Abenteuer mit dem ABC und Kurt Schwitters

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Nachdem ich am Sonntag das fehlende Blatt zehn gestaltet hatte und wähnte, ich könnte jetzt das komplette Gemeinschaftswerk veröffentlichen, stellte ich fest, dass aus „Hannover“ noch Satz sechs fehlte:

    „Das Wort „re“ kann man verschieden übersetzen: „rückwärts“ oder „zurück“.“

Um „re“ zu visualisieren suchte ich in meinen Dateien Skatspieler mit der Sprechblase „re“, fand sie nicht, stattdessen ein ABC, das ich im Straßenbild fotografiert habe, und gestaltete das Blatt damit. Schwitters war immer bestrebt, verschiedene Künste zu vereinen: Malerei, Grafik, Typografie, Skulptur, Lyrik, Prosa, warum nicht die Fotografie hinzu nehmen? Er hätte die heutigen technischen Möglichkeiten auch genutzt.

Voilà, hat fast keine Arbeit gemacht, wie es aussieht, aber mich länger beschäftigt, als hätte ich alles gemalt. Die Fotos des Alphabets im Straßenbild habe ich etwa im Jahr 2000 mit einer analogen Spiegelreflexkamera gemacht, die mir Lisette geschenkt hatte. Ich war mit ihr in Bonn, wo sie einen Auftrag ihrer Agentur erledigte, nämlich die Mitgliedinnen einer Frauen-Selbsthilfegruppe für einen Prospekt zu fotografieren. Ich erinnere mich, später auf einem Foto gesehen zu haben, dass die eine einen langen hängenden Schnurrbart hatte, so einen pisseligen wie von einem wilden mongolischen Reiter. Derweil Lisette die schurrbärtige Frau und Kolleginnen fotografierte, streifte ich durch Bonn, auf der Suche nach Einzelbuchstaben im Straßenbild.
Später habe ich das Alphabet an anderen Orten vervollständigt. Für das abgebildete „E“ bin ich eigens in Stolberg (Rhld) aus dem Zug gestiegen, und wer Stolberg (Rhld) kennt, genauer, wer den Gestank gerochen hat, der immer über dem Bahnhof hängt, weiß meinen Einsatz zu schätzen. Selbst wenn der Zug mit geschlossenen Fenstern durchfährt durch Stolberg (Rhld), dann stinkt es nach faulen Eiern. Niemand, der es nicht muss, steigt aus in Stolberg (Rhld).

Mit diesem Alphabet gestaltete ich eine Weihnachtskarte für ein medienpädagogisches Institut. Dem Geschäftsführer gefiel sie nicht. Er saß mit diversen Leuten im Konferenzraum. Dabei war eine Dame von der Fazit-Stiftung, dem Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Als ich hinzukam, zog der Geschäftsführer meinen Entwurf aus einer Mappe, zeigte ihn der Dame und fragte, was sie davon halte, wobei klar war, dass er den Entwurf doof fand. Die Dame schloss sich sogleich seiner Meinung an und sagte: „Ich sehe den deutschen Schilderwald!“
„Verflucht!“, dachte ich. „Da muss das blöde Weib mich schlachten, nur um sich beim Chef einzuschleimen.“ Mein Entwurf wurde trotzdem gedruckt, weil die oberste Chefin es verfügte. Bei ihr hatte ich nämlich einen Stein im Brett. Rückblickend fand ich die Weihnachtskarte selbst nicht gut. Besser ist das Gedicht, das ich mal fürs Blog daraus gemacht habe.

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Die Schreibstube (4) – Stumme Bedrohung

