Gefangen im Netz der Fernkommunikation – Fragment

In der Zeit der Heimlichkeiten schaffte ich mir ein Handy an, obwohl ich den Handybesitz lange Zeit verächtlich gefunden hatte. Eines Abends klingelte es, und bevor ich dran gehen konnte, hörte es wieder auf. Es war ein Klingelgruß von ihr. Sie fing damit an, mich regelmäßig anzuklingeln, zuletzt in Intervallen von etwa vier Stunden und einmal noch vor ihrem Zubettgehen. Ich wurde zum Sklaven dieser Klingelei. Wenn sie für längere Zeit ausblieb, zog ich rastlos umher und begann mich zu sorgen. Dann, ach, die Erleichterung, es klingelte, ein kurzer Glücksmoment und Ruhe für einen Augenblick.

Lisette erfand Klingelregeln. Klingelte sie einmal, war ihr Mann in der Nähe, klingelte sie zweimal, war die Luft rein, und ich konnte zurückklingeln. Welch ein Bild des Jammers muss ich gewesen sein in dieser Zeit. Freunde schüttelten den Kopf über mich, denn Lisettes Klingeln erwischte mich immer und überall. Sie sahen mich hochschnellen, das Handy in die Hand nehmen wie einen Fetisch und eilig die Tasten drücken und wussten, dass ich ernstlich krank war.

Schon kurz nachdem wir uns kennen gelernt hatten, bemerkte ich, dass etwas Seltsames in mir vorging. Ich hatte einen zehrenden wehen Schmerz in der linken Brust, der mal außen, mal weiter innen saß. Manchmal lauerte er leise, manchmal brach er heftig auf. Als die Zeit der Klingelzeichen begann, entdeckte ich, dass das heftige Aufwallen des Schmerzes häufig dem Klingeln voranging. Es wurde so deutlich, dass ich erschrak, wenn das Klingeln ohne Schmerzankündigung kam. Irgendwann erzählte ich es ihr, und sie sagte: „Ja, dann lass ich es bei dir suppen!“ Dieses Herzsuppen wurde so arg, dass ich mir Sorgen machte, ob es nicht organische Gründe hätte. Weiterlesen

Advertisements

„Wo bist du?“ Einiges über Fernkommunikation

Auf der Ecke unten hat mal eine Telefonzelle gestanden. Die Telecom hat sie abgebaut, obwohl sie rege genutzt wurde. Ihre Nutzer waren Zwecktelefonierer, denn eine Telefonzelle suchte man nur auf, wenn es sein musste, zumal es wohl Leute gab, die Telefonzellen sogar ausdrücklich aufgesucht haben, wenn sie mal mussten. Telefonzellen werden bald vergessen und mit ihren angeketteten Telefonbüchern nur noch Exponate im Technikmuseum sein. Smartphonebesitzer werden staunen, dass es mal solche Häuschen gab, in die man sich schamhaft zurückzog, um ein Privatgespräch zu führen.

Staunen wird man auch über eine Erscheinung jugendlicher Folklore, die mit der Telefonzelle verloren gegangen ist: Wir sehen den übermütigen Versuch, 18 Personen in eine Tefonzelle zu pressen, im Jahr 2007 auf dem Aachener Markt, hier von mir mehr schlecht als recht dokumentiert.

Kaum zu glauben, aber selbst gesehen: 18 Jugendliche in einer Telefonzelle, Aachen, August 2007 – Foto: JvdL


Zeitsprung in die Zeit der Smartphones: Einmal sah ich drei junge Männer nebeneinander gehen, und ein jeder hielt sein Mobilfunkgerät ans Ohr. Theoretisch sprachen sie also mit drei anderen Personen, die sich an unterschiedlichen Orten aufhielten. Es hätte aber auch sein können, dass die drei mit drei anderen redeten, die ebenfalls nebeneinander her gingen, und die drei könnten sogar sie selbst gewesen sein, in einer Konferenzschaltung miteinander verbunden. Ich habe das noch nicht ausprobiert, aber vermutlich ergäbe sich eine Dehnung der Gegenwart durch die Zerstörung der Synchronizität. A ruft B und C an und fragt, was als Telefonphrase erst mit dem Mobilfunk entstanden ist: „Wo bist du?!“ B antwortet: „Nieschlagstraße.“ C ergänzt: „Nieschlagstraße.“ A: „Ich auch.“ Und so weiter. Man kann sich so eine gehaltvolle Konferenzschaltung gar nicht ausdenken.

