dieses Buches jedenfalls, dass es sich bei Kategorie n) keinesfalls um Tiere handelt, sondern um Außerirdische, die uns den Weltfrieden bringen wollen.

Kein intergalaktischer Weltfriede für Friseure

Gestern Mittag, ich liege so auf dem Sofa und gucke ein bisschen in die Luft, da fliegt ein winziger schwarzer Punkt vor meiner Nase vorbei. Ich versuche, mit den Augen zu folgen, aber der Punkt verschwindet im Dunst unter meiner Zimmerdecke. Also, da hängt nicht wirklich Dunst. Aber angenommen man flöge mit einem winzigen schwarzen Punkt durch die Gegend, dann wäre meine Zimmerdecke ja nicht zweieinhalb Meter von meiner liegenden Nase entfernt, sondern ungefähr viertausend Meter und eventuell gegebenenfalls vorhandene Luftfeuchtigkeit würde sich wie Dunst ausnehmen. Der Punkt ist jedenfalls verschwunden. Aber wie ich in der Küche stehe, um mir einen Kaffee zu machen, gondelt der winzige schwarze Punkt schon wieder vorbei, und nachdem er, derweil ich das aufschreibe, erneut vorbei zischt, muss ich mir eingestehen, dass es keine zufällige Begegnung ist. Das ist ein Kontaktversuch, ganz klar.

Ich öffne also meinen Geist und lausche. Bald habe ich ein winziges Stimmchen im Kopf, das zuerst ein bisschen fremdländisch klingt, ein bisschen so wie nie zuvor gehört.
Ich sage: „Häh?!“ und bereue es im nächsten Augenblick. „Häh?!“ muss sich ja für winzige Stimmchenbesitzer ausnehmen wie Donnerhall. Außerdem ist es nicht wirklich eine sprachliche Äußerung zu nennen, sondern gilt selbst unter Menschen nur als nicht besonders höfliche Interjektion. Die Antwort ist aufgeregtes Geblubber, jetzt offenbar von mehreren Stimmchen.
Mir ist klar, dass ich überhaupt keine Schallwellen erzeugen muss. Sie würden den winzigen schwarzen Punkt nur unkontrolliert herumschleudern.
Ich reiße mich zusammen und denke ganz leise, „Wie bitte? Ich habe nichts verstanden, mein Fehler, gewiss!“
„Abl nn“, blubbert es zurück, „unser Kommunikationsexperte konnte leider Ihre Sprache nicht rechtzeitig analysieren. Es tut uns Leid, dabei ist sie so simpel, und bei Ihrem winzig kleinen Wortschatz…“
„Wie bitte?! Ich habe studiert!“
„Sehen Sie: Ihre erste Äußerung lautete: ‚Wie bitte? Ich habe nichts verstanden…‘,
die zweite: ‚Wie bitte!? Ich habe studiert!‘ Wo ist denn da der Unterschied?“
„Äh! Haben Sie Kontakt zu mir aufgenommen, um mich zu beleidigen? Worum geht’s eigentlich?“
„Wir sind Botschafter der intergalaktischen Vereinsmeierei.“
„Ihr seht nicht aus wie Botschafter.“
„Wie müssten wir denn aussehen, um Ihren Vorstellungen von intergalaktischen Botschaftern zu entsprechen?“
„Irgendwie größer und mächtiger. Vielleicht wie Bademeister mit lauter Muskel- und Samensträngen. Halt! Das war nur Spaß! Irgendwie prächtig, vielleicht mit bunten Uniformen wie die Beatles auf dem Sgt.-Pepper’s-Album?“
Bautz.
Schon habe ich die Beatles in Phantasie-Uniformen im Kopf.
„Und jetzt?“
„Hallo Erdbewohner!“, sagt Ringo, „Wir grüßen euch und bieten euch den intergalaktischen Weltfrieden! Gehet hin und verbreitet die frohe Botschaft!“
„Wie bitte? Soll ich etwa damit an die Öffentlichkeit gehen? Die Leute werden sagen, was kümmern uns Friedensangebote von Außerirdischen, deren Raumschiffe wie winzige Fruchtfliegen aussehen?“
„Unser Raumschiff ist leider im Wurmloch geschrumpft, ein unangenehmer Nebeneffekt von Reisen durch die 4. Dimension.“
„Sorry, Ringo, sowas traue ich mich nicht mal, meinem Friseur zu erzählen, obwohl es hübsch wäre, wenn wenigstens die Friseure intergalaktischen Weltfrieden hätten.“
„Dann muss ich unsere Mission leider als gescheitert ansehen“, sagt Ringo. „Wir reisen ab, und eure Scheiß-Friseure können uns mal!“
“Ich hätte nichts anderes gedacht, Ringo! Genauso seht ihr doch aus! GENAUSO!“

Hätte ich mal besser die Bademeister genommen.