Folge 1Folge 2Folge 3 – Folge 4

Ich hatte mich längst gegen den Kauf des alten Kastens entschieden. Zu groß, zu heruntergekommen. Es würde Unsummen verschlingen, ihn zu sanieren, und später wäre es schwierig, einen Käufer zu finden. Letztlich geht es mir nur noch um Helen, dachte ich, derweil ich hinter ihr die Treppe hoch stieg. Allmählich musste ich mir eingestehen, dass ich mich verliebt hatte. Anfangs war es nur körperliche Anziehung gewesen, der Reiz der Eroberung, doch inzwischen hatte diese eigenwillige Frau mich in ihren Bann gezogen. Ich liebte alles an ihr, wie sie dachte, wie sie sprach, wie sie sich bewegte, ihre zielstrebige Art, ja, mir imponierte, wie sie sich in der Männerdomäne der beruflichen Fotografie erfolgreich behauptete. Dazu gehörte auch ihre dickköpfige Weigerung, digital zu fotografieren, an der ihre Agentur schier verzweifelte, weil die Bildredakteure der Zeitschriften digitales Material verlangen. Ich ergötzte mich an der Spannung ihres Körpers, wenn sie fotografierte. Auch gefiel mir, dass sie nicht wild herumknipste, sondern von jedem Motiv genau ein Foto machte, völlig sicher, dass weitere nicht nötig waren, weil sie stets den für ihre Absicht besten Blickwinkel, den richtigen Bildausschnitt gewählt hatte. Die Belichtung musste sie nicht messen, denn sie hatte mit einem Ex-Geliebten und Kollegen immer darum gewetteifert, wer mit seiner geschätzten Belichtungszeit am nächsten an die nachträglich gemessene kam.

Als wir die erste Etage erklommen hatten, sah ich einen hohen Korridor so lang, dass sein Ende nur zu ahnen war. Von irgendwoher grellte dort die Sonne hinein und verbarg die Flucht vor unseren Augen. Da wir uns an einem zentralen Aufgang befanden, zeigte sich der Gang zur anderen Seite ebenso lang und schien in der Ferne in einen Seitenflügel abzuknicken. Helen hatte bereits das Stativ aufgestellt und zielte mit der Kamera in das ferne Licht. „Das gibt ein Bild, als hätte es der wahnwitzige Piranesi gezeichnet“, murmelte sie. Um nicht untätig zu sein, öffnete ich eine Tür und trat in einen leeren Saal. Das Licht von sieben hohen Fenstern malte bizarre Trapeze aufs Parkett, dessen Elemente von Nässe aufgeworfen waren und harte Schatten warfen. Ich erschrak, als eine Taube aufflog und durch ein zerborstenes Fenster flüchtete. Von dort war Wasser eingedrungen, das im grellen Sonnenlicht verdunstete.
„Ich rief: „Helen! Hier findest du noch ein Piranesi-Motiv!“
Sie rückte mit ihrer Ausrüstung heran und hatte Mühe, im gewellten Parkett fürs Stativ eine ebene Stelle zu finden. Helen fotografierte, dann schaute sie sich um, kam zu mir und lehnte sich an. „Hier ist schlechte Vibration. Das zieht mir Energie ab“, sagte sie. Ich nahm sie in die Arme und sagte: „Wir können auch gehen. Ich habe genug gesehen.“
„Nur mal gucken, wohin der Gang abknickt“, sagte sie.
Wir waren vielleicht 25 Meter dem Gang gefolgt, hatten lachend und albernd hie und da Türen geöffnet und hineingeschaut in die weitgehend leeren Räume, da kamen einen Steinwurf vor uns zwei Männer aus einem Zimmer und vertraten uns den Weg. Und dann gesellte sich ganz langsam ein Dritter dazu. Sie stellten sich breitbeinig hin und schauten uns ablehnend an. Mir fuhr der Schreck in die Glieder. Jetzt nur keine Angst zeigen. Ich sagte: „Du hast deine Ausrüstung im Saal vergessen, Helen“, und zog sie an der Hand. Wir wandten uns ab und gingen zurück. Ich bemühte mich, cool zu bleiben, langsam zu gehen wie selbstverständlich, doch ich hatte eine Scheißangst, die drei würden hinter uns herkommen, mich überwältigen und sich über Helen hermachen.
„Ich krieg gleich einen Herzkasper“, raunte sie.