Kommunikationsmedien sind in erster Linie Gefühlsvermittler, und bedeutende Inhalte müssen ihnen abgerungen werden, sind aber trotzdem nur Mittel zum Zweck. Paul Watzlawick unterscheidet zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekt der Kommunikation. Diese Begrifflichkeit ist ebenso sinnverstellend wie die Unterscheidung Zwecktelefonierer und Lusttelefonierer. Letztendlich geht es bei menschlichem Sprachhandeln immer um Gefühle, um Lusterzeugung oder Frustvermeidung. Inhalte sind nur Hemd und Hose, mit denen wir unsere bloßen Gefühle bedecken. Fernkommunikation suggeriert Nähe, kann aber den unmittelbaren Kontakt zwischen Menschen nicht ersetzen.

Denn in seinem Kopf ist der Mensch allein, der einzige Bewohner eines ständig wachsenden Universums. In diesem Universum kann er sich verlieren und irrewerden an der Einsamkeit. Es gibt nur ein Gegenmittel, den regelmäßigen Kontakt mit vertrauten Köpfen. Die soziale Gruppe holt den Einzelnen aus seinem Universum zurück auf den gemeinsamen Teppich der physikalischen Realität und erdet ihn durch das Gemeinschaftserlebnis, den Austausch von Gefühlen, Wahrnehmungen und Erfahrungen. Dies geschieht im menschlichen Maß. Es reicht von der sexuellen Verschmelzung, dem Hautkontakt über die Armeslänge bis hin zur Ruf- und Sichtweite. Berührung, Gestik, Mimik und Lautsprache sind die natürlichen Austauschmittel. Die entsprechenden Sozialverbände sind das Paar, die Familie, die Gruppe, der Stamm oder die Dorfgemeinschaft.

Jedes Mittel der Fernkommunikation schwächt den Kontakt zum direkten Sozialverband und führt zur Individualisierung. Wer nur noch von Universum zu Universum funkt, ist sogar ständig vom Gefühl der Einsamkeit bedroht, denn Fernkommunikation ist beschränkt auf die vom Menschen abgelösten Zeichensysteme. In einer Welt, die von der Fernkommunikation bestimmt ist, sind auch die Sozialverbünde geschwächt, weil sie sich die Aufmerksamkeit teilen müssen mit Menschen, die an anderen Orten sind.

Drei junge Männer, die telefonierend nebeneinander ausschreiten, bieten ein surreales, aber trauriges Bild. Ein jeder ist seine eigene Telefonzelle und riecht nach Notdurft.

Husch! Husch! Vom Überschlag der Ereignisse

kategorie surrealer-Alltag„Die Ereignisse nach unserer Heimkehr überschlagen sich“, stand in einem Manuskript für ein Jahrbuch, das ich zusammen mit einem Kollegen herausgeben wollte. „Die Ereignisse überschlagen sich“, das kam uns vor wie ein alberner Fanfarenstoß, der den dösenden Leser aufrütteln soll, damit er weiß: Ab jetzt muss ich mit der ganzen Aufmerksamkeit lesen, die ich aufbringen kann. Die Ereignisse werden eventuell nicht mehr warten, bis sie an der Reihe sind, sondern ungestüm heranstürzen, so dass man fürchten muss, das dritte Ereignis wollte das zweite oder sogar das erste überholen und große Verwirrung stiften.

