Schnief – Wie ich meine Comics bekam und verlor

Als Kind war ich viel krank. Das brachte mit sich, dass meine Mutter mit dem Fahrrad in den Nachbarort Eckum zur Apotheke fahren musste. In Eckum gab es auch ein Schreibwarengeschäft. Von dort brachte mir meine Mutter jedes Mal ein Micky-Maus-Heft mit. Micky Maus fand ich allerdings blöd, vor allem wegen seiner Klugscheißerei, mit der er auch noch immer recht behielt. Ich war das, was neudeutsch Donaldist heißt. Ich liebte den Pechvogel Donald Duck, seine unverdrossenen Versuche, die Schwierigkeiten des Lebens zu meistern, und das Fähnlein Fieselschweif seiner Neffen.

Manchmal war das Micky-Maus-Heft ausverkauft. Dann brachte meine Mutter Fix und Foxi mit, gezeichnet von Rolf Kauka. Mit den Charakteren in Fix und Foxi habe ich mich nie anfreunden können. Fix und Foxi las ich mit Widerwillen und leiser Verachtung. Erst als Erwachsener wurde mir klar, dass viele liebgewonnene Wörter aus Mickymaus eigentlich von der Übersetzerin Dr. Erika Fuchs stammten, onomatopoetische wie hüpf, hechelhechel, schluck, würg, kotz, stöhn, knarr, klimper und stille wie grübel, zitter, denk, strahl, freu, grins, lächel, schweig. Derlei um ihre Flexionsendungen verkürzten Wörter, genannt Erikative, haben sich längst als Empfindungswörter (Interjektionen) in der Umgangssprache etabliert. Auch eine gewisse literarische Bildung hatte ich mir dank Erika Fuchs angelesen.


Als ich älter wurde, las ich gern die sogenannten Piccolo-Comics, im billigen Rotationsverfahren gedruckte Fortsetzungsgeschichten in Streifenform wie „Nick der Weltraumfahrer“ und „Sigurd“, beide gezeichnet von Hansrudi Wäscher. Ich besaß auch Tarzan-Hefte und solche von Prinz-Eisenherz, beide gezeichnet von Hal Foster. Alle meine Comics stapelte ich einer ehemaligen Munitionskiste, die mein Vater einst für mich weiß lackiert hatte, damit ich meine Spielsachen darin aufbewahren konnte.

Eines Tages war ein gewisser Klaus Rohwedder aus Frixheim bei uns, ein windiger Vogel und Freund meines fünf Jahre älteren Bruders. Dieser Klaus lieh sich einfach die Munitionskiste mit meiner Comicsammlung aus. Als ich ihn Wochen später fragte, wann er mir meine Comics denn zurückbringen wolle, sagte er leichthin: „Och, die hat mein Vater alle im Garten verbrannt.“ Das war nicht unplausibel, denn Comics galten als Schundliteratur, aber heute wundere ich mich darüber, dass ich das klaglos hingenommen habe. Inzwischen haben ja diese Comics aus der Nachkriegszeit eine enorme Wertsteigerung erfahren, wie hier bei Christa Hartwig nachzulesen, was sicher auch mit der Geringschätzung zu tun hat, die eine sorgfältige Archivierung verhindert hat. Originale aus der Frühzeit der Comics in Westdeutschland sind rar, weil der Vater von Rohwedders Klaus die meisten im Garten verbrannt hat, tröste ich mich.