Bericht aus der Schreibstube
Stunden damit zugebracht, eine mit dem Programm Letter-Perfekt geschriebene kommentierte Bibliographie von wahnwitzigen Steuerzeichen und Leerseiten zu befreien und ins Format des OpenOffice-Writers zu bringen. Ein Wunder, dass die Datei überhaupt noch lesbar war. Derlei Probleme kannte man vor 100 Jahren nicht. Aber interessant:
Porstmann, Walter: Sprache und Schrift, Berlin 1920
Der Ingenieur nimmt sich der Sprache an und entdeckt…“ein Stück Holz, dem irgendein Schnitzer plumpe Formen gab. – Und wir lagen davor und beteten, anstatt zu gestalten.“ Sein Fortschrittsglaube ist überwältigend. Porstmann will die Schrift von Grund auf verbessern. Er ist ein radikaler Phonetiker, der die Schrift endlich aus der „Holzzeit“ in die „Stahlzeit“ überführen will. Das „Schmieden der Schrift“ ist sein Anliegen. Nicht nur Konservative widersprechen. So schreibt Paul Renner, der Schöpfer der noch heute berühmten Schrift „Futura“, 1930: „Also nicht der radikalismus trennt mich von Porstmann und seinen mitläufern, sondern ich halte das ziel nicht für richtig, auf das er losgeht. Übrigens stört mich schon sein stil. Ich frage mich, ob ein mensch für die bedürfnisse unserer sprache ein gefühl haben kann, der solche sätze schreibt: ‚innerhalb der zeit, die ein großbuchstabe verschlingt, können mehrere kleinbuchstaben im ununterbrochenen schreibfluß getippt werden. die verdichtung der denkkraft auf den stoff wird dabei nicht gestört, was auf geistige frische des schreibers vorteilhaft wirkt. für die schreibmaschine selbst wird eine große freiheit zur weiterentwicklung geschaffen, etwa ein drittel der typen fällt weg. die schreibmaschine scheitert in ihrer entwicklung auf die größte höhe an dem wust von gerümpel in unserer schrift.‘ (Renner 1930). Man sieht, für Porstmann waren die Versalien nur noch Gerümpel.

Fortsetzung

Die Schreibstube (3) – Helen

Folge 1Folge 2 – Folge 3

Sie stemmte die zweiflüglige Eingangstür mit der Schulter auf und verschwand im Inneren des Sanatoriums. Ich beeilte mich, ihr hinter herzugehen, schob den Fuß in die zufallende Tür, denn mich überkam die Furcht, das Haus würde die Frau verschlingen und ich stünde ratlos da. Was sollte ich ihrem Mann erklären? Freilich musste er vom Wagemut seiner Frau wissen. Er sollte sie kennen. Hinter der Tür tat sich eine einst prächtige Eingangshalle auf, aus der sich links und rechts je eine Treppe in die oberen und unteren Etagen schwang. Obwohl von der einstigen Inneneinrichtung nichts heil geblieben war, verströmte die Halle einen morbiden Charme. Licht kam von der südlichen Fensterfront, wo einmal die Rezeption gewesen war. Da staken noch große Scherben im Fensterkitt. Die Fenster mussten mal Pflanzenornamente im Jugendstil gehabt haben. Die untergehende Sonne sandte die letzten Lichtstrahlen, blitzte grell wo das Glas fehlte, schien sanft gemildert durch die Scherben.

Helen hatte sich zentral postiert und richtete ihr Stativ aus, ihren „Porsche unter den Stativen“, wie sie stolz gesagt hatte. Am Porsche schien eine Rändelschraube zu klemmen. Sie sagte: „Kannst du die mal lösen?“
„Leider nicht“, sagte ich und deutete mit der Linken bedauernd auf meine Fingerkuppen, die mit dem Eintreten ins Sanatorium wieder zu bluten begonnen hatten, so dass ich die Hand senkrecht halten musste, damit das Blut zu Boden tropfte.
„Küchentücher in der großen Fototasche!“, sagte sie. Ich nahm die Rolle, riss ein Blatt ab, faltete es zum Streifen und wickelte ihn stramm über die Fingerkuppen, um die Blutung zu stoppen.
„Sag mal, was ist jetzt eigentlich mit dem Manuskript, an dem du dir die Finger zerschnitten hast?“, fragte sie, ohne vom Stativ aufzuschauen.
„Blöde Sache!“, sagte ich. „Weil es blutverschmiert war, hiervon“, ich wedelte mit der verletzten Hand, um ihr Mitleid zu rühren, „weil ich es mit Blut eingesaut hatte, gab ich es zum Säubern unserem Restaurator. Mit der Schließung unserer Firma wurde auch er entlassen, und seither ist das Manuskript verschwunden. Er behauptet, es müsse da sein, aber ich glaube, er hat es an sich genommen, um es gewinnbringend zu verkaufen. Die ehemalige Belegschaft ist, wie du dir denken kannst, nicht gut auf uns zu sprechen.“
„Ihr seid ja auch Schurken!“, sagte sie und sah mich kämpferisch an. Es war eine Härte in ihrer Stimme, die mich schon immer irritierte, weil sie im krassen Gegensatz zu ihrem liebreizenden Äußeren stand. Inzwischen hatte sie die Kamera auf dem Stativ befestigt und ausgerichtet. Ich antwortete nicht. Was sollte ich auch sagen? Wer sich verteidigt, klagt sich an. Sie beugte sich vor und schaute durch ihr Objektiv. Ich trat hinter sie und umfasste ihre Hüften. Sie schüttelte mich ab und sagte: „Lass das, ich muss das restliche Sonnenlicht nutzen!“
„Du bist heute so distanziert!“, maulte ich.
„Nur professionell!“, sagte sie. „Wenn ich arbeitet, arbeite ich. Dann gibt es sowas nicht. Sag! Versteht das einer, der von Beruf reich ist?“
Bevor ich antworten konnte, setzte sie nach „Von Beruf reich. Wie bescheuert ist das denn?“
„Hab ich das gesagt?“
„Mir war, als hätte ich es gelesen.“
Sie drückte einmal den Auslöser, der Verschluss des Objektivs schnarrte, und Helen richtete sich zufrieden auf. „Das wars! Jetzt können wir …“
„… das Gebäude erkunden?“
„Was denn sonst?“, sagte sie, schulterte Stativ und Kamera und ging zur Treppe.