Das Jahrbuch erschien im Jahr 1994. Gemessen am heutigen Leben waren die frühen 1990-er Jahre eine beschauliche Zeit, denn die wechselseitige Fernkommunikation lief noch über Festnetz-Telefon mit Schnur, Faxgerät oder Sackpost. Das gab allen gesellschaftlichen Vorgängen einen gemächlichen Takt und sicherte die korrekte Ereignisabfolge. Damals war auch nicht abzusehen, welche Dynamik das World Wide Web (WWW) entwickeln würde. Dann kamen Mobilfunk, SMS, E-Mail und Internetkommunikation, und aus war es mit der Gemütlichkeit. Innerhalb weniger Jahre nahm der Alltag ein bislang ungeahntes Tempo auf. Heute haben wir uns beinahe daran gewöhnt, dass die Ereignisse in immer dichterer Abfolge auf uns einstürmen und sich überschlagen, wie sie grad lustig sind.

vorzeitige Besorgung - Foto: JvdL

Vorzeitige Besorgung – Foto: JvdL

Seit einigen Jahren schon hechele ich dem Zeitlauf hinterher. Wenn ich gerade mit Müh und Not im Oktober angekommen bin, ruft man ringsum: „November ist da! Die Zeit wird umgestellt!“ Schon muss ich dem Teestübchen Tortendiagramm eine 11. Lage verpassen, im Supermarkt verkauft man Tannengestrüpp und Adventskalender, die Voreiligen schleppen die ersten Weihnachtsgeschenke nach Hause, obwohl grad erst das Herbstlaub fällt, und zack, stehst du mit einem Bein im Dezember. Da fällt es schwer, die innere Ruhe zu wahren, denn irgendwie muss man ja mithalten bei diesem irrwitzigen Hasenrennen. Die Gegenwart ist so eifrig bemüht, nicht erst morgen, sondern heute bereits Zukunft zu werden, dass man fürchten muss, unser verhuschtes Heute werde sich losreißen von der Vergangenheit, und zwischen Gegenwart und Vergangenheit würde sich ein Schwarzes Loch auftun.

Schon habe ich das Bild einer dahinrasenden Eisenbahn, so einen stolzen schwarz glänzenden Expresszug vor Augen, und indem sich unter seinem letzten Anhänger das Loch auftut, wird der Zug gebremst bis zum Stillstand, rollt zurück, und nacheinander stürzen die Waggons in den Orkus, die dampfende, fauchende Lok mit durchdrehenden Rädern zuletzt. Ein ängstlicher Pfiff noch, dann ist sie auch weg. Da wenigstens überschlagen sich die Ereignisse nicht. Bei mir geht selbst der Weltuntergang hübsch der Reihe nach. Das beruhigt.

Graffito von Klaus Paier - Foto: Trithemius Archiv

Graffito von Klaus Paier – Foto: Trithemius Archiv

Hallo? Hallo! Hier kommt Blabla aus der Zukunft

Für den 1. Juni war mir ein Techniker angekündigt. Dann klingelts bei mir, ich mache auf, und die Treppe herauf kommt eine junge Frau, mit kurzer schwarzer Kargo-Hose, schwarzem T-Shirt, die nackten Beine und Arme über und über tätowiert, lange schwarze Haare bis fast auf den Hintern, aber an den Schläfen rasiert. Am Gürtel hatte sie eine Werkzeugtasche, in der Hand eine Schachtel mit Gerätschaften. Ich blieb trotzdem in der Tür stehen, nicht aus Trotz, weils am Telefon geheißen hat, es käme ein Techniker, sondern aus nichts als lauter Verwunderung. Sie stellte sich vor, ich verstehe irgendwie „Vodafone“ und sage: „Guten Tag, Frau Vodafone! Sie müssen meine Verwunderung entschuldigen, aber wenn einem ein Techniker angekündigt wird, erwartet man keine Technikerin. Ich hatte gedacht, da kommt ein müder Mittvierziger im grauen Kittel, der furchtbar sächselt, sobald er den Mund aufmacht. Niemals hingegen hätte ich eine wie Sie erwartet. Aber es ist mir lieber. Kommen Sie nur herein! Vor Ihnen schäme ich mich nicht, dass ich ein technischer Analphabet bin, wohingegen so ein Sachse im grauen Kittel angesichts meines Unwissens garantiert nur verächtlich geschnaubt hätte – in meinem eigenen Schlafzimmer, denn sehen Sie, dort in der Ecke beim Fenster ist die Kabeldose. Und wer lässt schon gerne zu, dass ein müder Sachse im grauen Kittel verächtlich in die Ecke des eigenen Schlafzimmers schnaubt?“

Sie ging vor meiner Kabeldose in die Knie und begann zu schrauben und zu prüfen. Ich habe ihr einen Kaffee angeboten, aber sie lehnte dankend ab. Nachdem sie die Kabeldose ans Glasfaser-Kabelnetz angeschlossen hatte, eine Kabelbox aufgestellt hatte, quasi eine Anfahrt zur Datenautobahn, gab ich ihr fünf Euro Trinkgeld, denn dass ich mit ihrer Hilfe einen technologischen Quantensprung in die Zukunft machen durfte, ist ja reine Science-Fiction.

Einfach die Zukunft verlegt - Foto: Trithemius

Einfach die Zukunft verlegt – Foto: Trithemius

Im Sommer 2011 hatte nämlich die Telekom in meiner Straße die Zukunft verlegt. Aber wohin? Man könnte denken „verlegt ist verlegt“, aber die Technikerin hat sie in unserem Keller gefunden. Sie hat da ziemlich lange suchen müssen wie ich, wenn ich meine Brille verlegt habe. Und jetzt? In dieser unterirdischen Zukunft ist die Fernkommunikation eine einzige Raserei. Mein Blabla saust jetzt atemberaubend schnell um die Welt. Ich sende es an die Kabelbox in meinem Schlafzimmer, die schickt es in meinen Keller und dort fädelt es sich in die Datenautobahn. Da gibt es noch viel mehr Blabla, Aufregung, Hektik, Stress, wie es halt zugeht auf Autobahnen.

Viele wie auch meine Technikerin verdienen ihr täglich Brot mit enorm beschleunigtem Blabla. Sie wissen nicht einmal, dass es auch ein Leben ohne Fernkommunikation gibt, denn sie sind von klein auf darauf gedrillt, Blabla zu konsumieren und zu erzeugen. Wer aber von der Arbeitswelt nicht gebraucht wird, kann trotzdem ans Blabla ran, kann im Internet in Echtzeit gegen schier übermächtige Endgegner kämpfen, kann mitteilen, was er gerade isst, kann ein Tutorial ins Netz stellen und zeigen, wie man sich am besten die Fußnägel lackiert, oder andere wichtige Sachen machen, die ihm die Illusion der gesellschaftlichen Teilhabe geben.

Vielleicht werden in ferner Zukunft sich welche über die Glasfaserkabel hermachen, sie freibuddeln und zerhacken, weil sie ihrer Sogkraft entkommen wollen und den Freiheit verheißenden Strand suchen. Vielleicht wird die ferne Zukunft aber ganz wunderbar toll werden. Doch das kann ich mir grad nicht ausmalen. Die Zukunft ist leider unterirdisch. Aber oberirdisch und beinahe noch gegenwärtig scheint heute ganz prächtig die Sonne.

Schönes Wochenende!

Der passende Musiktipp lässt sich leider nicht einbetten, aber den Link anzuklicken lohnt sich wirklich:

Admiral Freebee – Too Much Of Everything

Über das Denken am Herdfeuer

Hier sitze ich gern. Doch in der Dunkelheit habe ich es noch nie getan. Und Mondlicht gibt es kaum, der Mond ist nur eine dünne Sichel. Die hohen Bäume hier, die meisten sind Buchen, wie du vielleicht im Dunkeln ahnst. Ein Herrscher hat sie pflanzen lassen. Vorher war der Berg kahl. Man hat nichts gewusst, damit anzufangen, bis der Fürst kam und einen Park hinpflanzen ließ. Die Alten haben hier nach Flint gegraben, du weißt schon Feuerstein. Sie schlugen scharf Splitter davon ab für Messer und Pfeilspitzen. Zu ihrer Zeit oder später hat es vermutlich überall Wald gegeben. Die kleinen Rodungen, die es gab, lagen weit verstreut.

Selten bekamst du einen Menschen von einer anderen Rodung zu Gesicht. Sie waren dir fremd, hatten ihre eigene Geschichte und hatten ihre eigenen Gesetze. Doch bei solchen Begegnungen mit Fremden habt ihr über deren Kleidung und Haartracht gestaunt, mehr noch über deren Waffen. War die Begegnung nur kurz, war sie bald schon vergessen. Sonst dachtet ihr wenig nach. Warum auch? Alles war doch selbstverständlich seit Menschengedenken schon so gewesen.
Weiterlesen