Aus dem Handbuch der Schreibstube

Foto: Gudrun Petersen

„Die Schreiber hatten den besonderen Namen Stationarii, die, welche studiert hatten, nahmen aber auch den Namen Clericorum an, unter welchem Namen überhaupt in den Zeiten des Mittelalters die Gelehrten, die damals allein unter den Geistlichen zu suchen waren, begriffen wurden. (…) Die Secretaire des Königs von Frankreich wurden noch in unseren Tagen Clercs du Roi genannt, und in England sind sie die Clercs of Parliament, die Clercs of the Household, of the King noch jetzt“ (Johann Gottlob Immanuel Breitkopf)
„griech. Kleros gehört mit seiner Grundbedeutung „Steinscherbe, Holzstückchen (als Los gebraucht) zum griech. Verb klaein „brechen, abbrechen und damit zur indogermanischen Sippe von nhd. Holz“ (Duden)
Heute ist der Clerk, der Schreiber aber auch der schlichte Büroangestellte, der Befehlsempfänger. Deutlicher kann man den Niedergang einer Tätigkeit kaum dokumentieren, wie die Sprache dies tut.

Fortsetzung …

Über die Verfügbarkeit des Vergangenen

Erneut sandte mein Jugendfreund Fritz [Name geändert] eine Botschaft aus der Heimat, einen Kalender des Nettesheimer Apothekers mit Schwarzweißfotos aus Nettesheim. Das Blatt vom Juni hat es mir angetan. Auf dem Foto steht der Friseur meiner Jugend im weißen Friseurkittel unter dem Schild „Damen Salon“ (inverse Schreibschrift auf dunklem Grund) und schaut zum rechten Bildrand, wo ein Mann mit Hut und Anzug zu sehen ist, aber nur angeschnitten im Dreiviertelprofil von hinten. Der Mann steht mit gerecktem Kinn und hält den Rücken durchgedrückt. Vermutlich ist er ein Kunde, der sich der ernsten Sache eines Friseurbesuchs nicht nur bewusst ist, sondern sich dafür auch angemessen gekleidet hat.

Der junge Toni Pesch mit 50-er-Jahre-Haartolle dagegen steht entspannt, hat die Hände oberhalb der Hüften in Handwaschgeste ineinander gelegt. Seine Miene ist seinem Gegenüber  offen zugewandt und erwartungsvoll. Oben am linken Bildrand ist ein weiteres „Salon-Schild zu sehen, aber angeschnitten. Man ahnt, dass das die Tür zum Herren-Salon ist. Zwischen den beiden hell gestrichenen Türen, die durch jeweils zwei senkrechte Fensterelemente mit Milchglasscheiben durchbrochen sind, hängt ein langer rahmenloser Spiegel, worin sich Toni Peschs Rücken und Hinterkopf spiegeln. Auf der Höhe seiner Schulterblätter befindet sich ein kleiner Spiegel-Aufkleber, das Brustbild eines lachenden Mannes, der eine Flasche hoch hält. Der Aufkleber ist nach unten begrenzt durch ein geschwungenes Spruchband. Rechts hinter Toni Pesch hängt an der Wand eine gerahmte Urkunde, vermutlich ein Meisterbrief. Unter dem Meisterbrief ist noch ein gerippter Heizkörper zu sehen mit einem Absperrventil über dem senkrechten Zuleitungsrohr. Das Foto wirkt nicht gestellt, aber wurde offenbar vom einem professionellen Fotografen arrangiert und fotografiert. Die für den Kalender hinzugefügte Bildunterschrift lautet: „Toni Pesch – unser Butzheimer Friseur in den Anfängen der 1950er Jahre“

Im Mitmachprojekt: „Die Läden meiner Kindheit“ habe ich mich an Toni Peschs Friseurladen erinnert (klick Grafik). So jung und schlank wie auf dem Foto hatte ich ihn beim Schreiben nicht vor mir. Das Foto erweitert also auf befremdliche Weise meine Erinnerung in eine Vergangenheit, die gar nicht mein eigenes Erinnern ist.

Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel“ Wie ist es, wenn goldene Erinnerungsbilder durch Bilddokumente übermalt werden, wie es dem heutigen Menschen widerfährt, der durch Fotografien und Videos jede Lebensphase dokumentiert sieht, entweder von wohlmeinenden Eltern oder durch Selfies? Dabei interessiert nicht die Frage, was besser oder schlechter ist, die Bilderarmut der Vergangenheit oder die Bilderflut in Zeiten von Digitalfotografie und Smartphone. Zu fragen wäre nach den Konsequenzen, wie sich menschliche Erinnerung anders organisiert, wenn medientechnische Hilfsmittel sie im überwältigenden Maß stützen.

Platon lässt Sokrates im Phaidros an der Schrift kritisieren: „Denn sie wird Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, – aus Vertrauen auf die Schrift werden sie von außen durch fremde Gebilde, nicht von innen aus Eigenem sich erinnern lassen.“

Gekritzelt – Das unperfekte Foto

Wer ich eigentlich bin

„Ich muss irgendwann mal begreifen, wer ich eigentlich bin“, sagte der inzwischen verstorbene Maler Arno Rink in der arte-Dokumentation: „Der Maler Arno Rink – Wegbereiter der Leipziger Schule“, und ich dachte, ja wer wohl? Der Maler Arno Rink – Wegbereiter der Leipziger Schule, oder sollte arte uns anlügen? Wieder so ein Fall, wo ich spontan weggezappt habe und mir den Beitrag nachträglich in der Mediathek aufsuchen musste.

Ein erstaunliches neues Wort

Bei Rewe der übliche Andrang vor einem Feiertag. Plötzlich hektisches Rufen an den Kassen. Ich frage meine Lieblingskassiererin: „Was macht denn der Kollege da für ein Theater?“ Sie rollt die Augen: „Das ist der Kassenchef.“ Kassenchef, ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas gibt.

Onomatopoesie

Die ganze Zeit, als ich unterwegs war, sah es aus, als wollte es regnen. Gerade die richtige Stimmung für den Gesang der Amsel. Der geht laut Wikipedia so: „dackderrigigigi duck duck.“ Das anhaltende Singen der Amseln, von den Dächern und im Van-Alten-Garten ließ mich nachdenken über die kölsche Bezeichnung Määl für Amsel. Sie ist wohl eine Form des Französischen merle; Lateinisch Turdus merula dürfte der Määl den Weg bereitet haben.
„Wird eine Feder aus dem rechten Flügel mit einem roten Faden aufgehängt, so können die Hausbewohner keinen Schlaf finden“, weiß das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Der kunstfertige Mensch. der das komplizierte Verfahren herausgefunden hat, könnte auch den Amselgesang mit „dackderrigigigi duck duck“ ins Deutsche übersetzt haben.

Erleuchtung beim Einnässen

Viel gelacht wurde bei uns im Dorf über einen Jungen namens Peter Reinartz, vor allem über die Erleuchtung, die er in einem Zeltlager gehabt hatte, derweil er sein Bett einnässte. Während er schlief, hatten böse Buben ihm die Hand in eine Schüssel kalten Wassers gesteckt. Da schrak er auf, ohne wach zu werden. Man fragte: Pitter, was hast du?“
„Ich muss rühren!“
„Warum musst du rühren?“
„Der liebe Gott ist an allem Schuld.“

Langweilige Perfektion

Eine aussterbende Gattung: Das unperfekte Foto – Foto: JvdL (größer: Bitte klicken)

Schon oft habe ich den perfekten Augenblick für ein Foto verpasst wie hier. Ich saß an der Maschseepromenade und sah eine Gruppe um eine Frau im Brautkleid herankommen. Als ich die Kamera hervorgeholt hatte, waren Beine und Füße der Gruppe von einer blöden Bank verdeckt. Natürlich könnte ich die Bank mit etwas Geduld und Photoshop wegmontieren. Gewiss gibt es Software, die das noch erleichtern würde. Andererseits, was wäre das für eine sterile Welt, wollte man nichts Unperfektes mehr gelten lassen?

Da war – ich bin – du bist! – Neues von der Historischen Avantgarde

Am rechten Gebäudeflügel des Rathauses löst sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft auf. Vor mir über einen vom Regen aufgeweichten Weg vorbei am Maschteich stakst eine Frau mit silbernen Pömps durch den Matsch. Ein kleiner Junge, der wie ein mauretanischer Edelknabe verkleidet ist, trippelt an ihrer Seite, kann aber kaum Schritt halten. Sie denkt offenbar nicht daran, ihn unter den Schirm zu nehmen. Ihr Mohr darf ruhig nass werden, ihr roter Fummel jedoch nicht. Ich bedauere, keine Kamera bei mir zu haben, bevor ich realisiere, dass ich doch mit der eierlegenden Wollmilchsau in der Tasche meines Jacketts zumindest ein Bild knipsen könnte.
silberne-schuh
Obwohl die Frau auf ihren silbernen Pömps immer wieder einknickt, ist sie sehr schnell. Und bevor ich die Fotofunktion meines Smartphones gefunden habe, ist sie mir fast davongeeilt und hat ausgerechnet den lästigen Mohr fast abgehängt, so dass er mir ins Bild läuft. Da weiß ich sofort, das Bild ist verunglückt und wenn ich eine Karriere als Fotograf anstreben würde, könnte ich gleich nach Hause gehen.

Wie der Vlaamse Radio- en Televisieomroep (VRT) meldete, brachen in einem Brüsseler Kinocenter Krawalle aus, so dass es geräumt werden musste. Das Kinocenter hatte als Werbeaktion mit einem reduzierten Eintritt von 4 Euro gelockt und damit Tumulte ausgelöst.

Es ist Samstag. Der Erweiterungsbau des Sprengelmuseums Hannover wird eröffnet und der Eintritt ist nicht auf vier Euro reduziert, sondern sogar frei. Aber die steifen Hannoveraner verlieren nicht den Kopf, weil sie ein paar Euro sparen können. Tumulte bleiben aus. Es geht gesittet zu im vollen Eingangsbereich. In der Menge sehe ich meinen Blogfreund Merzmensch sofort. Seinetwegen bin ich hergekommen. Wir kennen uns als Blogger schon gut sieben Jahre, hatten uns vor Jahren schon einmal im Sprengelmuseum getroffen, als der junge Kunstwissenschaftler Merzmensch an einer Tagung über den Hannoveraner Dadaisten Kurt Schwitters teilgenommen hatte. Das Interesse an Kurt Schwitters verbindet uns. Schwittters hatte seine Spielart des Dadaismus Merz genannt, daher der Name Merzmensch. Die linksradikalen Berliner Dadaisten hatten den bürgerlichen Schwitters weitgehend abgelehnt. Dafür unterhielt Kurt Schwitters enge Kontakte zu El Lissizky, einem wichtigen Vertreter der russischen Avantgarde. Die beiden arbeiteten zusammen an der Zeitschrift MERZ.

Mein Freund Merzmensch kommt eigentlich aus Russland, ist aber ein weltgewandter Kosmopolit. Anders als ich ist er bestens ausgerüstet, mit Kamera, Objektivtasche und Laptop. Deshalb kann er über die Eröffnung des Erweiterungsbaus auch kompetenter berichten als ich, nämlich hier in seinem anregenden Wissenschaftsblog

Ich möchte etwas anderes zeigen, und zwar eine kuriose Parallele zwischen einem Video von mir und einem von Merzmensch. Bei 6:21 Minuten ist ein Interview mit einer Dame Pressesprecherin zu sehen, die vor lauter Erzählfreude nicht nur vergisst, was ich sie gefragt habe, sondern ein wenig selbstbezüglich meine Speicherkarte vollquatscht, bis …

Das Ende im Video von Merzmensch ist wie mir scheint, die sympathische Antwort.
Aber beide Videos lohnen sich natürlich, von Anfang an betrachtet zu werden. Viel Vergnügen!